Die Chemie stimmt!
Die Bochumer Fakultät liegt bundesweit in der Spitzengruppe
Fast jede Professur an der Fakultät für Chemie
und Biochemie wurde in den letzten Jahren neu besetzt.
Ausgerechnet in diesem Zeitraum untersuchte der Wissenschaftsrat
bundesweit die Forschungsleistungen in Chemie an deutschen
Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Umso erfreulicher
die Noten für die Bochumer Fakultät: viermal
„sehr gut“, einmal „gut“, einmal
„überdurchschnittlich“ (s. u.). Über
die erstaunliche Erfolgsgeschichte der Fakultät sprach
Arne Dessaul mit Dekan Prof. Wolfgang Schuhmann und seinem
Vorgänger und derzeitigen Prodekan Prof. Roland A.
Fischer.
RUBENS: Wie kann das funktionieren, dass
mitten in einem Generationswechsel derart herausragende
Forschungsleistungen zustande kommen?
Prof. Fischer: Zunächst muss man sagen: Das Rating
ist aussagekräftig. Es ist das erste mit Peer-Review-Verfahren,
also mit Expertenurteilen, die für echte Tiefenschärfe
sorgen.
Prof. Schuhmann: Ansonsten werden ja oft nur ein paar
Studenten pro Fachbereich und Uni befragt. Aber das
mit dem Generationswechsel trifft zu. Die Untersuchung
des Wissenschaftsrates bezog sich auf die Jahre 2001
bis 2005, da war der Wechsel gerade abgeschlossen. Ich
selbst bin seit 1996 hier und brauchte drei, vier Jahre,
um meine Arbeitsgruppe aufzubauen. Erst danach konnte
ich wieder in vollem Maße forschen und publizieren.
Man kann davon ausgehen, dass das den Kolleginnen und
Kollegen ebenso ergeht. Das heißt: Diejenigen,
die später als ich kamen, haben im Untersuchungszeitraum
noch gar nicht wieder auf ihrem eigentlichen Niveau
geforscht. Daraus folgt, dass die Fakultät noch
besser dastehen würde, wenn man den Untersuchungszeitraum
um zwei, drei Jahre nach hinten verschiebt.
Prof. Fischer: Ich bin seit 1998 hier. Damals zählte
die Chemie zu den notleidenden Fächern an der RUB.
Und bis heute verliert sie Jahr für Jahr Geld,
unter anderem aus den leistungsorientierten Mitteln,
und damit verbunden wurden viele Stellen gestrichen.
Außerdem lief im Gebäude NC noch die Asbestsanierung,
die bis heute nicht abgeschossen ist. Und überhaupt
galt das Chemiestudium als viel zu teuer bei den konjunkturbedingt
niedrigeren Studierendenzahlen. Damals war aber eine
hohe Nachfrage von Studienanfängern das Maß
aller Dinge. Die Ausbildungsleistung im Forschungsstudium
bis zur Promotion wurde nicht gewürdigt.
Freiräume für junge Forscher
RUBENS: Diese Betrachtungsweise änderte
sich bekanntlich.
Prof. Fischer: Ja, es kam zu einem Paradigmenwechsel
an der RUB und im Land. Die Forschung und damit das
Graduiertenstudium wurden endlich als ebenso wichtig
betrachtet wie die grundständige Lehre.
Prof. Schuhmann: Damit lässt sich zum Teil auch
der Aufschwung der Chemie erklären: Bei allen Neuberufungen
achten wir darauf, dass der Kandidat in Forschung und
Lehre exzellent ist. Ich sitze häufig in der Berufungskommission,
da werden keine Kompromisse gemacht.
Prof. Fischer: Wir haben immer nur die besten Leute
geholt. Und, was genauso wichtig ist: Sie werden auch
gehalten. Sechs, sieben der 22 Kollegen haben in den
letzten Jahren attraktive Rufe an andere Unis bekommen.
Aber Fakultät und Hochschulleitung haben gute Bleibeverhandlungen
geführt und konnten die Rufe abwehren. Übrigens,
hätte das Rating auch den Aspekt Chancengleichheit
erfasst, wäre uns mit 25 Prozent Hochschullehrerinnen
ein „sehr gut“ wohl sicher gewesen.
RUBENS: Welche Erfolgsfaktoren gibt es
noch?
Prof. Schuhmann: Die hohe Summe an eingeworbenen Drittmitteln
gehört dazu. Außerdem sind wir viele Dinge
nicht erst dann angegangen, als es keinen Ausweg mehr
gab. Stattdessen haben wir frühzeitig die Weichen
gestellt und hatten auch den Mut, die ersten zu sein.
Prof. Fischer: Genau, unsere Reformfreudigkeit! Dazu
zählt die Umstellung auf Bachelor und Master. Die
haben wir in Bochum, zum Teil gegen Widerstände
beim Fakultätentag, als erste durchgezogen. Hinzu
kam sofort die Graduiertenschule, eine der ersten in
Deutschland. Eine weitere Stärke ist die kooperative
Forschung, die von der Fakultät systematisch nach
vorne gebracht wurde. Ein Beispiel ist der Katalyse-SFB.
Ohne ihn wäre die Fakultät nicht da, wo sie
heute ist. Entsprechend wichtig sind die DFG-Forschergruppen,
das von der EU geförderte Graduiertenkolleg INTCHEM
sowie die Initiierung des EU-Netzwerkes SURMOF und die
Beteiligung an dem EU-geförderten Projekt PACE.
Prof. Schuhmann: Unsere flachen Hierarchien machen es
einfach, dass verschiedene Lehrstühle und Arbeitsgruppen
zusammen forschen. Sie lassen außerdem jungen
Forschern viele Freiräume. Gerade die Zahl der
Publikationen mit Beiträgen aus verschiedenen Arbeitskreisen
steigt stark an.
Prof. Fischer: Wir reden viel miteinander und ziehen
an einem Strang. Dinge wie die Studienreform schafft
man nur gemeinsam.
Prof. Schuhmann: Der Umgang ist sehr persönlich
und unkompliziert. Das gibt es nicht oft in Deutschland,
das kann man auch nirgendwohin mitnehmen. Es gibt noch
ein weiteres wichtiges Kriterium: Wir haben hier noch
relativ günstige räumliche Bedingungen, so
dass das Einwerben von Drittmitteln und damit verbunden
das Wachstum der Arbeitsgruppen noch möglich ist.
Prof. Fischer: Deswegen können wir es auch nicht
verstehen, dass die Ruhr-Uni nach der Sanierung mit
zehn Prozent weniger Fläche auskommen soll. Schließlich
sind wir doch auf Wachstum orientiert.
Platz zur Entfaltung
RUBENS: Betrifft das konkret auch die Chemie?
Prof. Fischer: Wenn sich auch in Zukunft eine hochkarätige
internationale Nachwuchswissenschaftlerin oder ein Nachwuchswissenschaftler
für die RUB entscheidet und bis zu zwei Millionen
Euro für fünf Jahre mitbringt, dann möchten
wir ihr oder ihm so wie bisher etwas bieten, auch genügend
Platz zur Entfaltung.
RUBENS: Wenn man die Bochumer Ergebnisse genauer
betrachtet, fällt nur der Transfer ein klein wenig
ab. Wie kann dieser Bereich weiter verbessert werden?
Prof. Schuhmann: Das war der Punkt, den wir alle als
ziemlich vage empfunden haben.
Prof. Fischer: Dennoch kann man sagen: In den Bereichen,
wo wir nur auf uns angewiesen sind, da schneiden wir
sehr gut ab. Beim Technologie-Transfer sind wir abhängig
von Infrastruktur und politische Entscheidungen seitens
der Stadt Bochum oder des Landes.
Prof. Schuhmann: Anders als in Dortmund, wo es dank
einer Initiative der Stadt Dortmund direkt an der Uni
den Technologiepark gibt …
Prof. Fischer: … den es in dieser Form auch in
Bochum hätte geben können. Hier wurden Mitte
der Neunziger Chancen verpasst. Vielleicht wird es mit
dem Biomedizinpark und ähnlichen Projekten anders.
Sicher werden wir uns dann geeignet einbringen und dann
können wir auch in der Transferdisziplin weiter
punkten.
Prof. Schuhmann: Aber insgesamt sind wir mit der Entwicklung
der letzten zehn Jahre sehr zufrieden. Und freuen uns
natürlich über das Rating, aus dem dann ja
immer auch ein Ranking gemacht wird.
Prof. Fischer: Es ist übrigens interessant, dass
gerade Chemie und Sozialwissenschaft untersucht wurden.
Ende der Neunziger hatte der so genannte Expertenrat
ebenfalls die Chemie in NRW begutachtet und es gab eine
Verbundevaluation der Sozialwissenschaften.
Intensive Durchleuchtung
RUBENS: Aber der Wissenschaftsrat möchte
doch alle Fachbereiche untersuchen.
Prof. Schuhmann: Richtig, Chemie und Sozialwissenschaft
sind die Pilotprojekte dazu.
Prof. Fischer: Dieser intensiven Durchleuchtung sollte
sich auch niemand entziehen wollen, denn die Daten,
die ermittelt werden, sind sehr aussagekräftig
und hilfreich, 95 Prozent aller Chemiestandorte in Deutschland,
Hochschulen und Max Plack-Institute haben sich beteiligt.
Profil
Die Fakultät für Chemie und Biochemie setzt
auf Spitzenforschung und innovative Lehre mit modernen
Studienstrukturen. Sie ist eine von wenigen in Deutschland,
die ihre Master- und Promotionsstudiengänge in
einer Graduiertenschule internationalisiert hat, der
International Graduate School of Chemistry and Biochemistry
(GSCB).
