Kriminologie aus der Ferne
Der weiterbildende Masterstudiengang setzt auf Blended-Learning
Los ging es im WS 05/06 als Präsenzstudium
für 30 Studierende. Doch längst ist aus dem
weiterbildenden Masterstudiengang „Kriminologie
und Polizeiwissenschaft“ an der Juristischen Fakultät
ein Fernstudiengang (Blended-Learning) mit über
60 Studierenden geworden. Wie und wann diese Blackboard
und andere E-learning-Werkzeuge nutzen, haben die Juristen
nun detailliert untersucht.
Jährlich bewerben sich rund 200 berufserfahrene
Personen um einen der 60 Plätze im Studiengang:
Juristen, Psychologen, Mediziner, Sozialwissenschaftler,
Lehrer, Polizisten und Sozialarbeiter. Dass ihnen ein
kompletter Fernstudiengang angeboten werden kann, ist
zum einen der multimedialen Ausstattung der RUB zu verdanken.
Wurden in anderen Fernstudiengängen früher
und z. T. heute noch Kurs- und Lernunterlagen per Post
verschickt, arbeiten die Bochumer von Anfang an mit
Blackboard. Diese E-learning-Plattform ist speziell
zum Lehren und Lernen außerhalb der Vorlesungsräume
konzipiert und bietet exzellente Möglichkeiten
für ein Fernstudium. Seit 2007 setzen die Juristen
zudem Adobe Connect ein, um den Studierenden Vorlesungen
auch als mediales (Video-)Ereignis präsentieren
zu können.
100.000 Zugriffe
Um zu erfahren, wann und wie lange die Studierenden
im virtuellen Klassenzimmer sitzen, hat der Lehrstuhl
für Kriminologie, der für den Masterstudiengang
verantwortlich ist, die Zugriffe auf Blackboard ausgewertet.
Als Beispiel diente die Aufzeichnung der Vorlesung Kriminologie
I (Januar bis April 2008). Untersucht wurden Häufigkeit
und Tagesverteilung der Zugriffe von 75 Teilnehmern
(darunter fünf Dozenten/Betreuern). In den knapp
drei Monaten wurden mehr als 100.000 Zugriffe auf das
System registriert: darunter rund 37.000 auf die administrativen
Bereiche („Ankündigungen und Diskussionsforum“)
und über 49.000 auf die sog. Inhaltsbereiche (z.B.
Kursunterlagen). Das bedeutet einen Durchschnitt von
weit über 1.000 Zugriffen pro Person. Allein diese
Zahlen sprechen deutlich für die Akzeptanz und
das Engagement der Studierenden.
Die Besonderheit, dass nahezu alle Teilnehmer/innen
voll berufstätig sind, spiegelt sich in der Aufteilung
der Zugriffe wieder. Mit 3.500 bis rund 4.200 liegen
die Stunden zwischen 18 und 22 h deutlich an der Spitze.
Am Wochenende ist die Zugriffintensität etwas geringer
als in der Woche, am häufigsten büffeln die
Studierenden montags und donnerstags. Die erhöhte
Zugriffsintensität an Donnerstagen hängt vermutlich
damit zusammen, dass die Studieninhalte für die
kommende Woche mittwochs online gestellt wurden.
Weiterbildungsprofil geschärft
Fest steht, dass die Symbiose von Blackboard und Connect
den Studierenden im Masterstudiengang Kriminologie und
Polizeiwissenschaft optimale Möglichkeiten bietet,
sich neben ihrem Beruf weiterzubilden und einen (zusätzlichen)
Hochschulabschluss zu erwerben. Es ist jedoch eine weitere
Symbiose entstanden: Das Multimedia-Angebot der RUB
und die Unterstützung durch die Stabsstelle des
Rektorates helfen dem Masterstudiengang, und dieser
wiederum trägt zur Schärfung des Weiterbildungsprofils
der Uni bei.
Preisgekröntes Policing
Adobe Connect dient dem Lehrstuhl für Kriminologie
auch als Basis für ein internationales und interdisziplinäres
Seminar, dessen Konzipierung im letzten Semester im
„RUBel-Wettbewerb“ mit einem der 5 x 5000
Euro-Preise ausgezeichnet wurde. Derzeit liefern Wissenschaftler
aus mehr als einem Dutzend Ländern und verschiedenen
Fachdisziplinen Vorlesungen zum Thema „Policing“.
Sie werden in Bochum aufbereitet und ab Herbst 2008
den Studierenden in Bochum und an den Partnereinrichtungen
in Australien, Südafrika, USA und Europa zur Verfügung
stehen. Für dieses virtuelle englischsprachige
Seminar hat der Lehrstuhl (zusammen mit zwei E-Tutoren)
die Connect-Vorlesung „How to do Connect“
aufgezeichnet, um die ausländischen Partner mit
der Technik vertraut zu machen. Im WS 08/09 wird Connect
erstmals auch in der Vorlesung „Einführung
zur Kriminologie“ (mit zuletzt 700 Teilnehmer/innen)
eingesetzt.
Kriminologie in der Küche
Der eine oder andere wird vielleicht auf dem Toilettendeckel
Platz nehmen, oder am Küchentisch; wer Glück
hat, auf dem Sofa, wenn Prof. Thomas Feltes im Wintersemester
seine Grundlagen-Vorlesung „Kriminologie I“
hält. Denn der Jurist ist zu Gast bei Kristo Šagor.
Der Theatermacher wohnt für fünf Monate im
Theater unter Tage (TuT), dem kleinsten Spielort des
Bochumer Schauspielhauses, der eigens in eine komplett
eingerichtete Wohnung verwandelt wurde. Sie dient als
Kulisse und Zuschauerraum.
Es wird anders zugehen als üblich in der Vorlesung,
die Prof. Feltes jedes Jahr für Jura-Studienanfänger
anbietet. „In der plüschigen Atmosphäre
der Theaterwohnung sind Diskussionen und Fragen viel
besser möglich als im Hörsaal vor 500 Leuten“,
schätzt Feltes, und auch Bewohner Šagor wird
sich sicher einmischen und aus anderer Perspektive Aspekte
einbringen.
Geplant ist, die Dynamik des Raumes in die Vorlesung
einzubeziehen und Heimat, Wohnung, Arbeitsplatz zu thematisieren
oder andere Akteure zu Wort kommen zu lassen. „Wir
werden auch sehen müssen, wo wir Beamer und Leinwand
aufbauen, vielleicht variieren wir ein wenig. Es hat
jedenfalls Spaß gemacht, mit Kristo Šagor
Ideen zu entwickeln“, erzählt der Jurist.
Wichtig ist beiden, Studierende ins Schauspielhaus und
Bürger in die Uni zu locken. Da im TuT nur etwa
90 Personen Platz haben, werden vor der Vorlesung kostenlose
Eintrittskarten verteilt, für Studierende eine
Woche vorab in der RUB, für Bürger im Schauspielhaus.
Zudem sind alle Vorträge später via Adobe
Breeze im Internet zu hören und zu sehen.
Neben den Kriminologen sind auch die Theaterwissenschaftler
regelmäßig zu Gast im TuT. Jeden zweiten
Mittwoch laden Šagor und verschiedene Dozenten
zum gemeinsamen „Close Reading“. Dabei gelten
zwei Regeln: Jegliche Sekundärliteratur ist verboten.
Jede persönliche Assoziation ist erlaubt. Im Gespräch
stellt sich heraus, welche Assoziationen sich mit dem
jeweiligen Text vereinbaren lassen und welche als äußerliche
Vorurteile gelten müssen, die fallen gelassen werden.
Eröffnet wird die Reihe von Prof. Ulrike Haß.
Info: Kriminologie I findet ab dem
21.10. jeden 2. Dienstag 14-16 h im TuT statt (in den
Wochen dazwischen im HZO 20); Close Reading ab dem 22.10.
jeden 2. Mittwoch 16-18 h.
Dipl. iur. Felix-Feldmann-Hahn, Prof. Dr. Thomas Feltes
M.A., Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik
und Polizeiwissenschaft; md
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