Lehrreiche Flugblätter
Schon in der Frühen Neuzeit existierten Vorformen
des selbstgesteuerten Lernens
„Der Magen ist der Hafen für die Speise“,
das kann sich jeder vorstellen. Vielleicht kann er es
sich auch merken, wenn er es gelesen und die Abbildung
dazu betrachtet hat, und vielleicht ändert sich mit
dem neuen Wissen etwas an seinem Verhalten. Dann hätte
er etwas gelernt, und zwar ganz von sich aus – also
selbstgesteuert. Selbstgesteuertes Lernen ist modern und
wird im erwachsenenpädagogischen Diskurs als eine
Neuentdeckung wahrgenommen, die mit vielen Hoffnungen
verknüpft ist. Dass es so ganz neu gar nicht ist,
deckt Kerstin te Heesen auf.
Bei den Recherchen zu ihrer Doktorarbeit, für die
sie ein Stipendium der Wilhelm und Günter Esser Stiftung
bekam, stieß die Erziehungswissenschaftlerin unter
anderem auf das obige Zitat, und zwar in einem illustrierten
Flugblatt aus der Frühen Neuzeit. Die Erfolgsgeschichte
der Flugblätter begann nach der Erfindung des Buchdrucks,
um das Jahr 1480. Auf einem Blatt Papier war das Wichtigste
zu einem Thema kurz und eingängig zusammengefasst,
oft in Reimform, verständlich für jedermann,
auch das sog. einfache Volk. Abbildungen rundeten das
Blatt ab.
Moral, Theologie, Anatomie
Das Flugblatt zur Anatomie zum Beispiel, in dem es
unter anderem um den Weg der Speisen geht, lässt
sich in der Mitte sogar aufklappen. Wer die Bauchdecke
hochklappt, entdeckt darunter die Organe des Menschen.
Neben anatomischen Themen widmeten sich die Flugblätter
auch theologischen Fragen, der moralischen Unterweisung,
etwa zum Zusammenleben von Mann und Frau, oder Sensationen.
Anders als Bücher, an die die meisten Menschen
zu dieser Zeit nicht herankamen, waren die Flugblätter
preisgünstig und überall für jedermann
zu haben.
„Da nicht jeder damals lesen konnte, wurden die
Flugblätter oft vorgelesen, zum Beispiel auf Märkten
von den Verkäufern“, hat Kerstin te Heesen
erfahren. „Wem das Blatt beim Zuhören gefallen
hatte, der konnte es dann kaufen“. Außerdem
fand sich in den meisten Dörfern ein Lesekundiger,
der seiner Nachbarschaft den Inhalt eines Flugblattes
vorlesen konnte.
Die Blätter heute zu lesen, ist übrigens auch
nicht ganz einfach. Die Sprache bewegt sich auf dem
Übergang vom Mittel- zum Neuhochdeutschen. Kerstin
te Heesen hatte das Glück, in ihrem Germanistikstudium
Mittelhochdeutsch gelernt zu haben. „Durch die
Mitarbeit in einem Projekt, das sich ebenfalls mit historischen
Dokumenten befasste, hatte ich auch bereits erste Erfahrungen
mit der Frakturschrift gesammelt, so dass ich die Blätter
in der Regel gut lesen kann. Für die Dissertation
habe ich die Texte der analysierten Blätter in
eine gängige Schrifttype übertragen, damit
sie für alle Leser nachvollziehbar sind“,
erzählt sie. Gefunden hat sie die Flugblätter
in verschiedenen Bibliotheken, unter anderem in der
Staatsbibliothek zu Berlin, der Zentralbibliothek Zürich
sowie der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg.
Eindeutige Vermittlungsabsicht
Um zu untersuchen, ob die Flugblätter tatsächlich
zum eigenständigen Lernen taugten, unterzieht Kerstin
te Heesen sie einer Analyse. Sie klopft sie zum Beispiel
auf ihre Vermittlungsabsicht und Didaktik ab und prüft
das sog. Aneignungspotential. „Ob der Leser wirklich
etwas gelernt hat, kann man ihn ja heute nicht mehr
fragen, daher spreche ich vom Potential“, erklärt
sie. Ihr Fazit: Die Absicht, Wissen zu vermitteln, lässt
sich deutlich aus dem Blättern ablesen. Die Inhalte
waren didaktisch und anschaulich gestaltet, was das
Verstehen und Behalten erleichterte. Das Aneignungspotential
war durchaus gegeben, die Flugblätter in diesem
Sinne also tatsächlich Lernmaterialien. „Ich
kann also zeigen, dass das selbstgesteuerte Lernen nicht
wirklich neu ist, sondern nur vergessen wurde; dass
nämlich Vorformen bereits in der Frühen Neuzeit
zu finden sind“, meint Kerstin te Heesen, die
damit eine These ihres Doktorvaters Prof. Dr. Jürgen
Wittpoth belegt. Überzogene Erwartungen an die
vermeintlich neue Lernform sind daher zu relativieren,
unterstreichen die Wissenschaftler.
Vor dem Hintergrund, dass heute gerade das Lernen mit
Medien eine breite wissenschaftliche wie gesellschaftliche
Resonanz findet, ist die Herausarbeitung einer didaktischen
Dimension von illustrierten Flugblättern und ihres
daraus resultierenden Charakters als „Lernmedium“
bedeutsam. Dass ungefähr ab dem Jahr 1650 die Popularität
der Flugblätter schwand, ist jedenfalls nicht als
Misserfolg des Mediums selbst zu interpretieren, sondern
liegt am Aufkommen der Tageszeitung, die das Flugblatt
als Nachrichtenmedium ablöste.
md
|