„Eine
Maschine, die Gedanken liest“
Serie Medizinhistorische Sammlung
„Man vergegenwärtige sich das Wunder, da
sitzt ein Mensch über einer Rechenaufgabe, Drähte
führen von seinem Gehirn in einen anderen Raum
zu einem Registrierapparat. Hier weiß und sieht
man nichts weiter, als das Zickzack, das ein Zeiger
auf einer Papierrolle aufzeichnet, und doch liest man
daran ab, wann der Mann im Nebenzimmer zu rechnen begonnen
hat, ob es sehr anstrengt und wann er die Rechnung vollendet
hat. Gedankenlesen? Kurvenlesen!“ Mit diesen euphorischen
Worten kommentiert das Neue Wiener Journal vom 4. Juli
1930 die neue Technik der Hirnstromkurvenschreibung,
der Elektroenzephalographie (EEG).
1929 das erste EEG
1929 hatte der Psychiater und Neurologe Hans Berger
(1873-1941) aus Jena ein erstes EEG publiziert. Wie
die zeitgenössischen Reaktionen belegen, ging von
dem neuen Verfahren eine ungeheure Faszination aus,
die sich in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit
um die Hoffnung rankte, die „Sprache des Gehirns“
zu entschlüsseln und das Geheimnis des Denkens
aufzudecken. EEG’s von bekannten Persönlichkeiten
wurden erstellt und öffentlich analysiert, etwa
von Albert Einstein, John von Neumann und Norbert Wiener.
Die Implementierung des EEG in die ärztliche Diagnostik,
zunächst im Krankenhaus, verlief schnell. Das neue
Verfahren erschloss den Ärzten diagnostische Nischen,
wie etwa bei der Lokalisation von Hirntumoren. Zudem
beobachtete man, dass epileptische Anfälle mit
spezifischen Veränderungen der elektrischen Aktivität
des Gehirns einhergingen und dass Epilepsiekranke auch
in anfallsfreien Phasen ein verändertes EEG zeigten.
Dadurch verschob sich die ärztliche Deutung der
Epilepsie grundlegend. Die Epilepsiekranken galten endgültig
nicht mehr als „Geisteskranke“, ihr Leiden
wurde als messbare Organfunktionsstörung interpretiert.
Weitere Faktoren, von denen der Erfolg der EEG und der
gesamten Elektrodiagnostik abhingen, waren die schon
etablierten elektrophysiologischen Verfahren und Aufzeichnungsapparate
sowie die weit verbreitete Tendenz, Gesundheit und Krankheit
als technisch fassbare Messwerte dem Körper einzuschreiben
und in Form von Kurvenbildern, Diagrammen und Zahlenfolgen
in die ärztlichen Praktiken zu integrieren.
Hirnspiegel
Berger selbst hatte schon vor Entwicklung seines Elektroenzephalographen
mit Hilfe eines Kurvenschreibers versucht, winzige Schwankungen
des Hirnvolumens zu registrieren und mit mentalen und
seelischen Zuständen in Beziehung zu setzten. Analog
arbeitete er später mit seinen Hirnstromkurvenbildern:
Das EEG war für ihn ein „Hirnspiegel“,
der physiologische Spuren psychischer Prozesse aufzeichnete.
Die neue Technik trug so dazu bei, dass die im Gehirn
verorteten geistigen Prozesse als Leistungen einer elektrischen
Maschine aufgefasst und erklärt wurden.
Die Entdeckung und Implementierung des EEG in die medizinische
Diagnostik verlief als komplexer Aushandlungs- und Aneignungsprozess.
In ihm agierten Ärzte, Naturforscher, Öffentlichkeit
und Medien, etablierte Techniken und Denkmuster als
Akteure eines weit gespannten Netzwerkes. Ihm hat die
Abteilung für Medizinische Ethik und Geschichte
der Medizin im Sommersemester 08 die Ringvorlesung „Die
Elektrifizierung des menschlichen Körpers –
Umbrüche in Diagnose, Therapie und Forschung“
gewidmet.
Der hier gezeigte Elektroenzephalograph, Typ „Encephaloscript
820“ stammt aus den 60er-Jahren. Er verweist auf
den verstärkten Einsatz dieser Technik durch niedergelassene
Neurologen, eine Phase, die nach dem 2. Weltkrieg begann.
Produziert hat ihn die Fritz Schwarzer GmbH München.
Der Apparat gelangte im Sommer 2008 mit Unterstützung
durch den Förderverein der Medizinhistorischen
Sammlung in den Besitz der RUB. Die Hirnstromkurven
stammen aus dem Beitrag „Elektroenzephalographie“
von Heinz Gänshirt (Wissenschaftliches Beiblatt
zur Materia Medica Nordmark, Nr. 48, 1963, dort S. 5).
Das Heft befand sich beim Apparat. Als Ausschnitt aus
dem gesamten EEG sind zwei von acht Hirnstromkurven
zu sehen, die von verschiedenen Stellen des Kopfes abgeleitet
wurden. Die obere Linie ist eine Zeitschreibung, die
einzelnen Markierungen liegen jeweils eine Sekunde auseinander.
Info: Medizinhistorische Sammlung
der Ruhr-Universität im Malakowturm, http://www.rub.de/malakow,
geöffnet Mi 9-12 h.
Stefan
Schulz
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