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RUBENS 122

1. Februar 2008




Keine Zeit mehr für Höflichkeit




Regine Merz vergleicht Bilder von HIV-Patienten mit denen gesunder Probanden




Malen Kranke anders als Gesunde? Diese Frage will die Kunsttherapeutin Regine Merz in ihrer Doktorarbeit beantworten, für die je 45 HIV-infizierte Patienten und gesunde Kontrollpersonen malen. Die Bilder wurden im Januar in der Bochumer Szenekneipe Orlando ausgestellt.

HIV-positiv – von dem Moment an, in dem jemand dieses Testergebnis erfährt, ist er ein anderer Mensch. Eine Feststellung, die Regine Merz in der Zusammenarbeit mit HIV-Patienten immer wieder macht. Und die sie in den Bildern, die HIV-Patienten malen, gespiegelt sieht. Regine Merz ist Kunsttherapeutin, für ihre Dissertation führt sie mit Unterstützung des Kompetenznetzes HIV/Aids, das von der RUB-Klinik für Dermatologie koordiniert wird, eine Studie zur Kunsttherapie bei HIV-Patienten durch. Ihre Frage: Unterscheiden sich die von HIV-positiven gemalten Bilder von denen gesunder Probanden?
30 Patienten haben bisher an ihrer Studie teilgenommen, 45 sollen es werden und genauso viele gesunde Vergleichspersonen. Die Teilnehmer kommen viermal für eine Stunde in Bochum oder Essen in Gruppen mit höchstens acht Personen zusammen und sind meistens anfangs skeptisch. „Ich kann doch gar nicht malen, konnte ich schon in der Schule früher nicht …“, ist oft der erste Einwand, den Regine Merz hört, den sie aber nicht gelten lässt: Sie gibt den Teilnehmern drei Acrylfarben, rot, gelb und blau, und lässt sie erstmal die Farben mischen und frei auf die Leinwand bringen, was auch immer daraus werden mag. „Das ist für viele ungewohnt, aber meistens ergibt sich dann doch schon beim ersten Mal ein Thema“, hat sie festgestellt. In der zweiten Stunde geht es daran, eine Landschaft zu malen, in der dritten ein Stillleben, in der vierten und letzten „ein starkes Gefühl in einem Rahmen“.

Starke Gefühle

Nach getaner Arbeit sitzt die Gruppe noch zusammen und betrachtet und diskutiert die Ergebnisse. „Am Anfang kommt da manchmal noch gar nicht viel, aber in der Rückschau ergeben sich dann plötzlich Zusammenhänge“, so Merz, „da hat dann oft das letzte Bild vom starken Gefühl einen deutlichen Bezug zum ersten, dem freien Bild.“
Das ist eine der Stärken der Kunsttherapie, dass sie einem Dinge vor Augen führen kann, deren man sich gar nicht bewusst war, die man nicht ausdrücken könnte. Das kann helfen, Bewältigungsstrategien zu entwickeln. „In der Onkologie ist die Kunsttherapie inzwischen anerkannt als ein Verfahren, dass die psychische Stabilität der Patienten verbessern kann und die medizinische Therapie sinnvoll ergänzt“, so Regine Merz. Entsprechend wird sie bei Krebspatienten von den Krankenkassen bezahlt – nicht aber bei HIV-Patienten. Das aber ist langfristiges Ziel von Regine Merz, Pionierarbeit. Ihre Studie ist nur der Anfang, weitere müssen folgen, um den Nutzen für die Verhandlungen mit den Kassen deutlich zu belegen.
Deutlich geworden ist bisher auf alle Fälle, dass es Unterschiede zwischen den Bildern gesunder Probanden und HIV-Patienten gibt. „Die Bilder der Patienten sind knalliger, direkter und konkreter“, sagt Regine Merz. Da gibt es weniger Farbverläufe, mehr Grundfarben, die Motive sind ganz konkret. „Patienten malen das eigene Wohnzimmer oder ähnliches, einer hat mal einen Berg seiner Schuhe gemalt.“ Da geht es weniger ums Gefallen oder um Konventionen. „Die Patienten sagen sich, ‚ich habe keine Zeit mehr für Höflichkeit, ich tue nur noch, was gut für mich ist’“, interpretiert Regine Merz diesen Unterschied zur Allgemeinbevölkerung, die eher konventionelle Motive malt, Farben mischt und Wert aufs „Hübsche“ legt. Mit der Diagnose Aids wird alles umsortiert, alles Überflüssige über Bord geworfen. Das manifestiert sich in den Bildern, die im Januar auch der Öffentlichkeit gezeigt wurden: in einer Ausstellung im Bochumer Szenelokal Orlando.

Testpersonen gesucht

Ein Ergebnis, das Regine Merz in ihrem Ansinnen bestärkt, die Kunsttherapie für die Behandlung von HIV-Patienten zu etablieren und zur Kassenleistung zu machen, wie es im Ausland teils schon lange der Fall ist. Unterstützung bekommt sie zurzeit unter anderem von der Deutschen Aidsstiftung und vom Autonomen Schwulenreferat der RUB; private Sponsoren ermöglichen ihr zusätzlich zu ihrer Studie das Angebot HIV-Art, einer Malgruppe für HIV-Patienten. Die allein kann den Bedarf allerdings nicht decken: Viele, die an der Studie teilgenommen haben, möchten nach dem Wegfall der anfänglichen Skepsis gern weitermachen, was aber selten geht. Die Kosten für eine Therapiestunde belaufen sich auf ungefähr 50 Euro, eine Summe, die sich die meisten Patienten nicht leisten können. Viele sind aufgrund ihrer Infektion berentet oder berufsunfähig. Umso wichtiger, dass die Kassen die Kosten übernehmen.
Das wird wohl noch ein langer Weg. Zurzeit ist Regine Merz noch damit befasst, weitere Teilnehmer für ihre Studie zu finden, insbesondere für die Kontrollgruppe. Damit die Ergebnisse aussagekräftig sind, müssen die beiden Gruppen ähnlich besetzt sein. Da HIV in Deutschland vorwiegend homosexuelle Männer betrifft, sollten auch die Teilnehmer der Kontrollgruppe am besten aus dieser Gruppe stammen. Hier hat Regine Merz gegen einige Vorbehalte anzukämpfen. Wer Interesse hat, an der Studie teilzunehmen, ist herzlich eingeladen, sich zu melden: merz@hiv-art.de, Tel. 01577/4690452.


 

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