Es werde Licht!
Serie
Situation Kunst
Das im September 2006 eröffnete Erweiterungsgebäude
von Situation Kunst beherbergt bedeutende Werke der
Gegenwartskunst: von Richard Serra, Lee Ufan und anderen.
RUBENS stellt die Exponate nach und nach vor, diesmal
die Zoom Squares von Gianni Colombo, die Rekonstruktion
einer Licht-Raum-Installation (1967/68).
Vier Diaprojektoren, drei an der Decke installiert,
einer im Boden versenkt, werfen in zeitlich ungleichem
Abstand ein Lichtquadrat an die jeweils gegenüberliegende
Wand. Die Quadrate scheinen aus dem Nichts zu kommen,
vergrößern sich, bis sie fast die gesamte
Wandfläche ausfüllen und werden kleiner, um
wieder im Nichts zu verschwinden. Der Mailänder
Künstler Gianni Colombo (1937-1993) beschäftigte
sich bereits Ende der 50er-Jahre mit kinetischen Objekten
und dem Einfluss des Lichts auf den Raum. Er ging davon
aus, dass Licht und Bewegung die Wahrnehmung des Raums
veränderten. Oft bezog er daher den Betrachter
in das Kunstwerk oder den Raum selbst mit ein.
Nicht zu fassen
Der Betrachter erlebt den Raum in Situation Kunst beim
Betreten in völliger Dunkelheit. Ein Bewegungsmelder
setzt die Motorenautomatik der Diaprojektoren in Gang
und der Lichtzyklus beginnt. Der Raum wird erhellt,
um danach wieder völlig verdunkelt zu werden: eine
Herausforderung für das menschliche Auge und ebenso
ein überraschendes Erlebnis im Raum. Dass der Betrachter
sich mitten in einem sonst völlig leeren Raum befindet,
wird ihm erst in der Aufhellungsphase bewusst. Er sucht
im Dunklen ebenso wie im Hellen einen Anhaltspunkt,
sucht anfangs das Kunstwerk oder Gemälde, um sich
selbst im Raum zu positionieren, bis deutlich wird,
dass der Raum und das Licht selbst das Werk sind. Verhält
sich der Betrachter für längere Zeit ruhig
im Raum (und gibt so kein Signal an die Bewegungsmelder),
schalten sich die Diaprojektoren schon bald aus. Mit
dem Licht scheint auch der Raum zu verschwinden. Das
Kunstwerk selbst ist gestaltlos und für den Betrachter
nicht zu fassen.
Colombo verweigert sich völlig der Materialität
und verhält sich kritisch dem Kunstmarkt gegenüber.
Hier gibt es kein Gemälde zum dauerhaften Betrachten
oder eine Skulptur, die es in ruhigem Tempo zu umschreiten
gilt; es gibt kein Objekt, das Kunstsammler kaufen könnten.
Der Museumsraum selbst übernimmt eine Aufgabe im
Werk. Gianni Colombo und die Mitglieder der 1959 von
ihm mitbegründeten Künstlergruppe „T“
bezeichneten diese Kunstform nicht mehr als Installation,
sondern als „Ambiente“. Objekte werden im
Raum erlebbar gemacht, scheinen aber doch völlig
getrennt zu sein von ihm. Bereits 1964 entstand Colombos
erstes Ambiente, „Strutturazione cinevisuale abitabile“.
Ähnlich wie bei „Zoom Squares“ in Situation
Kunst warfen hier elektronische Lichtquellen Flashs
auf die Orthogonalen und Diagonalen des Raums und forderten
den Betrachter auf, sich mit der veränderten Raumwirkung
zu beschäftigen. Auch seine Rauminstallation „Spazio
Elastico“ (1967) erweckte einen Raum durch fluoreszierende
Fäden zum Leben, die elastisch und durch ultraviolettes
Licht beleuchtet bewegt werden.
Dynamischer Raum
„Zoom Squares“ schafft es, einen geschlossenen
Raum nur durch Lichtbewegung zu öffnen und starre
Wände zum Leben zu erwecken. Der Betrachter ist
nicht mehr vom Kunstwerk getrennt, sondern ist gezwungen,
den Raum zu betreten und selbst durch Licht- und Schattenwirkung
zum Teil der Kunst zu werden. Zu einem Teil des Kunstwerks
erhoben, wird der Betrachter nun völlig auf sich
bezogen und kann sich und sein Verhältnis im und
mit dem Raum beobachten. Er ist hier ganz auf sich gestellt.
Die quadratische Form der Lichtfelder erinnert zwar
an die klassische Gemäldeform, die Bilderwartung
wird aber keineswegs erfüllt. Die Lichtfelder können
zwar an Fenster erinnern, geben letztlich jedoch keinen
Ausblick. Somit wird der Betrachter in Verwirrung versetzt.
Diese Verwirrung wird durch ein stets hörbares
Summen der Projektoren verstärkt. Dem aufmerksamen
Betrachter wird zudem schnell klar, dass die Lichtfelder
nicht streng quadratisch, sondern eher rautenförmig
sind. Dies führt dazu, dass bei längerer Betrachtung
die Wände zu kippen scheinen und der Raum selbst
dynamisiert wird.
Info: Situation Kunst im Schlosspark Weitmar, Nevelstraße
29c-d, geöffnet Mi+Fr 14-18 h, Sa+So 12-18 h, http://www.situation-kunst.de
Sebastian
Sprenger
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