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RUBENS 123

1. April 2008

Malen, basteln, verstehen


Best Practice in der Lehre: Studenten lernen, wie das Gehirn funktioniert



„Wer etwas wirklich lernen will, der muss es tun“: Auf diese einfache Formel bringt der Biopsychologe Prof. Onur Güntürkün das Credo des Seminars „Das menschliche Gehirn – ein Mal- und Bastelkurs“ an der Fakultät für Psychologie. 120 Zweitsemester in acht Kleingruppen nehmen seit 2004 stets im Sommersemester Buntstifte und Knete zur Hand, Perlen und Bindfäden. Sie formen daraus das Gehirn und einzelne Areale, sie modellieren die neuronalen Verbindungen und vertiefen auf diese Weise die Struktur und die Funktion des komplexesten aller Organe. Für ihr Konzept erhielten Güntürkün, seine Mitarbeiterin Janina Kirsch und der Mediziner Prof. Pedro Faustmann auf einer campusweiten Tagung zum Thema Lehre im Januar den Publikumspreis als Best Practice-Beispiel.

Hinter dem Seminar verbirgt sich der Ansatz des multimodalen Lernens. „Wir vermitteln den Studenten Wissen, ohne dass sie es merken“, sagt Janina Kirsch, die das Seminar leitet. In ihrem Kurs wird nicht nur nach Herzenslust gebastelt, Spaß und eine lockere Atmosphäre gehören unbedingt dazu. Es stehen immer Süßigkeiten bereit, auch geben erste misslungene Versuche, zum Beispiel das Hirnareal namens Hippocampus zu formen, Anlass zu lachen statt sich zu schämen. Mit Fleiß und Freude seien die Studierenden dabei, berichtet Kirsch, und auch schwierigste Hirnstrukturen bekomme jeder irgendwann hin. „Am Anfang ist die Hemmschwelle zwar groß, schließlich hat Knete aus Sicht der Studenten eher etwas im Kindergarten zu suchen. Nach zwei, drei Sitzungen packt jedoch alle die Begeisterung.“
Im Praxisteil des Seminars machen die Teilnehmer Experimente, zum Beispiel zum Kniesehnenreflex, denn den steuert das Rückenmark, oder zur Hand-Auge-Koordination, indem sie Dartpfeile werfen. „Anhand dieser eigenen Erfahrungen können sie das Wissen später viel leichter wieder abrufen“, so Prof. Güntürkün. Malen, basteln, lachen, aktiv sein – und darüber letztlich verstehen, das ist für den Psychologen allemal effektiver als das reine Pauken von Fakten. Die Rückmeldungen der Seminarteilnehmer bestätigen das ebenso wie ihre Klausurergebnisse.

„Typisch RUB“

Das Tüpfelchen auf dem i ist die Zusammenarbeit mit der Neuroanatomie. Prof. Pedro Faustmann war sofort dabei, als Kirsch und Güntürkün ihm vor einigen Jahren ihre Idee vorstellten. Seither kommen die Psychologie-Studenten regelmäßig zu ihm in die Medizin. Sie mikroskopieren mit Präparaten und zeichnen sie nach, sie sehen real, was sie zuvor mit Knete nachgebildet haben. „Das vertieft die Faszination“, so Kirsch. Mit Beispielen zu Störungen von Hirnfunktionen schlägt der Abstecher in die Medizin zudem eine Brücke in die Praxis und damit in den späteren Berufsalltag der Psychologen.
Für Prof. Güntürkün macht dieses unkomplizierte Aufeinanderzugehen auf dem Campus den „Spirit der Ruhr-Universität“ aus: „Es ist typisch für die RUB, dass wir einfach mit einem Mediziner zusammenarbeiten, der rechtlich nicht dazu verpflichtet ist, unsere Studenten in Anatomie zu unterrichten.“
Typisch für die RUB war auch die Tagung im Januar. Veranstaltet von der Internen Fortbildung und Beratung, stellten sich 50 Konzepte aus der Lehre aller Fakultäten vor. Egal, ob interessierte Kolleginnen und Kollegen oder Studierende, jeder konnte sich darüber informieren, was andere machen, sich Anregungen holen und womöglich auch die eine oder andere fruchtbare Kooperation anbahnen. Die Teilnehmer der Tagung vergaben den Publikumspreis für ein besonders gelungenes Best Practice-Beispiel an den Mal- und Bastelkurs, der jetzt – statt eines Preisgeldes – einen eigenen Imagefilm bekommt, unterstützt vom Multimedia Support Zentrum.
Für Kirsch war die Tagung die ideale Gelegenheit, das erfolgreiche Konzept einer breiteren, uni-internen Öffentlichkeit vorzustellen: „Im Grunde haben wir nur darauf gewartet“, sagt sie, schließlich habe man die Idee bereits an die Psychologie-Fakultäten der Unis in Istanbul und Izmir „exportiert“.







jw
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