Geistige Hochleistungen auch mit schwachem IQ möglich!
Leserbrief
zum Artikel „Irgendwie anders“, RUBENS 126,
Juli 2008
Rubens warb in diesem Artikel
um Sympathie für Hochbegabte und gab einen Einblick
in deren typische Probleme; sicherlich ist das ein interessantes
Thema für die RUB, es ist davon auszugehen, dass
man es an Unis häufig mit Hochbegabten zu tun hat.
Der Artikel bedarf allerdings einer Ergänzung zu
der Frage, wie eng der IQ mit den zu erwartenden geistigen
Leistungen verknüpft ist. Eine kürzlich erschienene
Studie über die kognitiven Voraussetzungen fürs
Schachspielen liefert wertvolle Einblicke, da von einer
Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Bereiche
auszugehen ist (Grabner, Stern, & Neubauer, 2007.
Individual differences in chess expertise: A psychometric
investigation. Acta Psychologica, 124, 398-420; www.ifvll.ethz.ch/people/sterne/Grabner_Stern_Neubauer_Acta_2006.pdf).
Wichtigstes Ergebnis dieser Studie: Auch mit einem unterdurchschnittlichen
IQ von 85-90 kann eine Spielstärke erreicht werden,
die in den meisten Schachvereinen völlig ausreicht,
um alle anderen Spieler permanent vom Brett zu fegen.
Um allerdings auch überregional oder gar international
erfolgreich zu sein, braucht es einen IQ im Bereich
von 120 bis 130, aber offenbar auch keine IQ-Superwerte
bei 140 bis 150.
Was sind denn die Kriterien zum Erreichen einer hohen
Spielstärke, die wichtiger als die Intelligenz
sind? Am wichtigsten sind offenbar viel Erfahrung in
Form von Spielpraxis und quasi ein Studium zum tieferen
Verständnis des Spiels. Es gilt die 10-Jahre-Regel
zum Erlangen des Meisterniveaus, gleichgültig ob
in Kunst, Musik, Sport oder Wissenschaft: Über
10 Jahre intensive Beschäftigung mit dem Bereich
des Interesses, am besten mehre Stunden am Tag. In früher
Jugend damit anzufangen, ist von unschätzbarem
Vorteil. Dabei reicht es aber nicht aus, einfach seine
Stunden am Klavier stupide runterzuklimpern oder seine
Schachpartien runterzublitzen. Das bringt letztlich
wenig Fortschritt. Wesentlich ist, ständig konzentriert
nach Verbesserung zu streben.
Weitere Faktoren für den Erfolg im Schach, wie
auch anderswo: selbstverständlich die Motivation.
Sonst hält man nicht die 10 Jahre Üben durch.
Dann die emotionale Kontrolle; auch naheliegend, denn
erstens bedeutet dies Disziplin und zweitens auch, im
Turnier nicht die Nerven zu verlieren. Als letzter wichtiger
Faktor wird in der Studie die Intuition genannt. Vielleicht
wird in der Studie hierbei übersehen, dass sich
hinter der Intuition ebenfalls viel Erfahrung verbirgt.
Denn Intuition beruht auf unterbewussten Prozessen,
die nur dann zuverlässig laufen können, wenn
mit viel Übung über Jahre hinweg etwas in
Fleisch und Blut übergegangen ist.
Zusammengefasst bedeutet das: IQ 85 ist kein Grund zu
resignieren. Mit viel Disziplin, Fleiß und Leistungsmotivation,
schrittweise aufgebaut durch kleine Erfolge, kann man
durchaus fehlende 30 bis 40 IQ-Punkte überkompensieren.
Umgekehrt gilt für viele Hochbegabte, dass sie
sich zwar durch ihren genetischen Vorteil durch Schule
oder gar Studium durchschummeln können, aber ohne
Arbeitsdisziplin es niemals zu einer Meisterschaft worin
auch immer bringen. Nie gelernt zu haben, sich anzustrengen
und diszipliniert zu üben, ist eine der Fallen,
in die Hochbegabte allzu leicht tappen.
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Prof.
Dr. Gerald Dyker, Fakultät Chemie & Biochemie
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