Im Auge des Betrachters
Ausstellung in Situation Kunst: Nur der Schein trügt
nicht
Die aktuelle Ausstellung „Nur der Schein
trügt nicht. Das Sehen als interaktiver Prozess“
in Situation Kunst zeigt eine Reihe von Werken, die den
Besucher vor die Herausforderung einer relativen Seherfahrung
stellen. Das in den Arbeiten veranschaulichte Spiel von
Form und Farbe ruft unterschiedliche Effekte in der Wahrnehmung
hervor, die wortwörtlich vollkommen im Auge des Betrachters
liegen.
Bereits mit dem Titel der Ausstellung wird auf Josef Albers
verwiesen. Ausgehend von seinen künstlerischen und
theoretischen Formulierungen wurde die Ausstellung konzipiert.
Im Werkkomplex „Homage to the Square“, der
exemplarisch für eine Werkserie Albers‘ zwischen
1950 und 1975 steht und einen Themenschwerpunkt im malerischen
Werk des Künstlers bildet, beschäftigt sich
Albers mit der Interaktion von Farbe und ihrem farbigen
Kontext, die ihre Wirkung im Sehen bestimmt. Der subjektive,
in der jeweiligen Anschauung hervortretende Seheindruck,
wird von Albers als „actual fact“ bezeichnet.
Als Kontrast zu dieser Wirkungskraft prägt der Künstler
den Begriff des „factual fact“, der die objektive
Faktizität des Werks erfasst. Folglich stehen die
„actual facts“ in einem Abhängigkeitsverhältnis
zum Betrachter, während die „factual facts“
auch ohne sein Mitwirken existent sind.
Mit der Relativität der Wahrnehmung beschäftigte
sich als einer der wenigen seiner Zeit auch der Kunsthistoriker
und Gründungsordinarius des Kunstgeschichtlichen
Instituts der Ruhr-Universität, Max Imdahl. Anlässlich
seines 20. Todesjahres steht die aktuelle Ausstellung
in Situation Kunst im Kontext einiger Veranstaltungen
des laufenden Semesters, die seiner Widmung gedacht sind.
So ist bereits mit dem Herbstfest von Situation Kunst
im Oktober sowie einem Kolloquium im November an Leben
und Wirken Max Imdahls erinnert worden.
Die Verbindung von Albers und Imdahl beschränkt sich
nicht allein auf ihr Interesse an einer Kunst, bei der
die Wahrnehmung im Vordergrund steht. Max Imdahl erkannte
früh die bedeutende Wirkung von Albers‘ künstlerischem
und theoretischem Werk. So wundert es nicht, dass ihm
maßgeblich auf Imdahls Initiative hin 1967 die Ehrendoktorwürde
der Fakultät für Geschichtswissenschaft der
Ruhr-Universität verliehen wurde.
Wechselspiele
Dem Wechselspiel von verschiedenen Wahrnehmungsmöglichkeiten
begegnet man in allen Werken der Ausstellung. So wird
ein Bogen gespannt von Rasterbildern, wie man sie bei
Yvaral und Morellet findet, bis hin zu Landschaftseindrücken
von Nicole Heinzel und Qui Shi-hua. Zentral in den ausgestellten
Arbeiten ist neben dem Spiel zwischen Farbe, Form und
farbigem Kontext die Interaktion von Werk und Betrachter.
In der Anschauung eines einzelnen Werkes sind zahlreiche
Bildräume erfahrbar, die jedoch erst durch den
Betrachter selbst generiert werden. Er wird hierdurch
ein Teil des vom Werk ausgelösten ästhetischen
Prozesses.
Durch die Irritation des Seheindrucks versucht der Betrachter,
etwas Gegenständliches in den Darstellungen zu
finden; jedoch bilden nur zwei der in der Ausstellung
gezeigten Werke einen eindeutig bestimmbaren Gegenstand
ab. Die Grenze zwischen Sachwirklichkeit und Bewusstseinswirklichkeit
verschwimmt im Anschauungsprozess, sodass jedes Werk
den Betrachter stets aufs Neue zum bewussten und reflektierten
Sehen auffordert.
Zur Ausstellung ist im Rahmen eines Projekts mit Studierenden
des Kunstgeschichtlichen Instituts der RUB ein Katalog
erarbeitet worden. Er ist im Kerber Verlag Bielefeld
erschienen und kann in Situation Kunst erworben werden
(14 Euro, Studenten 12 Euro). Die Arbeiten von François
Morellet, Leon Polk Smith, Norbert Frensch, Josef Albers,
Günter Fruhtrunk, Jakob Bill, Nicole Heinzel, Paul
Osipow, Donald Judd, Qiu Shi-hua, Bridget Riley, Adolf
Luther, Kuno Gonschior, Jan Wawrzyniak, Markus Raetz,
Yvaral und Victor Vasarely laden noch bis Februar 2009
dazu ein, sich ihnen und dem (nicht nur) trügenden
Schein zu stellen.
Info: Situation Kunst, Nevelstraße
29c-d, Bochum, 0234-2988901, http://www.situation-kunst.de,
Öffz. Mi + Fr 14-18, Sa + So 12-18 h, Führungen
nach Vereinbarung
Linda
Frenzel und Yvonne Petereit
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