Entmilitarisierte
Nachtsicht
Serie Kunstsammlungen
So viel Kunst auf dem Campus! Drei Serien benötigen
wir, um alles zu präsentieren. Neben der „Situation
Kunst“ und der Reihe „Campus und Kunst“
lassen wir ab sofort die Serie „Kunstsammlungen“
wieder aufleben. In den ersten Ausgaben der RUBENS haben
wir bereits über einige Exponate der Antikensammlung
berichtet. Fortan geht es hauptsächlich um die Moderne
Kunst, die im Campusmuseum an der Rückseite der Bibliothek
gezeigt wird. Wir starten die Reihe mit Werken des Fotografen
Thomas Ruff.
Eine Straße, hinter einer Brüstung ein Haus,
zwei Straßenlaternen beleuchten die menschenleere
Szenerie. Eigentlich ist dies ein alltägliches Bild,
doch Thomas Ruffs Fotografien wirken irreal. Das grüne
Licht, das einzelne Häuser wie im Suchbild eines
Scheinwerfers fokussiert und die merkwürdige Unschärfe
der abgelichteten Gegenstände lassen eine unheimliche
Atmosphäre entstehen. Die Fotografien scheinen die
Straßenszenen aus ihrem gewöhnlichen Zusammenhang
zu entrücken und in einen neuen zu stellen.
In den Kunstsammlungen sind vier dieser Fotografien ausgestellt,
drei kleine (20 x 21 cm) und ein Großformat (190
x 190 cm), alle aus der Serie „Nachtbilder“
von Thomas Ruff. Die Nachtbilder entstanden 1992 bis 1995
mit Hilfe eines Nachtsichtgeräts, dass das Sehen
bei starker Dunkelheit mit Verstärkung des vorhandenen
Restlichtes für das menschliche Auge ermöglicht.
Inspiriert wurde der Fotograf durch die Berichterstattung
über den Golfkrieg 1990/91. In den Nachrichten wurden
die Bombenangriffe auf Bagdad mit Hilfe eines solchen
Gerätes in die heimischen Wohnzimmer übertragen.
Dabei wurde der Fernsehzuschauer mit den gleichen Bildern
konfrontiert, die sonst den militärischen Entscheidungsträgern
vorbehalten sind. Er sieht sich durch die Darstellung
dem vollzogenen Geschehen direkt gegenüber und wird
so zum Voyeur.
Bilder von Bildern der Wirklichkeit
Ruff nimmt das Nachtsichtgerät aus seinem militärischen
Kontext heraus und fotografiert Orte seiner nächsten
Umgebung in Düsseldorf. Durch die Verwendung eines
militärischen Gerätes und die spezielle Medialität
des Restlichtverstärkers, der nur ein rundes Sichtfeld
ermöglicht und alles in verschwommenem, irrealen
grünen Licht wiedergibt, verweist Ruff darauf,
dass potenziell jeder Ort ein Tatort ist. Es geht dem
Künstler aber nicht darum, dass der Tatort als
Ort eines faktischen Verbrechens dargestellt wird. Ruff
möchte vielmehr die Bildformel des Tatortes aufzeigen,
die durch die Medien in uns allen verankert ist. Die
Wirklichkeiten werden heute medial durch Film, Fernsehen,
Fotografien in Magazinen und Büchern vermittelt,
sodass für Ruff seine Arbeiten nur noch Bilder
von Bildern der Wirklichkeit sind.
Der Fotograf arbeitet in Serien, um die in bestimmten
Bildmustern manifestierten Gebrauchsweisen der Fotografie,
die seiner Meinung nach das Bild erst generieren, herauszustellen.
Gleichzeitig greift der Künstler damit auch auf
ein deduktives Wissenschaftsmodell zurück, indem
er ein Foto mit einer Behauptung gleichsetzt, deren
Richtigkeit es wiederholt zu überprüfen gilt.
Die serielle Arbeit übernahm er von seinen Lehrern,
dem kürzlich verstorbenen Bernd und seiner Ehefrau
Hilla Becher, die von 1976 bis 1996 die Fotografie-Klasse
der Düsseldorfer Kunstakademie leiteten. Sie vertraten
einen dokumentarischen Fotografie-Stil, bei dem ein
ausgesuchter Gegenstand, bei ihnen Industriebauten,
ohne künstlerische Bearbeitung und emotionale Aufladung
in seiner momentanen Wirkweise ins Bild gesetzt wird.
Die Bechers versuchten mit der Verwendung von Schwarz-Weiß-Fotografien,
der Beschränkung auf ein Objekt ohne begleitende
Menschen und der immer möglichst gleichen, neutralen
Lichtsituation durch einen bewölkten Himmel die
Konzentration auf das dargestellte Gebäude zu fokussieren.
Mit der Arbeit in Serien wollten sie die typischen Erscheinungsformen
von bestimmten Industriebauten (z.B. Wassertürme
oder Silos) erfassen – genau wie Ruff es in seinen
Nachtbildern mit dem Bildtypus des Tatortes versucht.
Bechers Schüler
Viele der heute erfolgreichen deutschen Fotografen
haben zusammen mit Thomas Ruff bei Bernd und Hilla Becher
studiert und übernahmen Teile von deren Bildsprache
und entwickelten sie weiter. Im Campusmuseum sind in
zwei Räumen Arbeiten der Bechers und ihrer Schüler.
Neben Thomas Ruff gehören auch Candida Höfer,
Axel Hütte, Andreas Gursky, Thomas Struth u.a.
zu dieser Schule. 2001 führte das Kunstgeschichtliche
Institut zusammen mit dem Museum Bochum und der Galerie
für Zeitgenössische Kunst Leipzig die Ausstellung
„Ansicht Aussicht Einsicht“ aus, in der
Architekturfotografien dieser Künstler gezeigt
wurden. Dabei konnten – mit Unterstützung
der Künstler und durch Förderung verschiedener
Institutionen – einige Fotografien von den Kunstsammlungen
erworben werden, darunter auch Thomas Ruffs Nachtbilder.
Info: Öffnungszeiten der Kunstsammlungen:
Di-Fr: 11-17, Sa, So und an allen Feiertagen: 11-18
h, der Eintritt ist frei, http://www.rub.de/kusa
Claudia
Rinke
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