12 Mio. für
die Geisteswissenschaften
Bochumer
Forscher möchten eine Theorie des Religionstransfers
erarbeiten
So viel Geld auf einmal gab es wohl noch nie für
ein geisteswissenschaftliches Forschungsprojekt an der
Ruhr-Universität Bochum. Rund zwölf Mio. Euro
bekommen Bochumer Forscher vom Bundesministerium für
Bildung und Forschung (BMBF) für das Internationale
Kolleg „Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen
Asien und Europa“. Eine internationale Gutachtergruppe
hat im September das Bochumer und zwei weitere Projekte
aus einer Vielzahl von Bewerbern um die Förderinitiative
„Freiraum für die Geisteswissenschaften“
ausgewählt. Los geht es 2008 für zunächst
sechs Jahre. Dann lässt das BMBF evaluieren und fördert
bestenfalls weitere sechs Jahre.
„Den Orient“ gibt es ebenso wenig wie „das
christliche Abendland“. Solche Kampfbegriffe sind
immer konstruiert und werden politisch eingesetzt. Die
geopolitischen Folgen dieser Konfrontation sind kulturell
und religiös bedingte Konflikte in allen Teilen der
Welt. Sie finden ihren Ausdruck in der These vom „clash
of civilizations“ (Kampf der Kulturen), die Samuel
P. Huntington Ende der 90er-Jahre aufstellte. „Wir
wollen die Konfliktdimension nicht außer Acht lassen.
Allerdings waren und sind Europa und Asien weder homogene
Größen, noch entwickelten sie sich ohne wechselseitige
Beeinflussung“, erklärt Prof. Dr. Volkhard
Krech (Lehrstuhl für Religionswissenschaft), der
das Kolleg koordiniert. „Was sich heute unter dem
Stichwort Globalisierung an weltumspannenden Bezügen
zeigt, begann bereits in der Entstehungsphase der großen
kulturellen und religiösen Traditionsgeflechte.“
Jenseits von Klischees und Ideologien
Jenseits von Klischees und Ideologien wollen die Forscher
im Kolleg die Entstehung und Entwicklung der religiösen
Traditionen Eurasiens in ihrer Differenzierung, aber
auch in ihrer Verflechtung untersuchen. „Unsere
Ausgangsthese besteht darin, dass sich die religiösen
Traditionsgeflechte im wechselseitigen Kontakt miteinander
bilden, etablieren und weiterentwickeln“, sagt
Prof. Krech. „Ziel unserer Arbeit ist es, auf
der Basis einer Typologie der Religionskontakte zwischen
Adaption und Abgrenzung eine Theorie des Religionstransfers
zu erarbeiten, die auch für die allgemeine Kulturtransfertheorie
von Bedeutung ist. Darüber hinaus möchten
wir zu einer gesellschaftlichen Diskussion über
die gegenseitige Anerkennung von religiösen Richtungen
beitragen.“
Das Projekt gliedert sich in vier Schwerpunkte: Verdichtung
ethischer und religiöser Traditionsgeflechte, Kontakte
während ihrer Ausbreitung und Diversifizierung,
die Herausbildung des Begriffs „Religion“
und die Entwicklung religiöser Grundbegriffe in
interkultureller Perspektive sowie Religion und ihre
Reflexion im Zeitalter von Kolonialismus und Globalisierung.
Um die historische und die gegenwartsorientierte Perspektive
zu verschränken, bearbeiten die Forscher jeweils
zwei der vier Schwerpunkte in einer Phase gemeinsam.
Sie werden anhand von philologischen und historischen
Studien Vergleichskriterien entwickeln, mit deren Hilfe
Unterschiede und Gemeinsamkeiten religiöser Traditionen
herausgearbeitet werden können.
Das „Format“ des internationalen Kollegs
wurde zum „Jahr der Geisteswissenschaften“
ausgeschrieben. Der Antrag der RUB ist aus Vorarbeiten
des Center for Religious Studies (CERES) hervorgegangen,
das als organisatorisches Dach für religionsbezogene
Forschungen und den Studiengang Religionswissenschaft
dient. CERES ist auch Bestandteil des Zukunftskonzepts
im Rahmen der Exzellenzinitiative der RUB.
Die internationalen Kollegiaten sollen aus mehreren
Disziplinen kommen: Religionswissenschaft, Evangelische
und Katholische Theologie, Islamwissenschaft, Japanologie,
Koreanistik, Sinologie, Indologie, Judaistik, Gräzistik,
Latinistik, Geschichtswissenschaft und Philosophie.
Zehn internationale Fellows pro Jahr, zehn Post-Docs
und zweimal zehn Doktoranden sollen in das Kolleg aufgenommen
werden, um gemeinsam mit den beteiligten Wissenschaftlern
der RUB vor Ort forschen zu können.
Infos: http://www.rub.de/relwiss.
md
|