Der Findling als Gegenspieler
Serie Situation Kunst
Das im September 2006 eröffnete Erweiterungsgebäude
von Situation Kunst beherbergt bedeutende Werke der
Gegenwartskunst: von Richard Serra, Gianni Colombo und
vielen anderen. RUBENS stellt die Exponate nach und
nach vor, diesmal die Skulptur „Relatum –
Response“ von Lee Ufan.
Im rechten Außenhof des Erweiterungsbaus von
Situation Kunst befindet sich, hinter mit Efeu berankten
Pfeilern, die Skulptur „Relatum – Response“
des koreanischen Künstlers Lee Ufan, der das Werk
2004/2005 exakt auf diesen Ausstellungsort bezogen entwickelte.
Das Kunstwerk besteht aus zwei Stahlplatten und zwei
Findlingen und ist flach auf einem Bett aus Granitsplitt
mittig in dem Hof platziert.
Die beiden gleich großen Platten mit den Maßen
400 x 300 x 10 cm stoßen mit ihren Längskanten
direkt aneinander, wodurch sie eine Einheit bilden.
Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass es sich
um zwei massive Stahlplatten handelt, die nur minimal
versetzt nebeneinander gelegt wurden.
Die Platte, die beim Betreten des Hofes die hintere
ist, liegt auf dem Boden auf, so dass man ihre Materialstärke
von 10 cm erkennt. Die vordere hingegen ist bündig
in den Boden eingelassen, weshalb nur ihre Oberfläche
sichtbar ist. Ein Steinfindling liegt auf der vorderen
Stahlplatte, ein zweiter ist unter der hinteren Platte
im Boden verborgen. Ob er ebenso mittig und in welcher
Tiefe er liegt, ist nicht ersichtlich. Es entsteht der
Eindruck, als würde die vordere Platte durch das
Gewicht des Steins in den Boden abgesenkt.
Wechselspiel der Materialien
Lee Ufan setzt die Materialien Stahl und Stein zueinander
in Bezug und dieses Zusammenspiel wiederum in eine Beziehung
zum Ort. Der nach oben offene Hof ist zwar Teil der
Architektur, zugleich ist er aber auch ein Außenraum
und verändert sich je nach Witterung und Tageszeit.
Auch das Kunstwerk selbst verändert sich mit der
Zeit: Die Oberflächen der Stahlplatten rosten im
Zuge des natürlichen Verwitterungsprozesses. Der
Findling, als Gegenspieler zum industriell gefertigten
Stahl, verweist auf einen noch viel größeren
Zeitraum, denn er wurde über Millionen Jahre von
der Natur geformt, wodurch er seine jetzige Gestalt
erhalten hat. Dieses Wechselspiel der Materialien und
ihrer Bedingtheiten zieht sich durch das gesamte skulpturale
Werk von Lee Ufan.
Der Künstler wurde 1936 in Korea geboren. Zunächst
begann er ein Kunststudium in Seoul, verließ jedoch
1956 Korea, um in Japan ostasiatische und europäische
Philosophie zu studieren. Er bereiste Europa und lebt
seit den 70er-Jahren in Paris und Tokio. Die Verbindung
von Stahl und Stein findet sich wiederholt in seinen
Arbeiten, von denen im Umfeld von Situation Kunst einige
weitere Beispiele zu sehen sind. Im Innenraum ist ein
weiteres „Relatum“ aus dem Jahre 2000 zusammen
mit Malereien von Lee Ufan ausgestellt. Ferner gibt
es im anliegenden Schlosspark drei Skulpturen des Künstlers:
„Relatum – Holzwege I“ und „Relatum
– Holzwege II“, beide aus dem Jahr 2000,
und „Relatum with Four Stones and Four Irons“
aus dem Jahr 1978. Immer wieder setzt Lee Ufan die gleichen
Materialien in eine Beziehung, wodurch sich für
den Betrachter ein immer neues Gefüge ergibt. Man
kann die Skulpturen umgehen oder die Wege zwischen den
zueinander gesetzten Bestandteilen der Kunstwerke beschreiten.
Sie laden zum Innehalten ein und spiegeln das, was den
Arbeiten von Lee Ufan gemein ist – die Stille.
Die Grenzen des Erfahrbaren
Betritt man den Hof zu „Relatum – Response“,
erinnert die klare Struktur an Merkmale des Japanischen
Trockengartens. Auch dieser ist umschlossen und ohne
Pflanzen, nur mit Steinen angelegt. Die Skulptur ist
so auf die Maße des Hofes bezogen, dass man mit
einem kleineren Abstand um sie herumgehen kann. Der
Besucher kann sich auf die einzelnen Elemente des Werkes
konzentrieren und es von allen Seiten jeweils im Zusammenhang
mit dem tatsächlichen Ort betrachten. Indem der
zweite Findling im Boden verborgen bleibt und doch Bestandteil
des Werkes ist, erschließt dieses sich nicht allein
in der Betrachtung, sondern ist erst durch das Wissen
um die Existenz des Nicht-Sichtbaren sinnvoll zu erfassen.
Lee Ufan arbeitet nicht nur mit dem Gemeinsamen und
dem Gegensätzlichen der Bestandteile seiner Kunstwerke,
sondern berührt darüber hinaus die Grenzen
des Erfahrbaren und des Verborgenen.
Anna
Gerhard
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