Tausch und Täuschung
Serie Campus & Kunst
Mit der Kunst am Bau ist das so eine Sache. Manchmal
verursacht sie einen öffentlichen Skandal und manchmal
lediglich Desinteresse. Das gilt zum Teil auch für
die Kunst an der Ruhr-Universität. Die Serie „Kunst
& Campus“ will Interesse wecken und zeigen,
dass die Kunstwerke an der RUB einen fantastischen Querschnitt
durch verschiedene Kunstrichtungen der 60er- und 70er-Jahre
bieten. Diesmal widmen wir uns dem Werk von Josef Albers.
An den äußeren Stirnwänden der Hörsäle
HGA 10 und HGC 10 finden sich zwei Arbeiten des international
anerkannten Künstlers. Beide gehören in den
Bereich der sog. Op-Art. Sie scheinen an der Universität
gut platziert zu sein, denn Op-Art kann auch als verbildlichte
Wissenschaft gesehen werden, dessen erklärtes Ziel
die Erforschung der Wirkung des Bildes auf den Betrachter
ist.
Mit seinen Forschungen über Linie und Farbe sowie
den Grafiken auf Grundlage von optischen Täuschungen
gehört der 1888 in Bottrop geborene Albers neben
Victor Vasarely zu den Begründern der Op-Art. Hierbei
handelt es sich um eine Stilrichtung der Malerei, die
als Strömung bereits in den 50er-Jahren entstand,
ihren Namen aber erst in den 60er-Jahren durch einen
Zeitungsartikel erhielt. Erklärtes Ziel war, durch
Verwendung von geometrisch abstrakten Form- und Farbmustern
im Auge des Betrachters Bewegungs- und Flimmereffekte
hervorzurufen, die zu optischen Täuschungen führen
können.
Aus dem Gesamtwerk des Künstlers wählte die
Gutachterkommission für die künstlerische
Ausgestaltung der Ruhr-Universität, vertreten durch
die Architekten und Max Imdahl, zusammen mit Josef Albers
im Jahre 1971 zwei seiner Grafiken aus. Als einziger
Künstler, und auf seinen ausdrücklichen Wunsch
hin, verzichtete er auf sein Honorar. Nach Albers Wunsch
sollten die Grafiken ursprünglich auf Marmorplatten
und mit Linien in Blattgold ausgeführt werden,
worauf aber aus Kostengründen verzichtet werden
musste. Die Umsetzung der Motive erfolgte schließlich
auf verleimten Tischlerplatten, die mit einer weißen
Kunststoffbeschichtung überzogen wurden. Dabei
wurden die Linien der Grafiken negativ versenkt und
schwarz unterlegt. Diese Ausführung entsprach durch
ihre Exaktheit am ehesten der Strenge der künstlerischen
Darstellung.
factual act, actual fact
Die Grafik „Interim“ im HGA besteht ausschließlich
aus horizontalen und vertikalen Linien, wobei die Linie
als eindimensionales Element dreidimensionale, abstrakte
Raum- und Volumenillusionen entstehen lässt. Die
zahlreichen eng aneinander gesetzten parallelen Linien
erzeugen im Auge des Betrachters ein Flimmern. Weiterhin
scheint das optische Gebilde aus räumlichen Tiefen
und Höhen zu bestehen, wobei durch die breiteren
Linien eine Entfernung suggeriert wird.
Die vordere Ansicht der Grafik „Figuration“
im HGC wird aus Rhomben gebildet, und die schrägen
und parallelen Linien erzeugen im Auge des Betrachters
eine räumliche Figur. Wie bei einem Umkehrbild
springt das Auge zwischen Vorder- und Hintergrund hin
und her. Beim Versuch, die Figur nachzuvollziehen, bemerkt
der Betrachter die Unmöglichkeit der Figur in der
Realität.
Die Arbeiten von Josef Albers sind als eine Demonstration
der Differenz zwischen dem „factual act“,
also der objektiv faktischen Bildgegebenheit, und dem
„actual fact“, der Möglichkeit der
Bilderfahrung, zu verstehen. Das Ziel ist eine Bildwahrnehmung
ohne Hierarchie von Anfang und Ende mit den wichtigsten
Inhalten: Tausch und Täuschung. Es handelt sich
immer um Linienkonstrukte, die Mehrfachformen bilden
und somit die Möglichkeit zur Mehrdeutung bieten.
Die Unmöglichkeit, weder Figur noch Gegenfigur
fassen zu können, liegt darin begründet, dass
sich beide Formen, indem sie sich durchdringen, gegenseitig
fragmentieren. Dieser Bruch passiert genau da, wo eine
Linie nicht eindeutig der einen oder anderen Figur zugewiesen
werden kann, sondern von beiden in Anspruch genommen
wird. Max Imdahl bezeichnete die Grafiken Josef Albers´
als „ein visuelles Erklärungsmodell für
das Verhältnis zwischen Zusammenhang und Unzusammenhang“.
Alexandra
Apfelbaum, Universitätsarchiv
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