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RUBENS 122

1. Februar 2008


Die Chemie stimmt!


Die Bochumer Fakultät liegt bundesweit in der Spitzengruppe



Fast jede Professur an der Fakultät für Chemie und Biochemie wurde in den letzten Jahren neu besetzt. Ausgerechnet in diesem Zeitraum untersuchte der Wissenschaftsrat bundesweit die Forschungsleistungen in Chemie an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Umso erfreulicher die Noten für die Bochumer Fakultät: viermal „sehr gut“, einmal „gut“, einmal „überdurchschnittlich“ (s. u.). Über die erstaunliche Erfolgsgeschichte der Fakultät sprach Arne Dessaul mit Dekan Prof. Wolfgang Schuhmann und seinem Vorgänger und derzeitigen Prodekan Prof. Roland A. Fischer.

RUBENS: Wie kann das funktionieren, dass mitten in einem Generationswechsel derart herausragende Forschungsleistungen zustande kommen?
Prof. Fischer: Zunächst muss man sagen: Das Rating ist aussagekräftig. Es ist das erste mit Peer-Review-Verfahren, also mit Expertenurteilen, die für echte Tiefenschärfe sorgen.
Prof. Schuhmann: Ansonsten werden ja oft nur ein paar Studenten pro Fachbereich und Uni befragt. Aber das mit dem Generationswechsel trifft zu. Die Untersuchung des Wissenschaftsrates bezog sich auf die Jahre 2001 bis 2005, da war der Wechsel gerade abgeschlossen. Ich selbst bin seit 1996 hier und brauchte drei, vier Jahre, um meine Arbeitsgruppe aufzubauen. Erst danach konnte ich wieder in vollem Maße forschen und publizieren. Man kann davon ausgehen, dass das den Kolleginnen und Kollegen ebenso ergeht. Das heißt: Diejenigen, die später als ich kamen, haben im Untersuchungszeitraum noch gar nicht wieder auf ihrem eigentlichen Niveau geforscht. Daraus folgt, dass die Fakultät noch besser dastehen würde, wenn man den Untersuchungszeitraum um zwei, drei Jahre nach hinten verschiebt.
Prof. Fischer: Ich bin seit 1998 hier. Damals zählte die Chemie zu den notleidenden Fächern an der RUB. Und bis heute verliert sie Jahr für Jahr Geld, unter anderem aus den leistungsorientierten Mitteln, und damit verbunden wurden viele Stellen gestrichen. Außerdem lief im Gebäude NC noch die Asbestsanierung, die bis heute nicht abgeschossen ist. Und überhaupt galt das Chemiestudium als viel zu teuer bei den konjunkturbedingt niedrigeren Studierendenzahlen. Damals war aber eine hohe Nachfrage von Studienanfängern das Maß aller Dinge. Die Ausbildungsleistung im Forschungsstudium bis zur Promotion wurde nicht gewürdigt.

Freiräume für junge Forscher

RUBENS: Diese Betrachtungsweise änderte sich bekanntlich.
Prof. Fischer: Ja, es kam zu einem Paradigmenwechsel an der RUB und im Land. Die Forschung und damit das Graduiertenstudium wurden endlich als ebenso wichtig betrachtet wie die grundständige Lehre.
Prof. Schuhmann: Damit lässt sich zum Teil auch der Aufschwung der Chemie erklären: Bei allen Neuberufungen achten wir darauf, dass der Kandidat in Forschung und Lehre exzellent ist. Ich sitze häufig in der Berufungskommission, da werden keine Kompromisse gemacht.
Prof. Fischer: Wir haben immer nur die besten Leute geholt. Und, was genauso wichtig ist: Sie werden auch gehalten. Sechs, sieben der 22 Kollegen haben in den letzten Jahren attraktive Rufe an andere Unis bekommen. Aber Fakultät und Hochschulleitung haben gute Bleibeverhandlungen geführt und konnten die Rufe abwehren. Übrigens, hätte das Rating auch den Aspekt Chancengleichheit erfasst, wäre uns mit 25 Prozent Hochschullehrerinnen ein „sehr gut“ wohl sicher gewesen.


