Temposünder
Mirsad Freiberg schafft sein Sowi-Diplom in vier Semestern
So schnell kann es gehen. Während der durchschnittliche
Student der Sozialwissenschaft sein Diplom in elf, zwölf
Semestern erwirbt, war Mirsad Freiberg bereits nach knapp
vier Semestern fertig. Auch die Note passte: 1,7. Ein
Geheimnis seines Erfolges: schnell lesen und trotzdem
alles behalten.
In seiner Heimat Montenegro hat Mirsad Freiberg
(40) Ende der 80-Jahre Elektrotechnik studiert; vor 15
Jahren kam er nach Deutschland und lebt heute in Castrop-Rauxel.
Mit Ende Dreißig ist er – für sich selbst
überraschend – auf die Idee gekommen, noch
mal etwas ganz Anderes auszuprobieren. „Das mit
der Sozialwissenschaft an der Ruhr-Uni hat sich so ergeben,
ich bin auf dieses Fach gestoßen und fand die Kombination
aus Politik, Soziologie, Statistik, Sozialökonomie
und Sozialpsychologie sehr spannend“, erklärt
er. Im Sommersemester 2006 schrieb er sich für den
seinerzeit noch an der RUB angebotenen Diplomstudiengang
ein. Nach einem Semester hatte er das Vordiplom in der
Tasche, inklusive Klausuren, Studienarbeiten und Zwischenprüfungen.
Knapp drei Semester später waren die Diplomprüfungen
absolviert und die Diplomarbeit zum US-Rentensystem geschrieben.
Schnell und gut, denn als Gesamtnote steht eine 1,7 auf
dem Zeugnis.
Das ist natürlich nicht als Teilzeitstudent machbar.
„Ich war fünf Tage in der Woche von neun bis
18 Uhr an der Uni und habe Vorlesungen und Seminare besucht
und abends nachbereitet“, sagt Freiberg. Organisatorisch
sei das nur in einem 1-Fach-Studium denkbar, wo es weniger
Überschneidungen gibt als bei zwei parallel zu studierenden
Fächern, wie beim 2-Fach-Bachelor. Das andere Geheimnis
seines Erfolges: schnell lesen und trotzdem alles behalten
und sicher abspeichern. Das hatte Freiberg vorab in Seminaren
und mit Software („Speed Reading“ und ähnliches)
gelernt; zugute kam ihm auch die Konzentrationsfähigkeit,
die er als Kampfkünstler (Shaolin) hat. Das Schnelllesen
bewahrte ihn zudem vor einsamen Lesenächten in der
Studierstube: Wer den 100-Seiten-Reader nach einer Stunde
durch hat, kann anschließend noch was Schönes
unternehmen. „Ich hatte genügend Freizeit“,
sagt der Diplomsozialwissenschaftler.
Beeindruckt
An der Fakultät für Sozialwissenschaft hat
das schnelle Studium für Furore gesorgt. „Natürlich
hat Herr Freiberg nicht alle von der Studienordnung
vorgesehenen Veranstaltungen besucht“, erläutert
Studiendekan Achim Henkel. „Es macht allerdings
auch keinen Sinn, jemanden in einem Seminar Dinge beibringen
zu wollen, die er sich bereits anderweitig angeeignet
hat.“ So habe Freiberg bereits vor seiner Immatrikulation
2006 Möglichkeiten gehabt, sozialwissenschaftliche
Vorlesungen zu besuchen und dort fachliches Wissen zu
erwerben. Bei Freiberg komme aber, so Henkel, ein wesentliches
Element hinzu: „Er hat wirklich alle von der Fakultät
angebotenen Beratungen wahrgenommen.“ Dadurch
sei eine Kombination von vorbildlicher Studienorganisation
und überdurchschnittlichen Fähigkeiten zustande
gekommen, die zum raschen Studienerfolg geführt
habe. „Dieser Erfolg wird in die Annalen der Fakultät
eingehen“, sagt Achim Henkel.
Beeindruckt von Freiberg war auch sein Betreuer Prof.
Dr. Jörg Bogumil (Vergleichende Stadt- und Regionalpolitik).
„Er ist sicherlich ein außerordentlich begabter
Student mit einer sehr schnellen Auffassungsgabe, da
er ansonsten sein Studium nicht in dieser Zeit absolviert
hätte. Dabei haben ihm seine Vorkenntnisse erheblich
geholfen. Ich persönlich habe Herr Freiberg allerdings
empfohlen, sich etwas mehr Zeit zu lassen, um auf eine
sehr gute Abschlussnote zu kommen, was gemessen an seinen
kognitiven Fähigkeiten kein Problem gewesen wäre.
Er hat sich aber für das extrem schnelle Studium
entschieden und musste daher bei der Note gewisse Abstriche
machen. Dennoch handelt es sich in der Summe bei seinem
Studium um eine ohne jeden Zweifel herausragende Leistung.“
Pionierarbeit
Um sein Tempo beneideten Mirsad Freiberg erwartungsgemäß
die Kommilitonen. Bei vielen Gesprächen in der
Cafeteria wurde vor allem deutlich, dass die Mitstudenten
gerne ein paar von seinen Techniken erlernen würden.
Diese möchte Freiberg gerne in Seminaren weitergeben:
an Studenten und Beschäftigte. Doch zunächst
wird er promovieren. In seiner Dissertation leistet
Freiberg Pionierarbeit, denn er beschäftigt sich
mit den bilateralen Beziehungen zwischen den USA und
Montenegro. Da Montenegro erst seit anderthalb Jahren
als souveräner Staat existiert, wurde darüber
bislang kaum geforscht: Freiberg will diese Lücke
schließen, so schnell wie möglich, versteht
sich: „2008 möchte ich fertig sein.“
ad
|