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RUBENS 118

28. September 2007

Warten auf Kritik

Was macht eigentlich … Lou Bohlen?

Vor ein paar Jahren haben sie das Leben an der Ruhr-Uni maßgeblich geprägt – in Forschung, Lehre, Hochschulpolitik, Kultur usw. Doch irgendwann sind sie aus dem Blickfeld verschwunden. Für eine neue Reihe hat sich RUBENS auf die Suche nach diesen Menschen gemacht. Los geht’s mit Lou Bohlen (32), die vor zehn Jahren Asta-Vorsitzende war und heute an der Fakultät für Geschichtswissenschaft promoviert. Ende August sprach Arne Dessaul mit ihr, einen Tag bevor Lou Bohlen zum wiederholten Mal nach Israel aufbrach, um für ihre Dissertation zu forschen.

Rubens: Frau Bohlen, zunächst vielen Dank, dass Sie so knapp vor Ihrer Reise gekommen sind. Wie lange werden Sie in Israel bleiben und worum geht es in Ihrer Doktorarbeit?
Lou Bohlen: Bis Dezember. Ich forsche seit vier Jahren über die Erinnerungskultur von russischsprachigen Emigranten, die in letzten 15 Jahren in Israel eingewandert sind.

Rubens: Könnten Sie das genauer beschreiben?
Lou Bohlen: Ich versuche herauszufinden, was mit einer Erinnerungskultur passiert, wenn sie in einen anderen Kontext transformiert wird. Israel hat selbst eine ganz spezifische Erinnerungskultur. Es treffen also zwei völlig unterschiedliche Kulturen aufeinander. Ich möchte die Konfliktgeschichte beschreiben, die daraus resultiert. Da gibt es einerseits Annäherungen, andererseits verweigern sich die Emigranten hartnäckig gegenüber bestimmten Aspekten der israelischen Erinnerungskultur. Den Zweiten Weltkrieg betrachten sie als „Großen Vaterländischen Krieg“, während er für Israel von der Shoah geprägt ist.

Rubens: Wie groß ist die Gruppe der russischsprachigen Immigranten in Israel?
Lou Bohlen: Über eine Million. Jeder sechste Bewohner in Israel ist in irgendeiner Form russischsprachig.

Befremdliche Zielstrebigkeit

Rubens: Wie kommen Sie zu Ihren Ergebnissen?
Lou Bohlen: Zum einen werte ich die beiden größten russischsprachigen Zeitungen in Israel aus. Außerdem habe ich 33 Interviews mit Emigranten geführt: Wie sprechen sie über die Shoah, über den Zweiten Weltkrieg, über ihre eigene Identität oder über ihre Sozialisation in Israel.

Rubens: Hatten Sie schon zu Beginn des Studiums vorgehabt zu promovieren oder hat sich das erst ergeben?
Lou Bohlen: Das hat sich ergeben. Zu Studienbeginn hatte ich erst mal nur meine Fächer, Osteuropäische Geschichte, Zeitgeschichte und Slawistik, mit denen ich mich beschäftigt habe. Die Zielstrebigkeit der neuen Studentengeneration war mir damals etwas fremd: Leute, die gezielt studieren, um etwas Bestimmtes zu werden.

Rubens: Denken Sie eigentlich noch an ihre Zeit im Asta? Können Sie ad hoc ein paar der damaligen Referenten aufzählen?
Lou Bohlen: Ja, aus dieser Zeit heraus ist ein Freundeskreis erwachsen, der nach wie vor besteht. Zum Beispiel Thomas Maas, genannt Don, oder Silke Deppmeyer, meine damalige Finanzreferentin, ein wichtiger Job, Lothar Fröhlich, der seinerzeit schon zu den Veteranen gehörte. Dazu Sonja Riedemann, meine Vorgängerin, oder Mocki Diller, der viele Jahre lang Wahlleiter war und im Verwaltungsrat des Akafö saß. Das war alles sehr eng und intensiv und hat mich geprägt: politisch, kulturell und sozial.

Rubens: Wenn Sie resümieren: damals Tu Was …
Lou Bohlen: SHB.

Rubens: Hm?
Lou Bohlen: Sozialistischer Hochschulbund Schrägstrich Tu Was, so hieß das eigentlich damals. Die Tu Was Liste wurde vom SHB gegründet. Ich war bundesweit die letzte Asta-Vorsitzende des SHB. Nach einem problematischen Kommentar des SHB-Bundesverbandes zum Militäreinsatz auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 zerbrach die Vereinigung langsam. In Bochum war der SHB sehr undogmatisch und konnte sich länger behaupten.

Alles verloren

Rubens: Ah, okay. Also noch mal: damals SHB/Tu Was, später Linke Liste und heute ein Asta, an dem der RCDS beteiligt ist – interessiert Sie das noch?
Lou Bohlen: Doch, sehr. Besonders in dem einen Jahr, als ich eine Mitarbeiterinnenstelle hatte, habe ich die hochschulpolitische Entwicklung intensiv verfolgt und bin immer noch auf dem aktuellen Stand. Und wenn ich jetzt zehn Jahre zurückblicke, muss ich sagen: Bei all den uns damals wirklich wichtigen Fragen haben wir verloren: zum Beispiel Studiengebühren, Hochschulrat oder Elite-Diskussion. Das sind alles Felder, die die Universität verändern, die sich schon jetzt auf die Arbeit an der Fakultät auswirken. Bei Einzelprojekten in der Forschung wird die Nase gerümpft, stattdessen werden Forschungsprojekte an Verbunde und nach finanziellen Aspekten vergeben. Andererseits werden Grundlagenseminare von Lehrbeauftragten gehalten. Vieles von dem ist zumindest diskussionswürdig. Der jetzige Asta zeigt sich stattdessen stolz auf die Ruhr-Uni.

Rubens: Wir stehen dem nicht so reserviert gegenüber.
Lou Bohlen: Das glaube ich. Und das Rektorat freut sich über die konstruktive Zusammenarbeit mit dem Asta. Ich wundere mich über diese unkritische Atmosphäre. Ich hätte von verschiedenen Seiten – nicht nur vom Asta, sondern auch von den beteiligten Lehrenden und Forschenden an den Fakultäten – einen etwas kritischeren Blick erwartet. Auch die Stadt ist stolz auf die Uni, weil sie zu den besten in Deutschland gehört. Als ich von meiner letzten Israelreise zurück nach Bochum kam, hing genau vor meinem Fenster so ein Plakat. Das war bestimmt eine gezielte Provokation.

Rubens: Die Plakate hingen überall in der Stadt.
Lou Bohlen: Ich weiß, das war nur ein Spaß.

Rubens: Wissen Sie schon, wie es nach der Promotion weitergeht?
Lou Bohlen: Wenn es klappt, werde ich im Dezember fertig sein. Danach ist noch alles offen.






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