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RUBENS 130

5. Januar 2009

Gelungener Stilmix aus Schiefer

Serie Situation Kunst



Das im September 2006 eröffnete Erweiterungsgebäude von Situation Kunst beherbergt nicht nur bedeutende Werke der Gegenwartskunst, sondern auch Kunstwerke aus Afrika und Asien. RUBENS stellt die Exponate nach und nach vor, diesmal den Buddhakopf aus Gandhara.

Im Erweiterungsbau von Situation Kunst trifft der Besucher im zweiten Ausstellungsraum auf Exponate aus China, Kambodscha, Thailand, Laos, Birma, Vietnam, Nepal, Tibet, Japan und Indien. Sie alle spiegeln länderspezifische Stilrichtungen wider, doch soll dem Besucher in erster Linie ein atmosphärischer Einblick in die Vielfalt der asiatischen Kulturen vermittelt werden. Eines von zwei in der Sammlung vorhandenen Objekten aus Indien soll hier als ein Beispiel buddhistischer Kunst aus Gandhara vorgestellt werden.

31. Merkmal Buddhas

Es handelt sich um einen 24 cm großen Kopf aus Schiefer, der im 2. oder 3. Jahrhundert entstanden ist. Der Kopf ist nur noch als Fragment erhalten, und doch lässt sich anhand der groben Bruchstelle am Hals darauf schließen, dass es sich ursprünglich um eine Ganzkörperskulptur handelte. Der Kopf ist charakteristisch für eine Buddhadarstellung aus der Region Gandhara. Das Haar ist stark gewellt und liegt eng am Kopf an. Oben mittig am Scheitel befindet sich ein zusammengebundener Haarknoten, der wie eine Krone auf dem Kopf sitzt. Dieser wird im Buddhismus als „Ushnisha“ bezeichnet und zählt zum 31. Merkmal des Kanons der „32 Merkmale eines Buddhas“. Dieses Merkmal, das Buddhas Erleuchtung symbolisiert, wird durch den herzförmig in das Gesicht ragenden Haaransatz betont und hebt mit diesem zusammen die Mittelachse des Kopfes hervor. Auf dieser Achse liegt ebenfalls ein leicht erhabener, zwischen den Augen platzierter Punkt, der als Bindeglied zwischen den Augenbrauen dient. Im Kanon der buddhistischen Gandhara-Kunst wird dieser Punkt als Haarflaum beschrieben und als Symbol der Weisheit verstanden.
Die Augenbrauen sind nur durch eine feine Kante von den Augenhöhlen abgegrenzt. Somit gleitet der Blick des Betrachters fließend über das ebenmäßig ausgeführte Gesicht. Die Augen selbst sind, wie der Rest des Kopfes, ausschließlich aus Schiefer gearbeitet. Auf eine detailgetreue Ausarbeitung wurde verzichtet, wodurch der Blick abwesend wirkt, als ob sich die Figur in einer meditativen, nach innen gerichteten Haltung befände.
Die Ohren des Buddhakopfes sind überdimensional groß dargestellt; sie ragen von den Augenbrauen bis zum Kinn. Für diese Länge verantwortlich sind die für Buddhafiguren charakteristischen, lang gezogenen Ohrläppchen. Die Ohrmuschel selbst endet etwa auf Höhe der Nasenspitze.
Die Nase ist sehr spitz und schmal geformt und erinnert in ihrer Grazie an antikisierende männliche Darstellungen junger griechischer Athleten. Durch die feinen, sinnlich geformten Lippen bekommt der Buddha nahezu eine feminine Wirkung. Der Kopf wirkt somit insgesamt androgyn und jung. Vergleicht man ihn mit anderen Skulpturen aus Gandhara, wird deutlich, wie typisierend die Gandhara-Kunst war. Alle aus dieser Zeit bekannten Buddhaköpfe weisen folglich ähnliche Charakteristika auf. Eine Verwandtschaft zur griechischen Kunst kann u. a. in der Ausarbeitung der Haare gefunden werden, da gelocktes Haar häufig in griechischen Darstellungen des Gottes Apollon zu finden ist und in den Skulpturen aus Gandhara aufgegriffen wurde.

Allmählicher Stilwandel

Neben den frühbuddhistischen Kulturströmungen Zentral- und Nordindiens kam es seit dem 1. und 2. Jahrhundert im Nordwesten Indiens zur Synthese stilistischer Ausprägungen. So gilt z. B. die antike Region Gandhara als Geburtsstätte der graeco-buddhistischen Kunst. Geprägt ist dieser Stil durch indische, iranische und hellenistisch-römische Elemente. Diese Einflüsse sind vor allem durch die Lage Gandharas zu begründen, da die nordwestlichen Regionen als Landbrücke zu den Hochländern des Irans und anderen Regionen diente. Dies begünstigte einen kulturellen Austausch. Zudem sind kriegerische Auseinandersetzungen als Grund der Stilveränderung zu nennen, da befeindete Truppen ihre Kultur in die heimische transferierten. So kam es beispielsweise durch persische und griechische Vorstöße zu kulturellem Austausch.
Abschließend ist zu unterstreichen, dass sich im 2. oder 3. Jahrhundert ein Stilwandel nicht von heute auf morgen vollzog, sondern ganz allmählich. So kam es im Falle Indiens erst zu auffälligen Veränderungen, nachdem die Griechen Indien 90 Jahre vor unserer Zeitrechnung verlassen hatten.

Linda Frenzel
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Letzte Änderung: 5.1.2009| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik