Der Besucher als Teil des Kunstwerks
Serie Situation Kunst
Das im September 2006 eröffnete Erweiterungsgebäude
von Situation Kunst beherbergt bedeutende Werke der
Gegenwartskunst. RUBENS stellt die Exponate nach und
nach vor, diesmal TOT von Richard Serra, eine aus Stahl
gewalzte Plastik (1977).
Im Zentrum des Erweiterungsgebäudes steht
die schräg aufgestellte, zum Teil in den Boden
eingelassene Bramme TOT von Richard Serra. Die aus massivem
Stahl gewalzte, zirka zehn Tonnen schwere Plastik misst
210 x 210 x 30 Zentimeter und definiert den Raum des
eigens für das Werk konzipierten Innenhofs. Die
auf einer Seite schräg in den Boden abgesenkte
Bramme wird von vier Außenwänden des Museums
gerahmt, wobei eine Wand durch eine breite, bodentiefe
Fensterscheibe durchbrochen wird und den Blick auf das
Innere des Museums freigibt. Genauer: auf die Lichtkunstobjekte
Dan Flavins.
Dialog mit Flavin
Das schwere Material der Plastik tritt dadurch in einen
Dialog mit den immateriellen, leicht wirkenden Lichtreflexen
der Flavin-Arbeiten. Das farbige Licht der Leuchtstoffröhren
vermag die Starre und Schwere der Plastik rezeptiv zu
steigern. Gemein ist den Werken, dass sie industriell
angefertigt wurden und somit einem verwandten Prozess
entsprungen sind. Die Verschiedenheit des Materials
erzeugt jedoch gänzlich konträre Bedeutungshorizonte.
Während das leuchtende Material Flavins einen leichten
und immateriellen Eindruck vermittelt, transportiert
das Material bei Serra ein Gefühl von Schwere.
Die Veränderungen, die das Material je nach Witterung
erfährt, sowie die rechteckige Form und die Schwere
kehren die Eigenschaften der Bramme hervor und führen
die Rezeption der Plastik immer wieder zu ihrem Ursprung
zurück: dem Material.
Durch die zu allen Seiten geschlossene Architektur des
Innenhofes und die Isolation der Plastik von der Außenwelt
(der Blick durch die Fensterscheibe nach oben in den
Himmel vermag das Gefühl der Isolation nur noch
zu verstärken) konzentriert sich die Wahrnehmung
des Betrachters auf die Plastik. Abgesehen von ihr befindet
sich lediglich der Besucher im Raum. Material und Form
gewinnen dadurch an Präsenz; denn TOT ist durch
die Quaderform nicht figurativ, sondern schlicht geometrisch.
Das Material wird zum Sinn stiftenden Moment. Die Schrägstellung
und scheinbare Instabilität der Plastik (je nach
Betrachterperspektive verändert sich die Wahrnehmung
der Bramme) überträgt sich auf den Betrachter.
Da sich der Rezipient auf gleicher Höhe und auf
gleichem Grund befindet wie die Plastik, hebt sich die
Distanz zwischen Werk und Betrachter auf.
Der eigene Standpunkt
Die Isolation fordert den Besucher außerdem zur
Auseinandersetzung mit dem eigenen Betrachterstandpunkt
auf. Im Gegensatz zu der von Foucault in „Überwachen
und Strafe" beschriebenen Betrachtersituation,
in der dieser von einem Überwachungsturm aus einen
panoptischen Blick gewinnt, ist der Betrachter von TOT
selber Mittelpunkt der Gefangenschaft und daher Gegenstand
der Betrachtung. Indem andere Besucher des Museums durch
die Glasscheibe hindurch den Betrachter der Serra-Plastik
wiederum selber betrachten können, wird der TOT-Betrachter
selbst Bestandteil des Kunstwerkes. Die Beziehungen
zwischen Subjekt und Objekt, also Mensch und Kunstwerk,
aber auch der Status des Betrachters werden hinterfragt.
Ein starker Kontrast zwischen dem massiven Stahlkoloss
und der Fragilität der Aufstellung liegt der Plastik
zugrunde. Indem das Kunstwerk partiell in den Boden
versinkt, ist der Besucher angehalten, auch über
den eigenen Standpunkt nachzudenken. Der durch die Schrägstellung
der Bramme bewirkte Eindruck von Instabilität verleiht
dem Titel besonderen Nachdruck. So wie der überwiegend
sichtbare Teil des Werkes das Nicht-Sichtbare mit einschließt,
verstehen wir TOT erst durch das Verhältnis der
Komplementärbegriffe tot/lebendig. In Serras Arbeit
schließen die offensichtlichen Eigenschaften auch
die im Verborgenen liegenden Merkmale des Kunstwerkes
mit ein.
Info: Situation Kunst im Schlosspark
Bochum-Weitmar, Nevelstraße 29c-d, geöffnet
Mi+Fr 14-18 h, Sa+So 12-18 h, http://www.situation-kunst.de
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