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RUBENS 129

1. Dezember 2008

Im Auge des Betrachters

Ausstellung in Situation Kunst: Nur der Schein trügt nicht


Die aktuelle Ausstellung „Nur der Schein trügt nicht. Das Sehen als interaktiver Prozess“ in Situation Kunst zeigt eine Reihe von Werken, die den Besucher vor die Herausforderung einer relativen Seherfahrung stellen. Das in den Arbeiten veranschaulichte Spiel von Form und Farbe ruft unterschiedliche Effekte in der Wahrnehmung hervor, die wortwörtlich vollkommen im Auge des Betrachters liegen.

Bereits mit dem Titel der Ausstellung wird auf Josef Albers verwiesen. Ausgehend von seinen künstlerischen und theoretischen Formulierungen wurde die Ausstellung konzipiert. Im Werkkomplex „Homage to the Square“, der exemplarisch für eine Werkserie Albers‘ zwischen 1950 und 1975 steht und einen Themenschwerpunkt im malerischen Werk des Künstlers bildet, beschäftigt sich Albers mit der Interaktion von Farbe und ihrem farbigen Kontext, die ihre Wirkung im Sehen bestimmt. Der subjektive, in der jeweiligen Anschauung hervortretende Seheindruck, wird von Albers als „actual fact“ bezeichnet. Als Kontrast zu dieser Wirkungskraft prägt der Künstler den Begriff des „factual fact“, der die objektive Faktizität des Werks erfasst. Folglich stehen die „actual facts“ in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Betrachter, während die „factual facts“ auch ohne sein Mitwirken existent sind.
Mit der Relativität der Wahrnehmung beschäftigte sich als einer der wenigen seiner Zeit auch der Kunsthistoriker und Gründungsordinarius des Kunstgeschichtlichen Instituts der Ruhr-Universität, Max Imdahl. Anlässlich seines 20. Todesjahres steht die aktuelle Ausstellung in Situation Kunst im Kontext einiger Veranstaltungen des laufenden Semesters, die seiner Widmung gedacht sind. So ist bereits mit dem Herbstfest von Situation Kunst im Oktober sowie einem Kolloquium im November an Leben und Wirken Max Imdahls erinnert worden.
Die Verbindung von Albers und Imdahl beschränkt sich nicht allein auf ihr Interesse an einer Kunst, bei der die Wahrnehmung im Vordergrund steht. Max Imdahl erkannte früh die bedeutende Wirkung von Albers‘ künstlerischem und theoretischem Werk. So wundert es nicht, dass ihm maßgeblich auf Imdahls Initiative hin 1967 die Ehrendoktorwürde der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität verliehen wurde.

Wechselspiele

Dem Wechselspiel von verschiedenen Wahrnehmungsmöglichkeiten begegnet man in allen Werken der Ausstellung. So wird ein Bogen gespannt von Rasterbildern, wie man sie bei Yvaral und Morellet findet, bis hin zu Landschaftseindrücken von Nicole Heinzel und Qui Shi-hua. Zentral in den ausgestellten Arbeiten ist neben dem Spiel zwischen Farbe, Form und farbigem Kontext die Interaktion von Werk und Betrachter. In der Anschauung eines einzelnen Werkes sind zahlreiche Bildräume erfahrbar, die jedoch erst durch den Betrachter selbst generiert werden. Er wird hierdurch ein Teil des vom Werk ausgelösten ästhetischen Prozesses.
Durch die Irritation des Seheindrucks versucht der Betrachter, etwas Gegenständliches in den Darstellungen zu finden; jedoch bilden nur zwei der in der Ausstellung gezeigten Werke einen eindeutig bestimmbaren Gegenstand ab. Die Grenze zwischen Sachwirklichkeit und Bewusstseinswirklichkeit verschwimmt im Anschauungsprozess, sodass jedes Werk den Betrachter stets aufs Neue zum bewussten und reflektierten Sehen auffordert.
Zur Ausstellung ist im Rahmen eines Projekts mit Studierenden des Kunstgeschichtlichen Instituts der RUB ein Katalog erarbeitet worden. Er ist im Kerber Verlag Bielefeld erschienen und kann in Situation Kunst erworben werden (14 Euro, Studenten 12 Euro). Die Arbeiten von François Morellet, Leon Polk Smith, Norbert Frensch, Josef Albers, Günter Fruhtrunk, Jakob Bill, Nicole Heinzel, Paul Osipow, Donald Judd, Qiu Shi-hua, Bridget Riley, Adolf Luther, Kuno Gonschior, Jan Wawrzyniak, Markus Raetz, Yvaral und Victor Vasarely laden noch bis Februar 2009 dazu ein, sich ihnen und dem (nicht nur) trügenden Schein zu stellen.

Info: Situation Kunst, Nevelstraße 29c-d, Bochum, 0234-2988901, http://www.situation-kunst.de, Öffz. Mi + Fr 14-18, Sa + So 12-18 h, Führungen nach Vereinbarung

Linda Frenzel und Yvonne Petereit
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Letzte Änderung: 1.12.2008| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik