Billig klappt nicht
In sechs Jahren von vier auf 25 Mitarbeiter: die Erfolgsgeschichte
eines Spin-Offs
Neue Gründer braucht das Land, kann man
überall lesen, Arbeitsplätze müssen geschaffen
werden, mehr Mut zur Selbstständigkeit soll her.
Wettbewerbe und Förderangebote werden aufgelegt,
Zielgruppe: Hochschulabsolventen. Aber was braucht man?
Wie fängt man an? – Am besten klein, aber nicht
allein, ist das Fazit der Firma ScienLab electronic systems,
einer erfolgreichen Ausgründung der RUB.
Ein paar Studenten, ein Computer, eine Garage, und
ein paar Jahre später das ganz große Geld
… Ganz so märchenhaft ist sie nicht, die
Geschichte der Firma ScienLab. Das Unternehmen, das
vier Ingenieurwissenschaftsabsolventen der RUB 2001
gegründet haben und das heute mit 25 Mitarbeitern
Automobil- und Industrieelektronik für Kunden in
aller Welt entwickelt, fußt auf einem etwas dickeren
Fundament. An Märchen hat hier von Anfang an keiner
geglaubt, und das wäre auch fatal gewesen, meint
Dr. Michael Schugt, einer der Gründer. Er und seine
drei Mitstreiter hatten immer die Realität vor
Augen, und die heißt: Was können wir, was
andere nicht können? Warum sollte ein Kunde dafür
Geld bezahlen wollen? Wer diese Fragen nicht klar zu
beantworten weiß, der solle sich das mit der Selbstständigkeit
besser noch einmal gründlich überlegen, rät
er.
Zunächst im Keller
Die vier von ScienLab, die sich an der Uni kennen gelernt
hatten, wussten genau, was sie können: In Sachen
Elektronik, Dieseleinspritzung und Hybridantrieb für
Automotoren waren sie Spezialisten. Hatten ihre Dissertationen
darüber nicht im Elfenbeinturm geschrieben, sondern
mit Praxisbezug durch die Zusammenarbeit mit Industriepartnern.
„Wir wollten weiter Spitzenforschung und Entwicklung
für die Automobilindustrie machen“, erzählt
Schugt, „und da spielt die Musik natürlich
in Süddeutschland, wo fast alle großen Firmen
sitzen. Wir wollten aber in Bochum bleiben, immerhin
sind drei von uns Bochumer. Also dachten wir: Gut, wir
versuchen es mal alleine.“
Unterstützt durch das von der Transfergesellschaft
rubitec vermittelte Programm zur Finanziellen Absicherung
von Unternehmensgründungen aus Hochschulen (PFAU)
gaben sie sich ein Jahr Zeit. Nach einem Jahr ein zweites.
Erst da stand fest: Das Unternehmen trägt sich.
Die Förderung war ausgelaufen, ein Mitarbeiter
schon dazu gekommen. Erster Firmensitz war die Uni,
„in den Kellerräumen von ICFW vielleicht
doch nicht ganz so weit von der märchenhaften Garage
entfernt“, sinniert Schugt mit Augenzwinkern.
Der große Vorteil: Ohne selbst immense Summen
investieren zu müssen, konnte ScienLab die technischen
Einrichtungen des Lehrstuhls von Prof. Joachim Melbert
(Elektronische Mess- und Schaltungstechnik) nutzen.
Als die Firma nach anderthalb Jahren aus ihren zwei
Uni-Räumen herausgewachsen war, zog sie als Untermieter
eines großen EDV-Unternehmens nach Harpen um,
um hier in Ruhe zu wachsen. „Wir konnten bei Bedarf
einzelne Räume dazu mieten, das war optimal“,
so Schugt. Die Geschäftsführer wollten sich
nicht übernehmen, lieber „organisch“
wachsen, ohne Fremdkapital. Obwohl es durchaus Angebote
von Käufern oder Investoren gab. Sie schlugen sie
aus. ScienLab verbreitete sich allmählich durch
das Harpener Gebäude und irgendwann waren die Wege
zwischen den sich mehrenden Büros zu lang, der
Platz zu knapp und der Unternehmenssitz auch nicht so
repräsentativ, wie es einem erfolgreichen Unternehmen
gebührt.
Viel Glas, viel Grün
Auf nunmehr 25 Mitarbeiter angewachsen zog ScienLab
daher Anfang 2007 um in einen maßgeschneiderten,
von Mitgeschäftsführer Dr. Roger Uhlenbrock
mitgeplanten Neubau im Technologiequartier östlich
des Campus. Mit Bedacht wieder in die Nähe der
Uni: Hier sitzen die Forscher, die manchmal einen guten
Rat geben können, wie seit Jahren im Rahmen einer
engen Zusammenarbeit immer wieder Prof. Andreas Steimel
(Lehrstuhl für Elektrische Energietechnik und Leistungselektronik).
Hier ist Technik, die man gelegentlich benötigt,
sich dafür aber noch lange nicht selbst anschaffen
kann und will. Und hier studieren die künftigen
Ingenieure, die man als Mitarbeiter gerne sieht.
Außerdem ist es hier schön. Hinter der roten
Tür – in Firmenfarbe – offene Räume,
eine luftige Treppe, viel Glas, viel Grün, ein
weiter Ausblick ins idyllische Ruhrtal. „Hätte
man vom Ruhrgebiet doch gar nicht erwartet“, meint
Schugt mit Blick aus der Fensterfront des geräumigen
Besprechungszimmers und bringt damit wohl den Gedanken
der Kunden zum Ausdruck, die ScienLab hierher einlädt.
Die ganz Großen der Autobranche sind darunter,
erzählt Schugt nicht ohne Stolz. Hatte ScienLab
im ersten Geschäftsjahr noch ausschließlich
ausländische Kunden, sind inzwischen auch deutsche
darunter, fernab von ihren Heimatorten im Süden.
Unter anderem arbeitet ScienLab in allen BMW-Hybridabteilungen
als einziger Anbieter von Batterietestsystemen und Batteriesimulatoren.
„Vor solchen Namen hat man natürlich Respekt,
aber man sitzt nicht da wie das Kaninchen vor der Schlange,
wenn man weiß, was man anzubieten hat und dass
man innovativer ist als andere“, sagt Schugt.
Innovationen seien überhaupt der Schlüssel,
die einzige Möglichkeit, auf dem umkämpften
Markt Fuß zu fassen. „Nur billig klappt
nicht. Das kann sich ein kleines Unternehmen auch gar
nicht leisten.“
ScienLab entwickelt vorrangig Prüfstände und
Testanlagen für die Qualitätssicherung von
Dieseleinspritzungen und Hybridantrieben. Dass die Autoindustrie
im Zuge der CO2-Reduktion genau auf diese beiden Felder
setzt – die diesjährige Internationale Automobilausstellung
wurde deswegen scherzhaft als „Grüne Woche“
bezeichnet – freut das ScienLab-Team natürlich.
Gegenbeweis
Von einigen Entwicklungen ihrer Firma sehen Schugt
und die anderen Geschäftsführer, die anfangs
alles alleine machten, selbst nicht mehr viel. Ihre
Tage sind mit allerhand anderem ausgefüllt. „Man
wundert sich manchmal, wie belastbar man mit der Zeit
wird. Was hier so alles an einem Tag anfällt, ist
schon ganz schön vielfältig.“ Die vier
Geschäftsführer haben sich die Bereiche untereinander
aufgeteilt: Forschung, Entwicklung, Finanzen, Personal.
Wichtige Entscheidungen treffen sie trotzdem gemeinsam.
„Am Anfang hat man uns gesagt ‚Ein Unternehmen
mit vier Häuptlingen kann nicht funktionieren’.
Wir sind der Gegenbeweis“, sagt Schugt, der es
schätzt, nicht die gesamte Verantwortung alleine
schultern zu müssen. Und noch einen Gegenbeweis
haben sie erbracht: Sie haben erfolgreich ein Unternehmen
gegründet, ohne ein eigenes Produkt zu haben. Know-how
genügte. – Vielleicht nicht ganz. Mit seiner
eigenen Rechtsform sollte man auskennen und ein gewisses
betriebswirtschaftliches Grundwissen haben. In alles
andere wachse man hinein, blickt Schugt zurück.
Für einiges holt man sich externe Helfer, so etwa
für die Qualitätssicherung. Bei der Zertifizierung
nach ISO 9001 waren Profis mit am Werk.
„Alles in allem würde ich sagen: Machen!“,
sagt Schugt mit Blick auf die Unternehmensgründung.
Gerade am Standort Bochum, wo der Wegfall von zigtausenden
Arbeitsplätzen in der Schwerindustrie kompensiert
werden musste und wo die Selbstständigkeit keine
Tradition hat. „Wenn man umsichtig plant, kann
man das Risiko klein halten. Ich würde es wieder
tun – aber nicht alleine.“
Interview: Mit Spaß in die Selbstständigkeit
rubitec, 1998 gegründet, ist die Schnittstelle
zwischen universitärer Forschung und industrieller
Anwendung. Das Team berät gründungswillige
Hochschulmitglieder und fördert Gründer u.
a. mit Informationsveranstaltungen, Preisen und Wettbewerben.
Jedes Jahr werden aus der RUB heraus etwa 15 Unternehmen
gegründet. Meike Drießen sprach mit dem Geschäftsführer
Dr. Karl Grosse über Selbstständigkeit.
Warum soll ich als Uni-Absolvent eine eigene
Firma gründen?
Eine Firma sollte derjenige gründen, der Spaß
an einer selbstständigen und abwechslungsreichen
Tätigkeit hat.
Was ist dafür unabdingbar?
Eine fundierte Geschäftsidee, Marktkenntnis und
ein erheblicher persönlicher Einsatz. Wichtig sind
auch ein betriebswirtschaftliches Know-how und eine
realistische Geschäftsplanung.
Was sind die häufigsten Fehler von Gründern?
Eine falsche Einschätzung des Marktes und daraus
folgende Probleme beim Erreichen der Geschäftsziele.
Aus einer zu optimistischen Markeinschätzung resultieren
häufig finanzielle Probleme des neugegründeten
Unternehmens.
Was bietet rubitec Gründungswilligen RUB-Angehörigen
an?
Rubitec unterstützt Gründer aus der Hochschule
durch Vermittlung betriebswirtschaftlicher Kenntnisse
in Form von Gründerseminaren. Gemeinsam mit dem
regionalen Gründungsnetzwerk bieten wir Geschäftsideen-Checks,
Coaching-Angebote mit erfahrenen Experten und Unterstützung
bei der Erstellung von Business-Plänen an. Rubitec
hilft bei der Beantragung von Fördermitteln für
eine Gründung und kann auch – in beschränktem
Umfang – finanzielle Unterstützung zum Bau
von Prototypen geben. Darüber hinaus wird interessierten
Gründern die Nutzung eines Business-Incubators
ermöglicht, in dem erste geschäftliche Aktivitäten
gestartet werden können.
md
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