Die zweite Nase
Markus
Rothermel entwickelt eine Methode zur Untersuchung
der trigeminalen Duftaktivität
Menschen, die beispielsweise bei einem Unfall
ihren Geruchssinn verloren haben, können in gewissem
Maße noch immer Duftstoffe wahrnehmen: mit Hilfe
des Trigeminusnervs, dem zentralen Gesichtsnerv. Wie
genau dabei olfaktorische Reize aufgenommen und chemosensorisch
kodiert werden, untersucht Markus Rothermel in seiner
Promotion mit einer selbst entwickelten Methode. Dafür
erhielt er im Oktober 2008 einen der Esser-Preise.
Der Trigeminusnerv ist der wichtigste Gesichtsnerv.
Durch ihn können wir sowohl Berührungen, Schmerzen
(z.B. Zahnschmerz) und Temperatur empfinden als auch
schmecken (vor allem Schärfe) und riechen. Bis
heute ist seine Funktionsweise, im Unterschied zum klassischen
olfaktorischen System der Nase, allerdings weitgehend
unerforscht. Der Trigeminusnerv setzt sich aus mehr
als 10.000 einzelnen Nervenzellen zusammen, die, wie
alle Neuronen, aus einem Zellkörper und einem langen
Nervenfortsatz bestehen. Die Zellkörper findet
man in einem walnussgroßen Gebilde, dem sog. trigeminalen
Ganglion, das tief in der Schädelbasis sitzt. Die
daraus entspringenden Nervenfortsätze spalten sich
in drei Hauptäste auf (trigeminus = der Dreifache;
siehe Abb. 1). Am Ende jeder Nervenfaser befinden sich
spezielle Sensoren für chemische, mechanische und
thermische Reize der Gesichtshaut sowie der Schleimhäute
von Nase, Mund und Augen.
Schwer zugänglich
Aufgrund seiner Lage ist das trigeminale Ganglion für
Untersuchungen schwer zugänglich. Daher hat der
Diplombiologe Markus Rothermel im Rahmen seiner Promotion
am Lehrstuhl für Zellphysiologie (Prof. Hanns Hatt)
eine neue Methode entwickelt, dort Aktivitätsmuster
in Echtzeit zu beobachten. So will er herausfinden,
was den Nerv befähigt, Duftstoffe wahrzunehmen.
Die Kernfrage lautet: Gibt es eine Kodierung chemosensorischer
(Geruchs-)Informationen auf der Ebene des trigeminalen
Ganglions?
Dass der Gesichtsnerv auf Duftstoffe reagiert, haben
Tests mit Anosmikern gezeigt: „Das sind Menschen,
die durch eine Störung im olfaktorischen System
ihren Geruchssinn verloren haben. Sie können zwar
keine spezifischen Duftstoffe identifizieren, also nicht
mehr zwischen Rose und Lilie unterscheiden. Aber sie
können sehr wohl zwischen Duftstoffklassen unterscheiden
– eine Fähigkeit, die ihnen das trigeminale
System ermöglicht“, erklärt Rothermel.
Um den Nerv während seiner „Arbeit“
live beobachten zu können, muss dieser freigelegt
werden. Der Biologe entwickelte dazu eine neuartige
„in vivo Präparation“ des trigeminalen
Ganglions der Ratte: Das freigelegte Ganglion wird für
etwa zwei Stunden mit einem spannungsabhängigen
Farbstoff beladen. Mit Hilfe eines von Rothermel modifizierten
Duftapplikationssystems, dem Olfaktometer, kann er nun
verschiedene Duftstoffe direkt in die Nase des Tieres
applizieren. Reagiert der Nerv auf einen Stoff, führt
die neuronale Aktivität zu einer Spannungsänderung.
Eine Kamera registriert die Änderung und bildet
diese als Farbveränderung auf dem PC ab.
Es beginnt im Ganglion
Seine Versuche, die im Labor von Dr. Dirk Jancke durchgeführt
werden, zeigen, dass die trigeminale Geruchswahrnehmung
und -verarbeitung komplexer ist als erwartet: „Der
Trigeminusnerv ist nicht nur ein Kabel, das Informationen
ans Gehirn weiterleitet. Ich konnte zeigen, dass die
Verarbeitung von Duftstoffen bereits auf der Ebene des
Ganglions beginnt.“ Die hoch auflösenden
Bilder der Nervenzellaktivität des Ganglions belegen
auch, dass unterschiedliche chemische Stoffe grundverschiedene
Aktivierungsmuster auslösen und nicht – wie
angenommen – lediglich graduelle Erregungen. Dies
könnte als Erklärung dienen, warum anosmische
Patienten ein relativ gutes Duftunterscheidungsvermögen
haben. Die Forscher waren davon ausgegangen, dass man
zwei Duftstoffe mit Hilfe des trigeminalen Systems nur
dann unterscheiden kann, wenn sie zu einer starken,
unterschiedlichen Schmerzempfindung führen.
Neben der „in vivo Methode“ arbeitet Rothermel
auch mit menschlichen Zellkulturen, die er von der Uniklinik
für Plastische Chirurgie und Schwerbrandverletzte
am Bergmannsheil bekommt. Das Zellkultur-Projekt gab
Hinweise darauf, dass viele Duftstoffe nicht den Nerv
selbst aktivieren. Vielmehr scheint er auf eine komplexe
Interaktion mit den Zellen seiner Umgebung (also z.B.
Hautzellen) angewiesen zu sein.
Langfristig sollen alle Erkenntnisse dem Fortschritt
der Medizin dienen, vor allem Anosmikern und Menschen
mit Trigeminusneuralgie. Sie empfinden jede Berührung
und Bewegung des Gesichts als Schmerz. Ist die Funktionsweise
des Nervs erst einmal hinreichend bekannt, können
Schmerz verursachende Impulse vielleicht unterbunden
und den Patienten ein angenehmeres Leben ermöglicht
werden.
Infos:
Markus.Rothermel@rub.de, http://www.rub.de/neuro-gk/rothermel.htm,
http://www.cphys.rub.de/
Stipendium
Länger als geplant arbeitete Markus Rothermel
an der Entwicklung der „in vivo Präparation“,
bevor die eigentlichen Untersuchungen beginnen konnten.
Ein Stipendium des Graduiertenkollegs „Entwicklung
und Plastizität des Nervensystems“, das
ihn ab 2005 unterstützte, lief 2008 aus. Er
bewarb sich erfolgreich um ein fünfmonatiges
Stipendium der Günther-und-Wilhelm-Esser-Stiftung,
um die Promotion abschließen zu können,
was mittlerweile geschehen ist. In Kürze wird
Rothermel eine Stelle an der Uni Boston antreten
und im Department of Biomedical Engineering bei
Prof. Matt Wachowiak an der Signalverarbeitung olfaktorischer
Systeme forschen (http://www.bu.edu).
Julia
Brosig
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