Pflanzenfreunde
Ein Blick hinter die Kulissen des SFB 480
Mit zwölf
Sonderforschungsbereichen (SFB) gehört die Ruhr-Uni
zu den führenden Forschungsstandorten in Deutschland.
Doch wie sieht das Innenleben eines Sonderforschungsbereichs
aus? RUBENS wirft beispielhaft einen Blick hinter die
Kulissen des SFB 480 (Molekulare Biologie komplexer Leistungen
von botanischen Systemen). Wir begleiten einen der Forscher
bei seiner täglichen Arbeit und beleuchten das organisatorische
Geschick der 32 Doktoranden.
Selbst strukturiert
Neuerdings gehört es fast schon dazu, dass ein
Sonderforschungsbereich (SFB) über eine interne
Graduierten-Schule verfügt, um den wissenschaftlichen
Nachwuchs optimal und strukturiert zu fördern:
mit Fortbildungen, mit nationalen und internationalen
Kongressen/Workshops, mit interdisziplinären Netzwerken
usw. Doch noch vor wenigen Jahren waren derartige Programme
sehr ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher war
es, dass die Doktoranden eines SFB ihr Schicksal selbst
in die Hand nehmen. Genau das taten die Doktoranden
des SFB 480 (Molekulare Biologie komplexer Leistungen
von botanischen Systemen). Der SFB wurde 1998 vom heutigen
Rektor, dem Pflanzenphysiologen Prof. Elmar Weiler,
gegründet; mittlerweile fungiert Prof. Ulrich Kück
(Allgemeine und Molekulare Botanik) als Sprecher. Über
100 Doktoranden forschten in den letzten zehn Jahren
in den verschiedenen Teilprojekten, zurzeit gehören
32 zum Team. Thomas Lehmann ist einer von ihnen, seine
Mitstreiter haben ihn zu ihrem Sprecher gewählt.
Wenn man mit ihm über den Sonderforschungsbereich
und seine Doktoranden spricht, gerät er schnell
ins Schwärmen, hebt die Frauenquote von zwei Drittel
hervor, die sichere Finanzierung (Personalkosten, Sachmittel)
oder das tolle Arbeitsklima, das man beim Besuch selbst
auch rasch spürt.
Promotion mit Mehrwert
Das wirklich Besondere allerdings ist, dass die 32
Biologen und Mediziner eigenständig für eine
Promotion mit Mehrwert sorgen: „Wir haben unserer
Promotion praktisch selbst eine Struktur gegeben, natürlich
mit Hilfe des SFB und von Herrn Kück“, erklärt
er und nicht ohne Stolz fügt er an: „Diese
Methode hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft letztlich
aufgegriffen, als sie die SFB-internen Graduierten-Schulen
einführte.“ Die Idee hinter der strukturierten
Promotion ist leicht nachvollziehbar: Wer im Wissenschaftsbetrieb
Karriere machen möchte, muss mehr können als
Proben zu analysieren. Er muss beispielsweise wissen,
was der Forscher gleich nebenan oder der am anderen
Ende der Welt macht. Er muss regelmäßig mit
der aktuellsten Hochtechnologie arbeiten. Er muss über
Fächergrenzen hinausschauen. Er braucht die gängigen
Schlüsselqualifikationen (Präsentation, Moderation,
Kommunikation, Teamfähigkeit, Fremdsprachen, PC,
Internet usw.). Er sollte möglichst auch verwalten
können. Und natürlich muss er zwingend Kontakte
knüpfen und Netzwerke bilden. Dazu muss er auch
Kongresse besuchen, Workshops, Tagungen, Symposien,
Fortbildungen …
Noch besser, er oder sie besucht nicht nur, sondern
plant und organisiert auch. „Wir veranstalten
regelmäßig Workshops, da lernt man einiges,
was weit über die Forschung hinausgeht“,
erklärt Thomas Lehmann. „Im März hatten
wir hier einen richtig großen Kongress mit etwa
150 Teilnehmern. Wir haben die komplette Organisation
übernommen, bis zum Catering. Sogar die Homepage
zum Kongress haben wir selbst gemacht. Unsere Gäste
jedenfalls waren sehr zufrieden.“
Zufrieden mit seinen angehenden Doktoren ist auch Prof.
Ulrich Kück, Leiter des SFB 480. Er kennt die Anforderungen
an einen modernen Wissenschaftler und weiß, dass
das Zusatzprogramm notwendig ist. Wichtig ist ihm, dass
seine Doktoranden ihre Dissertation dennoch innerhalb
von drei Jahren abschließen. „Das ist die
durchschnittliche Dauer im SFB“, sagt er. Natürlich
sei das eigenständige Graduierten-Programm des
SFB in die campusweite Research School eingebunden,
„aber natürlich mit der Spezialisierung auf
molekulare Pflanzenwissenschaft“, betont Ulrich
Kück, der sich zurzeit auch über den Nachfolger
des SFB 480 Gedanken macht. Denn Ende 2010 ist definitiv
Schluss, dann ist die maximale Förderdauer vom
zwölf Jahren erreicht. Wer aber Prof. Kück
und seine Doktoranden erlebt, der kann sich gut vorstellen,
dass hier einige gute Ideen heranreifen.
Ungeklärte Transportwege
Die Luft hinter den Scheiben des Gewächshauses
der Pflanzenphysiologie ist feucht. Ganz schön
warm ist es hier drin. Geräuschvoll setzt sich
die Lüftungsanlage in Gang. Sie sorgt für
gleichbleibendes Klima, damit sich die Arabidopsis-Pflanzen
wohl fühlen. Legionen der Ackerschmalwand-Pflänzchen
– so ihr deutscher Name – aller Wachstumsstadien
gedeihen hier in gelben Plastikwannen. Sie sehen wie
Unkraut aus, sind aber mehr als das. „Die kurzen
Generationszyklen von ungefähr acht Wochen, die
Kenntnis der Gensequenzen und das Kultivieren auf relativ
kleinem Raum machen sie zu einem guten Modellorganismus“,
erklärt Thomas Bals. Die Ackerschmalwand spielt
für seine Doktorarbeit, die er im Teilprojekt von
Juniorprofessorin Danja Schünemann des SFB 480
verfasst, eine wichtige Rolle.
Alle paar Tage kommt er hierher und erntet einige Handvoll
Blätter; am besten von jungen Pflanzen. Ihnen (und
auch Thomas Bals) steht dann ein Klimaschock bevor:
Vom feuchtwarmen Gewächshaus geht es nonstop in
die Kühlkammer in der sechsten Etage des Gebäudes
ND. Vier Grad sind es da höchstens, minus 20 im
Nebenraum. Hier werden die Blätter im Mixer zerkleinert,
filtriert und zentrifugiert, so dass am Ende nur noch
eine dunkelgrüne Flüssigkeit übrig bleibt,
die Bals in kleine Gefäße abfüllt und
tief gefriert. Darin befindet sich das, worauf es ihm
letztlich ankommt: das Innere der Chloroplasten, genauer
gesagt die so genannte Thylakoidmembran, in der die
Lichtsammelkomplexe der Pflanze sitzen. Wie diese Proteine
dorthin kommen, ist die Frage, die Bals schon seit zwei
Jahren beschäftigt.
Eingeschleuste Gene
Die Lichtsammelkomplexe werden nach den genetischen
Informationen im Zellkern in der Pflanzenzelle, aber
außerhalb der Chloroplasten hergestellt. Transportproteine
koppeln an und bringen sie durch die Membran ins Innere
der Chloroplasten und zur Thylakoidmembran, in die sie
dann eingebaut werden. Dort erfüllen sie eine wichtige
Aufgabe bei der Photosynthese. Fehlt das Protein, das
für den Einbau der Lichtsammelkomplexe verantwortlich
ist, überleben die Pflanzen nicht.
Die Details dieses Transports sind noch nicht geklärt.
Welche Bestandteile des Transportproteins dafür
wichtig sind, untersucht Thomas Bals. Dazu zieht er
neben den Ackerschmalwandpflanzen, die die Gärtner
im Gewächshaus anbauen, selbst genetisch veränderte
Pflänzchen an. So genannte Agrobakterien schleusen
das veränderte Gen in die Pflanzen ein, die dann
auf einem Nährboden in der Petrischale angezogen
werden. Dann wird aussortiert: Die Behandlung mit bestimmten
Antibiotika überleben nur die Pflanzen, deren Erbgut
wunschgemäß verändert ist. Sie werden
dann weiter großgezogen und untersucht.
In weiteren Experimenten verändert Bals die Proteine,
um so die für den Transport wichtigen Bereiche
herauszufinden. Dazu setzt er sowohl molekularbiologische
als auch proteinbiochemische Methoden ein. In vivo-Experimente
mit lebenden Pflanzenzellen können solche Untersuchungen
ergänzen. Dabei werden Floureszenzfarbstoffe für
Lokalisations- und Bindungsstudien eingesetzt und im
Laserscanning-Mikroskop sichtbar gemacht.
Alles in allem eine vielfältige Aufgabe: „Eigentlich
ist kein Tag hier wie der andere“, meint Bals.
Er ist nun zurück in seinem Büro, das er mit
einer anderen Doktorandin teilt. Pflanzenanzucht und
-ernte, Experimente im Labor, Literaturrecherche, Postererstellung
und Auswertungen am Computer wechseln sich ab. Hinzu
kommt noch das Rahmenprogramm der Lehrstühle von
Prof. Dr. Ulrich Kück und Juniorprofessorin Danja
Schünemann, die zurzeit den Lehrstuhl von Rektor
Prof. Elmar Weiler kommissarisch leitet. Zusätzlich
besucht Bals die Veranstaltungen der Internationalen
Graduiertenschule Biowissenschaften und der Research
School der RUB. Arbeitsgruppenmeetings, Vorträge,
Literaturseminare und Tagungen lassen keine Langeweile
aufkommen. Ein bis zwei Jahre plant der 28-jährige
noch für seine Dissertation ein. Danach wird er
methodisch ausgesprochen fit sein. „Was anschließend
kommt, wird sich zeigen“, sagt Thomas Bals, schon
auf dem Sprung ins Labor. Dort warten die Proteine der
Ackerschmalwand auf ihn.
SFB-Fakten
„Ein Verständnis von botanischen Systemen
über den engen Bereich der Pflanzen hinaus, wie
er am Standort Bochum vorherrscht, ist – in dieser
Breite – weltweit einmalig.“ So würdigt
die Deutsche Forschungsgemeinschaft das Konzept des
SFB 480, die Gemeinsamkeiten von Pflanzen, Pilzen und
Bakterien zu nutzen, um gezielt Projekte der molekularen
Botanik anzugehen. Biologen und Mediziner der RUB sowie
Forscher des Max-Planck-Instituts für Molekulare
Physiologie in Dortmund arbeiten im SFB 480 fachübergreifend
zusammen: Sie untersuchen z. B. die molekularen Prozesse
im Zusammenhang mit der Photosynthese – der Umwandlung
der Energie des Sonnenlichtes in chemische Energie.
„Die dazu notwendigen biochemischen Reaktionen
finden in den Zellen aller grünen Pflanzen statt
und stellen den bedeutendsten Prozess auf der Erde dar,
ohne den das menschliche und tierische Leben nicht möglich
wäre“, sagt SFB-Sprecher Prof. Ulrich Kück.
Aspekte der Photosynthese bearbeiten die Wissenschaftler
aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit Methoden und
Techniken der Molekulargenetik, Biochemie, Biophysik
und Zellbiologie. Darüber hinaus sind die Forscher
des SFB eng mit verschiedenen Institutionen innerhalb
und außerhalb der Ruhr-Universität vernetzt.
So sind sie beispielsweise an das Protein-Center der
RUB angebunden und kooperieren intensiv mit Projektgruppen
des SFB 642 „GTP- und ATP-abhängige Membranprozesse“.
ad/md
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