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RUBENS 127

1. Oktober 2008

Risiken und Nebenwirkungen




Meinungsbeitrag zum neuen Lehrerausbildungsgesetz


Das Modell gestufter Lehrerbildung an der RUB hat bei der jüngst abgeschlossenen Akkreditierung des Studiengangs eine überaus positive Bewertung erhalten. Es sei, so die Gutachter, „unter allen akkreditierungsrelevanten Kriterien als sehr gut bis ausgezeichnet einzuschätzen“. Man sollte meinen, dass mit dieser erfolgreichen Akkreditierung die Lehrerbildung an der RUB in eine Phase der Konsolidierung und Optimierung des bisher Erreichten eintreten könnte.
Diese Hoffnung ist leider trügerisch. Die Landesregierung hat im Juni den Entwurf eines neuen Lehrerausbildungsgesetztes (LABG) auf den parlamentarischen Weg gebracht, der auch an der RUB für neue Turbulenzen sorgen wird, weil er eine schnelle Anpassung der geltenden Studien- und Prüfungsordnungen an die neuen ministeriellen Vorgaben verlangt. Im Grundsatz, in der Entscheidung für eine gestufte Lehrerbildung, orientiert sich das neue LABG zwar am Bochumer Modell. Und die Angleichung der Studiendauer für die unterschiedlichen Lehrämter oder die Stärkung der Fachdidaktiken und der Erziehungswissenschaft sind lobenswert. Aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail.

Ende der Polyvalenz?

Der Gesetzentwurf gibt vor, die Eigenverantwortung der Hochschulen für die Qualität der Lehrerbildung zu stärken. Aber er behält dem Ministerium ein Vetorecht bei der späteren Akkreditierung der Studiengänge vor und greift mit den Bestimmungen für die Zulassungen zum nachfolgenden Vorbereitungsdienst (LZV) mit detaillierten Regelungen in die Kreditierung und inhaltliche Ausgestaltung und teilweise auch die Prüfungsformen des vorangegangenen Studiums ein.
Die starren Vorgaben für die Verteilung der 300 Kreditpunkte für das B.A.- und das nachfolgende M.Ed.-Studium auf die Unterrichtsfächer, auf die Erziehungswissenschaft und die Praktika werden insbesondere für den Optionalbereich des Bachelor-Studiums in Bochum weit reichende Folgen haben. Ein solcher fächerübergreifender Studienbereich ist im neuen LABG nämlich nicht vorgesehen. B.A.-Studierende, die sich die Anschlussperspektive eines M.Ed.-Studiums erhalten wollen, werden im Optionalbereich zukünftig bereits obligatorische schul- und unterrichtsbezogene Studienelemente wie „Deutsch als Fremdsprache“ absolvieren müssen. Mit dem Prinzip der Polyvalenz des B.A.-Studiums ist dies kaum zu vereinbaren.

Assistenzpraktikum ohne Sinn

Eine stärkere Praxisorientierung des Lehramtsstudiums und eine verbesserte Zusammenarbeit von 1. und 2. Ausbildungsphase sind die Leitziele des neuen LABG. Wer wollte diesen hehren Zielen widersprechen? Gegen die entsprechenden Vorgaben für die drei obligatorischen Praxisphasen – ein Assistenzpraktikum vor Beginn des B.A.-Studiums, ein Orientierungspraktikum während des B.A.-Studiums und schließlich das Praxissemester als Kernstück der Reform – lassen sich allerdings erhebliche prinzipielle und pragmatische Einwände formulieren: Welchen Sinn es haben soll, potenziellen Lehramtsstudierenden nach einer mindestens 12-jährigen Schulzeit vor dem Beginn eines – angeblich – polyvalenten Bachelor-Studiums ein sechswöchiges „Assistenzpraktikum“ zur Erkundung des Tätigkeitsfelds Schule zwingend vorzuschreiben, lässt sich kaum nachvollziehen. Auch nicht die Vorgabe, warum das – sinnvolle – Orientierungspraktikum am Ende des Bachelor-Studiums um ein weiteres Praktikum in der „Kinder- und Jugendarbeit“ ergänzt werden soll, für das es absehbar keine hinreichenden institutionellen Angebote geben wird.
Das Kernstück der Reform, die Einführung eines verbindlichen Praxissemesters im Master-Studium, provoziert ebenfalls kritische Rückfragen: Die RUB hatte bereits in den vergangenen Jahren – erfolglos – einen entsprechenden Modellversuch für eine kleine Gruppe von Studierenden beantragt, um die Möglichkeiten einer engeren Verknüpfung theoretischer und praktischer Ausbildungsinhalte zu erproben und erfolgversprechende Formen der Kooperation mit den Studienseminaren und Schulen zu entwickeln. Statt eines wissenschaftlichen begleiteten Modellversuchs wird jetzt ein „Großexperiment“ mit ungewissem Ausgang verfügt, bei dem nicht einmal die elementare Voraussetzung, die Bereitstellung einer hinreichenden Anzahl von Praktikumsplätzen in Hochschulnähe gesichert ist.

Halbiertes Referendariat

Mit der Ausweitung und Intensivierung der Praxisphasen im universitären Lehramtstudium wird eine weitere folgenreiche Veränderung der Lehrerbildung in NRW legitimiert, nämlich die schrittweise Verkürzung des nachfolgenden Referendariats auf ein Jahr. Ob aber mit der Addition unterschiedlich konzipierter und zeitlich weit auseinander liegender Praxisphasen in der Hochschulausbildung der Wegfall eines ganzen Ausbildungsjahres im Referendariat kompensiert werden kann, erscheint mehr als zweifelhaft. Tendenziell verwischt der Entwurf des neuen LABG die Differenz zwischen den genuinen Beiträgen der ersten und der zweiten Phase der Lehrerausbildung für die Professionalisierung zukünftiger Lehrerinnen und Lehrer. Die Vorstellung des Ministeriums, dass die zukünftigen Absolventen eines M.Ed.-Studiums mit Eintritt in das Referendariat bereits über eine handlungsbezogene Expertise für einen eigenverantwortlichen, bedarfsdeckenden Unterricht verfügen werden, ist schlechterdings „waghalsig“.
Reformen verursachen bekanntlich Kosten. Das Ministerium verweist mit Stolz darauf, dass die neuen Ausbildungsstrukturen durch zusätzliche Finanzmittel im Umfang von 100 Millionen Euro gefördert werden. Dem stehen allerdings beträchtliche Einsparungen durch die schrittweise Verkürzung des Referendariats gegenüber. Bei genauer Hinsicht sind es die zukünftigen Lehramtsstudierenden, die einen erheblichen Teil der Kosten dieser Reform zu tragen haben. Werden bislang die letzten beiden Ausbildungsjahre vor dem 2. Staatsexamen staatlich alimentiert, so wird es in Zukunft nur noch das letzte Jahr sein. Von einer früher diskutierten finanziellen Unterstützung während eines Praxissemesters ist heute nicht einmal mehr die Rede. Wie in weiten Bereichen der Wirtschaft werden für die „Generation Praktikum“ bisherige Ausbildungskosten privatisiert.




 

 




Prof. Dr. Franzjörg Baumgart, Institut für Pädagogik
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Letzte Änderung: 30.9.2008| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik