Gesellschaftsfähig
Der Wissenschaftsrat gibt der Bochumer Soziologie sehr
gute Noten
Dem Wissenschaftsrat sei dank! Die Zeiten, da sich die
Ruhr-Uni in den publikumswirksamen Ranglisten von Stern,
Spiegel & Co. beständig im Mittelfeld wiederfand,
sind vorbei. Schon zum zweiten Mal innerhalb weniger
Monate legt der WR ein seriöses Rating zur Forschungsleistung
vor, in dem ein Fachbereich der RUB sehr gut abschneidet.
Die Bochumer Soziologie bekommt in zwei von sechs bewerteten
Leistungen sogar die Bestnote. Insgesamt liegt der Fachbereich
in den Top Ten in Deutschland.
Wir haben bereits im Februar darüber berichtet:
Der Wissenschaftsrat (WR) möchte zurzeit herausfinden,
wie forschungsstark die einzelnen Fachbereiche an deutschen
Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen
sind. In Pilotprojekten wurden zunächst Chemie
und Soziologie beleuchtet. Nachdem die Ergebnisse für
Chemie im Januar vorlagen (RUBENS
122), wurden Ende April auch die Daten für
Soziologie veröffentlicht.
In der Pilotstudie Soziologie wurden Leistungen von
57 Universitäten und außeruniversitären
Instituten im sog. Informed Peer Review Verfahren bewertet.
Das heißt, die Bewertungsergebnisse sind nicht
aus quantitativen Daten errechnet, sondern spiegeln
das Urteil einer Gutachtergruppe wider, die Publikationen,
verschiedene qualitative und quantitative Indikatoren
sowie Rahmeninformationen zu jeder Einrichtung zugrunde
gelegt hat. Die Bewertungen erfolgten in den Dimensionen
Forschung, Nachwuchsförderung und Wissenstransfer,
denen sechs Kriterien zugeordnet wurden: Forschungsqualität
(Originalität, wissenschaftliche Bedeutung); Effektivität
(Beitrag zur Entwicklung der Wissenschaft); Effizienz
(dieser Beitrag in Relation zum Personaleinsatz); Nachwuchsförderung
(Maßnahmen, Erfolge); Transfer in andere Bereiche
(Wirtschaft, Politik, Verwaltung etc.); Wissensvermittlung
und -verbreitung.
Die Soziologie an der RUB erhielt einmal die Note „sehr
gut“, für Nachwuchsförderung, und dreimal
die Note „gut“: für Forschungsqualität,
Effektivität und Effizienz. Transfer und Vermittlung
wurden auf einer anderen Skala bewertet: Die Bochumer
Soziologie liegt mit „überdurchschnittlich“
jeweils in der höchsten Stufe. Deutschlandweit
gehört die Ruhr-Uni damit zu den zehn besten universitären
Soziologie-Standorten.
Grund zum Feiern
Über das hervorragende Abschneiden der
Bochumer Soziologie sprach Arne Dessaul mit dem Dekan
der Fakultät für Sozialwissenschaft, Prof.
Ludger Pries, und mit Prof. Ilse Lenz, die die Datenerfassung
für den Wissenschaftsrat koordiniert hatte.
RUBENS: Frau Prof. Lenz, Herr Prof. Pries,
was war Ihre erste Reaktion, als Sie die Ergebnisse
des Wissenschaftsrates gesehen haben?
Prof. Pries: Wir haben uns natürlich
prima gefühlt. Wir sind insgesamt ausschließlich
mit sehr gut oder mit gut benotet worden. Dabei sind
wir mit einer großen Fächerbreite ins Rennen
gegangen: mit sieben Lehreinheiten. Anders als viele
andere Unis, die sich zum Teil auf ihre zwei, drei herausragenden
Einheiten beschränkt haben.
RUBENS: Hat Sie demnach das gute Abschneiden
überrascht?
Prof. Lenz: Wir konnten recht schnell
abschätzen, wie gut unsere Einheiten sind. Ich
hatte schon im Laufe der Untersuchung – da noch
eher im Scherz – alle Kolleginnen und Kollegen
zu einer Fete eingeladen, sobald die Ergebnisse vorliegen
würden. Jetzt haben wir wirklich allen Grund zum
Feiern und das werden wir in diesem Semester auch noch
tun.
Prof. Pries: Mittlerweile haben wir
die Ergebnisse aller Unis gründlich ausgewertet
und festgestellt, dass wir einige renommierte Standorte
wie Heidelberg, Köln oder Tübingen hinter
uns gelassen haben.
Verborgene Stärken
RUBENS: Der Wissenschaftsrat hatte von
sich aus aber keine Rangfolge erstellt?
Prof. Pries: Nein, aber das war anhand
der Daten kein Problem. Ähnlich gut oder besser
eingestuft als wir sind in der Summe nur Bamberg, die
Berliner Humboldt Uni, Bielefeld, Bremen, Düsseldorf,
Göttingen, Jena, Mannheim und die Uni München
sowie als außeruniversitäre Einrichtungen
das Kölner Max-Planck-Institut und das Sozioökonomische
Panel am Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung
in Berlin. Die beiden letztgenannten Institutionen muss
man ausklammern, das wiederum heißt: Wir gehören
in Deutschland zu den zehn besten Unis, in NRW sind
wir die Nummer zwei.
RUBENS: Wie muss man sich das Informed Peer
Review Verfahren vorstellen, mit dem der WR zu seinen
Ergebnissen gekommen ist?
Prof. Lenz: Wir mussten viele Unterlagen
und Fragebögen ausfüllen. Erhoben wurde der
Zeitraum 2001 bis 2005. Wir mussten aus diesen fünf
Jahren alle Publikationen aller Wissenschaftler aufzählen
und beschreiben, alle Doktorarbeiten und so weiter.
Das wäre ohne die Unterstützung der Fakultät
und des Rektorats gar nicht möglich gewesen. Bei
beiden möchten wir uns nochmals herzlich bedanken.
Prof. Pries: Man sollte ergänzen,
dass die Zusammenarbeit mit dem WR sehr fruchtbar gewesen
ist und dass wir mit dieser objektiven Art der Begutachtung
extrem einverstanden sind.
Prof. Lenz: Und das, obwohl wir als
integrierte Fakultät für Sozialwissenschaft
nicht so recht ins Raster der Untersuchung gepasst haben.
Die meisten Unis führen nämlich zum Beispiel
Soziologie und Politikwissenschaften getrennt, während
wir beide Fächer in einer interdisziplinären
Sozialwissenschaft in Forschung und Lehre verstehen.
Häufig können wir diese Stärke in Befragungen
nicht so recht geltend machen.
Belastbares Bild
RUBENS: Drei der sechs Bewertungskriterien
sind kaum noch oder gar nicht zu verbessern, bei den
drei anderen ist noch etwas Luft nach oben. Gibt es
schon Ideen, sich noch weiter zu verbessern?
Prof. Pries: Ich hatte es schon angedeutet.
Wir haben sehr viele Lehreinheiten ins Rennen geschickt,
darunter auch solche, von denen wir wussten, dass ihre
Forschungsleistungen in dieser Untersuchung als nicht
sehr gut betrachtet werden – weil sie beispielsweise
eher auf die Lehre ausgerichtet sind. Hätten wir
uns auf die forschungsstarken Einheiten beschränkt,
hätten wir noch besser abgeschnitten.
Prof. Lenz: So war die Spannweite recht
breit, es gab speziell bei Forschungsqualität,
bei Effektivität und bei Effizienz sowohl sehr
gute als auch gute oder befriedigende Einheiten, unterm
Strich wurde ein „Gut“ daraus.
Prof. Pries: Andererseits haben wir
diese Breite bewusst gewählt. Das primäre
Ziel war nicht ein gutes Abschneiden im Vergleich zu
anderen Unis, sondern ein belastbares Bild der Stärken
und Schwächen der Soziologie an der RUB zu geben
– das ist ja das, was zum Beispiel Studierende
und Forschende interessiert.
Prof. Lenz: Jetzt haben wir beides:
das Wissen und das gute Abschneiden. Und anhand des
Wissens können wir nun sehr gezielt verbessern.
Prof. Pries: Das werden wir allerdings
zunächst innerhalb der Sektion für Soziologie
besprechen.
RUBENS: Herr Pries, als Dekan der Fakultät für
Sozialwissenschaft sind Sie zugleich für andere
Fachbereiche zuständig, beispielsweise Politikwissenschaft.
Wissen Sie, wann der WR dieses Fach begutachten wird?
Prof. Pries: Nein. Ich weiß nur,
dass die Fakultät von der jetzigen Untersuchung
profitiert. Und falls jemals die gesamte Fakultät
begutachtet werden sollte, würde sie meines Erachtens
mindestens genauso gut abschneiden wie jetzt die Soziologie.
In Politik haben wir gerade erfolgreich einen hundertprozentigen
Generationswechsel geschafft, dort sind nun sehr publikationsstarke
Kolleginnen und Kollegen tätig.
Profil Fakultät für Sozialwissenschaft
Die Fakultät für Sozialwissenschaft der RUB
setzt auf einen modernen interdisziplinären und
internationalen Ansatz in Forschung und Lehre. Dazu
zählt die Verbindung der fünf Disziplinen
Politikwissenschaft, Soziologie, Sozialpsychologie &
Sozialanthropologie, Sozialpolitik & Sozialökonomik
sowie Sozialwissenschaftliche Methodenlehre und Statistik.
Zur Fakultät gehören 15 Lehrstühle mit
21 Professor/innen, 20 wissenschaftliche Mitarbeiter/innen
sowie zahlreiche Lehrbeauftragte.
Die Forschungsstärke der Fakultät schlägt
sich vor allem im Volumen und in der Zusammensetzung
der Drittmittel, in der Anzahl und Qualität der
Promotionen sowie in national und international beachteten
Publikationen nieder. Mit Drittmitteln wird nicht nur
Grundlagenforschung finanziert, sondern auch die Verknüpfung
von Grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung.
Die Sowi-Fakultät hat als eine der ersten das gesamte
Studienangebot auf die modularisierten Bachelor- und
Master-Studiengänge umgestellt. Der Bachelor- und
Master-Studiengang Sozialwissenschaft (1-Fach) ist von
einer fächerverbindenden wissenschaftlichen und
forschungsmethodischen Ausrichtung bestimmt. Das 2-Fach-Modell
ist stärker themen- und berufsfeldorientiert, die
Studiengänge heißen hier „Kultur, Individuum,
Gesellschaft“ und „Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft“. Hinzu kommen der Master of Education
und der Masterstudiengang Gender Studies. Eingeschrieben
an der Fakultät sind derzeit rund 1.800 Studierende.
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