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RUBENS 119

31. Oktober 2007


Billig klappt nicht


In sechs Jahren von vier auf 25 Mitarbeiter: die Erfolgsgeschichte eines Spin-Offs



Neue Gründer braucht das Land, kann man überall lesen, Arbeitsplätze müssen geschaffen werden, mehr Mut zur Selbstständigkeit soll her. Wettbewerbe und Förderangebote werden aufgelegt, Zielgruppe: Hochschulabsolventen. Aber was braucht man? Wie fängt man an? – Am besten klein, aber nicht allein, ist das Fazit der Firma ScienLab electronic systems, einer erfolgreichen Ausgründung der RUB.

Ein paar Studenten, ein Computer, eine Garage, und ein paar Jahre später das ganz große Geld … Ganz so märchenhaft ist sie nicht, die Geschichte der Firma ScienLab. Das Unternehmen, das vier Ingenieurwissenschaftsabsolventen der RUB 2001 gegründet haben und das heute mit 25 Mitarbeitern Automobil- und Industrieelektronik für Kunden in aller Welt entwickelt, fußt auf einem etwas dickeren Fundament. An Märchen hat hier von Anfang an keiner geglaubt, und das wäre auch fatal gewesen, meint Dr. Michael Schugt, einer der Gründer. Er und seine drei Mitstreiter hatten immer die Realität vor Augen, und die heißt: Was können wir, was andere nicht können? Warum sollte ein Kunde dafür Geld bezahlen wollen? Wer diese Fragen nicht klar zu beantworten weiß, der solle sich das mit der Selbstständigkeit besser noch einmal gründlich überlegen, rät er.

Zunächst im Keller

Die vier von ScienLab, die sich an der Uni kennen gelernt hatten, wussten genau, was sie können: In Sachen Elektronik, Dieseleinspritzung und Hybridantrieb für Automotoren waren sie Spezialisten. Hatten ihre Dissertationen darüber nicht im Elfenbeinturm geschrieben, sondern mit Praxisbezug durch die Zusammenarbeit mit Industriepartnern. „Wir wollten weiter Spitzenforschung und Entwicklung für die Automobilindustrie machen“, erzählt Schugt, „und da spielt die Musik natürlich in Süddeutschland, wo fast alle großen Firmen sitzen. Wir wollten aber in Bochum bleiben, immerhin sind drei von uns Bochumer. Also dachten wir: Gut, wir versuchen es mal alleine.“
Unterstützt durch das von der Transfergesellschaft rubitec vermittelte Programm zur Finanziellen Absicherung von Unternehmensgründungen aus Hochschulen (PFAU) gaben sie sich ein Jahr Zeit. Nach einem Jahr ein zweites. Erst da stand fest: Das Unternehmen trägt sich. Die Förderung war ausgelaufen, ein Mitarbeiter schon dazu gekommen. Erster Firmensitz war die Uni, „in den Kellerräumen von ICFW vielleicht doch nicht ganz so weit von der märchenhaften Garage entfernt“, sinniert Schugt mit Augenzwinkern. Der große Vorteil: Ohne selbst immense Summen investieren zu müssen, konnte ScienLab die technischen Einrichtungen des Lehrstuhls von Prof. Joachim Melbert (Elektronische Mess- und Schaltungstechnik) nutzen.
Als die Firma nach anderthalb Jahren aus ihren zwei Uni-Räumen herausgewachsen war, zog sie als Untermieter eines großen EDV-Unternehmens nach Harpen um, um hier in Ruhe zu wachsen. „Wir konnten bei Bedarf einzelne Räume dazu mieten, das war optimal“, so Schugt. Die Geschäftsführer wollten sich nicht übernehmen, lieber „organisch“ wachsen, ohne Fremdkapital. Obwohl es durchaus Angebote von Käufern oder Investoren gab. Sie schlugen sie aus. ScienLab verbreitete sich allmählich durch das Harpener Gebäude und irgendwann waren die Wege zwischen den sich mehrenden Büros zu lang, der Platz zu knapp und der Unternehmenssitz auch nicht so repräsentativ, wie es einem erfolgreichen Unternehmen gebührt.

Viel Glas, viel Grün

Auf nunmehr 25 Mitarbeiter angewachsen zog ScienLab daher Anfang 2007 um in einen maßgeschneiderten, von Mitgeschäftsführer Dr. Roger Uhlenbrock mitgeplanten Neubau im Technologiequartier östlich des Campus. Mit Bedacht wieder in die Nähe der Uni: Hier sitzen die Forscher, die manchmal einen guten Rat geben können, wie seit Jahren im Rahmen einer engen Zusammenarbeit immer wieder Prof. Andreas Steimel (Lehrstuhl für Elektrische Energietechnik und Leistungselektronik). Hier ist Technik, die man gelegentlich benötigt, sich dafür aber noch lange nicht selbst anschaffen kann und will. Und hier studieren die künftigen Ingenieure, die man als Mitarbeiter gerne sieht.
Außerdem ist es hier schön. Hinter der roten Tür – in Firmenfarbe – offene Räume, eine luftige Treppe, viel Glas, viel Grün, ein weiter Ausblick ins idyllische Ruhrtal. „Hätte man vom Ruhrgebiet doch gar nicht erwartet“, meint Schugt mit Blick aus der Fensterfront des geräumigen Besprechungszimmers und bringt damit wohl den Gedanken der Kunden zum Ausdruck, die ScienLab hierher einlädt. Die ganz Großen der Autobranche sind darunter, erzählt Schugt nicht ohne Stolz. Hatte ScienLab im ersten Geschäftsjahr noch ausschließlich ausländische Kunden, sind inzwischen auch deutsche darunter, fernab von ihren Heimatorten im Süden.
Unter anderem arbeitet ScienLab in allen BMW-Hybridabteilungen als einziger Anbieter von Batterietestsystemen und Batteriesimulatoren. „Vor solchen Namen hat man natürlich Respekt, aber man sitzt nicht da wie das Kaninchen vor der Schlange, wenn man weiß, was man anzubieten hat und dass man innovativer ist als andere“, sagt Schugt. Innovationen seien überhaupt der Schlüssel, die einzige Möglichkeit, auf dem umkämpften Markt Fuß zu fassen. „Nur billig klappt nicht. Das kann sich ein kleines Unternehmen auch gar nicht leisten.“
ScienLab entwickelt vorrangig Prüfstände und Testanlagen für die Qualitätssicherung von Dieseleinspritzungen und Hybridantrieben. Dass die Autoindustrie im Zuge der CO2-Reduktion genau auf diese beiden Felder setzt – die diesjährige Internationale Automobilausstellung wurde deswegen scherzhaft als „Grüne Woche“ bezeichnet – freut das ScienLab-Team natürlich.

Gegenbeweis

Von einigen Entwicklungen ihrer Firma sehen Schugt und die anderen Geschäftsführer, die anfangs alles alleine machten, selbst nicht mehr viel. Ihre Tage sind mit allerhand anderem ausgefüllt. „Man wundert sich manchmal, wie belastbar man mit der Zeit wird. Was hier so alles an einem Tag anfällt, ist schon ganz schön vielfältig.“ Die vier Geschäftsführer haben sich die Bereiche untereinander aufgeteilt: Forschung, Entwicklung, Finanzen, Personal. Wichtige Entscheidungen treffen sie trotzdem gemeinsam. „Am Anfang hat man uns gesagt ‚Ein Unternehmen mit vier Häuptlingen kann nicht funktionieren’. Wir sind der Gegenbeweis“, sagt Schugt, der es schätzt, nicht die gesamte Verantwortung alleine schultern zu müssen. Und noch einen Gegenbeweis haben sie erbracht: Sie haben erfolgreich ein Unternehmen gegründet, ohne ein eigenes Produkt zu haben. Know-how genügte. – Vielleicht nicht ganz. Mit seiner eigenen Rechtsform sollte man auskennen und ein gewisses betriebswirtschaftliches Grundwissen haben. In alles andere wachse man hinein, blickt Schugt zurück. Für einiges holt man sich externe Helfer, so etwa für die Qualitätssicherung. Bei der Zertifizierung nach ISO 9001 waren Profis mit am Werk.
„Alles in allem würde ich sagen: Machen!“, sagt Schugt mit Blick auf die Unternehmensgründung. Gerade am Standort Bochum, wo der Wegfall von zigtausenden Arbeitsplätzen in der Schwerindustrie kompensiert werden musste und wo die Selbstständigkeit keine Tradition hat. „Wenn man umsichtig plant, kann man das Risiko klein halten. Ich würde es wieder tun – aber nicht alleine.“


Interview: Mit Spaß in die Selbstständigkeit

rubitec, 1998 gegründet, ist die Schnittstelle zwischen universitärer Forschung und industrieller Anwendung. Das Team berät gründungswillige Hochschulmitglieder und fördert Gründer u. a. mit Informationsveranstaltungen, Preisen und Wettbewerben. Jedes Jahr werden aus der RUB heraus etwa 15 Unternehmen gegründet. Meike Drießen sprach mit dem Geschäftsführer Dr. Karl Grosse über Selbstständigkeit.

Warum soll ich als Uni-Absolvent eine eigene Firma gründen?
Eine Firma sollte derjenige gründen, der Spaß an einer selbstständigen und abwechslungsreichen Tätigkeit hat.

Was ist dafür unabdingbar?
Eine fundierte Geschäftsidee, Marktkenntnis und ein erheblicher persönlicher Einsatz. Wichtig sind auch ein betriebswirtschaftliches Know-how und eine realistische Geschäftsplanung.

Was sind die häufigsten Fehler von Gründern?
Eine falsche Einschätzung des Marktes und daraus folgende Probleme beim Erreichen der Geschäftsziele. Aus einer zu optimistischen Markeinschätzung resultieren häufig finanzielle Probleme des neugegründeten Unternehmens.

Was bietet rubitec Gründungswilligen RUB-Angehörigen an?
Rubitec unterstützt Gründer aus der Hochschule durch Vermittlung betriebswirtschaftlicher Kenntnisse in Form von Gründerseminaren. Gemeinsam mit dem regionalen Gründungsnetzwerk bieten wir Geschäftsideen-Checks, Coaching-Angebote mit erfahrenen Experten und Unterstützung bei der Erstellung von Business-Plänen an. Rubitec hilft bei der Beantragung von Fördermitteln für eine Gründung und kann auch – in beschränktem Umfang – finanzielle Unterstützung zum Bau von Prototypen geben. Darüber hinaus wird interessierten Gründern die Nutzung eines Business-Incubators ermöglicht, in dem erste geschäftliche Aktivitäten gestartet werden können.



 

 

 





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