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RUBENS 117

29. Juni 2007

Gretchenfrage beantwortet



Tagebuch des Nano-Camps an der Ruhr-Universität



Eine Woche lang war die Ruhr-Universität Gastgeber des 6. Nano-Camps. Von insgesamt zweihundert Bewerbern erhielten zwölf Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren aus Deutschland und der Schweiz die Möglichkeit, Wissenschaft zu erleben und selber aktiv zu forschen. „Ich habe mich beworben, weil ich die Sachen ziemlich gut fand, die im letzten Jahr im Nano-Camp gemacht wurden“, erinnert sich der 18-jährige Lukas Pfeiffer aus dem württembergischen Bad Mergentheim. Bei ihren Besuchen verschiedener Fachbereiche der RUB wurden die Nano-Camper auf Schritt und Tritt von einem Kamera-Team begleitet, ihre Erlebnisse konnten täglich in der Sendung „Nano“ auf 3sat verfolgt werden.

Samstag, 9. Juni
Am frühen Samstagabend verlassen die zwölf Nano-Camper die U35 und machen sich auf den Weg zum Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) im Beckmanns Hof. Zwischen den heimeligen Fachwerkgebäuden stehen schon die Zelte bereit. Was sie in den kommenden Tagen erwarten wird, wissen die Camper noch nicht genau. Stefan Weber (17) aus Bassersdorf bei Zürich jedoch meint betont gelassen: „Ich will alles auf mich zukommen lassen.“

Sonntag, 10. Juni
Den Auftakt des Programms macht eine Radtour durch die Umgebung Bochums. „Die Route ist toll und der Kemnader See sieht gut aus“, schwärmt Jan Metzke; der 17-Jährige stammt aus dem hessischen Biebergemünd. Ziel ist die Henrichshütte in Hattingen. „Es ist klasse, etwas über die Geschichte des Ruhrgebiets zu erfahren“, strahlt Caroline Grau (17) aus Schwäbisch Gmünd, „und über die Stahlwerke, für die das Revier bekannt ist.“ Am Nachmittag stellt der Wissenschaftssommer „Wissenschaft im Dialog“ das Thema Sprache in den Mittelpunkt. Die Hörbehinderte Daniela Happ macht die Nano-Camper mit der Gebärdensprache vertraut und bringt ihnen sogar einige der Handstellungen bei.

Montag, 11. Juni
„Tauben gelten nicht als schlau, aber die Tiere können auf den Bildern erkennen, ob Menschen darauf sind. Teilweise sogar, ob Mann oder Frau“. Sebastian Tzschöckel (18) aus Hahnheim bei Mainz ist verblüfft. Am Lehrstuhl für Biopsychologie werden er und die anderen Camper von Prof. Dr. Onur Güntürkün begrüßt. Die Jugendlichen führen verschiedene Experimente mit den Tauben durch, dabei geht es beispielsweise um den Unterschied zwischen den Geschlechtern oder den Biorhythmus.
„Woran misst man Religiosität?“, lautet die Frage, mit der Prof. Volkhardt Krecht am Nachmittag in die Religionswissenschaft einführt. Das erinnert schon stark an die berühmte „Gretchenfrage“ aus Goethes „Faust“. Auf dem Weg zum Hindu-Tempel in Hamm entwickelt sich jedenfalls rasch eine rege Diskussion. Im Sri Kamadshi Ampal Tempel sehen sich die Jugendlichen selber mit einer fremden Religion konfrontiert. Der betäubende Geruch, die bunten Farben und die Gemälde werfen viele Fragen auf, die Ute Weber (sie ist zum Hinduismus konvertiert und wirkt ehrenamtlich in der Gemeinde) ausführlich beantwortet. „Sehr befremdlich auf mich wirken der Reinigungsprozess und die Fütterung“, meint Sebastian. „Die Götter werden sehr vermenschlicht, bei den Hindus herrscht ein ganz anderer Bezug zu Gott.“

Dienstag, 12. Juni
Die Eindrücke vom Montag sind noch frisch, und sie helfen dabei, einen Fragebogen zu entwerfen (u. a. zu Religion und zur Toleranz gegenüber anderen Religion). Die Nano-Camper entwickeln ihn unter Leitung des Religionspädagogen Dr. Michael Waltemathes. „Hier dürfen wir am meisten selbst machen, eine eigene Idee entwickeln und umsetzen“, beschreibt Katja-Theres Marquardt (17) aus Bünde bei Bielefeld den Tag. Auch Anouk Firle ist begeistert: „Weil wir das als Gruppe erarbeitet haben und ich auch neue Religionen kennen gelernt habe, die Aleviten zum Beispiel“, erklärt die 17-jährige Bochumerin.
Mit dem Fragebogen begeben sich die Schüler in die Fußgängerzone von Hamm und interviewen Passanten. Pascal Dumont (17) aus Haldern am Niederrhein berichtet, dass sich die Befragten meistens eine hohe Punktzahl für die eigene Toleranz geben. „Die Frage, ob sie einen Mieter ihrer Religion vorziehen würden, bejahen sie dann aber.“ Am Abend können sich die Camper in der Schalke-Arena austoben. Stefan reizt vor allem die Technik. „Der Rasen fasziniert mich, dass man den reinschieben kann und die Kurve sogar hochheben kann, sogar die Säulen wegschieben, obwohl die doch für die Stabilität wichtig sein sollen.“

Mittwoch, 13. Juni
Der Tag im Lehrstuhl für Verfahrenstechnische Transportprozesse ist für die meisten Nano-Camper der Höhepunkt der Woche. Hier werden Verfahren ausgearbeitet, um verschiedene Stoffe für die Lebensmittelindustrie oder die Pharmazie zu behandeln. „Toll, dass hier die Praxis zu hundert Prozent im Vordergrund steht“, findet Max Bayer (17) aus Berlin, „erst wird erklärt und dann direkt ausprobiert.“ Frisch in weiße Laborkittel gekleidet, experimentieren die Jugendlichen an drei Stationen. Zuerst werden Versuche mit Trockeneis gemacht. Sebastian darf einen Apfel eintauchen und auf dem Boden zerdeppern. „Danach muss ich allerdings das Labor sauber machen“, lacht er. Schließlich werden von den Campern Schokolade und Kognak mittels des sog. PGSS-Verfahrens (Particles from Gas Saturated Solutions) in eine stabile Pulverform umgewandelt und die Kognakkristalle in die Schokoladenkristalle eingearbeitet.
Mit einer Größe von 50 bis 100 Mikrometer ist die so entstandene Praline etwa so groß wie der Durchmesser eines Haares – die wohl kleinste Praline der Welt. „Hier bekommen wir einen sehr guten Einblick, wie die große Verfahrenstechnik ausschaut“, so Max, „aber das Beste ist, mit flüssigem Stickstoff Eis herzustellen.“ Den Abend im Camp gestaltet André Dinter von der Hottenlotten, der den Campern die Grundelemente des Improvisationstheaters beibringt.

Donnerstag, 14. Juni
Am Lehrstuhl für Zellphysiologie von Prof. Hanns Hatt experimentieren die Nano-Camper mit Geruchsproben und Geschmackstoffen. Die erste Versuchsreihe beschäftigt sich mit den 350 für das Riechen verantwortlichen Rezeptoren. Weitere Experimente illustrieren die Verknüpfung von Geruch und Geschmack sowie den genetischen Zusammenhang. Die Jugendlichen lernen, wie DNA in einem sog. PCR-Verfahren aufgereinigt wird. „Die PCR-Methode hatten wir gerade letzte Woche in der Schule“, freut sich Katja, „jetzt kann ich das praktisch an den Geräten ausprobieren.“ Die Jugendlichen können später noch eigene, bereits aufgereinigte Blutproben auf ein bestimmtes Gen hin überprüfen und erfahren, ob sie „bitter“ schmecken können oder ob eine Genmutation vorliegt.

Freitag, 15. Juni
„So viel in einer Woche gelernt zu haben, ist beeindruckend“, fasst Maike Michel die Woche zusammen. Das Abenteuer Wissenschaft sei für alle Teilnehmer eine vielseitige Erfahrung, die sich auch auf ihre Zukunft auswirke, so die 17-Jährige aus Gera. Caroline konnte sich vor dem Camp nicht vorstellen, „was ein Biologiestudium bedeutet, aber jetzt ziehe ich das in Betracht.“ Für Luisa Schäfer hat die Woche im Nano-Camp die Studienwahl sogar erschwert: „Weil vieles so gut war“, erläutert die 16-Jährige aus dem kleinem Ort Niedersachswerfen in Thüringen. Auf viele Camp-Teilnehmer hat die Ruhr-Universität positiv gewirkt. Die Bochumerin Anouk meint abschließend: „Ich bin total stolz auf die Bochumer Ruhr-Uni. Ich bin jetzt absolut motiviert für ein Studium.“ Eva Brüggemann (18) aus dem münsterländischen Telgte hebt vor allem die Menschen hervor, „es war schön, dass man offen auf die Leute zugehen konnte, ohne Hemmungen. Das hat die Sache viel, viel einfacher gemacht.“
Dabei entstanden auch viele Freundschaften. „Wir waren sehr unterschiedlich und trotzdem haben sich alle total gut verstanden und über viele Themen diskutiert“, lächelt Caroline. Nach der persönlichen Verabschiedung durch Rektor Prof. Elmar Weiler machten sich die Camp-Teilnehmer auf den Weg in ihre Heimat.

Silke Höffmannl
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Letzte Änderung: 29.6.2007| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik