Bühnenarzt
Was macht eigentlich … Heiner Fangerau?
Vor ein paar Jahren haben sie das Leben an der Ruhr-Uni
maßgeblich geprägt – in Forschung, Lehre,
Kultur usw. Irgendwann sind sie aus dem Blickfeld verschwunden.
RUBENS hat sich auf die Suche nach diesen Menschen gemacht.
Diesmal haben wir an der Uni Düsseldorf Dr. Heiner
Fangerau gefunden. In den Neunzigern studierte er an der
RUB nicht nur Medizin und Theaterwissenschaft, sondern
sorgte mit der Bühne Bernhardiner Bochum auch als
freier Theatermacher für Furore.
Herr Fangerau, was macht die Bühne
Bernhardiner Bochum?
Die gibt es noch. Wir sind allerdings nur noch zu zweit:
Bertolt List und ich.
War das der Mann am Klavier?
Nein, der Regisseur. Am Klavier saß Ellen Jürgens,
sie ist inzwischen Ärztin.
Sie machen also immer noch Theater?
Ja, ein bis zweimal im Jahr treten wir auf, immer noch
mit dem Stück „Blut, Wasser, Galle, Schleim“,
wo wir Texte der Weltliteratur – von Gottfried
Benn, Thomas Mann, Molière und anderen –
rund ums Thema Medizin als szenische Collage darstellen.
Uns erreichen immer mal wieder Anfragen aus ganz Deutschland
oder zuletzt auch aus Bern, dann üben wir einen
Tag und spielen es.
Seelenschau
Sie hatten noch andere Stücke im Repertoire.
„Soloform oder Whiskey und Bach“ haben Sie
selbst geschrieben, selbst inszeniert und die Hauptrolle
gespielt. Wir dachten, das sei Ihr Lieblingsstück?
Das war eigentlich für jemanden anders geschrieben,
aber der ist ein paar Wochen vor der Premiere abgesprungen,
ich musste kurzfristig die Hauptrolle übernehmen
und in Nachtschichten einstudieren. Das hat schon sehr
viel Spaß gemacht. Mich hat nur tierisch geärgert,
dass hinterher die Leute kamen und sagten: Toll, und
du hast dich ja selber gespielt.
Das muss ja nicht schlimm sein.
Na ja, die Hauptfigur war ein unsympathischer Verlierertyp.
Wir hatten damals auch einen Auftritt in Osnabrück,
da gab es eine verheerende Pressekritik: langatmige
Seelenschau, uninspiriert in Szene gesetzt. Seitdem
mochte ich das Stück nicht mehr. Obwohl die anderen
Kritiken gut waren, auch in Osnabrück. Mein Lieblingsstück
ist doch eher „Blut, Wasser, Galle, Schleim“.
Das haben Sie damals im Malakowturm gespielt.
Genau. Die damalige Leiterin Prof. Irmgard Müller
hat uns damals die Räume der Medizinhistorischen
Sammlung zur Verfügung gestellt.
Sehr eng
Sie haben nicht nur Theater gemacht, sondern
auch zwei Fächer studiert: Medizin und Theaterwissenschaft.
Wie konnte das funktionieren?
Das war sehr eng. Und heute, mit der neuen Approbationsordnung
würde das gar nicht mehr funktionieren. Die jetzigen
Medizinstudenten haben täglich von acht bis 18
Uhr Veranstaltungen. Bei uns war es noch so, dass wir
zumindest bis ins siebte, achte Semester einige Ruhephasen
hatten. Dann wurde die Anwesenheitspflicht eingeführt,
da wurde es mit der Theaterwissenschaft schwierig.
Haben Sie trotzdem den Abschluss gemacht?
Nein. Ich hatte da ja auch die Nebenfächer Anglistik
und Geschichte, da war zu viel. Abgeschlossen habe ich
nur das Medizinstudium.
Ihr Spezialgebiet war Geschichte der Medizin.
Ist das noch so?
Ja, das ist eine Schnittstelle zwischen Medizin und
Geisteswissenschaften und kommt meinen Neigungen entgegen.
Ich habe dort promoviert, noch in Bochum bei Frau Müller,
zur Geschichte der Eugenik in den Zwischenkriegsjahren.
Danach habe ich als Arzt gearbeitet, erst in Bremen
in der Neurologie, dann in Bonn in der Psychiatrie,
wo ich in eine Forschergruppe zur psychiatrischen Genetik
kam. Das war hochinteressant. Andererseits hatte ich
immer vor, wieder zur Geschichte der Medizin zu forschen.
Das ergab sich 2002 in Göttingen. Von dort kam
ich nach Düsseldorf ans Institut für Geschichte
der Medizin. Dort unterrichte ich Geschichte, Theorie
und Ethik der Medizin und forsche in diesem übergreifenden
Bereich.
Mit dem Ziel Habilitation?
Ja, ich habe im Mai meine Arbeit abgegeben.
Wissen Sie schon, wie es nach Abschluss des
Verfahrens weitergehen könnte?
Wenn ich einen Ruf bekomme, würde ich natürlich
gern als Professor arbeiten, ansonsten als Privatdozent.
Mein Vertrag in Düsseldorf läuft noch zwei
Jahre, inklusive Option auf Verlängerung.
Rubsiade
Bei Düsseldorf denkt man schnell an
Karneval und an Ihr Alter Ego Salve-Ave Cape-Asper.
In dieser Rolle wirkten Sie zweimal bei der legendären
Karnevals-Vorlesung Rubsiade an der RUB mit und waren
als Student Ehrenmitglied des ansonsten professoralen
Elferrats. Haben Sie noch Kontakt zu Ihren damaligen
Mitstreitern?
Ja, vor allem zu Prof. Gert König. Er ist Wissenschaftsphilosoph,
historisch interessiert und wohnt in Düsseldorf.
Er ist manchmal bei uns in der Institutsbibliothek.
Auch zu Frau Müller habe ich noch regelmäßig
Kontakt.
Verfolgen Sie ansonsten, was sich an der Ruhr-Uni
tut?
Ja, auf jeden Fall. Ich habe dort schließlich
studiert, ganz bewusst wegen der möglichen Verknüpfung
von Medizin und Theaterwissenschaft, und nach einer
kurzen Anlaufphase habe ich die Uni richtig lieben gelernt.
Natürlich weiß ich, dass die Ruhr-Uni fast
Eliteuniversität geworden wäre und dass sie
saniert wird – ich erinnere mich noch an die ganzen
losen Platten …
Die gibt’s auch heute noch.
Ein Grund mehr, die Uni zu sanieren. Ich interessiere
mich auch für das eine oder andere Forschungsprojekt,
das in Bochum läuft, die Entwicklung der Medizinischen
Fakultät oder bestimmte Lehrstuhlbesetzungen. Ich
habe und pflege auch noch eine Reihe von Kontakten nach
Bochum.
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