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RUBENS 127

1. Oktober 2008



Geistige Hochleistungen auch mit schwachem IQ möglich!

Leserbrief zum Artikel „Irgendwie anders“, RUBENS 126, Juli 2008


Rubens warb in diesem Artikel um Sympathie für Hochbegabte und gab einen Einblick in deren typische Probleme; sicherlich ist das ein interessantes Thema für die RUB, es ist davon auszugehen, dass man es an Unis häufig mit Hochbegabten zu tun hat. Der Artikel bedarf allerdings einer Ergänzung zu der Frage, wie eng der IQ mit den zu erwartenden geistigen Leistungen verknüpft ist. Eine kürzlich erschienene Studie über die kognitiven Voraussetzungen fürs Schachspielen liefert wertvolle Einblicke, da von einer Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Bereiche auszugehen ist (Grabner, Stern, & Neubauer, 2007. Individual differences in chess expertise: A psychometric investigation. Acta Psychologica, 124, 398-420; www.ifvll.ethz.ch/people/sterne/Grabner_Stern_Neubauer_Acta_2006.pdf).
Wichtigstes Ergebnis dieser Studie: Auch mit einem unterdurchschnittlichen IQ von 85-90 kann eine Spielstärke erreicht werden, die in den meisten Schachvereinen völlig ausreicht, um alle anderen Spieler permanent vom Brett zu fegen. Um allerdings auch überregional oder gar international erfolgreich zu sein, braucht es einen IQ im Bereich von 120 bis 130, aber offenbar auch keine IQ-Superwerte bei 140 bis 150.
Was sind denn die Kriterien zum Erreichen einer hohen Spielstärke, die wichtiger als die Intelligenz sind? Am wichtigsten sind offenbar viel Erfahrung in Form von Spielpraxis und quasi ein Studium zum tieferen Verständnis des Spiels. Es gilt die 10-Jahre-Regel zum Erlangen des Meisterniveaus, gleichgültig ob in Kunst, Musik, Sport oder Wissenschaft: Über 10 Jahre intensive Beschäftigung mit dem Bereich des Interesses, am besten mehre Stunden am Tag. In früher Jugend damit anzufangen, ist von unschätzbarem Vorteil. Dabei reicht es aber nicht aus, einfach seine Stunden am Klavier stupide runterzuklimpern oder seine Schachpartien runterzublitzen. Das bringt letztlich wenig Fortschritt. Wesentlich ist, ständig konzentriert nach Verbesserung zu streben.
Weitere Faktoren für den Erfolg im Schach, wie auch anderswo: selbstverständlich die Motivation. Sonst hält man nicht die 10 Jahre Üben durch. Dann die emotionale Kontrolle; auch naheliegend, denn erstens bedeutet dies Disziplin und zweitens auch, im Turnier nicht die Nerven zu verlieren. Als letzter wichtiger Faktor wird in der Studie die Intuition genannt. Vielleicht wird in der Studie hierbei übersehen, dass sich hinter der Intuition ebenfalls viel Erfahrung verbirgt. Denn Intuition beruht auf unterbewussten Prozessen, die nur dann zuverlässig laufen können, wenn mit viel Übung über Jahre hinweg etwas in Fleisch und Blut übergegangen ist.
Zusammengefasst bedeutet das: IQ 85 ist kein Grund zu resignieren. Mit viel Disziplin, Fleiß und Leistungsmotivation, schrittweise aufgebaut durch kleine Erfolge, kann man durchaus fehlende 30 bis 40 IQ-Punkte überkompensieren. Umgekehrt gilt für viele Hochbegabte, dass sie sich zwar durch ihren genetischen Vorteil durch Schule oder gar Studium durchschummeln können, aber ohne Arbeitsdisziplin es niemals zu einer Meisterschaft worin auch immer bringen. Nie gelernt zu haben, sich anzustrengen und diszipliniert zu üben, ist eine der Fallen, in die Hochbegabte allzu leicht tappen.

PS: Wenn auch Sie ein Artikel zum Kommentieren animiert, schreiben Sie bitte ebenfalls einen Leserbrief. Der kürzeste Weg zur Redaktion führt über eine E-Mail an rubens@presse.rub.de; einfach den Leserbrief als Word-Dokument anfügen oder aus der Mail als solchen einen Leserbrief machen.

 


 

 

 




Prof. Dr. Gerald Dyker, Fakultät Chemie & Biochemie
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Letzte Änderung: 30.9.2008| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik