Das Lateinische lebt
Klassische Philologie vor Ort: Studierende besuchen
das Recklinghäuser Stadtarchiv
„Latein ist das Englisch des Mittelalters“,
sagt Dr. Matthias Kordes, Leiter des Recklinghäuser
Stadtarchivs: Es war einfach unverzichtbar. Und es wirkt
nach bis heute. Seine Gäste, die Lateinstudierenden
des ersten Semesters von Dr. Wolfgang Polleichtner (Lateinische
Philologie), hat er eine kurzweilige Stunde später
überzeugt – und vergangene Zeiten zum Leben
erweckt.
Wer geglaubt hat, er würde eine tote Sprache studieren,
den belehrt Matthias Kordes schnell eines Besseren.
„In Rechts- und Kirchenangelegenheiten gab es
zum Lateinischen bis ins Mittelalter keine Alternative
– und noch heute sind viele Juristenausdrücke
schlicht Rückübersetzungen“, erklärt
er. „Und auf mancher mittelalterlichen Urkunde
steht bis heute geltendes Recht.“ Nicht mehr ganz
im lupenreinen Stil der Antike zwar, aber lateinisch.
Beweise hat Kordes auf einem Rollwagen mitgebracht,
zum Anfassen. Pergamenturkunden von metergroß
bis Taschenformat, zu behandeln „wie Neugeborene
– auch wenn sie schon 600 Jahre hinter sich haben“,
mahnt er, bevor er sie in die Runde gibt. Alles staunt:
Nichts ist verblasst, die Schrift gestochen scharf zu
lesen. Die Siegel aus jahrhundertealtem Bienenwachs
sind noch klar zu erkennen, inklusive Fingerabdrücken
von Beamten auf den Rückseiten „für
den Archivar natürlich das Allerschönste!“,
schwärmt Dr. Kordes.
600 Jahre alte Fingerabdrücke
Für ehrfürchtige Gänsehaut bleibt allerdings
wenig Zeit, denn der Archivar hat schon den Bogen zum
Vokabular geschlagen, wobei er noch schnell die Geschichte
der Schreibkultur abhandelt. Pergament, das war eine
Sache des Mittealters, hergestellt je nach Landstrich
und dortiger Viehwirtschaft aus Ziegen-, Kalbs- oder
Schafhäuten, vom Leder dadurch unterschieden, dass
es nicht mit Säure gegerbt, sondern mit Lauge behandelt
wurde. In der Antike schrieb man, wenn nicht auf Wachstafeln,
auf pflanzlichem Material, Papyrus, und noch früher
auf Bast.
Daher auch eines der lateinischen Wörter für
Buch: liber (=Bast). Das andere, volumen, leitet sich
vom Verb volvere her, das drehen oder wälzen meint,
nämlich das der Papyrusrollen, wie die Studierenden
schließen. Warum des Buch im mittelalterlichen
Latein codex heißt? Codex heißt Holzklotz,
und aus Holz waren später die Buchdeckel hergestellt.
Auch das Schreibwerkzeug hat sich zwischen Antike und
Mittelalter gewandelt. Nutzte man in der Antike noch
einen Halm, den calamus, so schrieb man im Mittelalter
mit Federkielen, lateinisch penna (deswegen noch heute
Pennäler).
Die penna sehen wir auf der Kopie der Darstellung eines
Evangelisten, die Kordes verteilt; der Schreiber krümmt
sich gequält über seinem Werk. „Nur
drei Finger schreiben, aber der ganze Körper müht
sich ab“, hat sich ein Schreiber unter seinem
Werk verewigt. Der Handballen durfte auf dem Pergament
nämlich nicht aufliegen, denn das gab Flecken.
Kordes zeigt die verkrampfte Handhaltung mittelalterlicher
Schreiber – uns ist klar: Wer tausende Seiten
einer Bibel auf diese Weise abschrieb, leistete Schwerstarbeit.
Anhand der Bibel, einer Druckseite der Gutenberg-Bibel,
die handschriftlich verziert ist, gibt es noch ein wenig
Textarbeit, dann ist die Stunde auch schon vorbei –
eine kurzweilige Angelegenheit, die bleibende Eindrücke
hinterlässt.
Nicht mit den Römern ausgestorben
„Hier können die Studierenden erleben, dass
das Lateinische nicht mit dem Ende des Römischen
Reiches ausgestorben ist, wie viele meinen, sondern
bis heute nachklingt“, sagt Seminarleiter Wolfgang
Polleichtner zufrieden. „Vielleicht eröffnet
die Exkursion ja auch Berufsperspektiven und der eine
oder andere macht hier mal ein Praktikum“.
Er und Matthias Kordes, die sich zufällig bei einer
Buchvorstellung kennen gelernt haben, haben die Zusammenarbeit
gemeinsam ausgetüftelt. In kleinen Gruppen machen
alle Studierenden, die am Seminar teilnehmen, einmal
im ersten Semester die Exkursion ins Stadtarchiv. Nicht
nur die Studierenden haben etwas davon. Das Stadtarchiv
profitiert von der Außenwirkung und demnächst
vielleicht auch ganz konkret von der Mitarbeit der Studierenden.
Denn für die kommenden Semester planen die beiden
Veranstalter die Hebung versteckter Schätze: die
erstmalige Herausgabe von Urkunden, die bislang ihr
Dasein abseits der Öffentlichkeit in den Stahlschränken
des Stadtarchivs fristen.
md
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