Der zweite Mann im Boot
Materialforschungszentrum ICAMS wird am 6. Juni offiziell
eröffnet
Es war auch der Zauber, der jedem Anfang innewohnt,
der Prof. Dr. Alexander Hartmaier dazu bewogen hat,
in Erlangen-Nürnberg seine Zelte abzubrechen und
im ihm größtenteils unbekannten Bochum ins
kalte Wasser zu springen. Seit dem 1. Mai ist er der
zweite Institutsdirektor von ICAMS, dem Interdisciplinary
Centre for Advanced Materials Simulations, das am 6.
Juni feierlich eröffnet wird.
„Es wäre sicherlich gemütlicher gewesen,
in Erlangen zu bleiben – auch für die Familie“,
meint er, aber der Reiz, ein Institut neu aufzubauen
war größer. „Mit guter Grundausstattung
etwas zu bewegen, dem neuen Institut den eigenen Stempel
aufzudrücken – diese Chance bekommt man nicht
oft im Leben.“ Und so pendelt er für die
Übergangszeit Halbe-Halbe zwischen hier und da,
hält in Erlangen noch Vorlesungen, plant in Bochum
mit Prof. Dr. Ralf Drautz, der seit Februar da ist,
das ICAMS-Forschungsprogramm.
Was im Material passiert
Drei Schwerpunkte haben sie schon festgelegt, orientiert
an den Bedingungen des Rahmenvertrags für ICAMS,
der das Allgemeine regelt, den Interessen der Industrie
und der Advanced Study Groups sowie den eigenen Forschungsinteressen
und Vorarbeiten. Und so wird ICAMS zunächst 1.
die Eigenschaften von Grenzflächen und die Schichthaftung
untersuchen, 2. Vorgänge, die im Material bei starken
Umformungen stattfinden, etwa beim Pressen oder Walzen
von Metall, und 3. den Einfluss von Legierungselementen
auf die Eigenschaften von Stahl.
Hartmaiers eigener Schwerpunkt liegt auf den Eigenschaften
von Grenzflächen, und zwar auch innerhalb von Werkstoffen.
„Heute betrachtet man Bauteile meist als homogene
Einheiten“, erklärt er. „Wenn man aber
wissen will, was bei mechanischen Belastungen im Werkstoff
vorgeht, muss man die Mikrostruktur berücksichtigen,
den Aufbau aus einzelnen Atomen, aus Kristalliten und
deren Grenzflächen und Defekte.“
Diese Betrachtungsweise treibt er voran, zumeist per
Computerberechnung, aber auch zusammen mit anderen Lehrstühlen
und Partnern im Experiment. Ganz korrekt heißt
das „Mikromechanische Behandlung von makroskopischem
Werkstoffverhalten“. Praktisch werden Fragen beantwortet
wie: Wie fest sind Bleche nach dem Walzen? Wann platzt
eine Schicht ab? Wie lässt sich das verhindern
und der Werkstoff optimieren? Anwendungsspezifische
Antworten sind hier zwar nicht sofort zu erwarten, dämpft
Hartmaier zu große Erwartungen, aber mittelfristig
auf alle Fälle, das heißt in fünf bis
zehn Jahren.
Der erste Doktorand ist da
Der Faktor Zeit ist wichtig. „In der Wissenschaft
können manche Prozesse sehr lange dauern, gerade
im Vergleich mit der Industrie“, so Hartmaier,
der in seiner Laufbahn in beiden Feldern gearbeitet
hat. „Ich hoffe, dass ICAMS auch aufgrund der
Industriebeteiligung schnell arbeiten können wird.“
In einem Jahr, so plant er, sollen nicht nur viele Mitarbeiter
da sein, sondern auch erste vorzeigbare Ergebnisse aus
Projekten präsentiert werden können.
Noch sind bei ICAMS die Gänge leer, wenn man von
Handwerkern absieht, die noch mit der Herrichtung der
Räume beschäftigt sind. Prof. Hartmaier hat
vorläufig Quartier auf der Etage von Prof. Drautz
bezogen, „dann sind wir beide nicht so einsam“,
schmunzelt er. Der erste Doktorand ist aber schon eingestellt,
er kommt von der RUB und muss auf ICAMS geradezu gewartet
haben; er hat sich initiativ beworben. Auch weitere
Forscher werden gerne kommen, ist Prof. Hartmaier zuversichtlich,
„Schwierigkeiten erwarte ich höchstens bei
der Anwerbung von höher qualifizierten Arbeitsgruppenleitern,
um die auch die Industrie gerade mit attraktiven Jobangeboten
wirbt.“ Aber ICAMS hat viel Wind gemacht und ist
bereits ein Begriff. Und wenn die vielen Vorschusslorbeeren
auch den Erfolgsdruck erhöhen, so schüren
sie doch auch die Spannung bei potenziellen Mitstreitern.
So bleibt Prof. Hartmaier nebenbei noch Zeit für
andere Sorgen, etwa die Wohnungssuche. Zum neuen Schuljahr
soll die Familie herziehen, da drängt die Zeit.
Aber da ein alter Schulfreund und auch die Uni mit Tipps
parat stehen, ist auch hier schon eine Lösung in
Sicht.
Info: Am 6. Juni wird ICAMS im Beisein
von NRW-Innovationsminister Prof. Andreas Pinkwart und
dem Vorstandsvorsitzenden der ThyssenKrupp Steel AG,
Dr. Karl-Ulrich Köhler, feierlich eröffnet.
md
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