Gelungener
Stilmix aus Schiefer
Serie Situation
Kunst
Das im September 2006 eröffnete Erweiterungsgebäude
von Situation Kunst beherbergt nicht nur bedeutende Werke
der Gegenwartskunst, sondern auch Kunstwerke aus Afrika
und Asien. RUBENS stellt die Exponate nach und nach vor,
diesmal den Buddhakopf aus Gandhara.
Im Erweiterungsbau von Situation Kunst trifft der Besucher
im zweiten Ausstellungsraum auf Exponate aus China, Kambodscha,
Thailand, Laos, Birma, Vietnam, Nepal, Tibet, Japan und
Indien. Sie alle spiegeln länderspezifische Stilrichtungen
wider, doch soll dem Besucher in erster Linie ein atmosphärischer
Einblick in die Vielfalt der asiatischen Kulturen vermittelt
werden. Eines von zwei in der Sammlung vorhandenen Objekten
aus Indien soll hier als ein Beispiel buddhistischer Kunst
aus Gandhara vorgestellt werden.
31. Merkmal Buddhas
Es handelt sich um einen 24 cm großen Kopf aus
Schiefer, der im 2. oder 3. Jahrhundert entstanden ist.
Der Kopf ist nur noch als Fragment erhalten, und doch
lässt sich anhand der groben Bruchstelle am Hals
darauf schließen, dass es sich ursprünglich
um eine Ganzkörperskulptur handelte. Der Kopf ist
charakteristisch für eine Buddhadarstellung aus
der Region Gandhara. Das Haar ist stark gewellt und
liegt eng am Kopf an. Oben mittig am Scheitel befindet
sich ein zusammengebundener Haarknoten, der wie eine
Krone auf dem Kopf sitzt. Dieser wird im Buddhismus
als „Ushnisha“ bezeichnet und zählt
zum 31. Merkmal des Kanons der „32 Merkmale eines
Buddhas“. Dieses Merkmal, das Buddhas Erleuchtung
symbolisiert, wird durch den herzförmig in das
Gesicht ragenden Haaransatz betont und hebt mit diesem
zusammen die Mittelachse des Kopfes hervor. Auf dieser
Achse liegt ebenfalls ein leicht erhabener, zwischen
den Augen platzierter Punkt, der als Bindeglied zwischen
den Augenbrauen dient. Im Kanon der buddhistischen Gandhara-Kunst
wird dieser Punkt als Haarflaum beschrieben und als
Symbol der Weisheit verstanden.
Die Augenbrauen sind nur durch eine feine Kante von
den Augenhöhlen abgegrenzt. Somit gleitet der Blick
des Betrachters fließend über das ebenmäßig
ausgeführte Gesicht. Die Augen selbst sind, wie
der Rest des Kopfes, ausschließlich aus Schiefer
gearbeitet. Auf eine detailgetreue Ausarbeitung wurde
verzichtet, wodurch der Blick abwesend wirkt, als ob
sich die Figur in einer meditativen, nach innen gerichteten
Haltung befände.
Die Ohren des Buddhakopfes sind überdimensional
groß dargestellt; sie ragen von den Augenbrauen
bis zum Kinn. Für diese Länge verantwortlich
sind die für Buddhafiguren charakteristischen,
lang gezogenen Ohrläppchen. Die Ohrmuschel selbst
endet etwa auf Höhe der Nasenspitze.
Die Nase ist sehr spitz und schmal geformt und erinnert
in ihrer Grazie an antikisierende männliche Darstellungen
junger griechischer Athleten. Durch die feinen, sinnlich
geformten Lippen bekommt der Buddha nahezu eine feminine
Wirkung. Der Kopf wirkt somit insgesamt androgyn und
jung. Vergleicht man ihn mit anderen Skulpturen aus
Gandhara, wird deutlich, wie typisierend die Gandhara-Kunst
war. Alle aus dieser Zeit bekannten Buddhaköpfe
weisen folglich ähnliche Charakteristika auf. Eine
Verwandtschaft zur griechischen Kunst kann u. a. in
der Ausarbeitung der Haare gefunden werden, da gelocktes
Haar häufig in griechischen Darstellungen des Gottes
Apollon zu finden ist und in den Skulpturen aus Gandhara
aufgegriffen wurde.
Allmählicher Stilwandel
Neben den frühbuddhistischen Kulturströmungen
Zentral- und Nordindiens kam es seit dem 1. und 2. Jahrhundert
im Nordwesten Indiens zur Synthese stilistischer Ausprägungen.
So gilt z. B. die antike Region Gandhara als Geburtsstätte
der graeco-buddhistischen Kunst. Geprägt ist dieser
Stil durch indische, iranische und hellenistisch-römische
Elemente. Diese Einflüsse sind vor allem durch
die Lage Gandharas zu begründen, da die nordwestlichen
Regionen als Landbrücke zu den Hochländern
des Irans und anderen Regionen diente. Dies begünstigte
einen kulturellen Austausch. Zudem sind kriegerische
Auseinandersetzungen als Grund der Stilveränderung
zu nennen, da befeindete Truppen ihre Kultur in die
heimische transferierten. So kam es beispielsweise durch
persische und griechische Vorstöße zu kulturellem
Austausch.
Abschließend ist zu unterstreichen, dass sich
im 2. oder 3. Jahrhundert ein Stilwandel nicht von heute
auf morgen vollzog, sondern ganz allmählich. So
kam es im Falle Indiens erst zu auffälligen Veränderungen,
nachdem die Griechen Indien 90 Jahre vor unserer Zeitrechnung
verlassen hatten.
Linda
Frenzel
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