Wo die Wasser nicht fließen …
Serie Campus & Kunst
Mit der Kunst am Bau ist das so eine Sache. Manchmal
verursacht sie einen Skandal, manchmal nur Desinteresse.
Das gilt zum Teil auch für die Kunst an der RUB.
Diese Serie will zeigen, dass die Werke auf dem Campus
einen fantastischen Querschnitt durch die Kunstrichtungen
der 60er- und 70er-Jahre bieten. Diesmal widmen wir uns
dem Werk von Erich Reusch.
Für die meisten Besucher der RUB ist es wahrscheinlich
lediglich eine Besonderheit in der Gestaltung des Forums.
Dass es sich hierbei um eine Skulptur von Erich Reusch,
einem der wichtigsten und innovativsten Bildhauer des
20. Jahrhunderts handelt, bleibt wohl ebenso verborgen,
wie die Tatsache, dass der leuchtend blau geflieste
Treppenabgang zum Parkhaus ein Teil dieser Installation
ist. Eigentlich auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt,
dass diese Skulptur ursprünglich etwas anders gedacht
war.
Die „Gutachterkommission für die künstlerische
Ausgestaltung der Ruhr-Universität“ entschied
auf Vorschlag der Architekten Hentrich und Petschnigg
im Jahre 1970, Reusch mit der Gestaltung des Nordostteils
des Forums „in Verbindung mit einer Wasseranlage“
zu beauftragen. Leider ist die ursprünglich geplante
Platzgestaltung, von der Reusch bei seinem Entwurf ausgegangen
war, nicht realisiert worden. Es fehlt die monumentale
Skulptur, die schräg gegenüber in der Nähe
der Brücke zur G-Reihe geplant war und auf die
Reuschs Plastik Bezug nehmen sollte. Aber vor allem
das zentrale Element der Plastik, das Wasser, fehlt
heute.
Raum als Gestaltungsaufgabe
Erich Reusch, geboren 1925 in Wittenberg, war lange
als Architekt tätig, bevor er 1964 zur Plastik
überging. Die Funktionszwänge der Architektur
standen seiner Meinung nach dem gestalteten, rhythmisierten
Raum im Wege. Ganz anders die Plastik. Eine maßgebliche
Basis für die Expansion der Plastik in den Sechzigern
war der Schritt von der vertikalen Erhebung zur horizontalen
Erstreckung. Es entwickelte sich eine neue Bedeutung
von Ausbreitung, Boden und Umgebung, mit dem Ziel, den
Raum erfahrbar und dem Empfinden des Menschen verfügbar
zu machen. Die durch die Zwänge der Industrie-
und Massengesellschaft überlagerte Empfindungsfähigkeit
für Raum und Raumbeziehungen wollte Reusch neu
erwecken.
Mit der Einbeziehung des Bodens in seine Plastiken ergaben
sich für die Umgebung neue Aspekte der Ausdehnung,
der Weite und des Horizonts – so auch für
das Forum. Seine Skulpturen beziehen sich immer auch
auf den Menschen, seine Anwesenheit, Orientierung und
Wahrnehmung im Raum. Zusammengenommen zeigt die plastische
Arbeit Reuschs den Versuch, die künstlerische Gestaltung
des Raumes in Beziehung zum Außenraum, zu dessen
landschaftlichen und architektonischen Gegebenheiten,
aber auch dessen sozialen Erfordernissen und Bedingungen
zu definieren.
Die architekturbezogene Skulptur auf dem Forum wurde
in die Plattierung des Platzes integriert. Ihre Terrassen,
die zum Sitzen einladen sollten, bewirken im Zusammenhang
mit der Struktur der Anlage durch die Rinnen eine räumliche
Gestaltung in verschiedenen Ebenen. In den Rinnen zwischen
den Steinplatten lief ursprünglich Wasser, in dessen
Oberfläche sich die umliegenden Gebäude des
Platzes und der Himmel spiegeln konnten und führten
so zu einer verstärkten Verbindung von Architektur
und Platzgestaltung. Leider war der Wasserlauf der Installation
nur kurze Zeit in Betrieb und ist bis heute nicht repariert
worden. So ist die eigentliche räumliche Wirkung
für den gesamten Platz heute kaum noch vorstellbar.
Allerdings erfüllt sie als beliebter Treffpunkt
und Ort der Kommunikation eine der anderen gewünschten
Funktionen von Reusch.
Kein pathetischer Springbrunnen
Die Verwendung des Elements Wasser als gestalterisches
Mittel stellte eine Neuerung in der Kunst der sechziger
Jahre dar. Wie wesentlich Wasser mit seiner visuellen
Funktion für die Anlage auf dem Forum tatsächlich
war, verdeutlicht Reusch selbst: „Ich habe Wasser
so verwendet, dass keine monumentalen Wasserberge entstehen,
wie etwa die oft pathetischen Springbrunnen. Ich habe
Wasser vielmehr in Bezug zum Boden und zur Erde gesetzt,
oder habe es in sehr kleinen und engen Führungen
durch Skulpturen geleitet, wie in Bochum. Hier war das
Ziel eine große Nähe zum Betrachter, zum
Benutzer der Skulptur.“
Alexandra
Apfelbaum, Universitätsarchiv
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