An die Luft
gesetzt
Freiland-Experiment im BoGa
Früher war hier mal das Hochsauerland. Jetzt stehen
wir mitten in einem Experiment. Auf rund 1.000 Quadratmetern
im Botanischen Garten, einem sanft gerundeten, grasbewachsenen
Hügel, entfaltet sich die Pflanzenwelt der Süd-Anden.
Hoffentlich. Denn bisher waren die Pflanzen im Tropenhaus
beheimatet, wie in allen anderen deutschen Gärten.
Man traute sich nicht, ihnen das hiesige Klima zuzumuten.
„Aber als ich letztes Jahr mit meinem 80-jährigen
Doktorvater in Chile war, hab ich derartig gefroren,
dass ich dachte: Kälter wird es bei uns auch nicht.“
Dieses Erlebnis hat Prof. Thomas Stützel, Direktor
des Botanischen Gartens dazu bewogen, die Pflanzen an
die Luft zu setzen.
Dabei ist es nicht allein die Kälte, die ihnen
zu schaffen macht, sondern der Niederschlag. „Bei
uns ist es den ganzen Winter matschig“, sagt Stützel.
„In den Anden regnet es im ganzen Winterhalbjahr
nur 100 bis 150 Milliliter.“ Im Innern des Hügels
verbergen sich deswegen Drainagerohre, die das Regenwasser
ablaufen lassen, damit die Wurzeln nicht im Wasser stehen.
Nach einem Jahr im Freien scheint es den meisten Pflanzen
gut zu gehen. Einige sind neu angeschafft worden und
noch klein, andere aus dem Tropenhaus umgezogen und
schon vorher übermannshoch gewesen – umgetopft
mit Hilfe von Kränen aus ihren riesigen Kübeln.
Die meisten haben kleine, derbe Blätter, angepasst
ans Klima in Südamerika. Dort finden die Jahreszeitenwechsel
nicht im Laufe von Monaten statt, sondern eher im Laufe
eines Tages: Während es tagsüber mitunter
heiß ist, fällt die Temperatur nachts stark
ab. Ein Teil der Pflanzen ist immergrün, andere
werfen die Blätter im Winter ab. Manche sind gute
Bekannte aus den Vorgärten der Nachbarschaft, z.
B. die Berberitzen oder der Affenschwanzbaum. „Den
kann man allerdings in Bayern schon nicht mehr nach
draußen pflanzen“, weiß Stützel.
Es ist eben ein Experiment. Aber Stützel ist zuversichtlich.
Die wenigen Pflanzen, deren Blätter traurig und
tot aussehen, bekommen nächstes Jahr eine neue
Chance. „Hier sieht man schon kleine Knospen“,
er zupft an einem trockenen Zweig, „gut möglich,
dass das im nächsten Frühjahr wieder ausschlägt.“
Und selbst wenn nicht, will er nicht aufgeben. Manchmal
klappt es, manchmal nicht. Das Gelingen hängt beim
Gärtnern immer von vielen Faktoren ab. Der Klimawandel
könnte sich als Helfer für die Anden im Bochumer
Freiland erweisen, aber so genau weiß noch niemand,
wie er sich tatsächlich auswirken wird –
abwarten. Um das Hochsauerland ist es Stützel nicht
schade: „Wer die Pflanzen sehen mag, die dort
wachsen, kann nach Winterberg fahren“, meint er.
„Nach Südamerika ist es ein bisschen weiter.
md
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