Täuschend echt
Die Studierenden am IFHV simulieren per Planspiel eine
humanitäre Krise
Was tun, wenn eine Regierung eine ethnische
Minderheit in einem Land gewalttätig unterdrückt?
Was, wenn Unruhen bis hin zu einem Bürgerkrieg
entstehen und gleichzeitig von außerhalb Flüchtlinge
ins Land drängen? Welche humanitäre Lösungen
gibt es? Mit diesen Fragen mussten sich die Studierenden
am Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres
Völkerrecht (IFHV) der RUB eine Woche lang beschäftigen.
Im Planspiel simulieren 29 Studierende einen Hilfseinsatz
für den fiktiven Staat Osmania. Das Szenario orientiert
sich an der Realität: Trotz eines Bürgerkriegs
kommen Flüchtlinge aus benachbarten Krisenregionen
ins Land. Zusätzlich treten Komplikationen wie
Landminen, Geiselnahmen, schlechtes Wetter oder Choleraepidemien
ein. Aufgabe der Studierenden ist es, möglichst
realistische Hilfspläne zu erarbeiten, die sich
an internationalen Standards der Humanitären Hilfe
orientieren. Dazu werden sie in neun Organisation eingeteilt,
die von „Ärzte ohne Grenzen“ über
das Auswärtige Amt bis hin zum Internationalen
Roten Kreuz reichen. „Die Studenten müssen
teils sehr komplexe Problemsituationen koordinieren,
wie die Logistik der Hilfslieferungen, die Evakuierung
der unbeteiligten Bevölkerung aus dem Krisengebiet
oder Verhandlungen mit Rebellen und Militär“,
so Prof. Dennis Dijkzeul, Leiter des Planspiels. Unterstützt
werden die Studenten von einer sechsköpfigen Delegation
der Columbia Universität (New York).
Wie ernst das Planspiel genommen wird, spürt man
sofort an der Hektik unter den Studenten: In einem Raum
sind Mitglieder jeder Organisation versammelt. Sie suchen
nach Lösungen für die Evakuierung. Es herrscht
ständiges Kommen und Gehen, da auch an anderer
Stelle geplant werden muss: Beschaffung der Visa, Finanzplanung,
Transportgenehmigungen oder das Einverständnis
der angrenzenden Staaten einholen, um ein neues Flüchtlingslager
zu bauen. Einen Raum weiter sitzen Prof. Dijkzeul, seine
wissenschaftlichen Mitarbeiter und die Gäste aus
New York, alle ebenfalls mit Rollen im Planspiel bedacht.
Der Austausch der Informationen läuft ebenfalls
realitätsnah über sog. Coordination Meetings
und E-Mails, wozu eigens ein großes Netzwerk im
NA-Gebäude errichtet wurde.
Auf einer Höhe mit Yale
Mit der Simulation schließen die Studenten den
dreisemestrigen Master-Aufbaustudiengang NOHA (Network
on Humanitarian Assistance) ab. Sie sollen ihre theoretisch
erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten in einer humanitären
Krise anwenden und diese möglichst erfolgreich
bewältigen. „An Hand der Simulation können
wir die Studenten, die den Nachwuchs für das internationale
Krisenmanagement ausmachen, auf reale Probleme in der
Planung, Koordination und Lösung einer humanitäre
Katastrophe vorbereiten“, sieht Prof. Dijkzeul
eins der Ziele der Simulation.
Rosemary Kikon, einer der Teilnehmerinnen, sieht es
ganz genauso. Sie war bereits mit „Malteser International“
in einem Tsunamigebiet und wird als nächstes an
einem Einsatz in Sri Lanka mitwirken. Sie sagt: „Die
Simulation ist eine gute Übung für die Studenten,
ihre Verhaltensweisen sich selbst und ihren Mithelfern
gegenüber in Stresssituationen kennen zu lernen;
sie stellt realistische Vorgaben, die einen gut für
spätere Einsätze vorbereitet.“
Prof. Dijkzeul hebt vor allem die Zusammenarbeit mit
anderen Unis hervor. Seiner Meinung nach befindet sich
die RUB in diesem Gebiet der Lehrtätigkeit auf
einer Höhe mit amerikanischen Eliteuniversitäten
wie Yale, Harvard, Princeton oder Columbia. An der Columbia
unterrichtet Dennis Dijkzeul ebenfalls. Deshalb beteiligen
sich 2008 zum sechsten Mal Studierende und ein Professor
der Columbia University, Prof. Dr. Dirk Salomons, an
der Simulation; erstmals dabei ist ein Experte der Oxford
Brookes Universität, Prof. Dr. Leonard van Duijn..
„Die Teilnahme der Columbia-Studierenden an der
Simulation und der Aufenthalt dieser Experten ist Ausdruck
der erfolgreichen Arbeit des IFHV. Das IFHV bildet Nachwuchs
für das internationale Krisenmanagement aus, leistet
zentrale wissenschaftliche Beiträge und erforscht
Lösungen für humanitäre Katastrophen“,
meint Prof. Dijkzeul.
Rafael
Rau
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