Keine Zeit mehr für Höflichkeit
Regine Merz vergleicht Bilder von HIV-Patienten mit
denen gesunder Probanden
Malen Kranke anders als Gesunde? Diese Frage will die
Kunsttherapeutin Regine Merz in ihrer Doktorarbeit beantworten,
für die je 45 HIV-infizierte Patienten und gesunde
Kontrollpersonen malen. Die Bilder wurden im Januar in
der Bochumer Szenekneipe Orlando ausgestellt.
HIV-positiv – von dem Moment an, in dem jemand
dieses Testergebnis erfährt, ist er ein anderer
Mensch. Eine Feststellung, die Regine Merz in der Zusammenarbeit
mit HIV-Patienten immer wieder macht. Und die sie in
den Bildern, die HIV-Patienten malen, gespiegelt sieht.
Regine Merz ist Kunsttherapeutin, für ihre Dissertation
führt sie mit Unterstützung des Kompetenznetzes
HIV/Aids, das von der RUB-Klinik für Dermatologie
koordiniert wird, eine Studie zur Kunsttherapie bei
HIV-Patienten durch. Ihre Frage: Unterscheiden sich
die von HIV-positiven gemalten Bilder von denen gesunder
Probanden?
30 Patienten haben bisher an ihrer Studie teilgenommen,
45 sollen es werden und genauso viele gesunde Vergleichspersonen.
Die Teilnehmer kommen viermal für eine Stunde in
Bochum oder Essen in Gruppen mit höchstens acht
Personen zusammen und sind meistens anfangs skeptisch.
„Ich kann doch gar nicht malen, konnte ich schon
in der Schule früher nicht …“, ist
oft der erste Einwand, den Regine Merz hört, den
sie aber nicht gelten lässt: Sie gibt den Teilnehmern
drei Acrylfarben, rot, gelb und blau, und lässt
sie erstmal die Farben mischen und frei auf die Leinwand
bringen, was auch immer daraus werden mag. „Das
ist für viele ungewohnt, aber meistens ergibt sich
dann doch schon beim ersten Mal ein Thema“, hat
sie festgestellt. In der zweiten Stunde geht es daran,
eine Landschaft zu malen, in der dritten ein Stillleben,
in der vierten und letzten „ein starkes Gefühl
in einem Rahmen“.
Starke Gefühle
Nach getaner Arbeit sitzt die Gruppe noch zusammen
und betrachtet und diskutiert die Ergebnisse. „Am
Anfang kommt da manchmal noch gar nicht viel, aber in
der Rückschau ergeben sich dann plötzlich
Zusammenhänge“, so Merz, „da hat dann
oft das letzte Bild vom starken Gefühl einen deutlichen
Bezug zum ersten, dem freien Bild.“
Das ist eine der Stärken der Kunsttherapie, dass
sie einem Dinge vor Augen führen kann, deren man
sich gar nicht bewusst war, die man nicht ausdrücken
könnte. Das kann helfen, Bewältigungsstrategien
zu entwickeln. „In der Onkologie ist die Kunsttherapie
inzwischen anerkannt als ein Verfahren, dass die psychische
Stabilität der Patienten verbessern kann und die
medizinische Therapie sinnvoll ergänzt“,
so Regine Merz. Entsprechend wird sie bei Krebspatienten
von den Krankenkassen bezahlt – nicht aber bei
HIV-Patienten. Das aber ist langfristiges Ziel von Regine
Merz, Pionierarbeit. Ihre Studie ist nur der Anfang,
weitere müssen folgen, um den Nutzen für die
Verhandlungen mit den Kassen deutlich zu belegen.
Deutlich geworden ist bisher auf alle Fälle, dass
es Unterschiede zwischen den Bildern gesunder Probanden
und HIV-Patienten gibt. „Die Bilder der Patienten
sind knalliger, direkter und konkreter“, sagt
Regine Merz. Da gibt es weniger Farbverläufe, mehr
Grundfarben, die Motive sind ganz konkret. „Patienten
malen das eigene Wohnzimmer oder ähnliches, einer
hat mal einen Berg seiner Schuhe gemalt.“ Da geht
es weniger ums Gefallen oder um Konventionen. „Die
Patienten sagen sich, ‚ich habe keine Zeit mehr
für Höflichkeit, ich tue nur noch, was gut
für mich ist’“, interpretiert Regine
Merz diesen Unterschied zur Allgemeinbevölkerung,
die eher konventionelle Motive malt, Farben mischt und
Wert aufs „Hübsche“ legt. Mit der Diagnose
Aids wird alles umsortiert, alles Überflüssige
über Bord geworfen. Das manifestiert sich in den
Bildern, die im Januar auch der Öffentlichkeit
gezeigt wurden: in einer Ausstellung im Bochumer Szenelokal
Orlando.
Testpersonen gesucht
Ein Ergebnis, das Regine Merz in ihrem Ansinnen bestärkt,
die Kunsttherapie für die Behandlung von HIV-Patienten
zu etablieren und zur Kassenleistung zu machen, wie
es im Ausland teils schon lange der Fall ist. Unterstützung
bekommt sie zurzeit unter anderem von der Deutschen
Aidsstiftung und vom Autonomen Schwulenreferat der RUB;
private Sponsoren ermöglichen ihr zusätzlich
zu ihrer Studie das Angebot HIV-Art, einer Malgruppe
für HIV-Patienten. Die allein kann den Bedarf allerdings
nicht decken: Viele, die an der Studie teilgenommen
haben, möchten nach dem Wegfall der anfänglichen
Skepsis gern weitermachen, was aber selten geht. Die
Kosten für eine Therapiestunde belaufen sich auf
ungefähr 50 Euro, eine Summe, die sich die meisten
Patienten nicht leisten können. Viele sind aufgrund
ihrer Infektion berentet oder berufsunfähig. Umso
wichtiger, dass die Kassen die Kosten übernehmen.
Das wird wohl noch ein langer Weg. Zurzeit ist Regine
Merz noch damit befasst, weitere Teilnehmer für
ihre Studie zu finden, insbesondere für die Kontrollgruppe.
Damit die Ergebnisse aussagekräftig sind, müssen
die beiden Gruppen ähnlich besetzt sein. Da HIV
in Deutschland vorwiegend homosexuelle Männer betrifft,
sollten auch die Teilnehmer der Kontrollgruppe am besten
aus dieser Gruppe stammen. Hier hat Regine Merz gegen
einige Vorbehalte anzukämpfen. Wer Interesse hat,
an der Studie teilzunehmen, ist herzlich eingeladen,
sich zu melden: merz@hiv-art.de,
Tel. 01577/4690452.
md
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