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RUBENS 132

1. April 2009

Kälte killt das Ei


Beim Wettbewerb „lehrreich” prämiert: SOWAS – selbstorganisierte physikalische Praktika

Angenommen, ein Ei möchte einen Bungee-Sprung aus dem zweiten Stock machen. Da wäre es natürlich daran interessiert, den ganzen Spaß zu haben – also möglichst lange und tief zu fallen, aber nicht so tief, dass es sich den Kopf einschlägt... Wie lang muss also das Gummiseil sein? Kann ja eigentlich nicht so schwierig sein, möchte man meinen. Weil man aber nicht einfach ausprobieren darf, stellt sie sich doch als ganz schön knifflig heraus, diese Aufgabe aus dem SOWAS-Praktikum.

„Da muss man sich nämlich erst mal fragen: Was muss ich tun, um der Natur die notwendigen Informationen zu entlocken?”, bringt Dr. Dirk Meyer eines der Charakteristika des von ihm mitentwickelten und betreuten Praktikums „Selbstorganisiertes wissenschaftliches Arbeiten im Studium” (SOWAS) auf den Punkt. Anders als in Standardpraktika der Physik bekommt man hier nicht jeden Arbeitsschritt diktiert und muss Ergebnisse „nur” reproduzieren. „Auch das ist natürlich fürs Studium unverzichtbar, weil man dadurch die Grundkenntnisse erwirbt”, meint Meyer, „aber wenn man eigene Ideen entwickeln muss, lernt man ganz anders.”
Eigentlich müsste es heißen: Wenn man eigene Ideen entwickeln darf. Denn bei SOWAS sind mitunter nicht mal die Fragen vorgegeben; Studierende können selbst mit angewandten physikalischen Problemen zu Dirk Meyer kommen, die sie im Praktikum lösen wollen. Der Experte prüft dann, ob sich das Projekt mit den vorhandenen Mitteln und in überschaubarer Zeit umsetzen lässt. „Da kommt man als Betreuer auch schon mal ins Grübeln und muss nachschlagen”, gibt er zu, „man lernt also durchaus auch selbst dazu.”

Neuer Schwung durch Studienbeiträge

Gemeinsam mit Michaela Horstendahl hat Dirk Meyer das SOWAS-Konzept schon 2002 entwickelt. So richtig Fahrt aufgenommen hat es mit Einführung der Studienbeiträge. Erst dadurch waren die Anschaffungen möglich, die es brauchte, um Studierenden das selbstorganisierte Arbeiten zu ermöglichen. Inzwischen ist der Gerätepark des Praktikums beachtlich. Vom Bohrständer über verschiedenste Messgeräte und Computer bis hin zu diversen Chemikalien steht alles parat. Nach einer Sicherheitseinweisung können Studierende die Geräte frei nutzen. Bei Fragen stehen ihnen die Praktikumsbetreuer, ein Technischer Mitarbeiter und eine studentische Hilfskraft, zur Seite. Auch Anschaffungen für einzelne Projekte sind möglich. So hat sich eine Praktikumsgruppe – für gewöhnlich arbeiten drei bis vier Studierende zusammen – vorgenommen, den Wirkungsgrad eines Sonnenkollektors zu untersuchen. Die Solarzelle wurde eigens beschafft. „Man hätte sie auch selbst bauen können”, meint Dirk Meyer, „aber da wäre man unendlich lange beschäftigt gewesen.” Die drei haben ihr Projekt bis ins Detail allein geplant und aufgebaut. „Auf die Ergebnisse bin ich selbst gespannt”, sagt der Betreuer mit Blick auf die Konstruktion im Praktikumsraum.
In Sachen Bungee-begeistertes Ei übrigens wurde das Projekt größer als angenommen. Eine Gruppe hatte sich derartig in die Frage verliebt, dass sie komplizierteste Berechnungen im Computer anstellte, um auch noch die letzte Randbedingung in ihre Längenberechnung für das Gummiseil einzubeziehen. Dass das Ei am Ende doch verunglückte, lag daran, dass ein wesentlicher Faktor versehentlich außen vor geblieben war: die Temperatur. Das Gummi verhielt sich in der Kälte draußen auf der Balustrade im zweiten Stock anders als im behaglich beheizten Experimentierstübchen. Das passiert bestimmt kein zweites Mal – wieder etwas gelernt. Den zweiten Sprung absolvierte das (neue) Ei dann auch unfallfrei. „Wie groß der Umfang eines SOWAS-Projekts wird, kann man vorher manchmal nicht so recht sagen”, berichtet Meyer aus Erfahrung. Je nachdem wie umfänglich es gerät, können Studierende zwischen zwei und vier Credit Points damit verdienen.

Noch freiwillig

Die Teilnahme an SOWAS ist zurzeit freiwillig. Allerdings würden sich die Organisatoren Dirk Meyer und Dr. Ivonne Möller wünschen, dass irgendwann jeder Physikstudierende in den Genuss solcher Praktika kommt. „Nichts bereitet einen besser auf die Promotion vor”, sagt Meyer. „Da kommt es auch darauf an, eigene Fragen und Herangehensweisen zu entwickeln. Das wird in Standardpraktika nicht vermittelt.” Auch eine Präsentation der Ergebnisse vor der gesamten Praktikumsgruppe steht auf dem Plan – ebenfalls eine wichtige Lektion für die Arbeit in der Wissenschaft, aber auch in der Wirtschaft.
Die Resonanz der Studierenden ist jedenfalls prima. Die meisten meinen: „Das ist der Weg richtig zu lernen”. Der Ansicht sind auch Marianne Langener, Isa Brenzinger und Hendrik Vondracek vom Solarzellenteam. „Ich würde es jederzeit wieder machen”, sagt Isa Brenzinger. Im Sommersemester, wenn die Stundenpläne nicht ganz so voll sind, hoffen Möller und Meyer ohnehin auf noch mehr Teilnehmer/innen. Nachdem das SOWAS-Konzept im Wettbewerb „lehrreich” als Gewinner auserkoren wurde, wird es das Format demnächst auch im Fortgeschrittenenpraktikum geben – noch ein Stückchen näher an einer möglichen wissenschaftlichen Laufbahn.

Infos: http://physik.rub.de/praktikum/physik/sowas.html

„lehrreich”
Der Wettbewerb „lehrreich” wurde vom Rektorat ausgeschrieben, um innovative Lehrideen zu fördern. 400.000 Euro standen bereit, über 70 Skizzen gingen ein. Die Jury, besetzt mit Studierenden und Lehrenden, wählte schließlich acht Projekte aus. Neben SOWAS wurden folgende Projekte ausgezeichnet, die im Sommersemester 09 oder im Wintersemester 09/10 starten:

Jishu zemi – das freie Seminar: Am japanischen Vorbild orientiert sich das Jishu zemi (freies Seminar). Studierende, Mitarbeiter und Professoren der Ostasienwissenschaften finden sich freiwillig darin zusammen, vereinbaren ein übergreifendes Thema und bearbeiten es dann eigenständig in kleinen Arbeitsgruppen. Die Ergebnisse sollen in einer Onlinezeitschrift oder einer kleinen Publikation festgehalten werden.

Lerntandems führen Umweltstudie durch: Über zwei Semester bearbeiten Lerntandems aus unterschiedlichen Kursen und Semestern der Geographie eine wirklichkeitsnahe Aufgabe: Ein Herner Planungsbüro erhält den Auftrag, für ein Straßenvorhaben eine Umweltverträglichkeitsstudie zu übernehmen. Das Planungsbüro beauftragt ein Experten-Unternehmen – die Studierenden.

„Das schwierige Gespräch” mit dem Patienten: Schwierige Gespräche sind für Ärzte häufig und belastend, viele Ärzte fühlen sich unzureichend darauf vorbereitet. Daher bietet die Medizinische Fakultät das Modul „Das schwierige Gespräch” an: Durch die Übung an Simulationspatienten erwerben die Studierenden ethische und kommunikative Kompetenzen zur Bewältigung schwieriger Gesprächssituationen.

Neue Räume entdecken: Raum und Zeit: Natur- und Geisteswissenschaftler bearbeiten gemeinsam ein Thema, im ersten Semester „Raum und Zeit”. Einigen Impulsvorlesungen folgt ein Projektseminar, in dem die Studierenden Teilprojekte eigenständig bearbeiten und ihre Ergebnisse später dem Plenum vorstellen – nicht nur als Referat, sondern auch in Form von Aufführungen, Computersimulationen oder Laborführungen. Die Ergebnisse sollen als Video-Reportage veröffentlicht werden.

Ausstellung „Die Popularisierung von Eugenik und Rassenhygiene, 1920-1950”: Das Projekt vermittelt Grundfertigkeiten in Ausstellungsplanung, -produktion und -durchführung. Darüber hinaus erwerben die Studierenden themenbezogene Sach- und Methodenkompetenzen über Prozesse und Medien der Wissenspopularisierung und Gesundheitsaufklärung. Ausstellungsstart soll im Oktober 2009 im Malakowturm sein.

Schreibgruppen für Studierende, deren Muttersprache nicht Deutsch ist: Studierende, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, haben häufig besondere Schwierigkeiten beim Verfassen von Studienarbeiten. Das Schreibzentrum der RUB plant daher die Einrichtung von Schreibgruppen für Studierende aus unterschiedlichen Ländern und Fächern, die sich langfristig gegenseitig bei ihren Schreibprojekten und in ihrer Schreibentwicklung unterstützen.

Mädchen im naturwissenschaftlichen Unterricht: Das Modul soll Lehramts-Studierende für Probleme geschlechtsspezifischer Diskriminierung sensibilisieren und Möglichkeiten aufzeigen, wie man Mädchen in der Schule für natur- und ingenieurwissenschaftliche Fächer interessieren kann.

md
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