Irgendwie „anders“
Hochbegabte an der Ruhr-Uni haben es nicht leichter
Hochbegabte – na die müssen es ja
leicht haben, könnte man denken, müssen bestimmt
nie lernen, kommen ohne viel Arbeit durchs Leben und
machen Superkarrieren. Noch dazu engagieren sie sich
in einem elitären Verein, zu dem nur Intelligenzbestien
Zutritt haben, „Mensa“ – sehr sympathisch.
Aber alles gar nicht richtig, hat Rubens im Gespräch
mit zwei „Mensanern“ unter den RUB-Studierenden
herausgefunden.
Markus Schäfer und Christian Sudek kommen völlig
normal rüber, nett. Beide sind 30, gerade, beziehungsweise
so gut wie, mit ihrem Studium fertig und somit gar nicht
die klassischen Überflieger. Als solche nehmen
sie sich auch nicht wahr, im Gegenteil. „Als ich
gegen Ende meines Zivildienstes durch Zufall bei einem
Psychologen einen Intelligenztest gemacht habe, hatte
ich es gerade richtig nötig“, blickt Markus
Schäfer, Doktorand in Germanistik, zurück.
Er wusste nicht so recht, was nun, war in der Schule
eher unglücklich gewesen und hatte vom Lernen erstmal
die Nase voll. Dann kam das Testergebnis und mit ihm
Erleichterung. „Man wird gnädiger mit sich
selbst, wenn man über sich Bescheid weiß“,
sagt er, „man weiß plötzlich: Es ist
okay, wenn ich nicht genau so wie andere lerne, mich
nicht von ihrer Prüfungspanik anstecken lasse und
erst später zu lernen anfange.“
Der Test, den er erst vor rund einem Jahr machte, markierte
auch für Christian Sudek das Ende vieler Selbstzweifel
– beziehungsweise den „Beginn des Zweifelns
an den Zweifeln“, wie er selber sagt. Als Kind
einer Arbeiterfamilie, in der weder der Vater noch die
Mutter eine Ausbildung genossen hatten, war er in einer
Umgebung aufgewachsen, in der die Intelligenzfrage keine
Rolle spielte. Durch reines Glück, so sagt er heute,
sei er auf einer Gesamtschule gelandet, auf der er auch
Abitur machen konnte, wobei seine Eltern für ihn
nach der zehnten Klasse eine Mechanikerlehre geplant
hatten. Die drei Jahre Schule zusätzlich bis zum
Abi musste er auf eigene Faust mit einem Nebenjob finanzieren,
ans Studieren dachte er auch danach noch nicht. Er ging
zur Bundeswehr, arbeitete auf dem Bau, fing eine Ausbildung
an. Erst die (Akademiker-)Familie seiner heutigen Frau,
in der es außer Frage stand, dass alle fünf
Kinder selbstverständlich studieren, entfachte
in ihm den Wunsch nach einem Studium. Die Zusicherung
seines jetzigen Schwiegervaters, im Fall des Falles
Finanzhilfe zu leisten – er hat dieses Angebot
dann nie in Anspruch nehmen müssen – beseitigte
die letzten Vorbehalte: Christian Sudek schrieb sich
für Geographie, Soziologie, Sozialpsychologie und
Arabisch ein, zurzeit schreibt er seine Diplomarbeit.
Keine Aha-Erlebnisse in der Vorlesung
„Ich habe mich immer irgendwie anders’
gefühlt“, erzählt er, „hatte in
Vorlesungen keine Aha-Erlebnisse wie die Kommilitonen
und dachte daher, ich hätte das wohl nicht verstanden.“
Ihm dämmerte, dass er entweder besonders dumm sein
müsse oder eben das genaue Gegenteil. Beim Surfen
im Internet fand er einen Online-Test, absolvierte ihn
mit sehr gutem Ergebnis – und zweifelte. „An
diesen Tests gibt es ja viel Kritik.“ Er beschloss
also, auch noch einen „echten“ Test zu machen,
der vom Mensa-Verein regelmäßig an verschiedenen
Orten angeboten wird. Ohne jemandem davon zu erzählen,
fuhr der Gelsenkirchener nach Kamen, wo er mit elf anderen
den 90-minütigen Test auf Papier machte. Das Ergebnis
kam per Post. „Etwas ängstlich war ich schon,
aber es ging ja nur an mich“, sagt er. Ergebnis:
Hochbegabung. Er schätzt, deren Schwerpunkt liege
im mathematischen Bereich, so genau hat er das nicht
auswerten lassen.
Die große Stärke von Markus Schäfer
jedenfalls ist das räumliche Vorstellungsvermögen.
Beide Studenten wurden Mitglieder bei Mensa (haben sich
bisher allerdings nicht kennen gelernt, ins Rubens-Interview
kamen sie unabhängig voneinander). Die Mitglieder
des Vereins, der nur Menschen aufnimmt, deren Intelligenzquotient
höher ist als der von 98% der Bevölkerung,
d.h. nach der in Deutschland üblichen Skala über
130 Punkte liegt, treffen sich unter anderem monatlich
bei lokalen Stammtischen. Außerdem kann man in
sog. Special Interest Groups aktiv werden und an Tagungen
teilnehmen.
Unter anderen Mensanern, die aus allen Alters- und Berufsgruppen
stammen, fühle man sich schnell verstanden, berichten
beide übereinstimmend. Neugieriger und aufgeschlossener
seien Mensaner als viele andere, meint Markus Schäfer,
man führe schneller tiefer gehende Gespräche,
sagt Christian Sudek, der außerdem begeistert
von der „Mind-Academy“ im letzten Herbst
berichtet, bei der neben Mensanern auch illustre Gäste
wie der Mathematiker Prof. Dr. Abrecht Beutelspacher
hochinteressante Vorträge gehalten hätten
zum Thema Kreativität und Innovation. Von den Special
Interest Groups kam allerdings keine für ihn in
Frage, auch Markus Schäfer ist darin nicht aktiv.
Die interessanteren Groups lägen allesamt im Dornröschenschlaf,
meint er, dessen Stammtischbegeisterung auch durch das
sehr hohe Durchschnittsalter der Beteiligten (zumindest
bei seinen Besuchen) etwas getrübt wurde. Besser
aufgehoben fühlte er sich bei einem Treffen von
Uni-Mensanern aus dem Ruhrgebiet.
Vorsicht mit dem „Outing“
Im „wahren“ Leben, außerhalb von
Mensa, gehen beide mit der Information über ihre
Hochbegabung eher vorsichtig um. „Sehr guten Freunden
habe ich es erzählt“, so Christian Sudek,
„da habe ich eigentlich auch keine negativen Erfahrungen
gemacht.“ Vor sich her tragen will er diese Besonderheit
trotzdem nicht. Markus Schäfer hat sogar im Freundeskreis
enttäuschende Reaktionen erlebt. Es gebe schon
Neider, meint er, und man würde schnell als hochnäsig
abgestempelt, wenn man sich oute. Ein typisch deutsches
Phänomen, schätzt er, im Ausland würde
Hochbegabung eher als Ressource begriffen, auch von
Arbeitgebern. Wer hierzulande in einem Vorstellungsgespräch
seine Hochbegabung erwähne, müsse fürchten,
als arrogant und nicht teamfähig gebrandmarkt zu
werden. „Man fällt hier besser nicht aus
dem Durchschnitt, weder nach unten noch nach oben.“
Die Art der Debatte über die Hochbegabtenförderung
in Deutschland – etwa die Idee Baden-Württembergs,
Hochbegabten in den ersten drei Semestern die Studiengebühren
zu erlassen – hänge mit der NS-Zeit zusammen,
mutmaßt Christian Sudek. Man verbinde das in Deutschland
automatisch mit Elitenbildung im Dienste falscher Ideologien.
Die mögliche Abgrenzung ist es auch unter anderem,
auf der sich beider Überzeugung gründet, dass
es falsch wäre, kleine Kinder durch die Bank Intelligenztests
zu unterziehen, um ihnen im Falle einer Hochbegabung
eine mitunter als leidvoll erlebte und von Misserfolgen
gepflasterte Schullaufbahn zu ersparen. Auch wenn beide
sich wünschen würden, ihre Hochbegabung wäre
eher erkannt worden. „Das hätte mir schon
viel Ärger und viele Zweifel erspart“, meint
Markus Schäfer. Seine Eltern seien jetzt zwar auch
stolz, vergegenwärtigten sich aber nicht die Fehler,
die sie früher gemacht hätten und die durch
das Wissen um seine Begabung vielleicht hätten
vermieden werden können. Auch Christian Sudek meint,
eine frühere Kenntnis seiner Hochbegabung wäre
ihm gut bekommen. „Ich wäre selbstsicherer
aufgewachsen und hätte zielgerichteter gelebt“,
schätzt er. Seiner Mutter hat er bis heute nicht
davon erzählt. „Sie könnte damit wahrscheinlich
nichts anfangen, sie lebt in einer anderen Lebenswelt.“
Es sei sicherlich viel gewonnen, wenn Lehrer genau hinschauen
und bei Verhaltensauffälligkeiten auf die Idee
kommen würden, dass vielleicht Hochbegabung dahinter
steckt, meinen beide.
Allen Umwegen und Zweifeln zum Trotz hadert keiner von
ihnen mit seiner Begabung. „Es ist gut wie es
ist“, so Markus Schäfer. „Ich glaube,
die Hochbegabung erlaubt es mir, zufriedener mit Sachen
umzugehen, rationaler zu sein und damit in Diskussionen
auch Streitfallen zu vermeiden.“ Christian Sudek,
der Ende Mai Vater eines Sohnes geworden ist, würde
seinem Kind durchaus auch eine Hochbegabung wünschen.
„Ich wüsste ja damit umzugehen“, sagt
er.
md
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