Allons Enfants …
Warum deutsche Frauen wenig Kinder bekommen und Französinnen
selten stillen
Zu wenig Frauen bekommen zu wenige Kinder – zumindest
in Deutschland kann man das jeden zweiten Tag in der Zeitung
lesen. Und je höher der Bildungsstand, desto unwahrscheinlicher
das Mutterglück. Das sieht in anderen Ländern
ganz anders aus, zum Beispiel in Frankreich. Trotzdem
läuft auch dort nicht alles rund. Das Stillen ist
bei den Französinnen ziemlich aus der Mode gekommen,
nicht so in Deutschland. Diese Unterschiede und ihre Gründe
hat Dr. Vera Walburg in ihrer Dissertation genauer untersucht.
Ihr Promotionsverfahren schloss sie als sog. Co-Tutelle
de Thèse an den Partner-Universitäten Bochum
und Toulouse-Le Mirail ab.
90 Prozent der deutschen Frauen stillen ihr Kind nach
der Geburt. Sie wissen, dass die Muttermilch für
das Baby die gesündestes Nahrung ist und dass das
Stillen auch für die Mütter einen gewissen
schützenden Effekt hat, beispielsweise vor Krebserkrankungen.
In Frankreich liegt die Stillrate nur bei 56 Prozent.
„Das liegt daran, dass die französischen
Frauen weniger gut informiert sind“, hat Vera
Walburg herausgefunden. Die 32-jährige Tochter
deutscher Eltern, die in Frankreich lebt, hat für
ihre Dissertation 126 französische und 80 deutsche
Mütter drei und sechs Monate nach der Geburt befragt.
In Frankreich kam der Kontakt über eine Entbindungsstation
zustande, in Deutschland über Hebammen.
Teures Privatvergnügen
In Deutschland, so stellte sich heraus, werden die
werdenden Mütter während der Schwangerschaft
durch ihre Hebammen und in Geburtsvorbereitungskursen
ausführlich über das Thema Stillen informiert.
Sie lernen sowohl die Vorteile des Stillens als auch
die möglichen damit verbundenen Probleme schon
im Vorfeld kennen. In Frankreich umfasst die Information
über Babynahrung vor der Geburt nur eine Stunde.
Zu knapp, meint Vera Walburg, selbst Mutter einer achtjährigen
Tochter. Genauso wie auch die Nachsorge in Frankreich
eher knapp bemessen ist. Die Teilnahme an Nachsorgeangeboten
ist für Französinnen ein Privatvergnügen.
In Deutschland werden die Frauen von ihren Hebammen
nach der Geburt weiter betreut und haben das Recht auf
von der Krankenkasse gezahlte Kurse.
Wesentlich besser also – wenn es denn bei deutschen
Frauen überhaupt zu einem Kind kommt. Damit sieht
es derzeit nicht so gut aus, ganz anders als in Frankreich.
„Die niedrige Geburtenrate in Deutschland hat
direkt damit zu tun, dass sich Beruf und Familie so
schlecht vereinbaren lassen“, sagt Vera Walburg.
„Eine deutsche Frau muss sich letztlich entscheiden:
Kind oder Arbeit.“ Nur sehr wenige junge Mütter
gehen nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten,
obwohl sehr viele das gerne würden, wie die Forscherin
in Interviews mit deutschen Müttern häufig
gehört hat. Hier wiederum hat Frankreich die Nase
vorn: 85 Prozent der Frauen sind hier berufstätig,
egal ob sie Kinder haben oder nicht. Wer ein Kind bekommen
hat, ist fast immer sechs Monate nach der Geburt wieder
im Job. Vielleicht sei auch das ein Grund dafür,
dass nachgeburtliche Depressionen in Frankreich wesentlich
seltener vorkommen als in Deutschland, mutmaßt
Walburg, weil den Frauen dort nicht zu Hause die Decke
auf den Kopf fällt.
Erzwungene Entscheidung
Fazit der Dissertation, die auf deutscher Seite von
Prof. Dr. Axel Schölmerich und PD Dr. Birgit Leyendecker
(Fakultät für Psychologie) betreut wurde:
In Deutschland fehlt es vor allem an Betreuungsangeboten
für kleine Kinder unter drei Jahren. Gäbe
es sie, würde man von den Frauen nicht wie bisher
die Entscheidung zwischen Familie und Beruf erzwingen.
In Frankreich müsste hingegen mehr Zeit in die
Information über die Ernährung von Babys investiert
werden. Ein Blick ins jeweilige Nachbarland kann jedenfalls
auf beiden Seiten nicht schaden.
md
|