Die Forschungsschwerpunkte in der Fakultät spannen
einen Bogen von kleinen hoch-reaktiven Molekülen
bis zu komplexen biologischen Interaktionssystemen.
Fachübergreifend arbeiten Forscher sowohl theoretisch
als auch experimentell zusammen. Die molekularen Systeme
an Oberflächen und Grenzflächen werden mit
hochgenauen analytischen und theoretischen Methoden
untersucht. Der Sonderforschungsbereich 558 (Heterogene
Katalyse), die Beteiligung am SFB 459 (Formgedächtnistechnik),
dem Materialforschungszentrum ICAMS und der International
Max-Planck Research School SURMAT belegt die sehr gute
Positionierung in der Materialforschung und Katalyse.
Zwei von der DFG geförderte Forschergruppen (FG)
haben ihren Schwerpunkt in der Fakultät. Die FG
618 möchte zu einem vertieften Verständnis
der Aggregation von kleinen Molekülen kommen, die
FG 630 untersucht die biologische Funktion von Organometallverbindungen.
In dem EU-geförderten Graduiertenkolleg INTCHEM
stellen nicht-kovalente Wechselwirkungen in unterschiedlich
komplexen molekularen Systemen das Bindeglied dar.
Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Molekulare Biochemie:
Vernetzt mit der International Graduate Scholl of Neuroscience
(IGSN), mit der Biologie- und der Medizinfakultät
der RUB und dem Max-Planck-Institut für molekulare
Physiologie in Dortmund und eingebunden in den SFB 642,
erforschen die Bochumer Chemiker Strukturen und Prozesse
der biomolekularen Chemie. Aus dieser Fülle an
kooperativen Forschungsprojekten heraus entwickelt die
Fakultät derzeit ein übergreifendes Zukunftsprogramm
zum Thema Systemchemie („Interfacial Systems Chemistry“).
Als erste deutsche Chemiefakultät hat sie 2001/2002
ihre Studiengänge auf das Bachelor-/Master-System
umgestellt. Die Fakultät bietet sieben Studiengänge
und Abschlüsse an: Bachelor of Science Chemie,
Bachelor of Science Biochemie, Bachelor of Arts (2-Fach-Bachelor),
Master of Science Chemie, Master of Science Biochemie,
Master of Education sowie einen strukturierten Promotionsstudiengang.
Zurzeit kommen rund 14 Prozent der Studierenden aus
dem Ausland, langfristiges Ziel ist ein Anteil von rund
20 Prozent. Die internationale Attraktivität der
Fakultät als Forschungsstandort spiegelt sich auch
im vergleichsweise hohen Ausländeranteil von 30
Prozent unter den Promovenden wieder.
Rating, Ranking
Hochschul-Rankings kennt man von Spiegel, Stern und
anderen Medien zur Genüge. Meist geht es darum,
plakative Hitlisten zu veröffentlichen. Und meist
schneidet die Ruhr-Uni eher mittelprächtig ab.
Umso erfreulicher ist es da, dass nun der einflussreiche
Wissenschaftsrat (WR) ein seriöses Rating vorlegt,
bei dem die RUB sehr gut abschneidet.
Der WR möchte herausfinden, wie forschungsstark
die einzelnen Fachbereiche an deutschen Hochschulen
und außeruniversitären Forschungseinrichtungen
sind. In Pilotprojekten wurden zunächst Chemie
und Sozialwissenschaft beleuchtet, veröffentlicht
sind bislang nur die Ergebnisse für Chemie. Die
Forschungsleistung dort wurde in sechs Kriterien bewertet:
Forschungsqualität (Originalität, wissenschaftliche
Bedeutung); Effektivität (Beitrag zur Entwicklung
der Wissenschaft); Effizienz (dieser Beitrag in Relation
zum Personaleinsatz); Nachwuchsförderung (Maßnahmen,
Erfolge); Transfer in andere Bereiche (Wirtschaft, Politik,
Verwaltung etc.); Wissensvermittlung und -verbreitung
(u. a. an die Öffentlichkeit).
Die Fakultät für Chemie und Biochemie der
RUB erhielt viermal die Note „sehr gut“:
für Forschungsqualität, Effektivität,
Effizienz sowie für Nachwuchsförderung. Den
Transfer benotete der WR mit „gut“. Die
Vermittlung wurde auf einer anderen Skala bewertet:
Die Bochumer Chemiker liegen mit „überdurchschnittlich“
in der höchsten der drei Stufen. Wenngleich das
Rating nicht unmittelbar ein Ranking bedeutet, avanciert
die RUB In NRW damit doch zur zweitbesten Uni in Chemie
und Biochemie, hinter der RWTH Aachen.
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