Der
einsamste Professor
Ralf
Drautz baut das ICAMS-Institut aus dem Nichts auf
Prof. Dr. Ralf Drautz dürfte der einsamste Professor
der ganzen Uni sein. Mutterseelenallein sitzt er in
einer komplett leeren Etage, weit oben im Universitätshochhaus
West (UHW), umgeben von leeren Regalen und Schränken
in jungfräulichen Zimmern, blanken Tischen und
fabrikneuen Stühlen, an denen noch die Etiketten
baumeln. Im Februar kam er als erster Lehrstuhlinhaber
des Interdisciplinary Centre of Advanced Materials Simulation
ICAMS und baut ein Institut auf – aus dem Nichts.
Aber Ralf Drautz zeigt keinerlei Zeichen von Trübsal,
ganz im Gegenteil: „Am Anfang ist das halt ein
bissl wild“, räumt er ein, „aber in
einem halben Jahr wird es etwas sein, auf das ich stolz
sein kann!“ Dieser Gedanke gibt ihm Schwung, und
er packt an. Schon von Oxford aus, wo er in den letzten
fünf Jahren geforscht hat und wo seine Büroutensilien
und Bücher im Augenblick noch sind, hat er anhand
des Grundrisses seines neuen Instituts Möbel bestellt.
Sie sind inzwischen da und aufgebaut. „Am ersten
Tag hatte ich noch keinen Computer und kein Telefon“,
erzählt er, „da bin ich schon ein bisschen
nervös geworden.“
Aber am Tag darauf war beides da und funktionstüchtig,
und seitdem ist er auch nicht mehr einsam auf seiner
Etage, denn das Telefon klingelt am laufenden Band.
Ein Lieferant will Rollos bringen, aber wenn Ralf Drautz
nicht da ist, ist gar keiner da, da muss man das irgendwie
arrangieren. Glücklicherweise hat man ihm einen
Helfer zur Seite gestellt: Dr. Jan Frenzel kennt sich
aus an der Ruhr-Uni. „Ich wusste ja nicht einmal,
wie ich einen Bleistift bestelle“, erklärt
Drautz.
Staubsauger und Kaffeemaschine
Jan Frenzel hat sich darum gekümmert; vom Stempel
bis zum Stift ist inzwischen alles da und wartet nur
noch auf die Sekretärin, die noch nicht da ist.
Es gibt aber schon einen Staubsauger, eine Kaffeemaschine,
Teller, Gläser, Tassen in der Teeküche, die
darauf warten, dass die Mitarbeiter kommen, die sie
benutzen. Das könnte allerdings noch eine Weile
dauern. Die ersten Stellenausschreibungen sind im Entstehen,
aber alle auf einmal kann der Professor auch nicht bewältigen,
und das will er auch nicht. „Es ist natürlich
wichtig, dass das Sekretariat besetzt wird, und dass
Techniker da sind, die sich um das Rechnernetzwerk kümmern,
aber dann will ich erstmal Teamleiter einstellen“,
plant er. „Die können dann an der Auswahl
der weiteren Mitarbeiter beteiligt sein.“ Auf
20 bis 30 Personen wird der Lehrstuhl anwachsen, ebenso
wie die beiden anderen Lehrstühle, über deren
Besetzung zurzeit noch verhandelt wird, und die die
Etagen über und unter seiner eigenen beziehen sollen.
Frühestens im Mai rechnet Drautz mit der Ankunft
seiner beiden Kollegen.
Die Professuren waren in Forscherkreisen sehr begehrt;
drei Tage lang haben Bewerber sich letzten Sommer in
jeweils halbstündigen Vorträgen dem Auswahlgremium
vorgestellt. Die Aussicht, ein gut ausgestattetes Institut
von Grund auf zu gestalten, war reizvoll, „eine
Riesenchance“, so Drautz. Entsprechend stolz und
froh ist er als einer der Ausgewählten, denn ICAMS
ist etwas, das es in Deutschland so bisher nicht gab
und das haargenau auf das Profil des Physikers passte,
der die Vision des Fächergrenzen Überschreitens
schon während seiner Promotion in Stuttgart verfolgte:
„Physiker, Ingenieure, Chemiker und Mathematiker
arbeiten in ICAMS interdisziplinär zusammen, und
das auch noch mit dem Rückenwind der Industrie,
des Landes und der Universität, nicht gegen die
Windmühlen von stetigen Kürzungen –
so muss es sein“, freut er sich.
Seine „alte“ Universität Oxford ist
dabei, ihm den Status eines „Visiting Professor“
zu geben; auch ein Zeichen der internationalen Anerkennung,
die ICAMS vom Start weg genießt. Einige Doktoranden,
die Drautz in Oxford betreut, werden vielleicht demnächst
in Bochum arbeiten. Die richtigen Leute zu finden betrachtet
er zurzeit als die wichtigste Aufgabe. „Wir stehen
im Moment in starker Konkurrenz zur Industrie, wo Materialforscher
dringend gesucht werden und entsprechend attraktive
Stellen finden. Da müssen wir ihnen schon etwas
bieten, um sie zu überzeugen, in der Forschung
zu bleiben.“ Im ICAMS können Doktoranden
Halb- und Vollzeitstellen bekommen, in deren Rahmen
sie ihre Dissertationen anfertigen.
Bedienungsanleitung für die RUB
Der Lehrstuhl von Ralf Drautz befasst sich mit der
Erforschung der kleinsten Strukturen von Materialien:
Ausgehend von quantenmechanischen Gesetzmäßigkeiten
modellieren die Forscher im Computer das Verhalten von
Materialien auf der Mikroebene, also im Mikrometerbereich.
Der zweite Lehrstuhl wird sich mit der Mesoebene, der
dritte mit der Makroebene befassen. „Bis in die
Fünfzigerjahre hinein hat man die physikalischen
Grundgesetze erforscht. Heute versuchen wir, die Konsequenzen
zu verstehen und technische Anwendungen zu finden, die
uns helfen, unter Nutzung dieser Naturgesetze Materialien
systematisch zu verbessern“, erläutert er.
Die Früchte seiner bisherigen Arbeit kamen etwa
der Entwicklung verbesserter Turbinen zugute.
Auch seine im Augenblick vorrangige Tätigkeit,
der Institutsaufbau mit allem, was dazu gehört,
soll später anderen zugute kommen: „Ich schreibe
gerade eine Bedienungsanleitung für die Ruhr-Universität
mit allen wichtigen Telefonnummern und Ansprechpartnern,
das kann bestimmt jedem helfen, der hier neu ist.“
Für einen Blog, den ihm Bekannte nahe gelegt hatten,
reicht die Zeit leider nicht. Denn parallel wird Ralf
Drautz in Bochum heimisch. Eine Wohnung hat er zurzeit
noch nicht, „das muss nebenbei gehen“. Und
forschen kann er gleichzeitig sogar auch noch. Da er
nicht viel mehr braucht als einen Computer, funktionierte
das schon am zweiten Tag wieder ganz gut. Dieser Umstand
ist auch für die Zukunft von Vorteil, denn das
UHW ist nur eine vorübergehende Bleibe für
ICAMS. In zwei oder drei Jahren wird das Institut ins
dann fertige ID-Gebäude umziehen. Für Ralf
Drautz dann wohl Routine.
ICAMS
Mit 24,2 Mio. Euro fördert ein Industriekonsortium
unter Federführung der ThyssenKrupp AG gemeinsam
mit dem Land NRW die Einrichtung des Interdisciplinary
Centre of Advanced Materials Simulation (ICAMS) an der
RUB. Das auf fünf Jahre angelegte Anschubprogramm
wird nach Ablauf der Gründungsphase von der Ruhr-Uni
weitergeführt.
Im Institut, in dem Natur- und Ingenieurwissenschaftler
eng zusammen arbeiten, sollen neuartige Verfahren für
die Computersimulation moderner Werkstoffe entwickelt
und in die industrielle Forschung übertragen werden.
Der Hintergrund ist offenkundig: Bei der Entwicklung
neuer Produkte werden Materialien und Werkstoffe mit
spezifischen, maßgeschneiderten Eigenschaften
immer wichtiger. Die Automobilindustrie etwa braucht
zur Reduktion des Treibstoffverbrauchs und zur Erhöhung
der Sicherheitsstandards hochfeste Stähle für
leichtere Bauweisen. Ein Problem bei der Beschreibung
von realen Werkstoffen ist jedoch die hohe räumliche
und chemische Komplexität dieser Strukturen auf
verschiedensten Längen-, Zeit- und Energieskalen.
Hierbei helfen Simulationen: Sie ermöglichen es,
neue Werkstoffe zu entwickeln und die Eigenschaften
neuer metallischer Legierungen, Keramiken, Gläser
oder Kunststoffe realistisch vorherzusagen und besser
zu verstehen.
md
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