„Fremdes Territorium erkunden“
Beraterin Elli Gurack geht nach 28 Jahren Studienbüro
in den Ruhestand
Vor 30 Jahren nannte man diese Studierenden
„Arbeiterkinder“, heute stammen sie aus
„bildungsfernen Haushalten“ und „niedrigen
sozialen Herkunftsgruppen“ und werden als „Bifs“
bezeichnet. An der RUB trifft man sie vergleichsweise
häufig an: Rund 22 Prozent der Väter von Bochumer
Studierenden sind Arbeiter; der NRW-Durchschnitt liegt
bei 17 Prozent. Zudem ist der Anteil der Studierenden,
deren Eltern über einen Hochschulabschluss verfügen,
in Bochum um fünf Prozentpunkte geringer als im
Landesdurchschnitt. Elli Gurack (64) kennt sich mit
diesen Studierenden und ihren Sorgen aus. 28 Jahre lang
hat die Psychologin sie im Studienbüro betreut.
Darüber und über Erfolgsstrategien für
„bildungsferne Studierende“ sprach Arne
Dessaul mit der Beraterin, die im Juli in den Ruhestand
geht.
Frau Gurack, können Sie uns zunächst
eine kurze Definition des Begriffes „Arbeiterkind“
geben?
Das war Ende der Siebziger mehr so ein Arbeitsbegriff
für uns, als wir im Studienbüro spezielle
Arbeiterkinder-Gruppen gegründet haben. Heute spricht
man von Studierenden aus bildungsfernen und/oder aus
sozial schwachen Familien, und das betrifft nun auch
stark Migrantinnen und Migranten. Das ist das Klientel,
das jetzt vermehrt zu uns in die Beratung kommt und
fragt: Soll ich studieren, soll ich nicht? Werde ich
das schaffen?
Gravierende Nachteile
Welche Nachteile haben Kinder aus bildungsfernen
Familien beim Studienstart?
Sehr gravierend sind die finanziellen Nachteile. Die
Familie kann das Studium oft nicht finanzieren. Das
heißt, ein Student aus einer bildungsfernen Familie
ist gezwungen, Schulden zu machen, wenn er Bafög
bekommt und Studienbeiträge zahlen muss. Daraus
entwickelt sich bisweilen auch ein psychologisches Problem.
Man weiß schon zum Studienbeginn, dass man später
im Berufsleben als erstes seine Schulden abbezahlen
muss. So stellen sich viele den sozialen Aufstieg bzw.
den Einstieg in die akademische Berufswelt nicht vor.
Gibt es weitere Nachteile?
Ja, bei der Sprache. Arbeiterkindern fehlt oft eine
gewisse sprachliche Ausgefeiltheit, die in Akademikerfamilien
üblich ist und von Anfang an bei Referaten oder
Hausarbeiten an der Hochschule verlangt wird. Und dann
ist die Uni für Arbeiterkinder zunächst eine
vollkommen fremde Welt. Der Vater war nicht dort, die
Mutter nicht und auch sonst niemand aus der Familie.
Man fühlt sich dort nicht heimisch. Zugleich verliert
– durch das Leben als Student – auch das
Elternhaus an Vertrautheit. Mitten im sozialen Aufstieg
ist man nirgends mehr so richtig daheim. Zum Ende des
Studiums kommen verstärkt Prüfungsängste
und Schreibprobleme hinzu und die Frage, ob man es anschließend
im Beruf schafft. All das geht oft noch mit einem Mangel
an Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein einher.
Gibt es auch Startvorteile?
Ja, auf jeden Fall. Ich nenne einfach mal ein paar Schlagworte:
soziale Kompetenz, Direktheit, Spontanität, Über-Lebenserfahrung.
Daraus entspringt oft eine sehr konkrete Herangehensweise
an wissenschaftliche Fragestellungen. Ich würde
sagen, dass Studierende aus bildungsfernen Familien
eine enorme Bereicherung für die Uni sind.
Weitermachen!
Wie oft ungefähr haben Sie in den
letzten 28 Jahren Studierenden zu einem schwerwiegenden
Entschluss wie Studienabbruch oder Fachwechsel geraten?
