Tibetische Kultbilder
Serie Situation Kunst
Das im September 2006 eröffnete Erweiterungsgebäude
von Situation Kunst beherbergt bedeutende Werke der
Gegenwartskunst sowie Kunstwerke verschiedener Epochen
aus Asien und Afrika. RUBENS stellt die Exponate nach
und nach vor, diesmal die Thangkas im Asien-Raum.
Im Asien-Raum von Situation Kunst finden sich neben
buddhistischen und hinduistischen Plastiken, chinesischen
Jadeobjekten und Keramiken auch zwei tibetische Rollbilder,
so genannte Thangkas. Thangkas gehören zu den religiösen
Bildwerken der tibetischen Kultur und werden meist aus
Baumwolle oder Seide genäht oder gestickt. Sie
werden zur Meditation in Tempeln oder Hausaltären
aufgehängt sowie bei Prozessionen mitgeführt.
Ihre Motive hängen von der Funktion ab.
Der Name eines Künstlers interessiert die Tibeter
kaum, er wird eher als Ausführender denn als Schöpfer
angesehen. Datierungen der Werke sind daher weitgehend
auf stilistische Interpretationen beschränkt. Eine
Besonderheit stellt deshalb das „Thangka zu Ehren
des vierköpfigen Mahavairocana“ in Situation
Kunst dar, denn es ist auf der Rückseite signiert
und datiert. Das seidene Rollbild misst 87,5 x 57,7
cm und entstand 1668/1669. Das Thangka ist in einem
Rahmen aus dunkelblauer Brokatseide gefasst, der mit
goldenen Blumenranken verziert ist. Das Hauptmotiv des
gold grundierten Bildes ist Buddha Mahavairocana, der
aus roten dünnen Linien gezeichnet ist. Der Mahavairocana
ist mit vier Gesichtern dargestellt und damit als zugleich
in alle Richtungen Schauender und Allwissender gekennzeichnet.
Thangkas sind jedoch nicht ausschließlich religiösen
Zwecken vorbehalten, sondern dienen auch profaneren
Funktionen, wie das „Thangka mit den acht Buddhas
der Heilkunst“ zeigt. Es handelt sich dabei um
eine 86,5 x 65 cm große Seidenmalerei aus dem
18./19. Jahrhundert. In der buddhistischen Tradition
gilt Buddha auch als Arzt und seine Lehre als Heilmittel.
Das Thangka, das die Funktion einer Lehrtafel hatte,
zeigt die acht Medizin-Buddhas. Diese können bei
Krankheit angerufen werden, um heilwirksame Potenziale
beim Arzt, Patienten und in den Arzneimitteln wachzurufen.
Viele Regeln für die Weihe
Religiöse Bildwerke wie die Thangkas müssen
nach bestimmten ikonographischen und ikonometrischen
Regeln ausgeführt werden, ansonsten werden sie
nicht geweiht und können nicht für den ihnen
zugedachten Zweck verwendet werden. Die buddhistische
Ikonographie ist ein komplexes ikonisches System, das
zugleich Beschreibung und Vorschrift ist. Es kodifiziert
die Darstellung von Körperhaltung, Gesten, Attributen,
Schmuckelementen, Farben sowie die Zahl der Köpfe
und Glieder von Gottheiten in ihren friedvollen und
ihren zornvollen Manifestationen.
Die Ikonometrie ist die Lehre von den Maßeinheiten
des Kultbildes, sie legt also die Merkmale und Proportionen
einer Figur fest. Mit ihrer Hilfe werden die Darstellungen
der Gottheiten standardisiert und entsprechend ihrer
ikonographischen Bedeutung in verschiedene Proportionskategorien
unterteilt. Die Proportionen in jeder Kategorie verringern
sich von der obersten (Buddhas) bis zur untersten (menschliche
Wesen) Ebene.
Tibetische Maler durchlaufen eine mehrere Jahre dauernde
Lehrzeit unter Anleitung eines Meisters. Erst seit den
letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wird die traditionelle
Malerei in buddhistischen Kultureinrichtungen und an
Universitäten unterrichtet.
Lisa
Rosche
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