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RUBENS 126

1. Juli 2008



Irgendwie „anders“



Hochbegabte an der Ruhr-Uni haben es nicht leichter





Hochbegabte – na die müssen es ja leicht haben, könnte man denken, müssen bestimmt nie lernen, kommen ohne viel Arbeit durchs Leben und machen Superkarrieren. Noch dazu engagieren sie sich in einem elitären Verein, zu dem nur Intelligenzbestien Zutritt haben, „Mensa“ – sehr sympathisch. Aber alles gar nicht richtig, hat Rubens im Gespräch mit zwei „Mensanern“ unter den RUB-Studierenden herausgefunden.

Markus Schäfer und Christian Sudek kommen völlig normal rüber, nett. Beide sind 30, gerade, beziehungsweise so gut wie, mit ihrem Studium fertig und somit gar nicht die klassischen Überflieger. Als solche nehmen sie sich auch nicht wahr, im Gegenteil. „Als ich gegen Ende meines Zivildienstes durch Zufall bei einem Psychologen einen Intelligenztest gemacht habe, hatte ich es gerade richtig nötig“, blickt Markus Schäfer, Doktorand in Germanistik, zurück. Er wusste nicht so recht, was nun, war in der Schule eher unglücklich gewesen und hatte vom Lernen erstmal die Nase voll. Dann kam das Testergebnis und mit ihm Erleichterung. „Man wird gnädiger mit sich selbst, wenn man über sich Bescheid weiß“, sagt er, „man weiß plötzlich: Es ist okay, wenn ich nicht genau so wie andere lerne, mich nicht von ihrer Prüfungspanik anstecken lasse und erst später zu lernen anfange.“
Der Test, den er erst vor rund einem Jahr machte, markierte auch für Christian Sudek das Ende vieler Selbstzweifel – beziehungsweise den „Beginn des Zweifelns an den Zweifeln“, wie er selber sagt. Als Kind einer Arbeiterfamilie, in der weder der Vater noch die Mutter eine Ausbildung genossen hatten, war er in einer Umgebung aufgewachsen, in der die Intelligenzfrage keine Rolle spielte. Durch reines Glück, so sagt er heute, sei er auf einer Gesamtschule gelandet, auf der er auch Abitur machen konnte, wobei seine Eltern für ihn nach der zehnten Klasse eine Mechanikerlehre geplant hatten. Die drei Jahre Schule zusätzlich bis zum Abi musste er auf eigene Faust mit einem Nebenjob finanzieren, ans Studieren dachte er auch danach noch nicht. Er ging zur Bundeswehr, arbeitete auf dem Bau, fing eine Ausbildung an. Erst die (Akademiker-)Familie seiner heutigen Frau, in der es außer Frage stand, dass alle fünf Kinder selbstverständlich studieren, entfachte in ihm den Wunsch nach einem Studium. Die Zusicherung seines jetzigen Schwiegervaters, im Fall des Falles Finanzhilfe zu leisten – er hat dieses Angebot dann nie in Anspruch nehmen müssen – beseitigte die letzten Vorbehalte: Christian Sudek schrieb sich für Geographie, Soziologie, Sozialpsychologie und Arabisch ein, zurzeit schreibt er seine Diplomarbeit.

Keine Aha-Erlebnisse in der Vorlesung

„Ich habe mich immer irgendwie anders’ gefühlt“, erzählt er, „hatte in Vorlesungen keine Aha-Erlebnisse wie die Kommilitonen und dachte daher, ich hätte das wohl nicht verstanden.“ Ihm dämmerte, dass er entweder besonders dumm sein müsse oder eben das genaue Gegenteil. Beim Surfen im Internet fand er einen Online-Test, absolvierte ihn mit sehr gutem Ergebnis – und zweifelte. „An diesen Tests gibt es ja viel Kritik.“ Er beschloss also, auch noch einen „echten“ Test zu machen, der vom Mensa-Verein regelmäßig an verschiedenen Orten angeboten wird. Ohne jemandem davon zu erzählen, fuhr der Gelsenkirchener nach Kamen, wo er mit elf anderen den 90-minütigen Test auf Papier machte. Das Ergebnis kam per Post. „Etwas ängstlich war ich schon, aber es ging ja nur an mich“, sagt er. Ergebnis: Hochbegabung. Er schätzt, deren Schwerpunkt liege im mathematischen Bereich, so genau hat er das nicht auswerten lassen.
Die große Stärke von Markus Schäfer jedenfalls ist das räumliche Vorstellungsvermögen. Beide Studenten wurden Mitglieder bei Mensa (haben sich bisher allerdings nicht kennen gelernt, ins Rubens-Interview kamen sie unabhängig voneinander). Die Mitglieder des Vereins, der nur Menschen aufnimmt, deren Intelligenzquotient höher ist als der von 98% der Bevölkerung, d.h. nach der in Deutschland üblichen Skala über 130 Punkte liegt, treffen sich unter anderem monatlich bei lokalen Stammtischen. Außerdem kann man in sog. Special Interest Groups aktiv werden und an Tagungen teilnehmen.
Unter anderen Mensanern, die aus allen Alters- und Berufsgruppen stammen, fühle man sich schnell verstanden, berichten beide übereinstimmend. Neugieriger und aufgeschlossener seien Mensaner als viele andere, meint Markus Schäfer, man führe schneller tiefer gehende Gespräche, sagt Christian Sudek, der außerdem begeistert von der „Mind-Academy“ im letzten Herbst berichtet, bei der neben Mensanern auch illustre Gäste wie der Mathematiker Prof. Dr. Abrecht Beutelspacher hochinteressante Vorträge gehalten hätten zum Thema Kreativität und Innovation. Von den Special Interest Groups kam allerdings keine für ihn in Frage, auch Markus Schäfer ist darin nicht aktiv. Die interessanteren Groups lägen allesamt im Dornröschenschlaf, meint er, dessen Stammtischbegeisterung auch durch das sehr hohe Durchschnittsalter der Beteiligten (zumindest bei seinen Besuchen) etwas getrübt wurde. Besser aufgehoben fühlte er sich bei einem Treffen von Uni-Mensanern aus dem Ruhrgebiet.

Vorsicht mit dem „Outing“

Im „wahren“ Leben, außerhalb von Mensa, gehen beide mit der Information über ihre Hochbegabung eher vorsichtig um. „Sehr guten Freunden habe ich es erzählt“, so Christian Sudek, „da habe ich eigentlich auch keine negativen Erfahrungen gemacht.“ Vor sich her tragen will er diese Besonderheit trotzdem nicht. Markus Schäfer hat sogar im Freundeskreis enttäuschende Reaktionen erlebt. Es gebe schon Neider, meint er, und man würde schnell als hochnäsig abgestempelt, wenn man sich oute. Ein typisch deutsches Phänomen, schätzt er, im Ausland würde Hochbegabung eher als Ressource begriffen, auch von Arbeitgebern. Wer hierzulande in einem Vorstellungsgespräch seine Hochbegabung erwähne, müsse fürchten, als arrogant und nicht teamfähig gebrandmarkt zu werden. „Man fällt hier besser nicht aus dem Durchschnitt, weder nach unten noch nach oben.“ Die Art der Debatte über die Hochbegabtenförderung in Deutschland – etwa die Idee Baden-Württembergs, Hochbegabten in den ersten drei Semestern die Studiengebühren zu erlassen – hänge mit der NS-Zeit zusammen, mutmaßt Christian Sudek. Man verbinde das in Deutschland automatisch mit Elitenbildung im Dienste falscher Ideologien.
Die mögliche Abgrenzung ist es auch unter anderem, auf der sich beider Überzeugung gründet, dass es falsch wäre, kleine Kinder durch die Bank Intelligenztests zu unterziehen, um ihnen im Falle einer Hochbegabung eine mitunter als leidvoll erlebte und von Misserfolgen gepflasterte Schullaufbahn zu ersparen. Auch wenn beide sich wünschen würden, ihre Hochbegabung wäre eher erkannt worden. „Das hätte mir schon viel Ärger und viele Zweifel erspart“, meint Markus Schäfer. Seine Eltern seien jetzt zwar auch stolz, vergegenwärtigten sich aber nicht die Fehler, die sie früher gemacht hätten und die durch das Wissen um seine Begabung vielleicht hätten vermieden werden können. Auch Christian Sudek meint, eine frühere Kenntnis seiner Hochbegabung wäre ihm gut bekommen. „Ich wäre selbstsicherer aufgewachsen und hätte zielgerichteter gelebt“, schätzt er. Seiner Mutter hat er bis heute nicht davon erzählt. „Sie könnte damit wahrscheinlich nichts anfangen, sie lebt in einer anderen Lebenswelt.“ Es sei sicherlich viel gewonnen, wenn Lehrer genau hinschauen und bei Verhaltensauffälligkeiten auf die Idee kommen würden, dass vielleicht Hochbegabung dahinter steckt, meinen beide.
Allen Umwegen und Zweifeln zum Trotz hadert keiner von ihnen mit seiner Begabung. „Es ist gut wie es ist“, so Markus Schäfer. „Ich glaube, die Hochbegabung erlaubt es mir, zufriedener mit Sachen umzugehen, rationaler zu sein und damit in Diskussionen auch Streitfallen zu vermeiden.“ Christian Sudek, der Ende Mai Vater eines Sohnes geworden ist, würde seinem Kind durchaus auch eine Hochbegabung wünschen. „Ich wüsste ja damit umzugehen“, sagt er.

md
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