Die Nase
der Spermien
Annika Triller erforscht Duftrezeptor-Proteine in Säugetierspermien
Seit 2006 untersucht die Diplombiologin Annika
Triller in ihrer Dissertation, auf welche Duftstoffe Säugetierspermien
reagieren. Sie sucht dabei außerdem nach natürlichen
Duftstoffen, die Spermien schneller und vor allem zielgerichteter
zur Eizelle schwimmen lassen. Unterstützt wird sie
durch ein Stipendium der Wilhelm-und-Günter-Esser-Stiftung.
Annika Triller kennt sich gut aus mit dem Riechverhalten
von Säugetierspermien. Seit 2006 promoviert sie an
der Ruhr-Uni zum Thema „Identifikation und funktionale
Charakterisierung von Duftrezeptor-Proteinen in Säugetierspermien“.
„Bei meiner Arbeit handelt es sich um einen noch
jungen Forschungszweig“, erklärt die Biologin,
„der wissenschaftlich noch nicht voll erschlossen
ist.“ Tatsächlich erst Anfang der 1990er-Jahre
identifizierten die amerikanischen Forscher Linda Buck
und Richard Axel bestimmte olfaktorische Rezeptoren, die
Duftmoleküle binden und so das Riechen ermöglichen.
2004 erhielten sie dafür den Medizin-Nobelpreis.
Schnell und zielgerichtet
Spätere Untersuchungen ergaben, dass Geruchsrezeptoren
nicht nur in der Nase vorkommen, sondern auch in anderen
Organen wie Hoden und Spermien. Auf dieser Basis gelang
es 2003 einer Forschergruppe der RUB um Prof. Hanns
Hatt und Dr. Marc Spehr (Lehrstuhl für Zellphysiologie),
einen Duftstoff zu identifizieren, der in den Spermien
sowohl Chemokinese als auch Chemotaxis auslöst:
Die Spermien reagieren auf den Duftstoff demnach mit
schnellerem (Chemokinese) und vor allem mit zielgerichtetem
(Chemotaxis) Schwimmen zur Duftquelle. Bourgeonal heißt
der damals identifizierte, synthetisch hergestellte
Stoff, der dem Duft von Maiglöckchen sehr ähnlich
ist. So konnten die Forscher belegen, dass Spermien
bestimmte Riechrezeptoren haben (OR1D2) und von bestimmten
Stoffen angeregt werden.
Auf Basis dieser Erkenntnis hat sich Annika Triller
bereits in ihrer Diplomarbeit mit olfaktorischen Rezeptoren
in Spermien beschäftigt. Sie hat versucht, weitere
für Spermien attraktive Duftstoffe neben Bourgeonal
zu finden. Tatsächlich hat sie dabei einen weiteren
Rezeptor und auch den passenden Duftstoff gefunden,
der die Spermien schneller schwimmen lässt. Allerdings
schwimmen die Spermien dadurch nicht zielgerichteter.
In ihrer Promotion verfolgt Triller nun zwei Ziele:
„Auf der einen Seite möchte ich neben den
bereits bekannten Riechrezeptor-Proteinen weitere in
den Spermien identifizieren, auf der anderen Seite suche
ich nach einem natürlichen Duftstoff, auf den die
Spermien reagieren.“ Da der den Maiglöckchen
ähnliche Duft Bourgeonal synthetisch hergestellt
und somit kein körpereigener Stoff ist, steht die
Beantwortung der Fragen noch aus, durch welchen Duftstoff
die Spermien im weiblichen Körper tatsächlich
angezogen werden. Um das herauszufinden, arbeitet Triller
mit körpereigenen Stoffen, die sie auf ihre chemische
Struktur hin untersucht. Durch Strukturfunktionsanalysen
sollen Gemeinsamkeiten in den Proteinen zwischen Bourgeonal
und den natürlichen Körperstoffen identifiziert
werden.
Bei der täglichen Laborarbeit untersucht Triller
– neben Spermien – hauptsächlich sog.
HEK-Zellen. Das sind Nierentumorzellen, die sich im
Brutschrank kultivieren lassen. Ab einer bestimmten
Zelldichte werden sie subkultiviert und erneut ausgesät,
so dass immer neue Zellen für Untersuchungen zur
Verfügung stehen. Im Unterschied dazu müssen
Spermien immer frisch sein, da sie bei 37 Grad außerhalb
des Körpers nur wenige Stunden für Versuche
geeignet sind. HEK-Zellen haben zwar keine eigenen Geruchsrezeptoren,
lassen sich aber mit bereits identifizierten Rezeptoren
transfizieren, d. h. die HEK-Zellen erhalten fremde
DNA. So kann man an ihnen simulieren, welche Rezeptoren
auf welche Duftstoffe reagieren.
Immer kleinere Portionen
Um ein Rezeptor-Duftstoff-Pärchen zu finden, nutzt
Triller ein bestimmtes Verfahren: „Ich beginne
mit einer Duftstoffmischung aus 100 Substanzen. Reagiert
der Rezeptor, teile ich die Mischung in immer kleinere
Portionen auf, bis der entsprechende Duftstoff übrig
bleibt.“ Erst, wenn hier ein passendes Pärchen
gefunden ist, wird der Versuch auf die Spermien übertragen.
Um sichtbar zu machen, ob die Rezeptoren den Duftstoff
erkennen, nutzt sie das Calcium-Imaging-Verfahren, ein
Bild gebendes Verfahren. In einem ersten Schritt werden
die HEK-Zellen oder Spermien mit einem kalziumsensitiven
Fluoreszenzfarbstoff etwa eine halbe Stunde lang beladen.
War das Beladen erfolgreich, reagiert also ein Rezeptor
auf einen Duftstoff, zeigen die transfizierten Zellen
einen Anstieg der intrazellulären Kalziumkonzentration,
der durch einen Farbwechsel von Blau (niedrige Kalziumkonzentration)
zu Rot (hohe Kalziumkonzentration) angezeigt wird.
Trillers Promotion ist Teil eines Förderprogramms
der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG): Dr. Marc
Spehr leitet seit März 2006 im Rahmen des Emmy-Noether-Programms
der DFG die Nachwuchsgruppe Chemosensorik sozialer Kommunikation,
worunter neben Trillers auch fünf weitere Promotionsvorhaben
am Lehrstuhl für Zellphysiologie zählen. Das
Emmy-Noether-Programm hat seit 1999 330 Nachwuchswissenschaftler
gefördert, um sie schnell in die wissenschaftliche
Selbstständigkeit zu führen. Promovierte Forscher
wie Marc Spehr erhalten die Möglichkeit, durch
Leitung einer eigenen Nachwuchsgruppe die Qualifikation
zum Hochschullehrer zu erwerben.
Infos zur Promotion von Annika Triller:
annika.triller@rub.de;
Infos zur Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe von Dr. Marc
Spehr: http://www.rub.de/signaling/index.htm
Esser-Preise
Im Oktober 2008 hat Annika Triller einen der Esser-Preise
gewonnen. Er ist mit einem Stipendium verbunden, mit
dem sie ihre Dissertation finanziell sorgenfrei abschließen
kann. Der Namensgeber der Stiftung und Ehrensenator
der RUB, Günter Esser († 1998), gründete
1990 mit seinem Vater Wilhelm die Stiftung zur Förderung
junger Forscher an der Ruhr-Universität. Zurzeit
stellen wir in RUBENS die fünf aktuellen Preisträger/innen
vor.
Julia
Brosig
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