Der Kern der Kunst
Serie Campus & Kunst
Mit der Kunst am Bau ist das so eine Sache. Manchmal
verursacht sie einen Skandal, manchmal nur Desinteresse.
Das gilt zum Teil auch für die Kunst an der RUB.
Diese Serie will zeigen, dass die Werke auf dem Campus
einen fantastischen Querschnitt durch die Kunst der
60er- und 70er-Jahre bieten. Diesmal widmen wir uns
der Kunst an den Kernbereichen in der N-Reihe.
Dass die Kunst am Bau an der RUB als integraler Bestandteil
der vorhandenen Architektur verstanden werden soll,
wird an den Versorgungskernen der N-Gebäude besonders
deutlich. Dabei handelt es sich um die beiden Schächte,
die auf der Dachebene herausragen. In ihnen verlaufen
alle notwendigen Versorgungsleitungen (Strom, Wasser,
Heizung...). Als konstruktives Element sind sie nicht
nur auf den Dächern erkennbar, sondern treten auch
in den Eingangsbereichen der vier naturwissenschaftlichen
Gebäude außen sichtbar hervor. Genau dort
finden wir heute Kunst „am Bau” im wörtlichen
Sinne.
Erste Entwürfe
Im Oktober 1970 hatte die Gutachterkommission für
die künstlerische Gestaltung der Ruhr-Universität
gemeinsam mit dem Staatshochbauamt beschlossen, für
die Gestaltung der Kernbereiche an den N-Gebäuden
einen beschränkten Wettbewerb auszuschreiben. Für
die Teilnahme wurden nach eingehender Beratung acht
Künstler aufgefordert, Entwürfe einzureichen:
Josef Manders, Karl Gerstner, Friedrich Gräsel,
Hermann Göpfert, Franz R. Knubel, Günter Ücker,
Herbert Hajek und Günter Fruhtrunk. Jeder Künstler
sollte für seine Teilnahme eine Pauschalvergütung
von 3.000 DM erhalten.
Nachdem Hajek abgelehnt hatte, erläuterten die
anderen Künstler der Gutachterkommission anhand
von Skizzen und Modellen ihre Entwürfe. Mit Ausnahme
von Günter Ücker; dessen Entwurf wurde von
der Kommission abgelehnt, mit der Begründung, er
zeige „einen gewollten Maßstabverstoß”
und passe „nicht in den Rahmen der Architektur”.
Desweiteren wurden die Entwürfe Gerstners und Knubels
wegen einer möglichen Fehldeutung ihrer ideologischen
Aussage nicht zur Ausführung empfohlen. Lediglich
Manders hätte „mit wenig Mitteln […]
ein überraschendes, verblüffendes Ereignis
hervorgerufen.”
Der realisierte Entwurf befindet sich heute am Eingang
NA-Nord. An der Ostseite des Objektes ist ein 40 cm
breiter Spalt, in dem ursprünglich ein Tonbandgerät
mit Dauerlauffunktion ein rhythmisch-organisches Geräusch
produzieren sollte. Für Manders war es nach eigener
Aussage primär von Belang, dass der Betrachter
eine direkte Erklärung für die Form des Objektes
sucht. Er solle erst seine audiovisuellen Eindrücke
frei auf sich wirken lassen und dann eigene Assoziationen
suchen. Leider muss sich der Betrachter nun mit dem
rein visuellen Eindruck begnügen.
Zwei Nachzügler
Im Januar 1971 haben die Architekten gemeinsam mit
dem Staatshochbauamt beschlossen, neue Entwürfe
einzuholen. Dazu wurde eine Vorschlagsliste mit zehn
Künstlern aufgestellt, aus der die Gutachterkommission
im März 1972 Erwin Heerich und Adrian Dekkers mit
der Anfertigung von Entwürfen beauftragte, die
in der Sitzung vom 29. August 1972 endgültig angenommen
wurden.
Heerich entwarf für die Versorgungskerne drei Varianten
einer „metallischen Haut”, deren ebene Flächen
durch eingeformte Viertelzylinder unterbrochen werden.
Die Ausführung sollte in Edelstahlblechen erfolgen,
da deren sichtbare Fugenteilung die Gesamtflächen
gliedert und rhythmisiert. Die Verkleidung sollte als
selbstständige, vom Betonkern unabhängige
Hülle verstanden werden, die sich verstärkt
durch ihre Fugen und den Abstand zu Boden und Decke
lösen soll.
Dekkers schlug dagegen eine Verkleidung aus Betonschalen
mit einer glatten, weißen Oberfläche vor.
Die Entwürfe sind als Flachreliefs aus gegeneinander
versetzten ebenen Flächen zu verstehen. Diese Flächenversätze
aus senkrechten, waagerechten und diagonalen Teilungsmotiven
sind so gewählt, dass unter den gegebenen Lichtverhältnissen
möglichst starke Schattenwirkungen entstehen. Am
14. November 1973 wurden alle ausgewählten Entwürfe
zur Ausführung bestimmt.
Die gestalteten Flächen wurden von den Fassaden
und Decken abgerückt und mit einem Betonvorsatz
versehen. Der Betonkern blieb so von außen ablesbar
und die gestalterischen Umkleidungen erhielten den Charakter
selbstständiger Vorhangelemente, da sie sich in
ihren Abmessungen und ihrem Material weitgehend von
der Gebäudekonstruktion absetzten. Dabei sollten
die nebeneinanderliegenden Kerne jeweils unterschiedliche
Signaturen haben, d. h. auf der Nord- und Südseite
abwechselnd von anderen Künstlern gestaltet sein.
Die verwandte Grundhaltung aller realisierten Entwürfe
wurde von der Kommission als vorteilhaft angesehen,
da so dem zusammenhängenden Baubereich der Naturwissenschaften
ein gemeinsames Motiv zugeordnet werden konnte, das
sich an jedem Gebäudekern in einer anderen Gestaltung
ausdrückte.
Alexandra
Apfelbaum
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