Abstrakter Picknickplatz
Durch die Situation Kunst werden nun auch Schulklassen
geführt
Ein rechteckiger Raum, ohne Einrichtung, rohe weiße
Wände, Betonboden, in der Decke ein Oberlicht.
Völlige Kahlheit, nahe am Nichts. Unterbrochen
wird die Leere nur durch 16 knallig orange leuchtende
Neonröhren, je zwei Meter lang, am Boden oder an
den Wänden befestigt, scheinbar ohne Struktur zueinander
angeordnet. Ist das Kunst? Nur weil ein namhafter Künstler
(François Morellet) es geschaffen und der Sache
einen Namen („16 Kreisbögen“) gegeben
hat? Und weil es ausgestellt ist?
Es ist keine neue Erkenntnis, dass der Zugang zu moderner
Kunst oft erst mühsam gesucht werden muss. Das
Lächeln der Mona Lisa erreicht uns unmittelbar,
die fettverschmierte Badewanne nur auf Umwegen. Bisweilen
bedarf dabei es der Hilfe von Kunsthistorikern. Sie
führen durch Museen und wissen alles über
Künstler, Kunstwerke, Kunstrichtungen und Epochen.
Und sie wissen, dass man nicht früh genug damit
anfangen kann, Laien die Kunst näher zu bringen.
Kein Wahr oder Falsch
Beim Projekt des Kunstgeschichtlichen Instituts der
Ruhr-Uni (KGI) sind sowohl die Kunsthistoriker jung
als auch die Laien. Die Studentinnen Maria Schulte und
Anja Lapac haben ein Konzept für Schulführungen
entwickelt, das ab Herbst zum festen Programm der Situation
Kunst gehört. Die Studentinnen begleiten die Schüler
eine Stunde lang durch die Anlage im Schlosspark Weitmar,
die eine Sammlung renommierter Gegenwartskünstler
beherbergt. Sie ermutigen die Schüler, sich unvoreingenommen
über Kunst zu äußern und ihrer eigenen
Wahrnehmung zu vertrauen. „Es gibt kein Wahr oder
Falsch in der eigenen Wahrnehmung. Gerade die eigenen,
unmittelbaren Eindrücke führen oft zum Verständnis“,
erklärt Maria Schulte.
Die geringe Altersdifferenz zwischen Schülern und
Vermittlern soll zu einer entspannten Atmosphäre
beitragen. Auf den für die Schülerführungen
eigens ausgebreiteten Sitzkissen möchten Schulte
und Lapac keine Monologe halten, sondern Gespräche
führen, „um dabei auch von den Schülern
zu lernen“, sagt Anja Lapac. „Gerade die
Jüngeren sind offen für Abstraktes, ihr Kunstverständnis
ist noch nicht festgelegt.“
Wenn die Schüler schließlich Morellets Kreisbögen
betrachten, sollten sie ein Zitat des Künstlers
im Kopf haben: „Meine Arbeiten sind ein Picknickplatz,
wohin jeder im Rucksack seine eigenen Erfahrungen mitbringt.“
Infos kompakt
Unterstützt wird das Projekt „Schulführungen“
durch das Bochumer Schulamt sowie vom Förderverein
Situation Kunst. Schirmherrin ist Oberbürgermeisterin
Dr. Ottilie Scholz. Über 20 Bochumer Schulen beteiligen
sich zunächst. Die Führung kostet 1 Euro pro
Schüler.
Situation Kunst (für Max Imdahl), zugleich Teil
der Kunstsammlungen der RUB, Nevelstraße 29c (im
Parkgelände von Haus Weitmar), 0234-2988901, geöffnet
Mi & Fr 14-18, Sa & So 12-18 h, Führungen
sind auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich;
mehr: http://www.situation-kunst.de
Noch bis zum Dezember läuft die aktuelle Sonderausstellung
„Dinge“, die Stillleben aus dem 17. Jahrhundert
im Dialog mit Werken aus dem 20. Jahrhundert präsentiert.
ad
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