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RUBENS 130

5. Januar 2009

Lehrreiche Flugblätter


Schon in der Frühen Neuzeit existierten Vorformen des selbstgesteuerten Lernens


„Der Magen ist der Hafen für die Speise“, das kann sich jeder vorstellen. Vielleicht kann er es sich auch merken, wenn er es gelesen und die Abbildung dazu betrachtet hat, und vielleicht ändert sich mit dem neuen Wissen etwas an seinem Verhalten. Dann hätte er etwas gelernt, und zwar ganz von sich aus – also selbstgesteuert. Selbstgesteuertes Lernen ist modern und wird im erwachsenenpädagogischen Diskurs als eine Neuentdeckung wahrgenommen, die mit vielen Hoffnungen verknüpft ist. Dass es so ganz neu gar nicht ist, deckt Kerstin te Heesen auf.

Bei den Recherchen zu ihrer Doktorarbeit, für die sie ein Stipendium der Wilhelm und Günter Esser Stiftung bekam, stieß die Erziehungswissenschaftlerin unter anderem auf das obige Zitat, und zwar in einem illustrierten Flugblatt aus der Frühen Neuzeit. Die Erfolgsgeschichte der Flugblätter begann nach der Erfindung des Buchdrucks, um das Jahr 1480. Auf einem Blatt Papier war das Wichtigste zu einem Thema kurz und eingängig zusammengefasst, oft in Reimform, verständlich für jedermann, auch das sog. einfache Volk. Abbildungen rundeten das Blatt ab.

Moral, Theologie, Anatomie

Das Flugblatt zur Anatomie zum Beispiel, in dem es unter anderem um den Weg der Speisen geht, lässt sich in der Mitte sogar aufklappen. Wer die Bauchdecke hochklappt, entdeckt darunter die Organe des Menschen. Neben anatomischen Themen widmeten sich die Flugblätter auch theologischen Fragen, der moralischen Unterweisung, etwa zum Zusammenleben von Mann und Frau, oder Sensationen. Anders als Bücher, an die die meisten Menschen zu dieser Zeit nicht herankamen, waren die Flugblätter preisgünstig und überall für jedermann zu haben.
„Da nicht jeder damals lesen konnte, wurden die Flugblätter oft vorgelesen, zum Beispiel auf Märkten von den Verkäufern“, hat Kerstin te Heesen erfahren. „Wem das Blatt beim Zuhören gefallen hatte, der konnte es dann kaufen“. Außerdem fand sich in den meisten Dörfern ein Lesekundiger, der seiner Nachbarschaft den Inhalt eines Flugblattes vorlesen konnte.
Die Blätter heute zu lesen, ist übrigens auch nicht ganz einfach. Die Sprache bewegt sich auf dem Übergang vom Mittel- zum Neuhochdeutschen. Kerstin te Heesen hatte das Glück, in ihrem Germanistikstudium Mittelhochdeutsch gelernt zu haben. „Durch die Mitarbeit in einem Projekt, das sich ebenfalls mit historischen Dokumenten befasste, hatte ich auch bereits erste Erfahrungen mit der Frakturschrift gesammelt, so dass ich die Blätter in der Regel gut lesen kann. Für die Dissertation habe ich die Texte der analysierten Blätter in eine gängige Schrifttype übertragen, damit sie für alle Leser nachvollziehbar sind“, erzählt sie. Gefunden hat sie die Flugblätter in verschiedenen Bibliotheken, unter anderem in der Staatsbibliothek zu Berlin, der Zentralbibliothek Zürich sowie der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg.

Eindeutige Vermittlungsabsicht

Um zu untersuchen, ob die Flugblätter tatsächlich zum eigenständigen Lernen taugten, unterzieht Kerstin te Heesen sie einer Analyse. Sie klopft sie zum Beispiel auf ihre Vermittlungsabsicht und Didaktik ab und prüft das sog. Aneignungspotential. „Ob der Leser wirklich etwas gelernt hat, kann man ihn ja heute nicht mehr fragen, daher spreche ich vom Potential“, erklärt sie. Ihr Fazit: Die Absicht, Wissen zu vermitteln, lässt sich deutlich aus dem Blättern ablesen. Die Inhalte waren didaktisch und anschaulich gestaltet, was das Verstehen und Behalten erleichterte. Das Aneignungspotential war durchaus gegeben, die Flugblätter in diesem Sinne also tatsächlich Lernmaterialien. „Ich kann also zeigen, dass das selbstgesteuerte Lernen nicht wirklich neu ist, sondern nur vergessen wurde; dass nämlich Vorformen bereits in der Frühen Neuzeit zu finden sind“, meint Kerstin te Heesen, die damit eine These ihres Doktorvaters Prof. Dr. Jürgen Wittpoth belegt. Überzogene Erwartungen an die vermeintlich neue Lernform sind daher zu relativieren, unterstreichen die Wissenschaftler.
Vor dem Hintergrund, dass heute gerade das Lernen mit Medien eine breite wissenschaftliche wie gesellschaftliche Resonanz findet, ist die Herausarbeitung einer didaktischen Dimension von illustrierten Flugblättern und ihres daraus resultierenden Charakters als „Lernmedium“ bedeutsam. Dass ungefähr ab dem Jahr 1650 die Popularität der Flugblätter schwand, ist jedenfalls nicht als Misserfolg des Mediums selbst zu interpretieren, sondern liegt am Aufkommen der Tageszeitung, die das Flugblatt als Nachrichtenmedium ablöste.

md
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