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RUBENS 127

1. Oktober 2008

„Eine Maschine, die Gedanken liest“



Serie Medizinhistorische Sammlung

„Man vergegenwärtige sich das Wunder, da sitzt ein Mensch über einer Rechenaufgabe, Drähte führen von seinem Gehirn in einen anderen Raum zu einem Registrierapparat. Hier weiß und sieht man nichts weiter, als das Zickzack, das ein Zeiger auf einer Papierrolle aufzeichnet, und doch liest man daran ab, wann der Mann im Nebenzimmer zu rechnen begonnen hat, ob es sehr anstrengt und wann er die Rechnung vollendet hat. Gedankenlesen? Kurvenlesen!“ Mit diesen euphorischen Worten kommentiert das Neue Wiener Journal vom 4. Juli 1930 die neue Technik der Hirnstromkurvenschreibung, der Elektroenzephalographie (EEG).

1929 das erste EEG

1929 hatte der Psychiater und Neurologe Hans Berger (1873-1941) aus Jena ein erstes EEG publiziert. Wie die zeitgenössischen Reaktionen belegen, ging von dem neuen Verfahren eine ungeheure Faszination aus, die sich in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit um die Hoffnung rankte, die „Sprache des Gehirns“ zu entschlüsseln und das Geheimnis des Denkens aufzudecken. EEG’s von bekannten Persönlichkeiten wurden erstellt und öffentlich analysiert, etwa von Albert Einstein, John von Neumann und Norbert Wiener.
Die Implementierung des EEG in die ärztliche Diagnostik, zunächst im Krankenhaus, verlief schnell. Das neue Verfahren erschloss den Ärzten diagnostische Nischen, wie etwa bei der Lokalisation von Hirntumoren. Zudem beobachtete man, dass epileptische Anfälle mit spezifischen Veränderungen der elektrischen Aktivität des Gehirns einhergingen und dass Epilepsiekranke auch in anfallsfreien Phasen ein verändertes EEG zeigten. Dadurch verschob sich die ärztliche Deutung der Epilepsie grundlegend. Die Epilepsiekranken galten endgültig nicht mehr als „Geisteskranke“, ihr Leiden wurde als messbare Organfunktionsstörung interpretiert.
Weitere Faktoren, von denen der Erfolg der EEG und der gesamten Elektrodiagnostik abhingen, waren die schon etablierten elektrophysiologischen Verfahren und Aufzeichnungsapparate sowie die weit verbreitete Tendenz, Gesundheit und Krankheit als technisch fassbare Messwerte dem Körper einzuschreiben und in Form von Kurvenbildern, Diagrammen und Zahlenfolgen in die ärztlichen Praktiken zu integrieren.

Hirnspiegel

Berger selbst hatte schon vor Entwicklung seines Elektroenzephalographen mit Hilfe eines Kurvenschreibers versucht, winzige Schwankungen des Hirnvolumens zu registrieren und mit mentalen und seelischen Zuständen in Beziehung zu setzten. Analog arbeitete er später mit seinen Hirnstromkurvenbildern: Das EEG war für ihn ein „Hirnspiegel“, der physiologische Spuren psychischer Prozesse aufzeichnete. Die neue Technik trug so dazu bei, dass die im Gehirn verorteten geistigen Prozesse als Leistungen einer elektrischen Maschine aufgefasst und erklärt wurden.
Die Entdeckung und Implementierung des EEG in die medizinische Diagnostik verlief als komplexer Aushandlungs- und Aneignungsprozess. In ihm agierten Ärzte, Naturforscher, Öffentlichkeit und Medien, etablierte Techniken und Denkmuster als Akteure eines weit gespannten Netzwerkes. Ihm hat die Abteilung für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin im Sommersemester 08 die Ringvorlesung „Die Elektrifizierung des menschlichen Körpers – Umbrüche in Diagnose, Therapie und Forschung“ gewidmet.
Der hier gezeigte Elektroenzephalograph, Typ „Encephaloscript 820“ stammt aus den 60er-Jahren. Er verweist auf den verstärkten Einsatz dieser Technik durch niedergelassene Neurologen, eine Phase, die nach dem 2. Weltkrieg begann. Produziert hat ihn die Fritz Schwarzer GmbH München. Der Apparat gelangte im Sommer 2008 mit Unterstützung durch den Förderverein der Medizinhistorischen Sammlung in den Besitz der RUB. Die Hirnstromkurven stammen aus dem Beitrag „Elektroenzephalographie“ von Heinz Gänshirt (Wissenschaftliches Beiblatt zur Materia Medica Nordmark, Nr. 48, 1963, dort S. 5). Das Heft befand sich beim Apparat. Als Ausschnitt aus dem gesamten EEG sind zwei von acht Hirnstromkurven zu sehen, die von verschiedenen Stellen des Kopfes abgeleitet wurden. Die obere Linie ist eine Zeitschreibung, die einzelnen Markierungen liegen jeweils eine Sekunde auseinander.

Info: Medizinhistorische Sammlung der Ruhr-Universität im Malakowturm, http://www.rub.de/malakow, geöffnet Mi 9-12 h.



 

 




Stefan Schulz
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Letzte Änderung: 30.9.2008| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik