Ruhr-Universität Bochum zur Navigation zum Inhalt Startseite der RUB pix
Startseite UniStartseite
Überblick UniÜberblick
A-Z UniA-Z
Suche UniSuche
Kontakt UniKontakt

pix
 
Das Siegel
Naturwissenschaften Ingenieurwissenschaften Geisteswissenschaften Medizinische Einrichtungen Zentrale Einrichtungen
pix
RUBENS - Zeitschrift der RUB
RUBENS- Startseite

Lesen
Aktuelle Ausgabe
Archiv
¤Ausgabe Nr. 129
  ¤Artikel
pdf-Dateien

Service & Kontakt
Mediadaten
Redaktion
E-Mail Service
Kontakt

Volltextsuche
pix RUBENS - Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
 
 
 
    
pix
Artikel » Ausgabe 129 »Archiv » RUBENS » Pressestelle » Ruhr-Universität
pix pix
RUBENS 129

1. Dezember 2008

Schmalbrüstige Riesen

Bianca Hohn berechnet mit Ingenieurmethoden den Schultergürtel von langhalsigen Pflanzen fressenden Dinosauriern



„Form und Funktion bilden auch in der Natur immer eine Einheit“, sagt Bianca Hohn mit Blick auf den ca. zehn Tonnen schweren Dinosaurier Diplodocus longus, um den ihre Doktorarbeit kreist. Genauer gesagt kreist sie um seinen Schultergürtel. Obwohl man einige gut erhaltene Skelette dieser prähistorischen Riesen gefunden hat, ist ihr Aufbau noch immer ein Rätsel. Denn eine knöcherne Verbindung der Schultern mit der Wirbelsäule und somit dem Rest des massigen Körpers gibt es nicht – wie übrigens auch bei keinem anderen an Land lebenden Wirbeltier. Gäbe es sie, würde dies die Möglichkeiten der Fortbewegung massiv einschränken.

Es müssen also Muskeln und Bänder gewesen sein, die den Schultergürtel in Form gehalten und für die Kraftübertragung des enormen Gewichts gesorgt haben. Aber wie waren diese Knochen angeordnet? In den Museen findet man die unterschiedlichsten Skelettaufbauten, teils vorn so weit geöffnet, dass ein Mensch dazwischen passt (s. Abb.). Ist das realistisch? Wo waren die Muskeln angewachsen? An diesen Fragen scheiden sich die Geister. Bis vor etwa 100 Jahren stellte man sich vierbeinige Dinosaurier breitbeinig wie heutige Krokodile vor, eine inzwischen überholte Ansicht, denn wer je Liegestütze machen musste, der weiß, wie schlecht sich das eigene Gewicht mit angewinkelten Armen trägt, wenn man größer ist als ein Krokodil. Die Vorderbeine werden also unter dem Körper positioniert gewesen sein. Aber wo die Elemente der Schulter, die bei allen Reptilien aus dem Schulterblatt und dem Rabenbein besteht? Wo die Brustbeinplatten? Diese zwei Knochenplatten findet man immer lose in der Nähe des Brustkorbs; sie entsprechen unserem Brustbein, sind aber nicht knöchern angewachsen.

Spannung fördert Knochenbildung

Rätsel, die Bianca Hohn in den Jahren ihrer Doktorarbeit schon schlaflose Nächte bereitet haben. Inzwischen ist sie nahe daran, sie zu lüften. Unterstützt mit einem Stipendium der Wilhelm und Günter Esser Stiftung läuft sie gerade auf der Zielgeraden ihres Dissertationsprojekts ein, das sie durch die verschiedensten Fachbereiche und in die Tiefen der Ingenieurswissenschaften geführt hat. Von Haus aus ist sie Biologin. Nach einer Diplomarbeit über die Marken von Muskeln am menschlichen Skelett bewarb sie sich auf eine Stellenausschreibung in der DFG-Forschergruppe 533 „Biology of the Sauropod Dinosaurs: The Evolution of Gigantism“, eigentlich in Bonn beheimatet. Beteiligt daran sind Prof. Dr.-Ing. Ulrich Witzel, RUB- Maschinenbauer und Prof. Dr. Holger Preuschoft, ehemalig aus der RUB-Medizin. Das verbindende Element zwischen ihnen ist die funktionelle Betrachtung des Skeletts und die Finite-Element Methode (FEM). Diese Rechenmethode, mit der sich Spannungen und Verformungen in Körpern unter Belastungen simulieren lassen, wurde zunächst in den Ingenieurwissenschaften genutzt, etwa bei der Planung von Bauten und Autokarosserien. Irgendwann kamen Mediziner auf den Geschmack, denn auch die Belastung von Knochen und orthopädischen Implantaten lässt sich damit berechnen. Mit Bianca Hohn ist die Reihe nun an den Biologen bzw. den Paläontologen und der Rekonstruktion von Anatomie und Bewegung bei Dinosauriern.
„Unsere Annahme ist, dass sich Knochen immer dort bildet, wo mechanische Spannungen wirken“, erklärt Bianca Hohn. „Wo Knochen nicht belastet wird, bildet er sich zurück – ein Umstand, vom dem Astronauten nach langer Abwesenheit in der Schwerkraft ein Lied singen können. Die Natur erhält keine überflüssigen Strukturen.“ Um diese Hypothese zu belegen, ließ Prof. Witzel schon vor Jahren die Entstehung des menschlichen Schädels im Computer simulieren, indem er einen groben Umriss anlegte und die verschiedenen Kaukräfte der Muskeln und die Schwerkraft darauf einwirken ließ. Durch eine Reduktion der Form auf die Bereiche, welche hohe Druckspannungen aufwiesen, ließ sich auf diese Weise in mehreren Schritten eine Schädelform herauskristallisieren, die mit der unseren verblüffend übereinstimmt.

Wurst auf vier Beinen

Ähnliche Berechnungen stellt Bianca Hohn nun für den rätselhaften Saurierschultergürtel an. Kompliziert werden diese durch die Anzahl der Einzelteile und ein komplexes Zusammenspiel der zahlreichen Muskelkräfte. „Anfangs habe ich eine Wurst auf Stelzen gestellt“ beschreibt sie ihre ersten Versuche. Schon hier ließ sich erkennen, wo sich Spannungen im Rumpf bilden, wenn sich die „Wurst“ auf vier Beinen fortbewegen möchte. Klar wurde auch sofort, dass es ohne eine funktionelle Verbindung zwischen den einzelnen Teilen unmöglich ist, als tonnenschwerer Saurier zu stehen oder zu laufen.
Inzwischen hat sie ihre Simulation erheblich verfeinert. Anhand von sog. Muskelmarken – Spuren, die die Muskeln im Knochen hinterlassen – Massenschätzungen für den gesamten Dinosaurierkörper und Vergleichen mit den nächsten lebenden Verwandten der Dinosaurier – Reptilien und Vögeln – entwickelte sie eine Theorie eines wahrscheinlichen Aufbaus der Körperregion. Dabei befinden sich die beiden Brustbeinplatten zwischen den vorn sehr eng zusammenstehenden Schultern, eingebettet in eine Knorpelplatte, in der auch die Rippen zusammenlaufen (Abb.). Dann ging es darum, die Kräfte der einzelnen Muskeln und des Körpergewichts im Bereich der Gelenke ins Gleichgewicht zu bringen.
Nachdem diese Verhältnisse geklärt waren und Bianca Hohn ein stimmiges Modell entwickelt hatte, kam die Simulation mit Hilfe der Finite-Element Methode ins Spiel. Bianca Hohn legte einen grob umrissenen Rumpf als „Bauraum“ an, integrierte Koordinaten für die Knochen und Ansatzstellen der Muskeln. Wie ein Marmorblock, aus dem der Bildhauer einen Saurierknochen herausarbeiten will, mutet die Darstellung an (Abb.). Dann ließ sie die Kräfte wirken. Schritt für Schritt schält sich nun aus dem Block die Form der Knochen heraus – und es sieht gut aus für eine Übereinstimmung mit den prähistorischen Funden. Die Feinarbeit muss noch erledigt werden, dann wird die Theorie für den Aufbau des Schultergürtels hieb- und stichfest sein.
Und dann? „Am liebsten weitermachen!“ Bianca Hohn ist in Gedanken schon weiter, plant Untersuchungen am Scheideweg der Evolution zwischen den Sauriern mit einem Reptilienbecken, wie dem hier bearbeiteten Sauropoden und denen mit einem Vogelbecken, an denen sich riesengroße und weniger riesengroße Saurier voneinander entfernt haben – vielleicht sogar wegen Unterschieden im Schultergürtel? Ein Projektantrag liegt schon in der Schublade und würde sich prima mit dem einer Kollegin ergänzen, die auch nach Bochum kommen würde, und die Simulationsmethode könnte man auch noch verfeinern …
PS: Die weiteren mit dem Esser-Preis prämierten Forschungsprojekte stellen wir in den kommenden RUBENS-Ausgaben vor.

md
pfeil  voriger Artikel Themenübersicht nächster Artikel   pfeil
 
 
Zum Seitenanfang  Seitenanfang | Druckfassung dieser Seite
Letzte Änderung: 1.12.2008| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik