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RUBENS 119

31. Oktober 2007

Entmilitarisierte Nachtsicht

Serie Kunstsammlungen




So viel Kunst auf dem Campus! Drei Serien benötigen wir, um alles zu präsentieren. Neben der „Situation Kunst“ und der Reihe „Campus und Kunst“ lassen wir ab sofort die Serie „Kunstsammlungen“ wieder aufleben. In den ersten Ausgaben der RUBENS haben wir bereits über einige Exponate der Antikensammlung berichtet. Fortan geht es hauptsächlich um die Moderne Kunst, die im Campusmuseum an der Rückseite der Bibliothek gezeigt wird. Wir starten die Reihe mit Werken des Fotografen Thomas Ruff.

Eine Straße, hinter einer Brüstung ein Haus, zwei Straßenlaternen beleuchten die menschenleere Szenerie. Eigentlich ist dies ein alltägliches Bild, doch Thomas Ruffs Fotografien wirken irreal. Das grüne Licht, das einzelne Häuser wie im Suchbild eines Scheinwerfers fokussiert und die merkwürdige Unschärfe der abgelichteten Gegenstände lassen eine unheimliche Atmosphäre entstehen. Die Fotografien scheinen die Straßenszenen aus ihrem gewöhnlichen Zusammenhang zu entrücken und in einen neuen zu stellen.
In den Kunstsammlungen sind vier dieser Fotografien ausgestellt, drei kleine (20 x 21 cm) und ein Großformat (190 x 190 cm), alle aus der Serie „Nachtbilder“ von Thomas Ruff. Die Nachtbilder entstanden 1992 bis 1995 mit Hilfe eines Nachtsichtgeräts, dass das Sehen bei starker Dunkelheit mit Verstärkung des vorhandenen Restlichtes für das menschliche Auge ermöglicht. Inspiriert wurde der Fotograf durch die Berichterstattung über den Golfkrieg 1990/91. In den Nachrichten wurden die Bombenangriffe auf Bagdad mit Hilfe eines solchen Gerätes in die heimischen Wohnzimmer übertragen. Dabei wurde der Fernsehzuschauer mit den gleichen Bildern konfrontiert, die sonst den militärischen Entscheidungsträgern vorbehalten sind. Er sieht sich durch die Darstellung dem vollzogenen Geschehen direkt gegenüber und wird so zum Voyeur.

Bilder von Bildern der Wirklichkeit

Ruff nimmt das Nachtsichtgerät aus seinem militärischen Kontext heraus und fotografiert Orte seiner nächsten Umgebung in Düsseldorf. Durch die Verwendung eines militärischen Gerätes und die spezielle Medialität des Restlichtverstärkers, der nur ein rundes Sichtfeld ermöglicht und alles in verschwommenem, irrealen grünen Licht wiedergibt, verweist Ruff darauf, dass potenziell jeder Ort ein Tatort ist. Es geht dem Künstler aber nicht darum, dass der Tatort als Ort eines faktischen Verbrechens dargestellt wird. Ruff möchte vielmehr die Bildformel des Tatortes aufzeigen, die durch die Medien in uns allen verankert ist. Die Wirklichkeiten werden heute medial durch Film, Fernsehen, Fotografien in Magazinen und Büchern vermittelt, sodass für Ruff seine Arbeiten nur noch Bilder von Bildern der Wirklichkeit sind.
Der Fotograf arbeitet in Serien, um die in bestimmten Bildmustern manifestierten Gebrauchsweisen der Fotografie, die seiner Meinung nach das Bild erst generieren, herauszustellen. Gleichzeitig greift der Künstler damit auch auf ein deduktives Wissenschaftsmodell zurück, indem er ein Foto mit einer Behauptung gleichsetzt, deren Richtigkeit es wiederholt zu überprüfen gilt.
Die serielle Arbeit übernahm er von seinen Lehrern, dem kürzlich verstorbenen Bernd und seiner Ehefrau Hilla Becher, die von 1976 bis 1996 die Fotografie-Klasse der Düsseldorfer Kunstakademie leiteten. Sie vertraten einen dokumentarischen Fotografie-Stil, bei dem ein ausgesuchter Gegenstand, bei ihnen Industriebauten, ohne künstlerische Bearbeitung und emotionale Aufladung in seiner momentanen Wirkweise ins Bild gesetzt wird. Die Bechers versuchten mit der Verwendung von Schwarz-Weiß-Fotografien, der Beschränkung auf ein Objekt ohne begleitende Menschen und der immer möglichst gleichen, neutralen Lichtsituation durch einen bewölkten Himmel die Konzentration auf das dargestellte Gebäude zu fokussieren. Mit der Arbeit in Serien wollten sie die typischen Erscheinungsformen von bestimmten Industriebauten (z.B. Wassertürme oder Silos) erfassen – genau wie Ruff es in seinen Nachtbildern mit dem Bildtypus des Tatortes versucht.

Bechers Schüler

Viele der heute erfolgreichen deutschen Fotografen haben zusammen mit Thomas Ruff bei Bernd und Hilla Becher studiert und übernahmen Teile von deren Bildsprache und entwickelten sie weiter. Im Campusmuseum sind in zwei Räumen Arbeiten der Bechers und ihrer Schüler. Neben Thomas Ruff gehören auch Candida Höfer, Axel Hütte, Andreas Gursky, Thomas Struth u.a. zu dieser Schule. 2001 führte das Kunstgeschichtliche Institut zusammen mit dem Museum Bochum und der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig die Ausstellung „Ansicht Aussicht Einsicht“ aus, in der Architekturfotografien dieser Künstler gezeigt wurden. Dabei konnten – mit Unterstützung der Künstler und durch Förderung verschiedener Institutionen – einige Fotografien von den Kunstsammlungen erworben werden, darunter auch Thomas Ruffs Nachtbilder.

Info: Öffnungszeiten der Kunstsammlungen: Di-Fr: 11-17, Sa, So und an allen Feiertagen: 11-18 h, der Eintritt ist frei, http://www.rub.de/kusa



Claudia Rinke
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Letzte Änderung: 31.10.2007| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik