Insel mit Wassermangel
Die Geografin
Helene Püllen untersuchte den Wasserverbrauch von
Touristen auf Mallorca
Zwei Monate verbrachte die Geografin Helene Püllen
auf Mallorca – nicht um Urlaub zu machen, sondern
um Urlaubern nachzuforschen: In ihrer Masterarbeit beantwortete
sie die Frage, wie viel Wasser ein Tourist verbraucht.
Sie stellte dabei fest: Je hochwertiger der Tourismus,
desto mehr Wasser wird verbraucht, und Wasser ist auch
auf der Insel Mallorca ein knappes Gut.
So knapp, dass schon Meerwasserentsalzungsanlagen im Einsatz
sind, um die Lage zu entschärfen. Denn durch die
übermäßige Entnahme von Trinkwasser aus
den natürlichen Süßwasserreservoirs ist
sogar schon Salzwasser eingedrungen und hat die küstennahen
Reservoirs verdorben. Da die Entsalzungsanlagen aber jede
Menge Energie verschlingen, sind auch sie nicht die Lösung
des Problems, das Helene Püllen erstmals genau bezifferte.
Per Rad über die Insel
Bei ihrem ersten Mallorca-Aufenthalt – 2007 im
Rahmen eines Projektseminars unter der Leitung von Prof.
Thomas Schmitt und Dr. Angela Hof (Landschaftsökologie/Biogeographie)
– ging es schon um Umweltaspekte des Tourismus
auf Mallorca (s. RUBIN Geowissenschaften, April 2007).
Dass sie an der Uni Spanisch gelernt hatte, kam nicht
nur ihrer Projektgruppe für Datenrecherchen zum
Wasserverbrauch zugute. Es erwies sich zudem als unentbehrlich
für den Zugang zu Entscheidungsträgern der
kommunalen und privatwirtschaftlichen Wasserversorger
auf der Baleareninsel. Helene Püllen entschied
sich, das Thema für ihre (mittlerweile abgeschlossene)
Masterarbeit auszubauen und wurde für den zweimonatigen
Auslandsaufenthalt durch ein DAAD-Stipendium gefördert.
„Die guten Kontakte von Prof. Schmitt zur Uni
in Palma haben mir dann sehr geholfen, an die Informationen
zu kommen, die ich brauchte”, sagt sie. Per Fahrrad
besuchte sie verschiedene Behörden, um Bevölkerungs-
und Bettenzahlen sowie die Auslastung der Hotels zu
recherchieren. Sie radelte auch zu den beiden regionalen
Wasserversorgern im Untersuchungsgebiet, um Wasserverbrauchsdaten
zu erfragen. „Selbst vorbeizugehen kam mir günstiger
vor als anzurufen”, meint sie. „Wenn man
für die Leute ein Gesicht hat, können sie
schlechter nein sagen.” Denn die Wasserversorger
waren nicht gerade erpicht darauf, ihre internen Daten
herauszurücken. Manchmal machte Helene Püllen
auch mehrere Besuche, bis man endlich Zeit für
sie hatte. Doch schließlich bekam sie das Gewünschte:
Daten über den Wasserverbrauch einzelner Viertel
und Straßen, für einige Stadtteile sogar
einzelner Grundstücke.
Zwei Liter verdunsten
„In der Gemeinde Calvià, die ich untersucht
habe, gibt es neben Vierteln mit durchschnittlichen
Hotels auch superluxuriöse residenzialtouristisch,
also als Zweitwohnsitz genutzte Wohngebiete”,
erzählt sie. „Da hat jedes Haus einen großen
Garten und einen eigenen Pool. Obwohl die Besitzer sie
zum Teil nur wenige Wochen im Jahr nutzen, werden sie
das ganze Jahr über bewirtschaftet.” Die
stete Bewässerung der Gärten benötigt
jede Menge Wasser, und auch aus den Pools verdunstet
viel. „Pro Quadratmeter Wasseroberfläche
verdunsten zwei Liter Wasser am Tag”, hat sie
recherchiert. Eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass
ein Pool mindestens 20 Quadratmeter groß ist.
Um die gesamte Fläche der Pools und Gärten
zu ermitteln, griff Helene Püllen auf Luftbilder
zurück, die sie digitalisierte, um Flächenbilanzen
erstellen zu können. Diese Informationen sammelte
sie in einer Datenbank, aus der sie dann die statistischen
Auswertungen machen konnte – ein langwieriger
Prozess. Ein Gärtner steuerte seine Erfahrungswerte
in punkto Bewässerung bei. „Das Problem ist,
dass jeder einen üppigen, tropischen Garten haben
will, der auf Mallorca nicht von selber wächst.
Die natürliche Vegetation ist eher karg. Grünen
Rasen gibt es eigentlich gar nicht.”
Die gesammelten Daten mussten dann zueinander in Beziehung
gesetzt und ausgewertet werden. Ihre zentrale Frage:
Wie viel Wasser verbraucht ein durchschnittlicher Massentourist,
wie viel ein durchschnittlicher Qualitätstourist
am Tag? Erschreckende Ergebnisse kamen ans Licht: Während
ein Massentourist täglich zwischen 200 und 280
Litern Wasser benötigt, verbraucht ein Qualitätstourist
in Spitzenzeiten pro Tag bis zu 1.600 Liter (nach Abzug
von Garten- und Poolpflege), im Durchschnitt etwa 600
Liter. Zum Vergleich: Eine übliche Badewanne fasst
etwa 200 Liter. „Es macht eben schon einen Unterschied,
ob sich 300 Leute einen Garten und einen Pool teilen
oder nur drei”, meint Helene Püllen.
Die extremen Schwankungen bei den Qualitätstouristen
und die unglaublich hohen Verbräuche zu Spitzenzeiten
kann sie noch nicht endgültig erklären. „In
den qualitätstouristischen Gebieten muss ein bestimmter
Luxusfaktor vorhanden sein, der alle Werte hochtreibt.
Außerdem ist die Bewässerungsmenge pro Quadratmeter
in einem qualitätstouristischen Gebiet vermutlich
höher als in einem massentouristischen.”
Aus diesen Erkenntnissen lassen sich weitere Forschungsfragen
ableiten, die z.B. durch Befragungen von Residenzialtouristen
beantwortet werden können.
In der Zwickmühle
Fest steht, dass Mallorca in Sachen Wasser schon lange
über seine Verhältnisse lebt. Um vom Billig-Image
wegzukommen, wird seit einigen Jahrzehnten auf Qualitätstourismus
gesetzt, der Golftourismus, Nautischen Tourismus für
Segler, Finca Tourismus und Residenzialtourismus umfasst.
Nicht nur der Wasserverbrauch macht den Qualitätstourismus
zum Problem. Er verdrängt auch die natürliche
Landschaft und verändert durch den Bau weit ins
Meer hinausreichender Molen die Strömungen. Unter
Umweltgesichtspunkten gewinnt daher klar der Massentourismus.
Mallorca befindet sich in einer Zwickmühle: 80
Prozent des Bruttoinlandsprodukts stammen aus dem Tourismus.
Der Qualitätstourismus ist wichtig fürs Image.
Auch wenn er nur einen sehr geringen Anteil an der Wirtschaftsleistung
des Tourismus hat, bringt er doch Prestige. Auf Dauer
schadet er der Insel aber mehr, als er ihr nützt.
Urlauber sollten sich zweimal überlegen, was sie
buchen. Helene Püllen hat sich aus Neugier den
Ballermann mal angeschaut: „So schrecklich hässlich
wie man immer hört, ist es da eigentlich auch nicht!”
md
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