Digital statt handverlesen
TerraTransfer revolutioniert den Umweltdatenmarkt
Erfinden, Geschäftsplan entwickeln, den Weg in die
Wirtschaft gehen – diese drei Schritte können
in die erfolgreiche Selbständigkeit führen.
Begleitet zum Beispiel von rubitec, der Forschungs- und
Verwertungsgesellschaft der RUB, und gefördert durch
verschiedene Preise und Wettbewerbe: Erfinder- und Transferpreis,
Ideen- und Businessplan-Wettbewerb. Die Firma TerraTransfer
hat gerade Platz zwei im Businessplan-Wettbewerb belegt
und wagt nun den Schritt in die Selbständigkeit.
„Wir haben irgendwann den Legokasten genommen
und daraus ein Haus gebaut“: Auf diesen einfachen
Nenner bringt Sven Schulz das Geschäftsfeld von
TerraTransfer, einer taufrischen Ausgründung aus
der Ruhr-Universität. Die Idee hinter dem Unternehmen
ist in der Tat verblüffend. Geodaten, z. B. Grundwasserstand,
Wassertemperatur oder Luftgüte, werden auch heutzutage
noch per Hand ausgelesen und weiterverarbeitet. Die
Bochumer Geographie-Absolventen Sven Schulz und Marcel
Delker (beide 30) haben dieses Problem gelöst und
eines der weltweit ersten vollautomatischen Messsysteme
für Umweltdaten entwickelt. Damit gründeten
sie nicht nur vor kurzem ihre Firma, sondern überzeugten
auch beim ersten Businessplan-Wettbewerb „ruhr@venture“
des Hochschulgründerverbundes Ruhr. Mit ihrem Geschäftsplan
für die kommenden Jahre belegten sie Platz zwei
im Wettbewerb und erhielten 8.000 Euro.
Der Clou des Systems: Alle Komponenten sind im Baumarkt
oder Elektrogeschäft erhältlich, neu ist lediglich
die Zusammenstellung dieser Einzelteile und die eigens
programmierte Software, mit der sich die gewonnenen
Daten auswerten lassen. Kernstück ist ein unscheinbar
wirkendes Stahlrohr, der sog. Datalogger, der fest im
Gelände installiert wird. Mit ihm sind ein Messkopf
und eine Antenne via Kabel verbunden. Im Datalogger
verbirgt sich ein kleines Modem, das auch jedes moderne
Handy enthält. Die gemessenen Daten überträgt
das System drahtlos über das Internet zu einem
Server, auf den die Anwender zugreifen können.
Feinstaub- und Lärmbelastung
Die Technologie ist zunächst für die Erhebung
von Gewässerdaten ausgereift, sie lässt sich
mit geringen Veränderungen aber auch nutzen, um
Klima-, Lärm- oder Bodendaten zu sammeln. Im November
2007 gegründet, gehe es im ersten Jahr vor allem
darum, Kunden zu gewinnen, sagt Marcel Delker, der sich
um Marketing und Vertrieb kümmert. Sein Kommilitone
und Kollege Sven Schulz ist der Techniker im Team, zuständig
für die Produkt- und Softwareentwicklung.
Das Potenzial ist enorm: Allein in NRW gibt es 30.000
Grundwassermessstellen, deren Daten sich nur dann nutzen
lassen, wenn Mitarbeiter sie einzeln „abklappern“
– so macht es auch das Geographische Institut
der RUB an seiner Messstation an der Biggetalsperre.
„Einmal in der Woche fährt eine Mitarbeiterin
ins Sauerland und notiert dort die Daten“, erklärt
Thomas Held, Kustos des Instituts und „wissenschaftlicher
Mentor“ von TerraTransfer. Er nennt diese Arbeitsweise
„analog“. Mit ihrem „digitalen“
System können Delker und Schulz die Kosten der
Datenerhebung um bis zu 75 Prozent senken. Interessant
ist es daher nicht nur für Wasserversorger, sondern
auch für Stadtwerke, Behörden und Kommunen
sowie für die Agrarwirtschaft. Ist der Datalogger
erst mal installiert, lässt sich die Feinstaubkonzentration
der Luft mit wenigen Klicks am Bildschirm darstellen,
lassen sich Schalldruck und -richtung an lärmbelasteten
Stellen bestimmen oder der Düngebedarf des Bodens
in der Landwirtschaft. In diesem – breiten –
Geschäftsfeld der Geoinformationssysteme wollen
Delker und Schulz bereits ab Oktober 2008 wirtschaftlich
auf eigenen Beinen stehen. Bis dahin finanzieren sie
ihr Unternehmen aus einem EXIST-Gründungsstipendium
des Bundeswirtschaftsministeriums. Das Preisgeld aus
dem Businessplan-Wettbewerb stecken sie u. a. in die
Entwicklung weiterer Prototypen.
Zwei Jahre Vorsprung
Technologisch sind sie mit ihrem integrierten System
bereits heute führend. „Durch unsere Diplomarbeit
haben wir einen Vorsprung von zwei Jahren in der Entwicklungsarbeit“,
so Marcel Delker, und Sven Schulz ergänzt: „Viele
Firmen haben die Entwicklung entsprechender Systeme
abgebrochen. Es gibt ein paar teilautomatisierte Online-Systeme,
aber kein vollautomatisches wie unseres.“
Wie gut das System funktioniert, erlebten beide vor
einem Jahr. Da saßen sie gerade an ihrer Diplomarbeit
und testeten ihre Entwicklung, als Orkan Kyrill übers
Land fegte und für heftigste Ausschläge auf
den Grafiken der Messdaten sorgte. Der Grundwasserspiegel
stieg dramatisch an, der Salzgehalt im Wasser ging deutlich
zurück. Nur die Niederschlagsmenge konnten sie
damals nicht erfassen, „weil die Sensoren nicht
auf den waagerecht aufgepeitschten Regen ansprachen“,
so Schulz schmunzelnd. Für alle anderen Daten,
die er und Delker damals erhoben haben, gilt jedoch:
quod erat demonstrandum.
Der Businessplan-Wettbewerb
Dotiert mit Preisgeldern von insgesamt über 25.000
Euro fand im Jahr 2007 erstmals der Businessplan-Wettbewerb
„ruhr@venture“ statt. Wissenschaftler und
Studierende der Ruhr-Universität und der Hochschule
Bochum konnten ihre Geschäftsideen ein halbes Jahr
lang ausfeilen, sich von Profis beraten lassen und solide
Geschäftspläne für eine Unternehmensgründung
aufstellen. Mit Unterstützung der IHK und der Sparkasse
Bochum wurden die besten drei aus zahlreichen Wettbewerbsbeiträgen
prämiert. Den ersten Platz belegte Dr. Philipp
Klempt (RUB, Fakultät für Wirtschaftswissenschaft)
mit einem neuen Softwaretool für die IT-Sicherheit;
über Platz drei freute sich Micheala Blaha (RUB,
Fakultät für Philologie) mit ihrer Unternehmung
in Sachen klare und verständliche Verwaltungssprache.
Der Hochschulgründerverbund Ruhr – eine Kooperation
der RUB, der Forschungs- und Verwertungsgesellschaft
rubitec und der Hochschule Bochum – schreibt den
Wettbewerb auch 2008 wieder aus. Der nächste Durchgang
hat gerade begonnen, Abgabeschluss für Wettbewerbsbeiträge
ist der 30.4.2008. Info: http://www.rubitec.de
jw
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