Die Liste der Lebenden
Studierende der RUB begleiten die Entstehung des Platzes
des Europäischen Versprechens
Noch ist der Platz derart unbedeutend, dass
er von vielen Bochumern gar nicht als Platz wahrgenommen
wird. Sie sehen nur eine unbebaute Fläche zwischen
Rathausrückseite, Kneipe und Christuskirche, die
zum Teil als Parkplatz dient. Doch dank der Idee des
Künstlers Jochen Gerz wird der Ort seine Schönheit
bald von Innen heraus gewinnen und als Platz des europäischen
Versprechens einen zentralen Beitrag zur Europäischen
Kulturhauptstadt Ruhr 2010 leisten. Studierende der
RUB begleiten das Projekt in Seminaren und mit einem
Buch.
„Tausende Europäer gründen mitten in
Bochum einen neuen Platz“. Das ist ein grandioser
Einfall mit folgender Vorgeschichte: Der Künstler
Jochen Gerz wurde im Rahmen eines städtebaulichen
Wettbewerbs eingeladen, ein Konzept für die Umgestaltung
des unscheinbaren Platzes an der Christuskirche zu entwickeln.
Den Ausgangspunkt zu seiner Arbeit bildet die Helden-Gedenkhalle
von 1931 im sanierten Turm der Kirche. Hier bewahrt
ein goldenes Mosaik die Namen von 1.358 gefallenen Bochumern
des Ersten Weltkriegs und eine prophetische Liste der
28 „Feindstaaten“ Deutschlands. Tod, Krieg,
Feindschaft – Gerz beschließt, diesen beiden
Listen mit dem Platz des europäischen Versprechens
eine dritte Liste mit den Namen der Lebenden entgegenzusetzen.
Gemeinschaftsprojekt
Der Künstler lädt die Bürger Bochums
und ganz Europas ein, den neuen Platz gemeinsam zu erschaffen.
Jeder Teilnehmer trägt seinen Namen bei, der in
Steinplatten gemeißelt und später auf dem
Platz verewigt wird. Hinter jedem Namen steht ein Mensch,
der ein freies und geheimes Versprechen an Europa gegeben
hat. Auf diese Weise verleihen die Autoren dem Platz
eine vollkommen neue Bedeutungsebene und Identität.
Der Platz des Europäischen Versprechens gehört
zu den Leitprojekten der Europäischen Kulturhauptstadt
Ruhr 2010.
Mittlerweile (Stand: Ende März) sind knapp 4.000
Menschen der Einladung von Jochen Gerz gefolgt. Es bleibt
noch genügend Zeit, viele weitere zu finden, denn
der Platz soll erst am 31. Dezember 2010 eingeweiht
werden. „Am letzten Tag des Kulturhauptstadtjahres
möchte ich ihn seinen Autoren übergeben“,
sagt Gerz. Bis es so weit ist, werden bis zu vier Fräsmaschinen
in Norditalien nahezu rund um die Uhr laufen, um die
Namen in die Steinplatten zu gravieren.
Einmalige Gelegenheit
Bis dahin gibt es begleitend zahlreiche Veranstaltungen
und Aktivitäten. Für die Kunsthistoriker der
Ruhr-Uni bietet der Platz des europäischen Versprechens
eine einmalige Gelegenheit, direkt vor der Haustür
die Entstehung eines Kunstwerkes über Jahre hinweg
zu verfolgen und einen renommierten Künstler während
dieses Prozesses zu erleben. Unter anderem befasst sich
Dr. Hans H. Hanke (Lehrbeauftragter am Kunstgeschichtlichen
Institut) intensiv damit.
Der Denkmalpfleger und Autor vieler Bücher über
architektonische und soziale Themen behandelt in seinen
Seminaren an der RUB sowohl die Kirche als auch den
entstehenden Platz. „2003 habe ich per Aushang
an der Uni Studenten aus aller Welt für ein Projekt
zur Christuskirche gesucht. Zusammen haben wir beispielsweise
die Angehörigen bzw. Nachkommen von vielen der
1.358 Gefallenen ausfindig gemacht und mit ihnen gesprochen
und viel Historisches und Kunstgeschichtliches zur Kirche
zusammengetragen“, erzählt Hans Hanke. Heraus
kam das Buch „Christuskirche Bochum“, das
im Herbst 2008 im Essener Klartext Verlag erscheint.
Bereits fertig ist eine Magisterarbeit zur Helden-Gedenkhalle
und zu Heinrich Rüter, der sie gestaltet hat.
Einladung
Bislang hält Jochen Gerz die Ruhr-Uni für
„ein U-Boot in Bochum, das in der Stadt nicht
vorkommt“. Gerade deshalb lädt er explizit
alle Studierenden und Beschäftigten ein, sich am
Platz des europäischen Versprechens zu beteiligen,
ein Versprechen zu geben und damit Teil des Kunstwerkes
zu werden. Das funktioniert denkbar unbürokratisch
unter http://www.pev2010.de.
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