RUBENS: Welche Erfolgsfaktoren gibt es noch?
Prof. Schuhmann: Die hohe Summe an eingeworbenen Drittmitteln gehört dazu. Außerdem sind wir viele Dinge nicht erst dann angegangen, als es keinen Ausweg mehr gab. Stattdessen haben wir frühzeitig die Weichen gestellt und hatten auch den Mut, die ersten zu sein.
Prof. Fischer: Genau, unsere Reformfreudigkeit! Dazu zählt die Umstellung auf Bachelor und Master. Die haben wir in Bochum, zum Teil gegen Widerstände beim Fakultätentag, als erste durchgezogen. Hinzu kam sofort die Graduiertenschule, eine der ersten in Deutschland. Eine weitere Stärke ist die kooperative Forschung, die von der Fakultät systematisch nach vorne gebracht wurde. Ein Beispiel ist der Katalyse-SFB. Ohne ihn wäre die Fakultät nicht da, wo sie heute ist. Entsprechend wichtig sind die DFG-Forschergruppen, das von der EU geförderte Graduiertenkolleg INTCHEM sowie die Initiierung des EU-Netzwerkes SURMOF und die Beteiligung an dem EU-geförderten Projekt PACE.
Prof. Schuhmann: Unsere flachen Hierarchien machen es einfach, dass verschiedene Lehrstühle und Arbeitsgruppen zusammen forschen. Sie lassen außerdem jungen Forschern viele Freiräume. Gerade die Zahl der Publikationen mit Beiträgen aus verschiedenen Arbeitskreisen steigt stark an.
Prof. Fischer: Wir reden viel miteinander und ziehen an einem Strang. Dinge wie die Studienreform schafft man nur gemeinsam.
Prof. Schuhmann: Der Umgang ist sehr persönlich und unkompliziert. Das gibt es nicht oft in Deutschland, das kann man auch nirgendwohin mitnehmen. Es gibt noch ein weiteres wichtiges Kriterium: Wir haben hier noch relativ günstige räumliche Bedingungen, so dass das Einwerben von Drittmitteln und damit verbunden das Wachstum der Arbeitsgruppen noch möglich ist.
Prof. Fischer: Deswegen können wir es auch nicht verstehen, dass die Ruhr-Uni nach der Sanierung mit zehn Prozent weniger Fläche auskommen soll. Schließlich sind wir doch auf Wachstum orientiert.

Platz zur Entfaltung

RUBENS: Betrifft das konkret auch die Chemie?
Prof. Fischer: Wenn sich auch in Zukunft eine hochkarätige internationale Nachwuchswissenschaftlerin oder ein Nachwuchswissenschaftler für die RUB entscheidet und bis zu zwei Millionen Euro für fünf Jahre mitbringt, dann möchten wir ihr oder ihm so wie bisher etwas bieten, auch genügend Platz zur Entfaltung.

RUBENS: Wenn man die Bochumer Ergebnisse genauer betrachtet, fällt nur der Transfer ein klein wenig ab. Wie kann dieser Bereich weiter verbessert werden?
Prof. Schuhmann: Das war der Punkt, den wir alle als ziemlich vage empfunden haben.
Prof. Fischer: Dennoch kann man sagen: In den Bereichen, wo wir nur auf uns angewiesen sind, da schneiden wir sehr gut ab. Beim Technologie-Transfer sind wir abhängig von Infrastruktur und politische Entscheidungen seitens der Stadt Bochum oder des Landes.
Prof. Schuhmann: Anders als in Dortmund, wo es dank einer Initiative der Stadt Dortmund direkt an der Uni den Technologiepark gibt …
Prof. Fischer: … den es in dieser Form auch in Bochum hätte geben können. Hier wurden Mitte der Neunziger Chancen verpasst. Vielleicht wird es mit dem Biomedizinpark und ähnlichen Projekten anders. Sicher werden wir uns dann geeignet einbringen und dann können wir auch in der Transferdisziplin weiter punkten.
Prof. Schuhmann: Aber insgesamt sind wir mit der Entwicklung der letzten zehn Jahre sehr zufrieden. Und freuen uns natürlich über das Rating, aus dem dann ja immer auch ein Ranking gemacht wird.
Prof. Fischer: Es ist übrigens interessant, dass gerade Chemie und Sozialwissenschaft untersucht wurden. Ende der Neunziger hatte der so genannte Expertenrat ebenfalls die Chemie in NRW begutachtet und es gab eine Verbundevaluation der Sozialwissenschaften.

Intensive Durchleuchtung

RUBENS: Aber der Wissenschaftsrat möchte doch alle Fachbereiche untersuchen.
Prof. Schuhmann: Richtig, Chemie und Sozialwissenschaft sind die Pilotprojekte dazu.
Prof. Fischer: Dieser intensiven Durchleuchtung sollte sich auch niemand entziehen wollen, denn die Daten, die ermittelt werden, sind sehr aussagekräftig und hilfreich, 95 Prozent aller Chemiestandorte in Deutschland, Hochschulen und Max Plack-Institute haben sich beteiligt.

Profil
Die Fakultät für Chemie und Biochemie setzt auf Spitzenforschung und innovative Lehre mit modernen Studienstrukturen. Sie ist eine von wenigen in Deutschland, die ihre Master- und Promotionsstudiengänge in einer Graduiertenschule internationalisiert hat, der International Graduate School of Chemistry and Biochemistry (GSCB).
Die Forschungsschwerpunkte in der Fakultät spannen einen Bogen von kleinen hoch-reaktiven Molekülen bis zu komplexen biologischen Interaktionssystemen. Fachübergreifend arbeiten Forscher sowohl theoretisch als auch experimentell zusammen. Die molekularen Systeme an Oberflächen und Grenzflächen werden mit hochgenauen analytischen und theoretischen Methoden untersucht. Der Sonderforschungsbereich 558 (Heterogene Katalyse), die Beteiligung am SFB 459 (Formgedächtnistechnik), dem Materialforschungszentrum ICAMS und der International Max-Planck Research School SURMAT belegt die sehr gute Positionierung in der Materialforschung und Katalyse. Zwei von der DFG geförderte Forschergruppen (FG) haben ihren Schwerpunkt in der Fakultät. Die FG 618 möchte zu einem vertieften Verständnis der Aggregation von kleinen Molekülen kommen, die FG 630 untersucht die biologische Funktion von Organometallverbindungen. In dem EU-geförderten Graduiertenkolleg INTCHEM stellen nicht-kovalente Wechselwirkungen in unterschiedlich komplexen molekularen Systemen das Bindeglied dar.
Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Molekulare Biochemie: Vernetzt mit der International Graduate Scholl of Neuroscience (IGSN), mit der Biologie- und der Medizinfakultät der RUB und dem Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie in Dortmund und eingebunden in den SFB 642, erforschen die Bochumer Chemiker Strukturen und Prozesse der biomolekularen Chemie. Aus dieser Fülle an kooperativen Forschungsprojekten heraus entwickelt die Fakultät derzeit ein übergreifendes Zukunftsprogramm zum Thema Systemchemie („Interfacial Systems Chemistry“).
Als erste deutsche Chemiefakultät hat sie 2001/2002 ihre Studiengänge auf das Bachelor-/Master-System umgestellt. Die Fakultät bietet sieben Studiengänge und Abschlüsse an: Bachelor of Science Chemie, Bachelor of Science Biochemie, Bachelor of Arts (2-Fach-Bachelor), Master of Science Chemie, Master of Science Biochemie, Master of Education sowie einen strukturierten Promotionsstudiengang. Zurzeit kommen rund 14 Prozent der Studierenden aus dem Ausland, langfristiges Ziel ist ein Anteil von rund 20 Prozent. Die internationale Attraktivität der Fakultät als Forschungsstandort spiegelt sich auch im vergleichsweise hohen Ausländeranteil von 30 Prozent unter den Promovenden wieder.


Rating, Ranking
Hochschul-Rankings kennt man von Spiegel, Stern und anderen Medien zur Genüge. Meist geht es darum, plakative Hitlisten zu veröffentlichen. Und meist schneidet die Ruhr-Uni eher mittelprächtig ab. Umso erfreulicher ist es da, dass nun der einflussreiche Wissenschaftsrat (WR) ein seriöses Rating vorlegt, bei dem die RUB sehr gut abschneidet.
Der WR möchte herausfinden, wie forschungsstark die einzelnen Fachbereiche an deutschen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind. In Pilotprojekten wurden zunächst Chemie und Sozialwissenschaft beleuchtet, veröffentlicht sind bislang nur die Ergebnisse für Chemie. Die Forschungsleistung dort wurde in sechs Kriterien bewertet: Forschungsqualität (Originalität, wissenschaftliche Bedeutung); Effektivität (Beitrag zur Entwicklung der Wissenschaft); Effizienz (dieser Beitrag in Relation zum Personaleinsatz); Nachwuchsförderung (Maßnahmen, Erfolge); Transfer in andere Bereiche (Wirtschaft, Politik, Verwaltung etc.); Wissensvermittlung und -verbreitung (u. a. an die Öffentlichkeit).
Die Fakultät für Chemie und Biochemie der RUB erhielt viermal die Note „sehr gut“: für Forschungsqualität, Effektivität, Effizienz sowie für Nachwuchsförderung. Den Transfer benotete der WR mit „gut“. Die Vermittlung wurde auf einer anderen Skala bewertet: Die Bochumer Chemiker liegen mit „überdurchschnittlich“ in der höchsten der drei Stufen. Wenngleich das Rating nicht unmittelbar ein Ranking bedeutet, avanciert die RUB In NRW damit doch zur zweitbesten Uni in Chemie und Biochemie, hinter der RWTH Aachen.




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Letzte Änderung: 31.1.2008| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik