Ziele mit sich selbst vereinbart
Die Ruhr-Uni legt erstmals einen Hochschulentwicklungsplan
vor
Erstmals hat die Ruhr-Uni gewissermaßen mit sich
selbst Ziele vereinbart und diese in einem Hochschulentwicklungsplan
(HEP) festgeschrieben. Sowohl Hochschulrat als auch Senat
haben ihr Okay gegeben, und nun steht der HEP im Netz.
Auf rund 170 Seiten beschreibt er das Profil und die Ziele
der RUB bis 2010 und liefert jede Menge Daten und Entwicklungsperspektiven
für alle Fakultäten. Damit nicht jeder diese
170 Seiten lesen muss, hat Arne Dessaul zusammen mit dem
Prorektor für Planung, Struktur und Finanzen, Prof.
Tibor Kiss, einige der wichtigsten Aspekte im Hochschulentwicklungsplan
erörtert.
RUBENS: Herr Prof. Kiss, wie lange hat es
gedauert, bis der Hochschulentwicklungsplan in seiner
jetzigen Form stand?
Prorektor Kiss: Im Ganzen mehr als fünf Jahre. Das
begann 2003 mit den Vorarbeiten zum Bericht der Ruhr-Universität
zum „Hochschulkonzept NRW 2010”, es folgten
die Zielvereinbarungen II und III mit dem Innovationsministerium
NRW und das Bochumer Konzept für eine Generalsanierung
des Universitätscampus, die hochschulinterne Struktur-
und Innovations-Initiative und die Erarbeitung von Konzepten
und Anträgen im Rahmen der Bund-/Länder-Exzellenz-Initiative.
Die Dauer dieses Prozesses war im Wesentlichen drei Umständen
geschuldet. Seitens des Gesetzgebers gibt es keine detaillierten
Vorgaben über die Ausgestaltung eines solchen Plans
– das lässt aber zum Glück einer Universität
auch die notwendige Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen.
Dann gab es immer wieder Weichenstellungen, die eine grundsätzliche
andere Herangehensweise erforderten, zuletzt im Januar
2007 der Einzug der Ruhr-Uni ins Finale der Exzellenz-Initiative.
Daraufhin mussten wir schließlich einen beratungsfähigen
Entwurf nochmals zurück ziehen und abhängig
vom Ausgang der Exzellenz-Initiative aktualisieren und
überarbeiten.
Keine Selbstbestrafung
RUBENS: Warum braucht eine Universität
überhaupt einen Hochschulentwicklungsplan?
Prorektor Kiss: Man könnte es sich einfach machen
und sagen, es steht halt im Hochschulgesetz.
RUBENS: Aber das tun Sie nicht.
Prorektor Kiss: Genau, denn dort stand es schon immer:
Und wir hatten bislang keinen zumindest offiziell so
bezeichneten Plan, was auch der bis vor wenigen Jahren
allgemein üblichen Praxis der Universitäten
im Lande entsprach. Entscheidend ist aber eher, dass
es im Prozess der Erarbeitung dieses Plans sowohl auf
Ebene der Fakultäten als auch auf Ebene der Hochschulleitung
zu einer umfassenden Reflexion des wissenschaftlichen
Status quo kommt. Aus diesem Nachdenken erwuchsen dann
wechselseitig aufeinander bezogene strategische Ziele
der Hochschulleitung und der Fakultäten. Der Hochschulentwicklungsplan
als verbindlicher Orientierungsrahmen für die Entwicklung
von Forschung, Lehre und wissenschaftlicher Nachwuchsförderung
war das Ergebnis dieses Prozesses.
RUBENS: Besonders charmant ist die Formulierung,
dass die Ruhr-Uni mit sich selbst Ziele vereinbart.
Sie überprüft auch selbst, ob die Ziele verwirklicht
werden. Sanktioniert sie sich auch selbst, wenn es mal
nicht klappt?
Prorektor Kiss: Natürlich wird nicht jedes Ziel
100%ig erreicht werden können. Dies bedeutet aber
nicht, dass die Ziele nicht ernst genommen würden.
Die kontinuierliche Überprüfung des Grades
der Zielerreichung auf Zentralebene und in den Fakultäten
ist eine zentrale Aufgabe dieses Rektorats und wird
auch für zukünftige Rektorate verbindlich
sein. Wenn Ziele verfehlt werden, werden wir zusammen
mit den betroffenen Fakultäten die Ursachen identifizieren
und entsprechend gegensteuern.
RUBENS: Können Sie ein Beispiel nennen?
Prorektor Kiss: Ein Erklärungsbedarf bestünde
etwa, wenn eine Fakultät jährlich ihre Forschungsschwerpunkte
wechselt oder angestrebte neue kooperative Forschungsprojekte
nicht einmal die Antragsphase erreichen. Darauf aufbauend
Prozesse einzuleiten, die tatsächlich zu belastbaren
und erfolgreichen Schwerpunktbildungen in Forschung
und Lehre – hier besteht die Notwendigkeit, das
Profil der Master-Programme zu schärfen –
führen, das ist der primäre Zweck der Überprüfung,
nicht eine Sanktion.
Forschungsorientierte Master-Programme
RUBENS: In den nächsten Jahren werden
die formulierten Ziele laufend überprüft und
ergänzt. Für wann ist denn der nächste
Hochschulentwicklungsplan geplant?
Prorektor Kiss: Die Laufzeit dieses Hochschulentwicklungsplans
ist bis 2010 begrenzt. Diese Taktung entspricht der
Laufzeit der Ziel- und Leistungsvereinbarung III mit
dem Innovationsministerium NRW und der Amtszeit des
kommenden Rektorats (2009/2010). Zudem besteht ein wesentliches
inhaltliches Ziel des Hochschulentwicklungsplans in
der Vorbereitung auf einen innerhalb dieses Zeitraums
möglichen weiteren Exzellenz-Wettbewerb. Ein nächster
Hochschulentwicklungsplan würde also zeitlich daran
anschließen.
RUBENS: Lassen Sie uns vielleicht ein paar Details
aus dem Hochschulentwicklungsplan herausgreifen. Um
alle Ziele in der Forschung erreichen zu können,
wird nicht ausgeschlossen, die bestehende Fakultätsstruktur
zu verändern. Gibt es da schon konkretere Überlegungen?
Prorektor Kiss: Nein, derzeit nicht. Ich hielte es auch
für sinnlos, eine Zielsetzung wie etwa „statt
20 Fakultäten nur noch 10” zu formulieren
und dann irgendwie zehn Fakultäten zusammenzuschustern.
Und es hängt auch mit Sicherheit nicht nur von
der Zielerreichung im Bereich Forschung ab. Lehre, Studium
und wissenschaftliche Nachwuchsförderung sind genauso
wichtig. Das Rektorat hat aber auch die klare Position
bezogen, dass die bestehende Fakultätsstruktur
nicht als sakrosankt betrachtet wird. Wenn sich herausstellt,
dass diese Struktur das Erreichen der wichtigsten Ziele
behindert, sind Alternativen ernsthaft zu prüfen.
RUBENS: Von ähnlicher Tragweite scheint
die geplante Überprüfung der Master-Studiengänge,
Sie haben das ja gerade schon kurz angesprochen. Um
sich deutlicher an den Forschungsschwerpunkten und damit
auch an der strukturierten Promotionsausbildung zu orientieren,
sind derzeit weder Erweiterungen noch Kürzungen
ausgeschlossen. Wo ist der Bedarf für Erweiterungen
in der Master-Ausbildung am höchsten?
Prorektor Kiss: In der Mehrheit haben wir die Umstellung
auf Bachelor- und Master-Studiengänge in den disziplinären
Kernbereichen unserer Fächer gut gemeistert. Was
nach Eindruck des Rektorats in vielen Fällen noch
fehlt, sind forschungsorientierte Master-Programme.
Die Ruhr-Universität wird deutlich attraktiver,
wenn wir Master-Programme anbieten können, die
im nationalen wie internationalen Wettbewerb die besten
Bachelor-Absolvent/innen für die Ruhr-Universität
interessieren.
Gespräche mit den Fakultäten
RUBENS: Auch bei den Zentralen Wissenschaftlichen
Einrichtungen scheint es sich – erneut vor dem
Hintergrund der Forschungsschwerpunkte – bereits
herauszukristallisieren, welche bestehen bleiben, in
Fakultäten weitergeführt oder aufgegeben werden?
Prorektor Kiss: Hier hat es in der inneruniversitären
Diskussion viele Missverständnisse gegeben.
RUBENS: Inwiefern?
Prorektor Kiss: Das Rektorat hat nicht die Absicht,
von sich aus diese oder jene zentrale wissenschaftliche
Einrichtung per Beschluss einzustellen. Wir werden allerdings
keine weiteren zentralen wissenschaftlichen Einrichtungen
mehr gründen. Wir werden im Vorfeld einer erwarteten
neuen Ausschreibung der Exzellenz-Initiative wesentliche
Elemente unseres Zukunftskonzepts „Research Campus
RUB” umsetzen und erproben. Nach Auffassung des
Rektorats vertragen sich zentrale wissenschaftliche
Einrichtungen nicht mit diesen anders konzipierten neuen
Strukturen. Dann will das Rektorat nur noch wissenschaftliche
Themen fördern, und diese haben per se eine begrenzte
Lebensdauer. Zusätzliche Ressourcen für zentrale
wissenschaftliche Einrichtungen werden wir daher nur
als zeitlich befristete Anschubfinanzierungen für
ambitionierte und leuchtturmartig sichtbare Vorhaben
beraten. Unabhängig davon bleibt es selbstverständlich
auch den Mitgliedern von zentralen wissenschaftlichen
Einrichtungen, die diese Kriterien zurzeit nicht erfüllen,
unbenommen, ihre wissenschaftliche Arbeit fortzuführen
und voranzutreiben. Sie können halt nur kein zusätzliches
Geld vom Rektorat dafür erwarten.
RUBENS: Den Löwenanteil an den etwa 170
Seiten des Hochschulentwicklungsplans nehmen die Daten
der Fakultäten und Fächer ein, die diese selbst
beigesteuert haben. Neben reiner Statistik und Zustandsbeschreibung
der Schwerpunkte geht es auch dort um Pläne und
Ziele bis zum Jahr 2010. Kann man einen Fachbereich
herausgreifen, der sich besonders vorbildhaft dargestellt
hat und fortan als Modell für die anderen dienen
könnte?
Prorektor Kiss: Auch wenn die Presse diese Antwort auf
eine solche Frage nicht gerne hört und für
ein Ausweichmanöver halten mag: Nein, das kann
man nicht. Die für jede Fakultät dargestellten
Ziele gleichen in ihrer Summe einem Zehnkampf. Keine
Fakultät ist in allen Disziplinen gleich gut, aber
jede hat ihre Paradedisziplin. Als Mitglied des Rektorats
werde ich hier keine Fakultäten hervorheben. Das
wäre gleichbedeutend damit, die nicht genannten
an den Pranger zu stellen, und wozu soll das gut sein?
Wir werden mit den Fakultäten sprechen, die nach
Auffassung des Rektorats noch nicht so weit sind und
gemeinsam weiter an einer Verbesserung arbeiten. Und
bei den anderen darauf achten, dass sie sich auf dem
Erreichten nicht ausruhen.
Info: Der Hochschulentwicklungsplan
im Netz: http://www.rub.de/rektorat/themen/hochschulentwicklung/hochschulentwicklungsplan.pdf.
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