Gretchenfrage beantwortet
Tagebuch des Nano-Camps an der Ruhr-Universität
Eine Woche lang war die Ruhr-Universität Gastgeber
des 6. Nano-Camps. Von insgesamt zweihundert Bewerbern
erhielten zwölf Jugendliche im Alter von 16 bis
18 Jahren aus Deutschland und der Schweiz die Möglichkeit,
Wissenschaft zu erleben und selber aktiv zu forschen.
„Ich habe mich beworben, weil ich die Sachen ziemlich
gut fand, die im letzten Jahr im Nano-Camp gemacht wurden“,
erinnert sich der 18-jährige Lukas Pfeiffer aus
dem württembergischen Bad Mergentheim. Bei ihren
Besuchen verschiedener Fachbereiche der RUB wurden die
Nano-Camper auf Schritt und Tritt von einem Kamera-Team
begleitet, ihre Erlebnisse konnten täglich in der
Sendung „Nano“ auf 3sat verfolgt werden.
Samstag, 9. Juni
Am frühen Samstagabend verlassen die zwölf
Nano-Camper die U35 und machen sich auf den Weg zum
Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) im Beckmanns
Hof. Zwischen den heimeligen Fachwerkgebäuden stehen
schon die Zelte bereit. Was sie in den kommenden Tagen
erwarten wird, wissen die Camper noch nicht genau. Stefan
Weber (17) aus Bassersdorf bei Zürich jedoch meint
betont gelassen: „Ich will alles auf mich zukommen
lassen.“
Sonntag, 10. Juni
Den Auftakt des Programms macht eine Radtour durch die
Umgebung Bochums. „Die Route ist toll und der
Kemnader See sieht gut aus“, schwärmt Jan
Metzke; der 17-Jährige stammt aus dem hessischen
Biebergemünd. Ziel ist die Henrichshütte in
Hattingen. „Es ist klasse, etwas über die
Geschichte des Ruhrgebiets zu erfahren“, strahlt
Caroline Grau (17) aus Schwäbisch Gmünd, „und
über die Stahlwerke, für die das Revier bekannt
ist.“ Am Nachmittag stellt der Wissenschaftssommer
„Wissenschaft im Dialog“ das Thema Sprache
in den Mittelpunkt. Die Hörbehinderte Daniela Happ
macht die Nano-Camper mit der Gebärdensprache vertraut
und bringt ihnen sogar einige der Handstellungen bei.
Montag, 11. Juni
„Tauben gelten nicht als schlau, aber die Tiere
können auf den Bildern erkennen, ob Menschen darauf
sind. Teilweise sogar, ob Mann oder Frau“. Sebastian
Tzschöckel (18) aus Hahnheim bei Mainz ist verblüfft.
Am Lehrstuhl für Biopsychologie werden er und die
anderen Camper von Prof. Dr. Onur Güntürkün
begrüßt. Die Jugendlichen führen verschiedene
Experimente mit den Tauben durch, dabei geht es beispielsweise
um den Unterschied zwischen den Geschlechtern oder den
Biorhythmus.
„Woran misst man Religiosität?“, lautet
die Frage, mit der Prof. Volkhardt Krecht am Nachmittag
in die Religionswissenschaft einführt. Das erinnert
schon stark an die berühmte „Gretchenfrage“
aus Goethes „Faust“. Auf dem Weg zum Hindu-Tempel
in Hamm entwickelt sich jedenfalls rasch eine rege Diskussion.
Im Sri Kamadshi Ampal Tempel sehen sich die Jugendlichen
selber mit einer fremden Religion konfrontiert. Der
betäubende Geruch, die bunten Farben und die Gemälde
werfen viele Fragen auf, die Ute Weber (sie ist zum
Hinduismus konvertiert und wirkt ehrenamtlich in der
Gemeinde) ausführlich beantwortet. „Sehr
befremdlich auf mich wirken der Reinigungsprozess und
die Fütterung“, meint Sebastian. „Die
Götter werden sehr vermenschlicht, bei den Hindus
herrscht ein ganz anderer Bezug zu Gott.“
Dienstag, 12. Juni
Die Eindrücke vom Montag sind noch frisch, und
sie helfen dabei, einen Fragebogen zu entwerfen (u.
a. zu Religion und zur Toleranz gegenüber anderen
Religion). Die Nano-Camper entwickeln ihn unter Leitung
des Religionspädagogen Dr. Michael Waltemathes.
„Hier dürfen wir am meisten selbst machen,
eine eigene Idee entwickeln und umsetzen“, beschreibt
Katja-Theres Marquardt (17) aus Bünde bei Bielefeld
den Tag. Auch Anouk Firle ist begeistert: „Weil
wir das als Gruppe erarbeitet haben und ich auch neue
Religionen kennen gelernt habe, die Aleviten zum Beispiel“,
erklärt die 17-jährige Bochumerin.
Mit dem Fragebogen begeben sich die Schüler in
die Fußgängerzone von Hamm und interviewen
Passanten. Pascal Dumont (17) aus Haldern am Niederrhein
berichtet, dass sich die Befragten meistens eine hohe
Punktzahl für die eigene Toleranz geben. „Die
Frage, ob sie einen Mieter ihrer Religion vorziehen
würden, bejahen sie dann aber.“ Am Abend
können sich die Camper in der Schalke-Arena austoben.
Stefan reizt vor allem die Technik. „Der Rasen
fasziniert mich, dass man den reinschieben kann und
die Kurve sogar hochheben kann, sogar die Säulen
wegschieben, obwohl die doch für die Stabilität
wichtig sein sollen.“
Mittwoch, 13. Juni
Der Tag im Lehrstuhl für Verfahrenstechnische Transportprozesse
ist für die meisten Nano-Camper der Höhepunkt
der Woche. Hier werden Verfahren ausgearbeitet, um verschiedene
Stoffe für die Lebensmittelindustrie oder die Pharmazie
zu behandeln. „Toll, dass hier die Praxis zu hundert
Prozent im Vordergrund steht“, findet Max Bayer
(17) aus Berlin, „erst wird erklärt und dann
direkt ausprobiert.“ Frisch in weiße Laborkittel
gekleidet, experimentieren die Jugendlichen an drei
Stationen. Zuerst werden Versuche mit Trockeneis gemacht.
Sebastian darf einen Apfel eintauchen und auf dem Boden
zerdeppern. „Danach muss ich allerdings das Labor
sauber machen“, lacht er. Schließlich werden
von den Campern Schokolade und Kognak mittels des sog.
PGSS-Verfahrens (Particles from Gas Saturated Solutions)
in eine stabile Pulverform umgewandelt und die Kognakkristalle
in die Schokoladenkristalle eingearbeitet.
Mit einer Größe von 50 bis 100 Mikrometer
ist die so entstandene Praline etwa so groß wie
der Durchmesser eines Haares – die wohl kleinste
Praline der Welt. „Hier bekommen wir einen sehr
guten Einblick, wie die große Verfahrenstechnik
ausschaut“, so Max, „aber das Beste ist,
mit flüssigem Stickstoff Eis herzustellen.“
Den Abend im Camp gestaltet André Dinter von
der Hottenlotten, der den Campern die Grundelemente
des Improvisationstheaters beibringt.
Donnerstag, 14. Juni
Am Lehrstuhl für Zellphysiologie von Prof. Hanns
Hatt experimentieren die Nano-Camper mit Geruchsproben
und Geschmackstoffen. Die erste Versuchsreihe beschäftigt
sich mit den 350 für das Riechen verantwortlichen
Rezeptoren. Weitere Experimente illustrieren die Verknüpfung
von Geruch und Geschmack sowie den genetischen Zusammenhang.
Die Jugendlichen lernen, wie DNA in einem sog. PCR-Verfahren
aufgereinigt wird. „Die PCR-Methode hatten wir
gerade letzte Woche in der Schule“, freut sich
Katja, „jetzt kann ich das praktisch an den Geräten
ausprobieren.“ Die Jugendlichen können später
noch eigene, bereits aufgereinigte Blutproben auf ein
bestimmtes Gen hin überprüfen und erfahren,
ob sie „bitter“ schmecken können oder
ob eine Genmutation vorliegt.
Freitag, 15. Juni
„So viel in einer Woche gelernt zu haben, ist
beeindruckend“, fasst Maike Michel die Woche zusammen.
Das Abenteuer Wissenschaft sei für alle Teilnehmer
eine vielseitige Erfahrung, die sich auch auf ihre Zukunft
auswirke, so die 17-Jährige aus Gera. Caroline
konnte sich vor dem Camp nicht vorstellen, „was
ein Biologiestudium bedeutet, aber jetzt ziehe ich das
in Betracht.“ Für Luisa Schäfer hat
die Woche im Nano-Camp die Studienwahl sogar erschwert:
„Weil vieles so gut war“, erläutert
die 16-Jährige aus dem kleinem Ort Niedersachswerfen
in Thüringen. Auf viele Camp-Teilnehmer hat die
Ruhr-Universität positiv gewirkt. Die Bochumerin
Anouk meint abschließend: „Ich bin total
stolz auf die Bochumer Ruhr-Uni. Ich bin jetzt absolut
motiviert für ein Studium.“ Eva Brüggemann
(18) aus dem münsterländischen Telgte hebt
vor allem die Menschen hervor, „es war schön,
dass man offen auf die Leute zugehen konnte, ohne Hemmungen.
Das hat die Sache viel, viel einfacher gemacht.“
Dabei entstanden auch viele Freundschaften. „Wir
waren sehr unterschiedlich und trotzdem haben sich alle
total gut verstanden und über viele Themen diskutiert“,
lächelt Caroline. Nach der persönlichen Verabschiedung
durch Rektor Prof. Elmar Weiler machten sich die Camp-Teilnehmer
auf den Weg in ihre Heimat.
Silke
Höffmannl
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