Die Herkunft
bestimmt
Beim Studierendenmonitor liegen erstmals Ergebnisse
einer Nachbefragung vor
Nur wenn sie gut Bescheid weiß über
Einstellungen und Motive ihrer Studierenden, kann eine
Hochschule verlässlich planen und ihr Angebot optimieren.
Deshalb erstellt die RUB zusammen mit dem Zentrum für
interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung (ZEFIR)
einen Studierendenmonitor. Seit dem WS 04/05 interviewt
ZEFIR die jeweils neuen Studierenden. Viele lassen sich
nach ein paar Semestern erneut befragen; dazu liegen
erstmals Ergebnisse vor. Sie belegen unter anderem,
dass die soziale Herkunft den Studienverlauf prägt.
In der freiwilligen Einschreibungsbefragung machen
die Studierenden u. a. Angaben zu ihrer Studienmotivation
sowie ihrer sozialen und schulischen Herkunft. Sie können
zudem ihre E-Mailadresse angeben, falls sie an einer
Nachbefragung interessiert sind. Die erste Online-Nachbefragung
lief im Sommer 2007. Erfasst wurden u. a. Veränderungen
in Studiensituation und -verlauf: Warum wurden Fach
oder Uni gewechselt? Wie wird das Studium finanziert?
Welche Auswirkungen haben die Studienbeiträge?
Befragt wurden die Teilnehmer der Einschreibungsbefragung
vom Wintersemester 04/05 bis zum Sommersemester 06,
also Studierende, die zwischen drei und sechs Semestern
an der RUB sind. Mitgemacht haben rund 300. Um Repräsentativität
zu gewährleisten, wurden nur die 289 deutschen
Studierenden ausgewertet.
Studienplanung und -verlauf
Etwa acht Prozent der Befragten haben mittlerweile
ihr Studium ab- oder unterbrochen. Etwa jeder Dritte
begründet dies mit Studienbeiträgen, finanziellen
Aspekten oder Zweifeln am Sinn des Studiums. 16 Studierende
haben die Uni gewechselt, weitere 58 ihr Studienfach.
Der Hauptgrund dafür liegt in der falschen Vorstellung
vom gewählten Fach. Jeder Dritte gibt an, zunächst
ein „Parkstudienfach“ gewählt zu haben.
Jeder Zweite hat seine Studienplanung eingehalten. 30
Prozent sind etwa ein Semester langsamer als geplant,
20 Prozent zwei oder mehr Semester. Meist liegt das
am Nichtbestehen von Prüfungen. Weitere Gründe
sind der hohe Anspruch des Studiums und der Job.
Von den Bachelor-Studierenden hatten bei der Einschreibung
73 Prozent angegeben, dass sie anschließend den
Master anstreben. Drei Prozent wollten dies nicht, 24
Prozent waren unsicher. An diesen Zahlen ändert
sich in der Nachbefragung wenig. Nur der Anteil der
„Unsicheren“ nimmt zugunsten derer ab, die
keinen Master machen möchten, das betrifft nun
jeden Zehnten. Die Einschätzung der Studierenden
bei der Einschreibung stellt insgesamt einen soliden
Planungswert für die Fakultäten dar.
70 Prozent der Befragten wohnen in Bochum oder den Nachbarstädten.
Von denen, die in Bochum wohnen, sind 80 Prozent wegen
des Studiums hierhin gezogen – 20 Prozent wohnten
schon vorher hier. Fast jeder zweite Studierende der
RUB wohnt bei seinen Eltern; bundesweit sind es laut
der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes
20 Prozent.
Geld und andere Sorgen
Die Studierenden der RUB finanzieren ihr Studium hauptsächlich
durch Jobs und durch Unterstützung von Eltern und
Verwandten; jeder Dritte bekommt Bafög. Entscheidend
ist der soziale Status, der anhand von Herkunftsmerkmalen
bestimmt wird. So erhalten 52,8 Prozent der Studierenden
aus der niedrigen Herkunftsgruppe Bafög.
Laut Sozialerhebung jobben im Bundesschnitt 61 Prozent
der Studierenden nebenher. In Bochum sind es 74 Prozent;
etwa jeder Dritte arbeitet mehr als 10 Stunden pro Woche.
Das betrifft vor allem Studierende der niedrigeren Herkunftsgruppen
(Abb. 2). Zweidrittel der Befragten jobben, weil dies
für den Lebensunterhalt notwendig ist und weil
es sie unabhängiger von den Eltern macht. Für
Studierende der höheren Herkunftsgruppen spielt
zudem Qualifikation und praktische Erfahrungen eine
große Rolle. Etwa 42 Prozent der jobbenden Studierenden
gehen einer Aushilfstätigkeit, z. B. als Kellner
oder im Büro, nach. Jeder Dritte jobbt als studentischer
Mitarbeiter. Den Bochumer Studierenden stehen im Mittel
etwa 502 Euro monatlich zur Verfügung.
