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RUBENS 126

1. Juli 2008



„Fremdes Territorium erkunden“



Beraterin Elli Gurack geht nach 28 Jahren Studienbüro in den Ruhestand



Vor 30 Jahren nannte man diese Studierenden „Arbeiterkinder“, heute stammen sie aus „bildungsfernen Haushalten“ und „niedrigen sozialen Herkunftsgruppen“ und werden als „Bifs“ bezeichnet. An der RUB trifft man sie vergleichsweise häufig an: Rund 22 Prozent der Väter von Bochumer Studierenden sind Arbeiter; der NRW-Durchschnitt liegt bei 17 Prozent. Zudem ist der Anteil der Studierenden, deren Eltern über einen Hochschulabschluss verfügen, in Bochum um fünf Prozentpunkte geringer als im Landesdurchschnitt. Elli Gurack (64) kennt sich mit diesen Studierenden und ihren Sorgen aus. 28 Jahre lang hat die Psychologin sie im Studienbüro betreut. Darüber und über Erfolgsstrategien für „bildungsferne Studierende“ sprach Arne Dessaul mit der Beraterin, die im Juli in den Ruhestand geht.

Frau Gurack, können Sie uns zunächst eine kurze Definition des Begriffes „Arbeiterkind“ geben?
Das war Ende der Siebziger mehr so ein Arbeitsbegriff für uns, als wir im Studienbüro spezielle Arbeiterkinder-Gruppen gegründet haben. Heute spricht man von Studierenden aus bildungsfernen und/oder aus sozial schwachen Familien, und das betrifft nun auch stark Migrantinnen und Migranten. Das ist das Klientel, das jetzt vermehrt zu uns in die Beratung kommt und fragt: Soll ich studieren, soll ich nicht? Werde ich das schaffen?

Gravierende Nachteile

Welche Nachteile haben Kinder aus bildungsfernen Familien beim Studienstart?
Sehr gravierend sind die finanziellen Nachteile. Die Familie kann das Studium oft nicht finanzieren. Das heißt, ein Student aus einer bildungsfernen Familie ist gezwungen, Schulden zu machen, wenn er Bafög bekommt und Studienbeiträge zahlen muss. Daraus entwickelt sich bisweilen auch ein psychologisches Problem. Man weiß schon zum Studienbeginn, dass man später im Berufsleben als erstes seine Schulden abbezahlen muss. So stellen sich viele den sozialen Aufstieg bzw. den Einstieg in die akademische Berufswelt nicht vor.

Gibt es weitere Nachteile?
Ja, bei der Sprache. Arbeiterkindern fehlt oft eine gewisse sprachliche Ausgefeiltheit, die in Akademikerfamilien üblich ist und von Anfang an bei Referaten oder Hausarbeiten an der Hochschule verlangt wird. Und dann ist die Uni für Arbeiterkinder zunächst eine vollkommen fremde Welt. Der Vater war nicht dort, die Mutter nicht und auch sonst niemand aus der Familie. Man fühlt sich dort nicht heimisch. Zugleich verliert – durch das Leben als Student – auch das Elternhaus an Vertrautheit. Mitten im sozialen Aufstieg ist man nirgends mehr so richtig daheim. Zum Ende des Studiums kommen verstärkt Prüfungsängste und Schreibprobleme hinzu und die Frage, ob man es anschließend im Beruf schafft. All das geht oft noch mit einem Mangel an Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein einher.

Gibt es auch Startvorteile?
Ja, auf jeden Fall. Ich nenne einfach mal ein paar Schlagworte: soziale Kompetenz, Direktheit, Spontanität, Über-Lebenserfahrung. Daraus entspringt oft eine sehr konkrete Herangehensweise an wissenschaftliche Fragestellungen. Ich würde sagen, dass Studierende aus bildungsfernen Familien eine enorme Bereicherung für die Uni sind.

Weitermachen!

Wie oft ungefähr haben Sie in den letzten 28 Jahren Studierenden zu einem schwerwiegenden Entschluss wie Studienabbruch oder Fachwechsel geraten? Gab es da Unterschiede zwischen bildungsfernen und bildungsnahen Studierenden?
Ich habe da keine Statistiken geführt. Vom Gefühl her würde ich sagen, dass das Resultat der allermeisten Beratungen doch das Weitermachen war. Zum Glück. Seit Einführung der gestuften Studiengänge mit ihrem verschulten System hat sich die Lage sogar noch verbessert. Quantitative Unterschiede zwischen bildungsfernen und bildungsnahen Studierenden sehe ich nicht.

Haben Sie einige allgemeine Tipps parat für Studieninteressierte oder Studienanfänger aus „Arbeiterhaushalten“?

Das Wichtigste zuerst: Man sollte sich vor Studienbeginn so viel wie möglich über das unbekannte Territorium informieren und dort alle Angebote nutzen; am besten auch hinfahren und angucken, vielleicht sogar zusammen mit den Eltern. Nach dem Studienbeginn sollte man sich in der Fakultät einer Tutorengruppe anschließen, eventuell eigene Arbeitsgruppen bilden und so das Gefühl bekommen: Ich bin nicht allein. Man sollte auch regelmäßig zum Fachberater gehen und mit ihm den eigenen Studienverlauf diskutieren. Bei fachlichen Problemen darf man keine Scheu haben zu fragen: die anderen Studierenden, die Tutoren und die Lehrenden – denn auch dafür werden diese bezahlt, dass sie sich um Fachfragen ihrer Studierenden kümmern. Bei psychologischen Problemen gibt es vor Ort professionelle Hilfe, hier im Studienbüro, der Allgemeinen und Psychologischen Beratungsstelle der RUB. Als große Bereicherung bei Schwierigkeiten beim Verfassen von Hausarbeiten und Abschlussarbeiten hilft das Schreibbüro, es gibt auch eine Beratung für die Abschlussphase, die „Endspurt- Gruppe“. All das sollte man in Anspruch nehmen. Aber wie gesagt: Zunächst das fremde Territorium erkunden. Auch wenn es eine Zeit dauern mag, bis man die Ruhr-Uni wirklich kennt.

Wie meinen Sie das?

Ich persönlich empfinde die Uni erst jetzt als „meine Uni“,“ wo ich gehen werde. Dabei habe ich sie von vielen Seiten kennengelernt, im Studium, im Studienbüro, daneben im Konvent, im Senat, im Wahlausschuss für die erste Frauenbeauftragte.

Was haben Sie studiert?

Psychologie. Ich hatte zunächst an der Pädagogischen Hochschule Dortmund Grund- und Hauptschullehramt studiert und auch drei Jahre unterrichtet. Ich war auch schon verbeamtet und mich dennoch anders entschieden.

Mit dem Zelt ans Meer

Haben Sie es jemals bereut?
Nein, niemals. Ich war immer froh helfen zu können, vor allem Menschen, die in Situationen sind, die ich sehr gut kenne. Ich stamme selbst aus einer Arbeiterfamilie, bin als Frau auf einem Dorf aufgewachsen, als Waise, zudem als Protestantin unter Katholiken. Da wimmelte es von Widerständen, die ich überwinden musste – und die viele der Ratsuchenden, die zu mir kommen, ebenfalls kennen.

Wie sieht es bei Ihnen persönlich aus? Wissen Sie schon, wie Sie Ihren Ruhestand gestalten werden?

Zunächst mal ein Jahr ohne psychologische Beratung. Stattdessen abschalten, die Freizeit genießen. Sobald die Sonne scheint, werde ich das Zelt und den Kocher einpacken und nach Holland ans Meer fahren. Wenn es anfängt zu regnen, fahre ich wieder nach Hause und werde malen.

Sie malen?

Ja, und nachdem ich lange gezögert habe, stelle ich zurzeit auch erstmals Bilder aus, drüben in der Oase am Buscheyplatz.









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