Warten auf Kritik
Was macht eigentlich … Lou Bohlen?
Vor ein paar Jahren haben sie das Leben an der Ruhr-Uni
maßgeblich geprägt – in Forschung,
Lehre, Hochschulpolitik, Kultur usw. Doch irgendwann
sind sie aus dem Blickfeld verschwunden. Für eine
neue Reihe hat sich RUBENS auf die Suche nach diesen
Menschen gemacht. Los geht’s mit Lou Bohlen (32),
die vor zehn Jahren Asta-Vorsitzende war und heute an
der Fakultät für Geschichtswissenschaft promoviert.
Ende August sprach Arne Dessaul mit ihr, einen Tag bevor
Lou Bohlen zum wiederholten Mal nach Israel aufbrach,
um für ihre Dissertation zu forschen.
Rubens: Frau Bohlen,
zunächst vielen Dank, dass Sie so knapp vor Ihrer
Reise gekommen sind. Wie lange werden Sie in Israel
bleiben und worum geht es in Ihrer Doktorarbeit?
Lou Bohlen: Bis Dezember. Ich forsche
seit vier Jahren über die Erinnerungskultur von
russischsprachigen Emigranten, die in letzten 15 Jahren
in Israel eingewandert sind.
Rubens: Könnten Sie das genauer
beschreiben?
Lou Bohlen: Ich versuche herauszufinden,
was mit einer Erinnerungskultur passiert, wenn sie in
einen anderen Kontext transformiert wird. Israel hat
selbst eine ganz spezifische Erinnerungskultur. Es treffen
also zwei völlig unterschiedliche Kulturen aufeinander.
Ich möchte die Konfliktgeschichte beschreiben,
die daraus resultiert. Da gibt es einerseits Annäherungen,
andererseits verweigern sich die Emigranten hartnäckig
gegenüber bestimmten Aspekten der israelischen
Erinnerungskultur. Den Zweiten Weltkrieg betrachten
sie als „Großen Vaterländischen Krieg“,
während er für Israel von der Shoah geprägt
ist.
Rubens: Wie groß ist die Gruppe
der russischsprachigen Immigranten in Israel?
Lou Bohlen: Über eine Million.
Jeder sechste Bewohner in Israel ist in irgendeiner
Form russischsprachig.
Befremdliche Zielstrebigkeit
Rubens: Wie kommen Sie
zu Ihren Ergebnissen?
Lou Bohlen: Zum einen werte ich die
beiden größten russischsprachigen Zeitungen
in Israel aus. Außerdem habe ich 33 Interviews
mit Emigranten geführt: Wie sprechen sie über
die Shoah, über den Zweiten Weltkrieg, über
ihre eigene Identität oder über ihre Sozialisation
in Israel.
Rubens: Hatten Sie schon zu Beginn
des Studiums vorgehabt zu promovieren oder hat sich
das erst ergeben?
Lou Bohlen: Das hat sich ergeben. Zu
Studienbeginn hatte ich erst mal nur meine Fächer,
Osteuropäische Geschichte, Zeitgeschichte und Slawistik,
mit denen ich mich beschäftigt habe. Die Zielstrebigkeit
der neuen Studentengeneration war mir damals etwas fremd:
Leute, die gezielt studieren, um etwas Bestimmtes zu
werden.
Rubens: Denken Sie eigentlich noch
an ihre Zeit im Asta? Können Sie ad hoc ein paar
der damaligen Referenten aufzählen?
Lou Bohlen: Ja, aus dieser Zeit heraus
ist ein Freundeskreis erwachsen, der nach wie vor besteht.
Zum Beispiel Thomas Maas, genannt Don, oder Silke Deppmeyer,
meine damalige Finanzreferentin, ein wichtiger Job,
Lothar Fröhlich, der seinerzeit schon zu den Veteranen
gehörte. Dazu Sonja Riedemann, meine Vorgängerin,
oder Mocki Diller, der viele Jahre lang Wahlleiter war
und im Verwaltungsrat des Akafö saß. Das
war alles sehr eng und intensiv und hat mich geprägt:
politisch, kulturell und sozial.
Rubens: Wenn Sie resümieren:
damals Tu Was …
Lou Bohlen: SHB.
Rubens: Hm?
Lou Bohlen: Sozialistischer Hochschulbund
Schrägstrich Tu Was, so hieß das eigentlich
damals. Die Tu Was Liste wurde vom SHB gegründet.
Ich war bundesweit die letzte Asta-Vorsitzende des SHB.
Nach einem problematischen Kommentar des SHB-Bundesverbandes
zum Militäreinsatz auf dem Platz des Himmlischen
Friedens in Peking 1989 zerbrach die Vereinigung langsam.
In Bochum war der SHB sehr undogmatisch und konnte sich
länger behaupten.
Alles verloren
Rubens: Ah, okay. Also
noch mal: damals SHB/Tu Was, später Linke Liste
und heute ein Asta, an dem der RCDS beteiligt ist –
interessiert Sie das noch?
Lou Bohlen: Doch, sehr. Besonders in
dem einen Jahr, als ich eine Mitarbeiterinnenstelle
hatte, habe ich die hochschulpolitische Entwicklung
intensiv verfolgt und bin immer noch auf dem aktuellen
Stand. Und wenn ich jetzt zehn Jahre zurückblicke,
muss ich sagen: Bei all den uns damals wirklich wichtigen
Fragen haben wir verloren: zum Beispiel Studiengebühren,
Hochschulrat oder Elite-Diskussion. Das sind alles Felder,
die die Universität verändern, die sich schon
jetzt auf die Arbeit an der Fakultät auswirken.
Bei Einzelprojekten in der Forschung wird die Nase gerümpft,
stattdessen werden Forschungsprojekte an Verbunde und
nach finanziellen Aspekten vergeben. Andererseits werden
Grundlagenseminare von Lehrbeauftragten gehalten. Vieles
von dem ist zumindest diskussionswürdig. Der jetzige
Asta zeigt sich stattdessen stolz auf die Ruhr-Uni.
Rubens: Wir stehen dem nicht so reserviert
gegenüber.
Lou Bohlen: Das glaube ich. Und das
Rektorat freut sich über die konstruktive Zusammenarbeit
mit dem Asta. Ich wundere mich über diese unkritische
Atmosphäre. Ich hätte von verschiedenen Seiten
– nicht nur vom Asta, sondern auch von den beteiligten
Lehrenden und Forschenden an den Fakultäten –
einen etwas kritischeren Blick erwartet. Auch die Stadt
ist stolz auf die Uni, weil sie zu den besten in Deutschland
gehört. Als ich von meiner letzten Israelreise
zurück nach Bochum kam, hing genau vor meinem Fenster
so ein Plakat. Das war bestimmt eine gezielte Provokation.
Rubens: Die Plakate hingen überall
in der Stadt.
Lou Bohlen: Ich weiß, das war
nur ein Spaß.
Rubens: Wissen Sie schon, wie es nach
der Promotion weitergeht?
Lou Bohlen: Wenn es klappt, werde ich
im Dezember fertig sein. Danach ist noch alles offen.
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