Gab es da Unterschiede zwischen bildungsfernen und bildungsnahen
Studierenden?
Ich habe da keine Statistiken geführt. Vom Gefühl
her würde ich sagen, dass das Resultat der allermeisten
Beratungen doch das Weitermachen war. Zum Glück.
Seit Einführung der gestuften Studiengänge
mit ihrem verschulten System hat sich die Lage sogar
noch verbessert. Quantitative Unterschiede zwischen
bildungsfernen und bildungsnahen Studierenden sehe ich
nicht.
Haben Sie einige allgemeine Tipps parat für Studieninteressierte
oder Studienanfänger aus „Arbeiterhaushalten“?
Das Wichtigste zuerst: Man sollte sich vor Studienbeginn
so viel wie möglich über das unbekannte Territorium
informieren und dort alle Angebote nutzen; am besten
auch hinfahren und angucken, vielleicht sogar zusammen
mit den Eltern. Nach dem Studienbeginn sollte man sich
in der Fakultät einer Tutorengruppe anschließen,
eventuell eigene Arbeitsgruppen bilden und so das Gefühl
bekommen: Ich bin nicht allein. Man sollte auch regelmäßig
zum Fachberater gehen und mit ihm den eigenen Studienverlauf
diskutieren. Bei fachlichen Problemen darf man keine
Scheu haben zu fragen: die anderen Studierenden, die
Tutoren und die Lehrenden – denn auch dafür
werden diese bezahlt, dass sie sich um Fachfragen ihrer
Studierenden kümmern. Bei psychologischen Problemen
gibt es vor Ort professionelle Hilfe, hier im Studienbüro,
der Allgemeinen und Psychologischen Beratungsstelle
der RUB. Als große Bereicherung bei Schwierigkeiten
beim Verfassen von Hausarbeiten und Abschlussarbeiten
hilft das Schreibbüro, es gibt auch eine Beratung
für die Abschlussphase, die „Endspurt- Gruppe“.
All das sollte man in Anspruch nehmen. Aber wie gesagt:
Zunächst das fremde Territorium erkunden. Auch
wenn es eine Zeit dauern mag, bis man die Ruhr-Uni wirklich
kennt.
Wie meinen Sie das?
Ich persönlich empfinde die Uni erst jetzt als
„meine Uni“,“ wo ich gehen werde.
Dabei habe ich sie von vielen Seiten kennengelernt,
im Studium, im Studienbüro, daneben im Konvent,
im Senat, im Wahlausschuss für die erste Frauenbeauftragte.
Was haben Sie studiert?
Psychologie. Ich hatte zunächst an der Pädagogischen
Hochschule Dortmund Grund- und Hauptschullehramt studiert
und auch drei Jahre unterrichtet. Ich war auch schon
verbeamtet und mich dennoch anders entschieden.
Mit dem Zelt ans Meer
Haben Sie es jemals bereut?
Nein, niemals. Ich war immer froh helfen zu können,
vor allem Menschen, die in Situationen sind, die ich
sehr gut kenne. Ich stamme selbst aus einer Arbeiterfamilie,
bin als Frau auf einem Dorf aufgewachsen, als Waise,
zudem als Protestantin unter Katholiken. Da wimmelte
es von Widerständen, die ich überwinden musste
– und die viele der Ratsuchenden, die zu mir kommen,
ebenfalls kennen.
Wie sieht es bei Ihnen persönlich aus? Wissen Sie
schon, wie Sie Ihren Ruhestand gestalten werden?
Zunächst mal ein Jahr ohne psychologische Beratung.
Stattdessen abschalten, die Freizeit genießen.
Sobald die Sonne scheint, werde ich das Zelt und den
Kocher einpacken und nach Holland ans Meer fahren. Wenn
es anfängt zu regnen, fahre ich wieder nach Hause
und werde malen.
Sie malen?
Ja, und nachdem ich lange gezögert habe, stelle
ich zurzeit auch erstmals Bilder aus, drüben in
der Oase am Buscheyplatz.
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