Kälte killt das Ei
Beim Wettbewerb „lehrreich” prämiert:
SOWAS – selbstorganisierte physikalische Praktika
Angenommen, ein Ei möchte einen Bungee-Sprung
aus dem zweiten Stock machen. Da wäre es natürlich
daran interessiert, den ganzen Spaß zu haben –
also möglichst lange und tief zu fallen, aber nicht
so tief, dass es sich den Kopf einschlägt... Wie
lang muss also das Gummiseil sein? Kann ja eigentlich
nicht so schwierig sein, möchte man meinen. Weil
man aber nicht einfach ausprobieren darf, stellt sie
sich doch als ganz schön knifflig heraus, diese
Aufgabe aus dem SOWAS-Praktikum.
„Da muss man sich nämlich erst mal fragen:
Was muss ich tun, um der Natur die notwendigen Informationen
zu entlocken?”, bringt Dr. Dirk Meyer eines der
Charakteristika des von ihm mitentwickelten und betreuten
Praktikums „Selbstorganisiertes wissenschaftliches
Arbeiten im Studium” (SOWAS) auf den Punkt. Anders
als in Standardpraktika der Physik bekommt man hier
nicht jeden Arbeitsschritt diktiert und muss Ergebnisse
„nur” reproduzieren. „Auch das ist
natürlich fürs Studium unverzichtbar, weil
man dadurch die Grundkenntnisse erwirbt”, meint
Meyer, „aber wenn man eigene Ideen entwickeln
muss, lernt man ganz anders.”
Eigentlich müsste es heißen: Wenn man eigene
Ideen entwickeln darf. Denn bei SOWAS sind mitunter
nicht mal die Fragen vorgegeben; Studierende können
selbst mit angewandten physikalischen Problemen zu Dirk
Meyer kommen, die sie im Praktikum lösen wollen.
Der Experte prüft dann, ob sich das Projekt mit
den vorhandenen Mitteln und in überschaubarer Zeit
umsetzen lässt. „Da kommt man als Betreuer
auch schon mal ins Grübeln und muss nachschlagen”,
gibt er zu, „man lernt also durchaus auch selbst
dazu.”
Neuer Schwung durch Studienbeiträge
Gemeinsam mit Michaela Horstendahl hat Dirk Meyer das
SOWAS-Konzept schon 2002 entwickelt. So richtig Fahrt
aufgenommen hat es mit Einführung der Studienbeiträge.
Erst dadurch waren die Anschaffungen möglich, die
es brauchte, um Studierenden das selbstorganisierte
Arbeiten zu ermöglichen. Inzwischen ist der Gerätepark
des Praktikums beachtlich. Vom Bohrständer über
verschiedenste Messgeräte und Computer bis hin
zu diversen Chemikalien steht alles parat. Nach einer
Sicherheitseinweisung können Studierende die Geräte
frei nutzen. Bei Fragen stehen ihnen die Praktikumsbetreuer,
ein Technischer Mitarbeiter und eine studentische Hilfskraft,
zur Seite. Auch Anschaffungen für einzelne Projekte
sind möglich. So hat sich eine Praktikumsgruppe
– für gewöhnlich arbeiten drei bis vier
Studierende zusammen – vorgenommen, den Wirkungsgrad
eines Sonnenkollektors zu untersuchen. Die Solarzelle
wurde eigens beschafft. „Man hätte sie auch
selbst bauen können”, meint Dirk Meyer, „aber
da wäre man unendlich lange beschäftigt gewesen.”
Die drei haben ihr Projekt bis ins Detail allein geplant
und aufgebaut. „Auf die Ergebnisse bin ich selbst
gespannt”, sagt der Betreuer mit Blick auf die
Konstruktion im Praktikumsraum.
In Sachen Bungee-begeistertes Ei übrigens wurde
das Projekt größer als angenommen. Eine Gruppe
hatte sich derartig in die Frage verliebt, dass sie
komplizierteste Berechnungen im Computer anstellte,
um auch noch die letzte Randbedingung in ihre Längenberechnung
für das Gummiseil einzubeziehen. Dass das Ei am
Ende doch verunglückte, lag daran, dass ein wesentlicher
Faktor versehentlich außen vor geblieben war:
die Temperatur. Das Gummi verhielt sich in der Kälte
draußen auf der Balustrade im zweiten Stock anders
als im behaglich beheizten Experimentierstübchen.
Das passiert bestimmt kein zweites Mal – wieder
etwas gelernt. Den zweiten Sprung absolvierte das (neue)
Ei dann auch unfallfrei. „Wie groß der Umfang
eines SOWAS-Projekts wird, kann man vorher manchmal
nicht so recht sagen”, berichtet Meyer aus Erfahrung.
Je nachdem wie umfänglich es gerät, können
Studierende zwischen zwei und vier Credit Points damit
verdienen.
Noch freiwillig
Die Teilnahme an SOWAS ist zurzeit freiwillig. Allerdings
würden sich die Organisatoren Dirk Meyer und Dr.
Ivonne Möller wünschen, dass irgendwann jeder
Physikstudierende in den Genuss solcher Praktika kommt.
„Nichts bereitet einen besser auf die Promotion
vor”, sagt Meyer. „Da kommt es auch darauf
an, eigene Fragen und Herangehensweisen zu entwickeln.
Das wird in Standardpraktika nicht vermittelt.”
Auch eine Präsentation der Ergebnisse vor der gesamten
Praktikumsgruppe steht auf dem Plan – ebenfalls
eine wichtige Lektion für die Arbeit in der Wissenschaft,
aber auch in der Wirtschaft.
Die Resonanz der Studierenden ist jedenfalls prima.
Die meisten meinen: „Das ist der Weg richtig zu
lernen”. Der Ansicht sind auch Marianne Langener,
Isa Brenzinger und Hendrik Vondracek vom Solarzellenteam.
„Ich würde es jederzeit wieder machen”,
sagt Isa Brenzinger. Im Sommersemester, wenn die Stundenpläne
nicht ganz so voll sind, hoffen Möller und Meyer
ohnehin auf noch mehr Teilnehmer/innen. Nachdem das
SOWAS-Konzept im Wettbewerb „lehrreich”
als Gewinner auserkoren wurde, wird es das Format demnächst
auch im Fortgeschrittenenpraktikum geben – noch
ein Stückchen näher an einer möglichen
wissenschaftlichen Laufbahn.
Infos: http://physik.rub.de/praktikum/physik/sowas.html
„lehrreich”
Der Wettbewerb „lehrreich” wurde vom Rektorat
ausgeschrieben, um innovative Lehrideen zu fördern.
400.000 Euro standen bereit, über 70 Skizzen gingen
ein. Die Jury, besetzt mit Studierenden und Lehrenden,
wählte schließlich acht Projekte aus. Neben
SOWAS wurden folgende Projekte ausgezeichnet, die im
Sommersemester 09 oder im Wintersemester 09/10 starten:
Jishu zemi – das freie Seminar:
Am japanischen Vorbild orientiert sich das Jishu zemi
(freies Seminar). Studierende, Mitarbeiter und Professoren
der Ostasienwissenschaften finden sich freiwillig darin
zusammen, vereinbaren ein übergreifendes Thema
und bearbeiten es dann eigenständig in kleinen
Arbeitsgruppen. Die Ergebnisse sollen in einer Onlinezeitschrift
oder einer kleinen Publikation festgehalten werden.
Lerntandems führen Umweltstudie durch:
Über zwei Semester bearbeiten Lerntandems aus unterschiedlichen
Kursen und Semestern der Geographie eine wirklichkeitsnahe
Aufgabe: Ein Herner Planungsbüro erhält den
Auftrag, für ein Straßenvorhaben eine Umweltverträglichkeitsstudie
zu übernehmen. Das Planungsbüro beauftragt
ein Experten-Unternehmen – die Studierenden.
„Das schwierige Gespräch” mit
dem Patienten: Schwierige Gespräche sind
für Ärzte häufig und belastend, viele
Ärzte fühlen sich unzureichend darauf vorbereitet.
Daher bietet die Medizinische Fakultät das Modul
„Das schwierige Gespräch” an: Durch
die Übung an Simulationspatienten erwerben die
Studierenden ethische und kommunikative Kompetenzen
zur Bewältigung schwieriger Gesprächssituationen.
Neue Räume entdecken: Raum und Zeit:
Natur- und Geisteswissenschaftler bearbeiten gemeinsam
ein Thema, im ersten Semester „Raum und Zeit”.
Einigen Impulsvorlesungen folgt ein Projektseminar,
in dem die Studierenden Teilprojekte eigenständig
bearbeiten und ihre Ergebnisse später dem Plenum
vorstellen – nicht nur als Referat, sondern auch
in Form von Aufführungen, Computersimulationen
oder Laborführungen. Die Ergebnisse sollen als
Video-Reportage veröffentlicht werden.
Ausstellung „Die Popularisierung von Eugenik
und Rassenhygiene, 1920-1950”: Das Projekt
vermittelt Grundfertigkeiten in Ausstellungsplanung,
-produktion und -durchführung. Darüber hinaus
erwerben die Studierenden themenbezogene Sach- und Methodenkompetenzen
über Prozesse und Medien der Wissenspopularisierung
und Gesundheitsaufklärung. Ausstellungsstart soll
im Oktober 2009 im Malakowturm sein.
Schreibgruppen für Studierende, deren Muttersprache
nicht Deutsch ist: Studierende, deren Muttersprache
nicht Deutsch ist, haben häufig besondere Schwierigkeiten
beim Verfassen von Studienarbeiten. Das Schreibzentrum
der RUB plant daher die Einrichtung von Schreibgruppen
für Studierende aus unterschiedlichen Ländern
und Fächern, die sich langfristig gegenseitig bei
ihren Schreibprojekten und in ihrer Schreibentwicklung
unterstützen.
Mädchen im naturwissenschaftlichen Unterricht:
Das Modul soll Lehramts-Studierende für Probleme
geschlechtsspezifischer Diskriminierung sensibilisieren
und Möglichkeiten aufzeigen, wie man Mädchen
in der Schule für natur- und ingenieurwissenschaftliche
Fächer interessieren kann.
md
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