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RUBENS 123

1. April 2008

Der einsamste Professor

Ralf Drautz baut das ICAMS-Institut aus dem Nichts auf



Prof. Dr. Ralf Drautz dürfte der einsamste Professor der ganzen Uni sein. Mutterseelenallein sitzt er in einer komplett leeren Etage, weit oben im Universitätshochhaus West (UHW), umgeben von leeren Regalen und Schränken in jungfräulichen Zimmern, blanken Tischen und fabrikneuen Stühlen, an denen noch die Etiketten baumeln. Im Februar kam er als erster Lehrstuhlinhaber des Interdisciplinary Centre of Advanced Materials Simulation ICAMS und baut ein Institut auf – aus dem Nichts.

Aber Ralf Drautz zeigt keinerlei Zeichen von Trübsal, ganz im Gegenteil: „Am Anfang ist das halt ein bissl wild“, räumt er ein, „aber in einem halben Jahr wird es etwas sein, auf das ich stolz sein kann!“ Dieser Gedanke gibt ihm Schwung, und er packt an. Schon von Oxford aus, wo er in den letzten fünf Jahren geforscht hat und wo seine Büroutensilien und Bücher im Augenblick noch sind, hat er anhand des Grundrisses seines neuen Instituts Möbel bestellt. Sie sind inzwischen da und aufgebaut. „Am ersten Tag hatte ich noch keinen Computer und kein Telefon“, erzählt er, „da bin ich schon ein bisschen nervös geworden.“
Aber am Tag darauf war beides da und funktionstüchtig, und seitdem ist er auch nicht mehr einsam auf seiner Etage, denn das Telefon klingelt am laufenden Band. Ein Lieferant will Rollos bringen, aber wenn Ralf Drautz nicht da ist, ist gar keiner da, da muss man das irgendwie arrangieren. Glücklicherweise hat man ihm einen Helfer zur Seite gestellt: Dr. Jan Frenzel kennt sich aus an der Ruhr-Uni. „Ich wusste ja nicht einmal, wie ich einen Bleistift bestelle“, erklärt Drautz.

Staubsauger und Kaffeemaschine

Jan Frenzel hat sich darum gekümmert; vom Stempel bis zum Stift ist inzwischen alles da und wartet nur noch auf die Sekretärin, die noch nicht da ist. Es gibt aber schon einen Staubsauger, eine Kaffeemaschine, Teller, Gläser, Tassen in der Teeküche, die darauf warten, dass die Mitarbeiter kommen, die sie benutzen. Das könnte allerdings noch eine Weile dauern. Die ersten Stellenausschreibungen sind im Entstehen, aber alle auf einmal kann der Professor auch nicht bewältigen, und das will er auch nicht. „Es ist natürlich wichtig, dass das Sekretariat besetzt wird, und dass Techniker da sind, die sich um das Rechnernetzwerk kümmern, aber dann will ich erstmal Teamleiter einstellen“, plant er. „Die können dann an der Auswahl der weiteren Mitarbeiter beteiligt sein.“ Auf 20 bis 30 Personen wird der Lehrstuhl anwachsen, ebenso wie die beiden anderen Lehrstühle, über deren Besetzung zurzeit noch verhandelt wird, und die die Etagen über und unter seiner eigenen beziehen sollen. Frühestens im Mai rechnet Drautz mit der Ankunft seiner beiden Kollegen.
Die Professuren waren in Forscherkreisen sehr begehrt; drei Tage lang haben Bewerber sich letzten Sommer in jeweils halbstündigen Vorträgen dem Auswahlgremium vorgestellt. Die Aussicht, ein gut ausgestattetes Institut von Grund auf zu gestalten, war reizvoll, „eine Riesenchance“, so Drautz. Entsprechend stolz und froh ist er als einer der Ausgewählten, denn ICAMS ist etwas, das es in Deutschland so bisher nicht gab und das haargenau auf das Profil des Physikers passte, der die Vision des Fächergrenzen Überschreitens schon während seiner Promotion in Stuttgart verfolgte: „Physiker, Ingenieure, Chemiker und Mathematiker arbeiten in ICAMS interdisziplinär zusammen, und das auch noch mit dem Rückenwind der Industrie, des Landes und der Universität, nicht gegen die Windmühlen von stetigen Kürzungen – so muss es sein“, freut er sich.
Seine „alte“ Universität Oxford ist dabei, ihm den Status eines „Visiting Professor“ zu geben; auch ein Zeichen der internationalen Anerkennung, die ICAMS vom Start weg genießt. Einige Doktoranden, die Drautz in Oxford betreut, werden vielleicht demnächst in Bochum arbeiten. Die richtigen Leute zu finden betrachtet er zurzeit als die wichtigste Aufgabe. „Wir stehen im Moment in starker Konkurrenz zur Industrie, wo Materialforscher dringend gesucht werden und entsprechend attraktive Stellen finden. Da müssen wir ihnen schon etwas bieten, um sie zu überzeugen, in der Forschung zu bleiben.“ Im ICAMS können Doktoranden Halb- und Vollzeitstellen bekommen, in deren Rahmen sie ihre Dissertationen anfertigen.

Bedienungsanleitung für die RUB

Der Lehrstuhl von Ralf Drautz befasst sich mit der Erforschung der kleinsten Strukturen von Materialien: Ausgehend von quantenmechanischen Gesetzmäßigkeiten modellieren die Forscher im Computer das Verhalten von Materialien auf der Mikroebene, also im Mikrometerbereich. Der zweite Lehrstuhl wird sich mit der Mesoebene, der dritte mit der Makroebene befassen. „Bis in die Fünfzigerjahre hinein hat man die physikalischen Grundgesetze erforscht. Heute versuchen wir, die Konsequenzen zu verstehen und technische Anwendungen zu finden, die uns helfen, unter Nutzung dieser Naturgesetze Materialien systematisch zu verbessern“, erläutert er. Die Früchte seiner bisherigen Arbeit kamen etwa der Entwicklung verbesserter Turbinen zugute.
Auch seine im Augenblick vorrangige Tätigkeit, der Institutsaufbau mit allem, was dazu gehört, soll später anderen zugute kommen: „Ich schreibe gerade eine Bedienungsanleitung für die Ruhr-Universität mit allen wichtigen Telefonnummern und Ansprechpartnern, das kann bestimmt jedem helfen, der hier neu ist.“
Für einen Blog, den ihm Bekannte nahe gelegt hatten, reicht die Zeit leider nicht. Denn parallel wird Ralf Drautz in Bochum heimisch. Eine Wohnung hat er zurzeit noch nicht, „das muss nebenbei gehen“. Und forschen kann er gleichzeitig sogar auch noch. Da er nicht viel mehr braucht als einen Computer, funktionierte das schon am zweiten Tag wieder ganz gut. Dieser Umstand ist auch für die Zukunft von Vorteil, denn das UHW ist nur eine vorübergehende Bleibe für ICAMS. In zwei oder drei Jahren wird das Institut ins dann fertige ID-Gebäude umziehen. Für Ralf Drautz dann wohl Routine.


ICAMS
Mit 24,2 Mio. Euro fördert ein Industriekonsortium unter Federführung der ThyssenKrupp AG gemeinsam mit dem Land NRW die Einrichtung des Interdisciplinary Centre of Advanced Materials Simulation (ICAMS) an der RUB. Das auf fünf Jahre angelegte Anschubprogramm wird nach Ablauf der Gründungsphase von der Ruhr-Uni weitergeführt.
Im Institut, in dem Natur- und Ingenieurwissenschaftler eng zusammen arbeiten, sollen neuartige Verfahren für die Computersimulation moderner Werkstoffe entwickelt und in die industrielle Forschung übertragen werden. Der Hintergrund ist offenkundig: Bei der Entwicklung neuer Produkte werden Materialien und Werkstoffe mit spezifischen, maßgeschneiderten Eigenschaften immer wichtiger. Die Automobilindustrie etwa braucht zur Reduktion des Treibstoffverbrauchs und zur Erhöhung der Sicherheitsstandards hochfeste Stähle für leichtere Bauweisen. Ein Problem bei der Beschreibung von realen Werkstoffen ist jedoch die hohe räumliche und chemische Komplexität dieser Strukturen auf verschiedensten Längen-, Zeit- und Energieskalen. Hierbei helfen Simulationen: Sie ermöglichen es, neue Werkstoffe zu entwickeln und die Eigenschaften neuer metallischer Legierungen, Keramiken, Gläser oder Kunststoffe realistisch vorherzusagen und besser zu verstehen.




md
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