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RUBENS 124

1. Mai 2008



Eiszeit


70 Tage lang mit der Polarstern durch die Wassersäule der Antarktis

Die Antarktis, ein eisbedeckter und lebensfeindlicher Kontinent, der Entdecker und Forscher seit Jahrzehnten in seinen Bann zieht. Doch so scheinbar leblos der Kontinent auch ist, so vielfältig und reich ist das Leben im Meer. Der Südozean ist geprägt durch saisonale Eisbedeckung und konstant kalte Wassertemperaturen. Was ermöglicht also die hohe Artenvielfalt? Wie viele neue Arten gibt es dort? Welche Auswirkung hat die Klimaerwärmung? Fragen, deren Antworten 43 Wissenschaftler während einer zehnwöchigen Expedition mit der FS Polarstern ein Stück näher kamen.

Ich habe das Glück, Teil des internationalen Teams aus Meteorologen, Ozeanographen und Biologen zu sein. Als Mitglied des Projektes SYSTCO, bei dem die Einflüsse von Atmosphäre, Wasser und Meeresboden auf die Tiefseefauna untersucht werden, liegt mein Schwerpunkt bei der Artenvielfalt und geographischen Verbreitung der Borstenwürmer (Polychaeta).
Borstenwürmer, zu denen u.a. der Wattwurm gehört, sehen auf den ersten Blick aus wie wenige Millimeter kurze, blass gefärbte Würstchen. Unter dem Mikroskop jedoch eröffnet sich dem Betrachter eine nicht erahnte Formenvielfalt. Als dominanter Vertreter des Lebens am Meeresboden dienen sie – neben weiteren Organismengruppen wie den Isopoda (Asseln) – als Modellorganismen zur Untersuchung des Ökosystems Tiefsee. Bei der Expedition gehört daher, neben der Hilfe bei Probennahmen, die Bestimmung dieser Borstenwürmer zu meinen wesentlichen Aufgaben.

Windstärke 10

Während meiner Doktorarbeit am Lehrstuhl für Evolutionsökologie und Biodiversität der Tiere an der Ruhr-Uni habe ich zwar Erfahrung in der Identifikation antarktischer Tiefseewürmer gesammelt. An Bord eines schaukelnden Schiffes jedoch, umgeben von Eisschollen, bei bis zu zehn Windstärken (Bf) und gelegentlicher Seekrankheit, gestaltete sich die tägliche Arbeit völlig anders. Schon das Beproben der Tiefsee kostet im Südozean viel Energie: An langen Kabeln werden Fanggeräte in die Tiefe gelassen. Wenn sie nach Stunden wieder an die Oberfläche kommen, bringen sie mehrere Zentner Sediment hoch, die an Deck nach kleinsten Organismen durchsucht werden müssen. Diese Arbeit ist nicht nur langwierig und nass, sondern vor allem kalt, da konstant Minusgrade herrschen. Gerade für biochemische und genetische Analysen ist jedoch diese kalte Temperatur wesentlich, um optimale Forschungsergebnisse zu garantieren.
Die Polarstern bietet Forschern mehrere variabel nutzbare Laborräume. Lediglich die Laborausstattung muss jeder selbst mitbringen. Sogar ein bordeigenes Genetiklabor kann eingerichtet werden. Die frischen Proben werden fixiert und im Sortierlabor identifiziert und fotografiert, bevor sie für genetische und biochemische Analysen genutzt werden. Diese Aufgaben beschäftigen uns nicht nur während der fast 24-stündigen Probennahme, sondern vor allem zwischen den einzelnen Stationen. Belohnt wird der Einsatz mit zwei Kühlräumen voll mit Organismen und DNA-Proben, die nun darauf warten, an den Heimatinstituten weiter bearbeitet zu werden.
Während wir die Tiefseeproben bearbeiteten, haben andere Wissenschaftler Wasser- und Sedimentanalysen durchgeführt, Krill und feineres Plankton quantifiziert, Vögel, Wale und Robben gezählt und das Wetter dokumentiert. All diese Ergebnisse sollen in Zukunft wie ein Puzzle zusammengefügt werden und so Antworten über die Zusammenhänge des Lebens im Südozean liefern.

Pinguine & Wale

Allerdings ist die Polarstern nicht nur ein Forschungs-, sondern auch ein Versorgungsschiff. Somit dient unser Fahrtabschnitt, ANT XXIV-2, auch dazu, die deutschen Forschungsstation Neumayer II auf dem antarktischen Schelfeis sowie die im Bau befindliche Station Neumayer III mit Nahrung, Brennstoff und Baumaterial zu beliefern. Aufgrund der ungewöhnlichen Meereisdicke kommt es zu häufigen Unterbrechungen der Stationsarbeit. Gleichzeitig beschert uns dieser Umstand auch zwei Tage Landgang, an denen wir das Schiff verlassen und zwischen Kaiser- und Adelié-Pinguinen das Meereis betreten durften. Ein absolut unvergessliches Erlebnis! Zwar kann man vom Schiff aus Eisschollen und Eisberge in faszinierendsten Formen und in strahlendem Weiß und Blau bestaunen, aber ich habe wohl erst beim Berühren des Schnees realisiert, dass sich vor mir gerade kein Film abspielt. Weder Fotos noch Filme können die Eindrücke wiedergeben, wenn man am Fuß eines Eisberges steht, während ein Kaiserpinguin einen aus wenigen Metern Entfernung von oben bis unten mustert. Da fragt man sich, wer für wen die größere Attraktion darstellt.
Hauptattraktion der Fahrt ist neben den vielen vermutlich neuen Tiefseearten aber sicher für alle die große Anzahl an Walen, die unser Schiff begleiten. Insgesamt werden mit Orkas, Minkwalen, Buckelwalen und einem Blauwal vier verschiedene Arten gesichtet – Anblicke, die auch erfahrenen Meeresforscher immer wieder den Atem verschlagen.

FS Polarstern
Die 118 m lange und 25 m breite Polarstern gehört neben Meteor, Sonne und Merian zu den bekanntesten deutschen Forschungsschiffen, ihre Heimat ist Bremerhaven mit dem Alfred Wegener Institut für Polar und Meeresforschung. Seit 1982 ist sie als Eisbrecher, Forschungs- und Versorgungsschiff unterwegs. Zur Ausstattung gehören außer den o. g. Laborräumen: Fitnessraum, Schwimmbad, Sauna, Kiosk, Bar, Bibliothek mit Fachliteratur und Romanen, Tischtennisplatte, TV (Video, DVD). Die Passagiere sind in Zweierkabinen mit Doppelbett und Bad untergebracht, sie erhalten täglich drei warme Mahlzeiten plus Kaffee und Kuchen.



 



Myriam Schüller
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Letzte Änderung: 30.4.2008| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik