Piaffen und Proteine
Die ehemalige Dressurreiterin Rachel Glaves promoviert
in Chemie
Rachel Glaves kam von England nach Deutschland, um Piaffen,
Passagen und die sonstige hohe Schule des Dressurreitens
zu erlernen. Dann landete sie an der Ruhr-Uni und studierte
Biochemie. Nun macht sie ihren Doktor und erforscht Proteine.
Fürs Reiten bleibt da nur noch wenig Zeit.
Mitte der Neunziger kam Rachel Glaves von Sheffield
nach Deutschland, um sich in ihrem Hobby Dressurreiten
professionell ausbilden zu lassen. Bei Norbert van Laak
in Warendorf absolvierte sie ihre Berufsausbildung zur
Pferdewirtin, Schwerpunkt Reiten. Später arbeitete
sie als Dressurreiterin bei Margit Otto-Crépin
(Olympia-Silbermedaillengewinnerin von 1988) und bei Michael
Klimke (ehemaliger deutscher Meister) und nahm an zahlreichen
Turnieren teil.
Rachel Glaves sah ihre berufliche Zukunft aber nicht allein
auf dem Rücken der Pferde, sondern auch in der Wissenschaft.
Ab 2001 studierte sie Biochemie an der RUB und arbeitete
seit 2003 zudem als Hilfskraft am Lehrstuhl für Theoretische
Chemie; 2006 machte sie den Master. „In der Bachelorphase
war die Zeit zum Reiten leider sehr knapp, da man viele
Praktika im Labor macht“, sagt Glaves, „aber
im Masterstudium konnte ich mich wieder intensiver den
Pferden widmen.“ Auch nach Abschluss des Studiums
blieb Rachel Glaves dem Reiten und der Uni treu: Sie promoviert
und kümmert sich nebenbei um zwei eigene und ein
fremdes Pferd. Für ihre Dissertation hat sie sich
im Mai 2007 der Forschungsgruppe um Prof. Dr. Dominik
Marx (Theoretische Chemie) angeschlossen. Sie untersucht
molekulare Systeme auf Basis der Quantenmechanik. Es geht
darum, zu simulieren, wie sich komplexe Vielteilchensysteme
bei endlichen Temperaturen verhalten.
Aktionen in Picosekunden
Glaves erforscht das Protein hGBP1 (humanes Guanylat-bindendes
Protein 1) und sein Verhalten im menschlichen Körper.
Sie arbeitet mit sog. Linux-Clustern (vernetzten Hochleistungsrechnern).
Die laufen Tag und Nacht auf Grundlage mathematischer
Modelle und berechnen, wie sich das Protein innerhalb
des biologischen Systems in Abhängigkeit eines
bestimmten Zeitraums verhält. Da es sich um Simulationen
handelt, ist es möglich, Zeiteinheiten zu berechnen,
die praktische Versuche nicht erfassen können.
So zeigen die Computer die Aktivitäten des Proteins
innerhalb von Picosekunden (billionstel Sekunden) an.
Zusätzlich arbeitet die Gruppe eng mit Experimentatoren
der Uni zusammen, die sich dem gleichen Problem durch
Versuche im Labor, also Beobachtungen „in Echtzeit“
widmen.
Die Erforschung von hGBP1 ist von großer Bedeutung,
weil es eine wichtige Funktion bei der Abwehr von Viren
hat. Mutierte Proteine dieser Art sind z.B. für
die Bildung von Krebszellen mitverantwortlich. Langfristiges
Ziel ist es, durch theoretische Untersuchungen die gesunde
Funktionsweise des Proteins so zu entschlüsseln,
dass Abweichungen in dessen Verhalten erkannt und die
daraus resultierenden Krankheiten effektiv behandelt
werden können.
Auch wenn Glaves viel Engagement und Zeit in die Promotion
steckt, bleibt sie ihrem Hobby treu. Für die Zukunft
wünscht sie sich: „Halbtags forsche ich in
der Chemie, den Rest des Tages arbeitet ich als Pferdewirtin.“
Julia
Brosig
|