Brotteig im Blitzlichtgewitter
Schulministerin besucht forschende Grundschüler
Eigentlich geht es ja um die naturwissenschaftlichen
Phänomene des Alltags in der Arbeitsgruppe, die
21 Viertklässler der Gemeinschaftsgrundschule Hofstede
besuchen, betreut von Studierenden der Ruhr-Uni. An
einem Mittwochvormittag im November durften sie aber
zur Abwechslung mal in gesellschaftlicher Hinsicht was
erleben: Blitzlichtgewitter, Reporterfragen, Mikrofone
vor den schutzbebrillten Nasen. NRW-Schulministerin
Barbara Sommer war vorbeigekommen, um das Projekt einmal
aus der Nähe zu sehen, und Ex-Außenminister
Dr. Klaus Kinkel, Vorsitzender der Telekomstiftung,
die es finanziell unterstützt, war auch da.
Und zu sehen gab es einiges an der Grundschule im Bochumer
Norden: „Warum geht Brotteig eigentlich auf?“
hieß das Projekt, das die Schüler bearbeiteten,
und zwar mit den Händen. Da wurde zum Beispiel
Brotteig ausgewaschen und die zurückbleibende „klebrige
Masse“ analysiert (Ist das Stärke? Oder Eiweiß?),
Hefe mit Wasser versetzt und geschüttelt, die „Abgase“
in einem Ballon aufgefangen … Gut, dass jeder
seinen eigenen Kittel und eine Schutzbrille hat, heute
auch mal sehr zur Freude der Fotografen.
Nicht nur die waren begeistert, sondern auch Frau Sommer
und Herr Kinkel sowie der Schuldirektor, die Eltern
und die Betreuer von der RUB. Das Projekt macht augenscheinlich
Spaß und vergrößert das Interesse für
naturwissenschaftliche Fächer – und davon,
so waren sich die Erwachsenen einig, haben wir in Deutschland
heute viel zu wenig. „Wir brauchen naturwissenschaftlichen
Nachwuchs“, stellte Barbara Sommer fest und erntete
Nicken, „wir brauchen die Motivation von der Grundschule
bis zur beruflichen Entscheidung.“
Strahlende Augen
Und die soll nicht vom familiären Hintergrund
abhängen: „Wenn nicht alle Kinder von zu
Hause aus gleiche Chancen haben, müssen wir das
eben auf andere Weise schaffen“, erklärte
Klaus Kinkel die Motivation des Projekts. Deswegen findet
es in Bochum auch mit Hofsteder Schülern statt:
Hier haben 60 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund,
in jeder vierten Familien wird zu Hause nicht deutsch
gesprochen.
Der Naturwissenschafts-AG tut das keinen Abbruch: Hier
wird gemeinsam gearbeitet und lautstark debattiert.
Nebenbei ein gutes Training in Teamwork und Kommunikation.
Die wöchentliche AG, die die Schüler freiwillig
besuchen, ist die Fortsetzung der sog. Forscher-Ferien
NRW, die im Sommer und Herbst an der Ruhr-Uni stattgefunden
haben. Zwei Wochen lang tüftelten und grübelten
die Schüler unter Anleitung der Wissenschaftler
vom Lehrstuhl für Didaktik der Chemie (Prof. Katrin
Sommer) zum Beispiel am Zuckergehalt der Cola, an den
Inhaltsstoffen der Milch oder an der Physik der Kerze
herum. Obwohl Ferien waren, sind sie jeden Tag um acht
an der Schule gewesen, um von dort in die Uni gefahren
zu werden, und bereut hat es keiner: Alle sind bei der
Stange geblieben und bleiben es weiter. Damit die Aktion
nicht mit Ende der Ferien vorbei und vergessen ist,
wird sie in Form der AG fortgesetzt. Jede Woche gehen
die Teilnehmer, angeleitet von Chemikern der RUB, einem
Thema auf den Grund, wie eben heute dem Brotteig.
Die Experimente planen die Betreuer, allesamt Lehramtsstudenten,
selbst. Die Vorbereitung dauert mindestens so lange
wie die Experimentierstunde. „Das macht aber Spaß
– ich finde die Experimente selber so toll“,
sagte Betreuerin Kathrin, die im 9. Semester Chemie
und Mathe studiert. Sie blieb die Ruhe selbst, auch
als der Teig verschwunden war und ein Reagenzglas zu
Bruch ging. An konzentriertes Arbeiten war diesmal sowieso
nicht zu denken, es waren mehr Erwachsene als Kinder
da. Schlimm war das nicht, denn die Stunde fand außer
der Reihe statt, extra für den hohen Besuch. Der
verabschiedete sich mit einem Versprechen: die Förderung
zu verstetigen und möglichst sogar auf ganz NRW
auszuweiten. Da strahlten nicht nur Kinderaugen.
md
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