Ein paar Kratzer abbekommen
Serie Situation
Kunst: Kopf einer Königin aus Nigeria
Das im September 2006 eröffnete Erweiterungsgebäude
von Situation Kunst beherbergt nicht nur bedeutende
Werke der Gegenwartskunst. Präsentiert werden auch
Objekte aus dem Gebiet des heutigen Nigeria. Die in
atmosphärischer Beleuchtung präsentierten
Plastiken geben exemplarisch einen Eindruck von der
künstlerischen Vielfalt Westafrikas in den vergangenen
2.500 Jahren. RUBENS stellt diesmal den Kopf einer Königin
aus Nigeria vor.
Drei der hier versammelten Werke stammen aus der Ife-Kultur,
die nach der Stadt Ile-Ife benannt ist. Gegründet
wurde die Stadt dem Mythos nach von 16 Untergöttern,
die der Schöpfergott Olúdumàrè
sandte, um eine Welt zu schaffen und Leben zu stiften.
Zunächst schickte Olúdumàrè
seinen Sohn Obàtálá. Nachdem dieser
sich aber mit Palmwein betrank, nahm sein Bruder Odùduwà
die Schöpfungsinstrumente in die Hand und schuf
trockene Erde. Ein mitgebrachter Hahn zerkratzte sie
und weitete dadurch das Land aus. Rudimente des Mythos
erscheinen im Namen Ile-Ife wieder, denn Ile wird mit
„Haus/Ort“ übersetzt und Ife mit „Zerkratzen“.
Das Zerkratzen der Haut spielt in den Ritualen und Traditionen
der Ife-Kultur und in anderen Kulturen der Region Westafrika
bis heute eine große Rolle. Schmucknarben (Skarifizierungen)
symbolisieren beispielsweise die kulturelle Zuordnung
oder die Initiation zum heiratsfähigen Alter. So
zeigen auch viele der Plastiken, die die Träger
der Ife-Kultur bereits im 14. Jahrhundert fertigten,
solche ornamentalen Ritzlinien.
Ausschließlich Unikate
Auch das Gesicht der Ife-Königin aus Situation
Kunst ist mit symmetrischen, vertikal verlaufenden,
fein geritzten Linien überzogen. Die imposante
Kopfbedeckung ist aus fünf aufeinander sitzenden
Ringen mit einem geflochtenen Mittelstück gefertigt.
Ein ornamentiertes Band bildet auf der Stirn den Untergrund
für den aufwendig hergestellten Kopfschmuck. Die
Verzierungen in Form von vertikalen Linien über
den Gesichtern und horizontalen Ringen um den Hals erscheinen
bei Plastiken der Ife-Kultur ähnlich, ja nahezu
normiert. Im Gegensatz dazu stehen die individuellen
Gesichtszüge, die den Figuren einen einmaligen
Ausdruck verleihen, so dass man davon ausgehen kann,
dass es sich hier um Darstellungen realer Menschen handelt.
Die hier besprochene Kopf-Plastik besteht aus einer
Legierung des Buntmetalls Kupfer mit Zink, Zinn und
Blei, die als Messing eingestuft werden kann. Die Herstellungstechnik
– das sog. Wachsausschmelzverfahren – erfordert
handwerkliches Geschick und vor allem ein fundiertes
Wissen über die Beschaffenheit von Materialien.
Mit dem Verfahren lassen sich nur Unikate herstellen,
denn die Gussformen müssen zerstört werden,
um die Figuren von ihnen zu lösen. Ein Großteil
der Kunst der Ife-Kultur stammt vermutlich aus Werkstätten,
die für den königlichen Hof gearbeitet haben.
Die individuellen Züge der einzelnen Figuren lassen
es naheliegend erscheinen, sie mit den Herrschern, Würdenträgern
oder deren Angehörigen zu identifizieren.
Spiegelbild der Gesellschaft
Entscheidend für die Identifikation als Herrscher
ist auch die Kopfbedeckung. Die Königin in Situation
Kunst ist in dieser Hinsicht auffällig. Sie ist
die einzige der hier gezeigten Ife-Figuren, die tatsächlich
eine solche „Krone“ trägt, was nicht
zuletzt der Grund für die Bezeichnung „Königin“
ist. Andere Kopf-Plastiken aus der Ife-Kultur haben
z. B. Löcher entlang des Haaransatzes, die die
Möglichkeit bieten, bei einer vermuteten rituellen
Verwendung einen Kopfschmuck aufzusetzen. Häufig
finden sich auch Löcher am Hals, die es wahrscheinlich
ermöglichten, den Kopf auf einem Körper aus
Holz zu befestigen, so dass dieser Teil einer Ganzkörperfigur
war.
Die Voraussetzung für die Ausbildung einer Kunstfertigkeit,
wie wir sie bei dem hier beschriebenem Kopf sehen, bildet
eine organisierte, hierarchische Gesellschaft, die für
das 10. bis 15. Jahrhundert in Nigeria allerdings nicht
durch schriftliche Quellen, sondern lediglich durch
überlieferte Objekte belegt werden kann. Deren
Authentizität lässt sich neben stilistischen
Zuschreibungen z. B. auch mit modernen naturwissenschaftlichen
Verfahren wie Thermolumineszenz oder metallurgischen
Analysen nachweisen.
Info: Situation Kunst im Schlosspark
Weitmar, Nevelstraße 29 c-d, Bochum, geöffnet
Mi+Fr 14-18 h, Sa+So 12-18 h, zurzeit läuft dort
die Ausstellungsreihe „Positionen moderner Fotografie“,
in der bis August nacheinander Exponate vier bedeutender
Fotografen gezeigt werden; http://www.situation-kunst.de
Agnes
Kwoka-Sprenger
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