Schlagfertige Superheldin
Vorgestellt: ein neuer Bochum-Krimi
Mit dem ausdrücklichen Wunsch des Vaters versehen,
Jura in Bielefeld zu studieren, sitzt Lila im Zug. Doch
Wünschen des autoritären Vaters zu folgen,
ist nicht gerade die Stärke der 20-Jährigen.
Deshalb steigt sie statt in Bielefeld im ihr unbekannten
Bochum aus, und so lernen wir zunächst die Stadt
durch ihre Augen kennen – ausgerechnet an einem
tristen Regenabend im Herbst. Trotzdem bleibt Lila.
Sie nistet sich beim Privatdetektiven Danner und dem
Kneipenwirt Molle ein, arbeitet zunächst als Kellnerin,
später zusätzlich als Detektivin an der Seite
Danners. Es gilt den vermeintlichen Selbstmord der 16-jährigen
Schülerin Eva aufzuklären. Und das funktioniert
am besten, indem man allernächsten Kontakt zu Evas
Mitschülern knüpft. Lila geht wieder in die
Schule und knüpft fleißig.
Also mal wieder so ein typischer Krimi aus Bochum, könnte
man da denken. Tatsächlich liefert Autorin Lucie
Klassen in ihrem Erstling „Der 13. Brief“
auch noch das übliche Personal: den harten und
unnahbaren Privatdetektiven, der zudem früher Polizist
war und desillusioniert den Dienst quittierte. Ihm zur
Seite steht ein ehemaliger Kollege, etwas weniger desillusioniert
und darum noch als Kriminalkommissar im Dienst. Getragen
wird die Handlung allerdings von der frischen, frechen
und unkonventionellen Lila, zugleich der Ich-Erzählerin.
Das tut dem Buch sehr gut, denn natürlich bringt
eine Amateurdetektivin vollkommen andere Aspekte in
die Aufklärung eines komplizierten Falles ein als
die Profis. Bisweilen geht es dabei ironisch bis komisch
zu, und vor allem wird der Story sehr viel Zeit und
Raum gegeben, sich in Breite und Tiefe zu entwickeln
– ohne jemals dahinzuplätschern. Im Gegenteil:
Es ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend,
selbst wenn Lila nur mit ihren neuen Schulfreundinnen
auf DVD den „Schuh des Manitu“ anschaut.
Und doch, manchmal kommt man beim Lesen nicht umhin
zu fragen: Kann die gute Lila nicht doch etwas sehr
viel? Vormittags spielt sie perfekt die Rolle einer
16-jährigen Gymnasiastin, nachmittags brilliert
sie als 20-jährige Kellnerin und abends tritt sie
als 26-jährige Femme Fatale beim Polizeiball auf.
Zwischendurch kombiniert sie mindestens so messerscharf
wie Sherlock Holmes, und wenn es gar nicht anders geht,
schlägt sie härter zu als Lara Croft. Es mag
ja sein, dass eine deutsche Detektivgeschichte auch
mal eine schlagfertige Superheldin vertragen kann: Aber
irgendwie will das nicht so recht zu dem sehr ernsten
und traurigen Thema passen, das diesen Fall nach und
nach durchdringt, das in seinem ganzen Ausmaß
jedoch erst ganz am Ende ans Licht gebracht wird.
Info: Lucie Klassen: „Der 13.
Brief“, Grafit Verlag, Dortmund 2008, 348 Seiten,
9,95 Euro
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