Die Studierenden wurden auch gefragt, inwieweit die
im Sommer 2007 eingeführten Studienbeiträge
ihr Studienverhalten beeinflussen. Für knapp 42
Prozent ändert sich nichts Wesentliches. Studierende
der niedrigen oder mittleren Herkunftsgruppe befürchten
aber teilweise, dass sie ihr Studium abbrechen (15,5
Prozent) oder länger studieren müssen (16,5).
Zweidrittel müssen verstärkt auf die Kosten
für den Lebensunterhalt achten – mit den
erwarteten Unterschieden zwischen den Herkunftsgruppen.
Gleiches gilt für eine Reduzierung der Freizeitausgaben,
für Aufnahme oder Erhöhung eines Darlehens,
die Verwendung von Ersparnissen und das Auffangen der
zusätzlichen Kosten durch (verstärktes) Arbeiten.
Studierende aus finanziell schlechter gestellten Familien
müssen die Beiträge durch Mehrarbeit und Einschränkungen
im Alltags- und Freizeitverhalten auffangen –
während Studierende aus einem finanzkräftigen
Umfeld auf externe Ressourcen zurückgreifen können
und sich daher die zusätzliche finanzielle Belastung
vermutlich nicht negativ auf das Studium auswirkt.
Jeder Zweite fragt sich, ob er nach dem Studium eine
Stelle findet. Ähnlich viele machen sich Sorgen,
ob sie Prüfungen bestehen. 42 Prozent machen sich
Gedanken um die Studiumsfinanzierung. Die Studierenden
der niedrigen Herkunftsgruppe schauen insgesamt pessimistischer
in die Zukunft. Auch zwischen den Fächergruppen
finden sich Unterschiede. Geistes- und Naturwissenschaftler
machen sich mehr Sorgen um ihre berufliche Zukunft,
Geisteswissenschaftler zudem über die Finanzierung.
Die Angst, Prüfungen nicht zu bestehen, ist bei
Ingenieuren und Medizinern am größten (Abb.
3)
Einer von fünf Befragten denkt darüber nach,
in näherer Zukunft die Hochschule wechseln. Ihr
Anteil nimmt allerdings mit längerer Studiendauer
ab. Knapp 41 Prozent dieser Gruppe erwarten ein besseres
Studienangebot an der anderen Uni. Jeder vierte Wechselwillige
ist mit der Qualität der Seminare/Vorlesungen nicht
zufrieden. Nur sechs hingegen meinen, dass sie sich
an der RUB nicht wohl fühlen. Die wichtigsten Gründe,
weiter in Bochum zu studieren, sind die Nähe zum
Heimatort und dass man sich an der RUB wohlfühlt.
Zudem spielen der gute Ruf des Studiengangs und die
Qualität der Vorlesungen/Seminare eine wichtige
Rolle.
Ausblick
Zukünftig darf man noch mehr vom Studierendenmonitor
erwarten. Da die Einschreibungsbefragung mittlerweile
gut in die Immatrikulation integriert ist und die Teilnahmequote
bei 60 bis 70 Prozent liegt, kann für künftige
Nachbefragungen auf einen weitaus größeren
Pool zurückgegriffen werden. Dann werden auch Auswertungen
für die Fachbereiche möglich sein. Die Nachbefragung
wird so zu einem effektiven Instrument, um die Lage
der Bochumer Studierenden zu ermitteln und das Studienangebot
zu optimieren. Wird die Befragung zu einem späteren
Zeitpunkt wiederholt, kann das Instrument für eine
Absolventenevaluation eingesetzt werden. Somit ist eine
vollständige Längsschnittanalyse des Studienverlaufs
– von der Einschreibung bis zum Übergang
ins Berufsleben – möglich.
Sozialprofil
In einer gesonderten Studie hat das ZEFIR die Ergebnisse
der 17. Sozialerhebung (für das Land NRW) mit den
Daten der Einschreibungsbefragung vom WS 06/07 (für
die RUB) verglichen; Basis waren 3.836 Studierende.
Im Mittelpunkt steht das Sozialprofil der Bochumer Studierenden,
die zu zwei Dritteln aus dem Ruhrgebiet stammen (Abb.
1): Im Vergleich zum Landesdurchschnitt kommen deutlich
mehr Studierende aus hochschulfernen und finanziell
schlechter gestellten Schichten und deutlich weniger
aus Akademikerfamilien. So liegt beispielsweise der
Anteil der Studierenden der niedrigen und mittleren
sozialen Herkunftsgruppe in den Ingenieurwissenschaften
deutlich über dem Landesdurchschnitt (44 gegenüber
rund 34 Prozent). Auch der Anteil nichtdeutscher Studierender
an der RUB ist hoch. Hier dominieren ebenfalls Studierende
aus der niedrigen Herkunftsgruppe. Daraus ergeben sich
gravierende Konsequenzen für die gesamte Uni: längere
Studienzeiten, weniger Qualifikationsmöglichkeiten
und höhere Abbruchquoten.
Weitere Infos: http://www.bildungsberichterstattung.de
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