Eiszeit
70 Tage lang mit der Polarstern durch die Wassersäule
der Antarktis
Die Antarktis, ein eisbedeckter und lebensfeindlicher
Kontinent, der Entdecker und Forscher seit Jahrzehnten
in seinen Bann zieht. Doch so scheinbar leblos der Kontinent
auch ist, so vielfältig und reich ist das Leben
im Meer. Der Südozean ist geprägt durch saisonale
Eisbedeckung und konstant kalte Wassertemperaturen.
Was ermöglicht also die hohe Artenvielfalt? Wie
viele neue Arten gibt es dort? Welche Auswirkung hat
die Klimaerwärmung? Fragen, deren Antworten 43
Wissenschaftler während einer zehnwöchigen
Expedition mit der FS Polarstern ein Stück näher
kamen.
Ich habe das Glück, Teil des internationalen Teams
aus Meteorologen, Ozeanographen und Biologen zu sein.
Als Mitglied des Projektes SYSTCO, bei dem die Einflüsse
von Atmosphäre, Wasser und Meeresboden auf die
Tiefseefauna untersucht werden, liegt mein Schwerpunkt
bei der Artenvielfalt und geographischen Verbreitung
der Borstenwürmer (Polychaeta).
Borstenwürmer, zu denen u.a. der Wattwurm gehört,
sehen auf den ersten Blick aus wie wenige Millimeter
kurze, blass gefärbte Würstchen. Unter dem
Mikroskop jedoch eröffnet sich dem Betrachter eine
nicht erahnte Formenvielfalt. Als dominanter Vertreter
des Lebens am Meeresboden dienen sie – neben weiteren
Organismengruppen wie den Isopoda (Asseln) – als
Modellorganismen zur Untersuchung des Ökosystems
Tiefsee. Bei der Expedition gehört daher, neben
der Hilfe bei Probennahmen, die Bestimmung dieser Borstenwürmer
zu meinen wesentlichen Aufgaben.
Windstärke 10
Während meiner Doktorarbeit am Lehrstuhl für
Evolutionsökologie und Biodiversität der Tiere
an der Ruhr-Uni habe ich zwar Erfahrung in der Identifikation
antarktischer Tiefseewürmer gesammelt. An Bord
eines schaukelnden Schiffes jedoch, umgeben von Eisschollen,
bei bis zu zehn Windstärken (Bf) und gelegentlicher
Seekrankheit, gestaltete sich die tägliche Arbeit
völlig anders. Schon das Beproben der Tiefsee kostet
im Südozean viel Energie: An langen Kabeln werden
Fanggeräte in die Tiefe gelassen. Wenn sie nach
Stunden wieder an die Oberfläche kommen, bringen
sie mehrere Zentner Sediment hoch, die an Deck nach
kleinsten Organismen durchsucht werden müssen.
Diese Arbeit ist nicht nur langwierig und nass, sondern
vor allem kalt, da konstant Minusgrade herrschen. Gerade
für biochemische und genetische Analysen ist jedoch
diese kalte Temperatur wesentlich, um optimale Forschungsergebnisse
zu garantieren.
Die Polarstern bietet Forschern mehrere variabel nutzbare
Laborräume. Lediglich die Laborausstattung muss
jeder selbst mitbringen. Sogar ein bordeigenes Genetiklabor
kann eingerichtet werden. Die frischen Proben werden
fixiert und im Sortierlabor identifiziert und fotografiert,
bevor sie für genetische und biochemische Analysen
genutzt werden. Diese Aufgaben beschäftigen uns
nicht nur während der fast 24-stündigen Probennahme,
sondern vor allem zwischen den einzelnen Stationen.
Belohnt wird der Einsatz mit zwei Kühlräumen
voll mit Organismen und DNA-Proben, die nun darauf warten,
an den Heimatinstituten weiter bearbeitet zu werden.
Während wir die Tiefseeproben bearbeiteten, haben
andere Wissenschaftler Wasser- und Sedimentanalysen
durchgeführt, Krill und feineres Plankton quantifiziert,
Vögel, Wale und Robben gezählt und das Wetter
dokumentiert. All diese Ergebnisse sollen in Zukunft
wie ein Puzzle zusammengefügt werden und so Antworten
über die Zusammenhänge des Lebens im Südozean
liefern.
Pinguine & Wale
Allerdings ist die Polarstern nicht nur ein Forschungs-,
sondern auch ein Versorgungsschiff. Somit dient unser
Fahrtabschnitt, ANT XXIV-2, auch dazu, die deutschen
Forschungsstation Neumayer II auf dem antarktischen
Schelfeis sowie die im Bau befindliche Station Neumayer
III mit Nahrung, Brennstoff und Baumaterial zu beliefern.
Aufgrund der ungewöhnlichen Meereisdicke kommt
es zu häufigen Unterbrechungen der Stationsarbeit.
Gleichzeitig beschert uns dieser Umstand auch zwei Tage
Landgang, an denen wir das Schiff verlassen und zwischen
Kaiser- und Adelié-Pinguinen das Meereis betreten
durften. Ein absolut unvergessliches Erlebnis! Zwar
kann man vom Schiff aus Eisschollen und Eisberge in
faszinierendsten Formen und in strahlendem Weiß
und Blau bestaunen, aber ich habe wohl erst beim Berühren
des Schnees realisiert, dass sich vor mir gerade kein
Film abspielt. Weder Fotos noch Filme können die
Eindrücke wiedergeben, wenn man am Fuß eines
Eisberges steht, während ein Kaiserpinguin einen
aus wenigen Metern Entfernung von oben bis unten mustert.
Da fragt man sich, wer für wen die größere
Attraktion darstellt.
Hauptattraktion der Fahrt ist neben den vielen vermutlich
neuen Tiefseearten aber sicher für alle die große
Anzahl an Walen, die unser Schiff begleiten. Insgesamt
werden mit Orkas, Minkwalen, Buckelwalen und einem Blauwal
vier verschiedene Arten gesichtet – Anblicke,
die auch erfahrenen Meeresforscher immer wieder den
Atem verschlagen.
FS Polarstern
Die 118 m lange und 25 m breite Polarstern gehört
neben Meteor, Sonne und Merian zu den bekanntesten deutschen
Forschungsschiffen, ihre Heimat ist Bremerhaven mit
dem Alfred Wegener Institut für Polar und Meeresforschung.
Seit 1982 ist sie als Eisbrecher, Forschungs- und Versorgungsschiff
unterwegs. Zur Ausstattung gehören außer
den o. g. Laborräumen: Fitnessraum, Schwimmbad,
Sauna, Kiosk, Bar, Bibliothek mit Fachliteratur und
Romanen, Tischtennisplatte, TV (Video, DVD). Die Passagiere
sind in Zweierkabinen mit Doppelbett und Bad untergebracht,
sie erhalten täglich drei warme Mahlzeiten plus
Kaffee und Kuchen.
Myriam
Schüller
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