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RUBENS 128

1. November 2008

Der Findling als Gegenspieler


Serie Situation Kunst

Das im September 2006 eröffnete Erweiterungsgebäude von Situation Kunst beherbergt bedeutende Werke der Gegenwartskunst: von Richard Serra, Gianni Colombo und vielen anderen. RUBENS stellt die Exponate nach und nach vor, diesmal die Skulptur „Relatum – Response“ von Lee Ufan.

Im rechten Außenhof des Erweiterungsbaus von Situation Kunst befindet sich, hinter mit Efeu berankten Pfeilern, die Skulptur „Relatum – Response“ des koreanischen Künstlers Lee Ufan, der das Werk 2004/2005 exakt auf diesen Ausstellungsort bezogen entwickelte. Das Kunstwerk besteht aus zwei Stahlplatten und zwei Findlingen und ist flach auf einem Bett aus Granitsplitt mittig in dem Hof platziert.
Die beiden gleich großen Platten mit den Maßen 400 x 300 x 10 cm stoßen mit ihren Längskanten direkt aneinander, wodurch sie eine Einheit bilden. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass es sich um zwei massive Stahlplatten handelt, die nur minimal versetzt nebeneinander gelegt wurden.
Die Platte, die beim Betreten des Hofes die hintere ist, liegt auf dem Boden auf, so dass man ihre Materialstärke von 10 cm erkennt. Die vordere hingegen ist bündig in den Boden eingelassen, weshalb nur ihre Oberfläche sichtbar ist. Ein Steinfindling liegt auf der vorderen Stahlplatte, ein zweiter ist unter der hinteren Platte im Boden verborgen. Ob er ebenso mittig und in welcher Tiefe er liegt, ist nicht ersichtlich. Es entsteht der Eindruck, als würde die vordere Platte durch das Gewicht des Steins in den Boden abgesenkt.

Wechselspiel der Materialien

Lee Ufan setzt die Materialien Stahl und Stein zueinander in Bezug und dieses Zusammenspiel wiederum in eine Beziehung zum Ort. Der nach oben offene Hof ist zwar Teil der Architektur, zugleich ist er aber auch ein Außenraum und verändert sich je nach Witterung und Tageszeit. Auch das Kunstwerk selbst verändert sich mit der Zeit: Die Oberflächen der Stahlplatten rosten im Zuge des natürlichen Verwitterungsprozesses. Der Findling, als Gegenspieler zum industriell gefertigten Stahl, verweist auf einen noch viel größeren Zeitraum, denn er wurde über Millionen Jahre von der Natur geformt, wodurch er seine jetzige Gestalt erhalten hat. Dieses Wechselspiel der Materialien und ihrer Bedingtheiten zieht sich durch das gesamte skulpturale Werk von Lee Ufan.
Der Künstler wurde 1936 in Korea geboren. Zunächst begann er ein Kunststudium in Seoul, verließ jedoch 1956 Korea, um in Japan ostasiatische und europäische Philosophie zu studieren. Er bereiste Europa und lebt seit den 70er-Jahren in Paris und Tokio. Die Verbindung von Stahl und Stein findet sich wiederholt in seinen Arbeiten, von denen im Umfeld von Situation Kunst einige weitere Beispiele zu sehen sind. Im Innenraum ist ein weiteres „Relatum“ aus dem Jahre 2000 zusammen mit Malereien von Lee Ufan ausgestellt. Ferner gibt es im anliegenden Schlosspark drei Skulpturen des Künstlers: „Relatum – Holzwege I“ und „Relatum – Holzwege II“, beide aus dem Jahr 2000, und „Relatum with Four Stones and Four Irons“ aus dem Jahr 1978. Immer wieder setzt Lee Ufan die gleichen Materialien in eine Beziehung, wodurch sich für den Betrachter ein immer neues Gefüge ergibt. Man kann die Skulpturen umgehen oder die Wege zwischen den zueinander gesetzten Bestandteilen der Kunstwerke beschreiten. Sie laden zum Innehalten ein und spiegeln das, was den Arbeiten von Lee Ufan gemein ist – die Stille.

Die Grenzen des Erfahrbaren

Betritt man den Hof zu „Relatum – Response“, erinnert die klare Struktur an Merkmale des Japanischen Trockengartens. Auch dieser ist umschlossen und ohne Pflanzen, nur mit Steinen angelegt. Die Skulptur ist so auf die Maße des Hofes bezogen, dass man mit einem kleineren Abstand um sie herumgehen kann. Der Besucher kann sich auf die einzelnen Elemente des Werkes konzentrieren und es von allen Seiten jeweils im Zusammenhang mit dem tatsächlichen Ort betrachten. Indem der zweite Findling im Boden verborgen bleibt und doch Bestandteil des Werkes ist, erschließt dieses sich nicht allein in der Betrachtung, sondern ist erst durch das Wissen um die Existenz des Nicht-Sichtbaren sinnvoll zu erfassen. Lee Ufan arbeitet nicht nur mit dem Gemeinsamen und dem Gegensätzlichen der Bestandteile seiner Kunstwerke, sondern berührt darüber hinaus die Grenzen des Erfahrbaren und des Verborgenen.

Anna Gerhard
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Letzte Änderung: 31.10.2008| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik