1000 Mal gehört
Zwei Absolventen der Ruhr-Uni präsentieren die
erfolgreichsten deutschen Schlager aller Zeiten
Wer beim Musical „Mamma Mia” die deutschen
Versionen der ABBA-Hits über sich ergehen lassen
musste, der weiß: Rein textlich muss sich der deutsche
Schlager ganz und gar nicht hinter der englischsprachigen
Konkurrenz verstecken. Wenn dann noch der Rhythmus stimmt,
landen auch deutsche Lieder in den Charts ganz weit vorn.
Zwei Absolventen der Ruhr-Uni haben ein Buch der 100 erfolgreichsten
deutschen Schlager aller Zeiten vorgelegt: chronologisch
rückwärts gesehen vom „Stern, der deinen
Namen trägt” (2007) bis zur „Berliner
Luft” (1904). Arne Dessaul sprach mit dem Musikwissenschaftler
Dr. Martin Lücke und dem Historiker Dr. Ingo Grabowsky.
RUBENS: Die Bild-Zeitung, die sich schon
ausführlich Ihrem Projekt gewidmet hat, führt
Sie etwas despektierlich als „Professor Schlager”
und „Doktor Schnulze” ein. Wer ist denn
wer?
Ingo Grabowsky: Da streiten wir uns noch.
Martin Lücke: Wir sehen das vor allem als Ehrentitel
an.
RUBENS: Während es über die Beatles,
die Stones oder Kurt Cobain jede Menge Bücher gibt,
zum Teil auch (populär-)wissenschaftliche, war
der Deutsche Schlager bislang weitgehend unerforscht.
War es Ihr vorrangiges Ziel, diese Lücke zu schließen?
Ingo Grabowsky: Es muss wirklich heißen „weitgehend
unerforscht”, denn das eine oder andere Werk existiert
schon. Trotzdem ging es uns darum, das Thema so ein
wenig aus dem Verschweigen zu befreien und einer breiten
Öffentlichkeit zu präsentieren.
Martin Lücke: Man darf auch nicht vergessen, dass
Schlager ein negatives Image haben. Wir sind jedoch
ganz neutral herangegangen. Wir möchten dem Leser
ermöglichen, sich sein eigenes Bild zu machen:
über unsere 100 Stücke und über die Geschichte
des Schlagers.
Ingo Grabowsky: Neutral und wissenschaftlich korrekt.
Drafi die Nr. 1
RUBENS: Würden Sie selbst sich als
Schlagerfans bezeichnen?
Ingo Grabowsky: Es gibt Schlager, die wir mögen
und andere, die wir nicht mögen.
Martin Lücke: Bei Rockmusik ist das aber ebenso
der Fall, da mag ich auch nicht jedes Stück.
RUBENS: Was sind denn Ihre Favoriten?
Martin Lücke: Mein persönlicher Favorit ist
„Mein Freund, der Baum” von Alexandra.
Ingo Grabowsky: Von den Liedern aus dem Buch mag ich
am liebsten „Sing, Baby, Sing” von Caterina
Valente und Peter Alexander.
RUBENS: Und umgekehrt: Welches Lied finden Sie
echt schrecklich?
Ingo Grabowsky: Den „Trizonesien-Song” von
Karl Berbuer. Da werden kurz nach dem Krieg noch mal
alle Vorurteile und Ressentiments aus dem Dritten Reich
ausgepackt. Furchtbar.
RUBENS: Vom Erfolg her die absolute Nummer 1 ist laut
Ihrem Buch Drafi Deutschers „Marmor, Stein und
Eisen bricht”. Wie kamen Sie darauf? Ich hätte
nicht zuletzt wegen der internationalen Erfolge eher
„99 Luftballons” oder „Rock Me, Amadeus”
erwartet.
Martin Lücke: Diese Rangfolge haben wir exklusiv
für die Bild-Zeitung erstellt.
Ingo Grabowsky: Aber die Frage des Bild-Redakteurs nach
einer Rangliste brachte auch uns dazu, stärker
über die Gewichtung der Titel und über den
Schlager des Jahrhunderts nachzudenken. Und da lief
eigentlich alles auf Drafi Deutscher hinaus. Das Lied
kennt jeder und jeder kann es mitsingen.
Martin Lücke: Es ist einfach und eingängig.
Die „99 Luftballons” sind natürlich
nah dran. „Rock Me, Amadeus” wurde von der
Jury schweren Herzens nicht berücksichtigt. Wir
wollten ja möglichst viele Jahre abdecken und immer
solche Stücke nehmen, die den Zeitgeist am besten
wiederspiegeln.
Subversives La Paloma
RUBENS: Besonders interessant finde ich,
dass Sie die Geschichten hinter den Liedern beleuchten.
Man kennt ja das im Kindergarten gemalte Bild mit Lucy
und den Diamanten im Himmel drauf, das Julian Lennon
seinem Papi John zeigt. Oder den Qualm über dem
Genfer See, den Deep Purple von ihrem Hotel aus sehen.
Welche ist aus Ihrer Sicht die faszinierendste Geschichte,
die sich hinter einem deutschen Schlager verbirgt?
Ingo Grabowsky: Für mich die Geschichte von „La
Paloma” in der Version von Hans Albers aus dem
Film „Große Freiheit Nr. 7”, der 1943/44
gedreht wurde. Die Melodie ist fast hundert Jahre älter
und stammt von einem baskischen Komponisten. Für
den Film aber hat Helmut Käutner einen neuen Text
geschrieben, der für diese Zeit sehr subversiv
war, wenn zum Beispiel von „der großen Freiheit
Glück” die Rede ist. Deshalb war der Film
auch verboten. Andererseits war die Melodie als solche
in der Wehrmacht und in der SS äußerst beliebt.
Die SS hat sie sich oft von den Lagerkapellen in den
KZ gewünscht und zu „La Paloma” die
Gefangenen in die Gaskammer getrieben. Die Geschichte
des Schlagers ist vielschichtig. Dies ist sicherlich
die komplexeste Geschichte.
Martin Lücke: Eine weitere hochinteressante Geschichte
bietet der DDR-Schlager „Wie ein Stern“,
den Frank Schöbel zum Hit gemacht hat. Der wollte
„Wie ein Stern” zunächst gar nicht
singen. Mit über sechs Minuten war ihm das Lied
viel zu lang, überhaupt nicht radiotauglich. Und
dann wurde in der DDR ein Riesenhit daraus. Es war zudem
eines der wenigen DDR-Lieder, das auch im Westen erfolgreich
war, hier hätte es fast eine Goldene Schallplatte
gegeben.
Ingo Grabowsky: Das Lied ist übrigens auch im Film
„Das Leben der Anderen” zu hören: in
der Kneipenszene, als Ulrich Mühe Martina Gedeck
anspricht.
RUBENS: Wie verkauft sich eigentlich das Buch?
Martin Lücke: Wir hoffen, gut, aber der Verkauf
hat ja gerade erst begonnen.
Ingo Grabowsky: Jedenfalls machen wir jede Menge Promotion
und demnächst eine offizielle Präsentation
in Berlin. (Diese fand kurz nach dem Interview am 20.11.
statt, Anm. der Red.)
RUBENS: Geht es für Sie nun weiter mit
der Analyse des deutschen Schlagers, eventuell für
eine neue Auflage? Oder planen Sie andere Projekte?
Martin Lücke: Ich kann mir gut vorstellen, dem
Genre treu zu bleiben. Es gibt auch schon ein paar neue
Ideen.
Das Buch
„Die 100 Schlager des Jahrhunderts”, vorgestellt
von Ingo Grabowsky und Martin Lücke, mit ausgewählt
von einer hochkarätigen Jury mit Dieter-Thomas
Heck u.a., Europäische Verlagsanstalt, Hamburg
2008, 320 Seiten, gebunden, 19,90 Euro.
PS: Klaus Lage ist zwar im Buch vertreten,
aber nicht mit dem in der Überschrift angedeuteten
Hit „1000 Mal berührt”, sondern mit
„Faust auf Faust”.
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