Malen, basteln,
verstehen
Best Practice in der Lehre: Studenten lernen, wie das
Gehirn funktioniert
„Wer etwas wirklich lernen will, der muss es tun“:
Auf diese einfache Formel bringt der Biopsychologe Prof.
Onur Güntürkün das Credo des Seminars
„Das menschliche Gehirn – ein Mal- und Bastelkurs“
an der Fakultät für Psychologie. 120 Zweitsemester
in acht Kleingruppen nehmen seit 2004 stets im Sommersemester
Buntstifte und Knete zur Hand, Perlen und Bindfäden.
Sie formen daraus das Gehirn und einzelne Areale, sie
modellieren die neuronalen Verbindungen und vertiefen
auf diese Weise die Struktur und die Funktion des komplexesten
aller Organe. Für ihr Konzept erhielten Güntürkün,
seine Mitarbeiterin Janina Kirsch und der Mediziner
Prof. Pedro Faustmann auf einer campusweiten Tagung
zum Thema Lehre im Januar den Publikumspreis als Best
Practice-Beispiel.
Hinter dem Seminar verbirgt sich der Ansatz des multimodalen
Lernens. „Wir vermitteln den Studenten Wissen,
ohne dass sie es merken“, sagt Janina Kirsch,
die das Seminar leitet. In ihrem Kurs wird nicht nur
nach Herzenslust gebastelt, Spaß und eine lockere
Atmosphäre gehören unbedingt dazu. Es stehen
immer Süßigkeiten bereit, auch geben erste
misslungene Versuche, zum Beispiel das Hirnareal namens
Hippocampus zu formen, Anlass zu lachen statt sich zu
schämen. Mit Fleiß und Freude seien die Studierenden
dabei, berichtet Kirsch, und auch schwierigste Hirnstrukturen
bekomme jeder irgendwann hin. „Am Anfang ist die
Hemmschwelle zwar groß, schließlich hat
Knete aus Sicht der Studenten eher etwas im Kindergarten
zu suchen. Nach zwei, drei Sitzungen packt jedoch alle
die Begeisterung.“
Im Praxisteil des Seminars machen die Teilnehmer Experimente,
zum Beispiel zum Kniesehnenreflex, denn den steuert
das Rückenmark, oder zur Hand-Auge-Koordination,
indem sie Dartpfeile werfen. „Anhand dieser eigenen
Erfahrungen können sie das Wissen später viel
leichter wieder abrufen“, so Prof. Güntürkün.
Malen, basteln, lachen, aktiv sein – und darüber
letztlich verstehen, das ist für den Psychologen
allemal effektiver als das reine Pauken von Fakten.
Die Rückmeldungen der Seminarteilnehmer bestätigen
das ebenso wie ihre Klausurergebnisse.
„Typisch RUB“
Das Tüpfelchen auf dem i ist die Zusammenarbeit
mit der Neuroanatomie. Prof. Pedro Faustmann war sofort
dabei, als Kirsch und Güntürkün ihm vor
einigen Jahren ihre Idee vorstellten. Seither kommen
die Psychologie-Studenten regelmäßig zu ihm
in die Medizin. Sie mikroskopieren mit Präparaten
und zeichnen sie nach, sie sehen real, was sie zuvor
mit Knete nachgebildet haben. „Das vertieft die
Faszination“, so Kirsch. Mit Beispielen zu Störungen
von Hirnfunktionen schlägt der Abstecher in die
Medizin zudem eine Brücke in die Praxis und damit
in den späteren Berufsalltag der Psychologen.
Für Prof. Güntürkün macht dieses
unkomplizierte Aufeinanderzugehen auf dem Campus den
„Spirit der Ruhr-Universität“ aus:
„Es ist typisch für die RUB, dass wir einfach
mit einem Mediziner zusammenarbeiten, der rechtlich
nicht dazu verpflichtet ist, unsere Studenten in Anatomie
zu unterrichten.“
Typisch für die RUB war auch die Tagung im Januar.
Veranstaltet von der Internen Fortbildung und Beratung,
stellten sich 50 Konzepte aus der Lehre aller Fakultäten
vor. Egal, ob interessierte Kolleginnen und Kollegen
oder Studierende, jeder konnte sich darüber informieren,
was andere machen, sich Anregungen holen und womöglich
auch die eine oder andere fruchtbare Kooperation anbahnen.
Die Teilnehmer der Tagung vergaben den Publikumspreis
für ein besonders gelungenes Best Practice-Beispiel
an den Mal- und Bastelkurs, der jetzt – statt
eines Preisgeldes – einen eigenen Imagefilm bekommt,
unterstützt vom Multimedia Support Zentrum.
Für Kirsch war die Tagung die ideale Gelegenheit,
das erfolgreiche Konzept einer breiteren, uni-internen
Öffentlichkeit vorzustellen: „Im Grunde haben
wir nur darauf gewartet“, sagt sie, schließlich
habe man die Idee bereits an die Psychologie-Fakultäten
der Unis in Istanbul und Izmir „exportiert“.
jw
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