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RUBENS 126

1. Juli 2008



Tibetische Kultbilder


Serie Situation Kunst



Das im September 2006 eröffnete Erweiterungsgebäude von Situation Kunst beherbergt bedeutende Werke der Gegenwartskunst sowie Kunstwerke verschiedener Epochen aus Asien und Afrika. RUBENS stellt die Exponate nach und nach vor, diesmal die Thangkas im Asien-Raum.

Im Asien-Raum von Situation Kunst finden sich neben buddhistischen und hinduistischen Plastiken, chinesischen Jadeobjekten und Keramiken auch zwei tibetische Rollbilder, so genannte Thangkas. Thangkas gehören zu den religiösen Bildwerken der tibetischen Kultur und werden meist aus Baumwolle oder Seide genäht oder gestickt. Sie werden zur Meditation in Tempeln oder Hausaltären aufgehängt sowie bei Prozessionen mitgeführt. Ihre Motive hängen von der Funktion ab.
Der Name eines Künstlers interessiert die Tibeter kaum, er wird eher als Ausführender denn als Schöpfer angesehen. Datierungen der Werke sind daher weitgehend auf stilistische Interpretationen beschränkt. Eine Besonderheit stellt deshalb das „Thangka zu Ehren des vierköpfigen Mahavairocana“ in Situation Kunst dar, denn es ist auf der Rückseite signiert und datiert. Das seidene Rollbild misst 87,5 x 57,7 cm und entstand 1668/1669. Das Thangka ist in einem Rahmen aus dunkelblauer Brokatseide gefasst, der mit goldenen Blumenranken verziert ist. Das Hauptmotiv des gold grundierten Bildes ist Buddha Mahavairocana, der aus roten dünnen Linien gezeichnet ist. Der Mahavairocana ist mit vier Gesichtern dargestellt und damit als zugleich in alle Richtungen Schauender und Allwissender gekennzeichnet.
Thangkas sind jedoch nicht ausschließlich religiösen Zwecken vorbehalten, sondern dienen auch profaneren Funktionen, wie das „Thangka mit den acht Buddhas der Heilkunst“ zeigt. Es handelt sich dabei um eine 86,5 x 65 cm große Seidenmalerei aus dem 18./19. Jahrhundert. In der buddhistischen Tradition gilt Buddha auch als Arzt und seine Lehre als Heilmittel. Das Thangka, das die Funktion einer Lehrtafel hatte, zeigt die acht Medizin-Buddhas. Diese können bei Krankheit angerufen werden, um heilwirksame Potenziale beim Arzt, Patienten und in den Arzneimitteln wachzurufen.

Viele Regeln für die Weihe

Religiöse Bildwerke wie die Thangkas müssen nach bestimmten ikonographischen und ikonometrischen Regeln ausgeführt werden, ansonsten werden sie nicht geweiht und können nicht für den ihnen zugedachten Zweck verwendet werden. Die buddhistische Ikonographie ist ein komplexes ikonisches System, das zugleich Beschreibung und Vorschrift ist. Es kodifiziert die Darstellung von Körperhaltung, Gesten, Attributen, Schmuckelementen, Farben sowie die Zahl der Köpfe und Glieder von Gottheiten in ihren friedvollen und ihren zornvollen Manifestationen.
Die Ikonometrie ist die Lehre von den Maßeinheiten des Kultbildes, sie legt also die Merkmale und Proportionen einer Figur fest. Mit ihrer Hilfe werden die Darstellungen der Gottheiten standardisiert und entsprechend ihrer ikonographischen Bedeutung in verschiedene Proportionskategorien unterteilt. Die Proportionen in jeder Kategorie verringern sich von der obersten (Buddhas) bis zur untersten (menschliche Wesen) Ebene.
Tibetische Maler durchlaufen eine mehrere Jahre dauernde Lehrzeit unter Anleitung eines Meisters. Erst seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wird die traditionelle Malerei in buddhistischen Kultureinrichtungen und an Universitäten unterrichtet.






Lisa Rosche
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Letzte Änderung: 30.6.2008| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik